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Mittwoch, 22. August 2018

To All the Boys I've Loved Before - Buch vs. Film

- Der folgende Text enthält Spoiler - 

Seit dem 17. August ist die Buchverfilmung zu Jenny Hans "To All the Boys I've Loved Before" auf "Netflix" zu sehen. Ich habe kurz vor Veröffentlichung den Jugendroman gelesen und am Wochenende die Eigenproduktion des Streaminganbieters angeschaut. Im heutigen Post gibt es daher wieder ein "Buch vs. Film" (meine anderen Posts, in denen ich Verfilmungen mit dem Original vergleiche, findet ihr hier). Ich verrate euch, wo die Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen und welche Version mir besser gefällt. 

Lara Jean Song (Lana Condor) führt mit ihren 16 Jahren ein ziemlich ruhiges Leben. Statt auf Partys zu gehen, verbringt sie ihre Abende mit ihren Schwestern Margot (Janel Parrish) und Kitty (Anna Cathcart) oder dem Lesen kitschiger Liebesromane. Eine reale Liebesbeziehung hatte sie noch nie. Dafür träumt die Schülerin oft davon und schreibt allen Jungs, in die sie jemals verliebt war, einen Brief. Auf den Umschlägen stehen sogar die Adressen, verschickt aber keinen, da die Worte nur für sie bestimmt sind. Doch dann werden alle von ihnen überraschenderweise verschickt. Einer davon ist an Josh (Israel Broussard) gerichtet, in den Lara Jean sich ein paar Jahre zuvor verliebt hat. Nachdem er mit ihrer älteren Schwester Margot zusammengekommen ist, hat sie ihre Schwärmerei aufgegeben und als ihr Geheimnis bewahrt. Dieses Geheimnis kommt jetzt allerdings ans Licht. Um Josh in dem Glauben zu lassen, sie interessiere sich überhaupt nicht für ihn, fängt Lara Jean eine unechte Beziehung mit Peter (Noah Centineo) an. Der ist ebenfalls einer der Liebesbriefempfänger und schlägt ihr den Deal vor, weil er seiner Ex-Freundin Genevieve (Emilija Baranac) klarmachen will, dass es vorbei ist. 


Schöne Geschichte für Zwischendurch mit ein paar Schwächen

Lara Jeans Leben steht bald Kopf
Foto: Netflix
Mich konnten weder das Buch noch der Film komplett umhauen. Es gibt eine nette Handlung mit überwiegend sympathischen Charakteren, die mich aber letztendlich nur bedingt überzeugt hat. Sie hat mich in beiden Fällen gut unterhalten, aber nicht berührt. Wenn ich die Versionen miteinander vergleiche, gefällt mir Lara Jean im Film etwas besser. In der Vorlage von Jenny Han ist die Protagonistin kaum greifbar, weil sie ziemlich perfekt wirkt. Lana Condor schafft es aber, der Figur etwas mehr Ecken und Kanten zu geben. Dennoch bleibt Lara Jean auch dort etwas zu flach. Ich habe weder im Buch noch in der Adaption richtig mit ihr mitgefiebert oder mitgefühlt. Dafür gibt es einen weiteren Grund, der mich schon im Roman gestört hat: Es gibt so gut wie keine Charakterentwicklung. Lara Jean ist am Ende der Geschichte im Grunde genau da, wo sie angefangen hat. Daran ändern auch die gespielte Beziehung mit Peter nichts. Sie erlebt dadurch zwar neue Dinge, aber weder der Leser noch der Zuschauer merkt, dass sie sich dadurch in irgendeiner Form weiterentwickelt. Im Roman macht sie ironischerweise am Schluss exakt das, was sie auch schon früher getan hat: einen Brief schreiben. Dieser Stillstand hängt auch damit zusammen, dass sie keine echten Probleme oder Hürden überwinden muss, wie es bei Protagonisten meist der Fall ist. Als ich das Buch gelesen habe, war ich überrascht, wie wenig die Briefe letztendlich die Handlung bestimmen. Mit Ausnahme von Josh scheint es keinen der Jungs wirklich zu kümmern, dass Lara Jean ihnen geschrieben hat. Selbst Peter nimmt alles sehr gelassen und das Thema ist somit schnell vom Tisch. Sie muss sich damit überhaupt nicht herumschlagen. Da es auch sonst keine Probleme gibt, muss sie nichts groß ändern oder einsehen, um am Ende an ein bestimmtes Ziel zu gelangen - denn es gibt kein Ziel. Diese "Reise" habe ich bei "To All the Boys I've Loved Before" in beiden Versionen vermisst. 
Die Schwestern stehen sich im Buch näher
Foto: Screenshot
Ein weiterer Punkt, der mich beim Film gestört hat: Er legt den Fokus viel zu sehr auf die Liebesgeschichte, sodass sich die Handlung rund um Lara Jeans Familie kaum entfalten kann. Der Roman schafft ein etwas ausgeglicheneres Verhältnis zwischen dem Liebesplot und dem Familienleben. Dort merkt der Leser, wie eng die drei Schwestern sich stehen. Sie sind eine echte Einheit und haben zudem eine tolle, vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Vater. Vor allem Lara Jeans starke Verbindung zu Margot sorgt dafür, dass sich der Brief an Josh als ein echtes Problem zwischen den Geschwistern entwickelt. Im Film wirkt alles sehr viel "einfacher". Die Buchvorlage behandelt immer wieder das Problem, dass Lara Jean sich ihrer älteren Schwester Margot nicht anvertrauen kann. Denn sonst müsste sie ihr gestehen, dass sie in Josh verliebt war. Mehrmals hadert sie mit sich und flüchtet vor jedem Gespräch, wodurch der Leser versteht, dass es sie belastet. In der "Netflix"-Produktion beendet sie ein einziges Mal hastig eine Skype-Konversation mit ihrer Schwester, ansonsten macht die Adaption den Eindruck, es würde Lara Jean kaum beschäftigen. Eine Sache, die es zur Abwechslung im Roman nicht gibt und mich im Film dafür so richtig stutzig gemacht hat: Die Hauptfigur bildet sich ein, mit Josh oder Peter zu reden. In diesen Szenen tauchen die Figuren dann tatsächlich in ihrem Zimmer auf und sie führt imaginäre Gespräche mit ihnen. Ich vermute, es sollte wohl ihre starke Vorstellungskraft unterstreichen. Aber es wirkt einfach nur sehr komisch und vor allem wird dieser Aspekt nicht durchgezogen. Er taucht ein paar Mal am Anfang auf - ich habe nicht verstanden, was es dem Film oder dem Charakter bringen soll, weil diese Momente sehr irrelevant erscheinen. Ab der Mitte der Handlung passiert es dann gar nicht mehr. Da hätte sie auch einfach Selbstgespräche führen können, ohne dass der Zuschauer noch andere Figuren zu sehen bekommt.

Romanze mit fehlendem Tiefgang

Der Roman hat etwas mehr Charme
Foto: Hanser Verlag
Die Chemie zwischen Lara Jean und Peter wurde im Film gut umgesetzt, obwohl die Adaption die Beziehung insgesamt nicht so interessant gestaltet. Im Roman macht Lara Jean am Anfang deutlich, dass sie viele Charakterzüge an Peter nicht mag und ihn deshalb auch gar nicht attraktiv findet. Im Film ist sie von Anfang an "netter" in ihrem Umgang. Dadurch macht es aber auch nicht so viel Spaß, zu verfolgen, wie die Zwei sich langsam näherkommen. Besonders Lara Jean merkt, dass sie Peter völlig falsch eingeschätzt hat. Das Problem in der "Netflix"-Produktion ist meiner Meinung nach die Definition der Briefe. Im Original sind es keine richtigen Liebesbriefe. Sie schreibt zwar auch, wieso sie Gefühle entwickelt hat, endet ihre Botschaft aber vor allem bei Peter mit den Punkten, wieso sie sich "entlieben" konnte. In der Verfilmung werden sie immer nur als Liebesbriefe beschrieben und daher entsteht der Eindruck, Lara Jean wäre noch immer verknallt. Das macht die Romanze langweiliger. Im Buch gefällt mir der kleine Twist, dass sie Peter eigentlich gar nicht mehr gut findet. Sie will hartnäckig an diesem Standpunkt festhalten, am Ende erkennt sie aber doch, dass er sehr liebenswert ist - dieses Mal aber wegen richtiger, tiefliegender Gründer anstatt oberflächlicher Aspekte. Genau dadurch versteht der Leser viel besser als der Zuschauer, wieso sie sich langsam ineinander verlieben. Es gibt viele kleine Momente, in denen Peters charmante Seite aufgedeckt wird. So wird einem gemeinsam mit Lara Jean klar, wie er in Wahrheit ist. Einer meiner Lieblingsmomente: Peter kommt bei Lara Jean vorbei, um sie zu einer Party mitzunehmen. Sie backt aber Cupcakes für eine Schulveranstaltung ihrer kleinen Schwester. Als er sie nicht überzeugen kann, mitzukommen, verschwindet er nicht, sondern bietet ihr aufrichtig seine Hilfe an. Das war der erste Moment, in dem er mir langsam sympathisch wurde. Genauso süß sind die Buchszenen, in denen er mit Lara Jeans jüngerer Schwester Kitty interagiert, weil er genau weiß, wie er mit ihr umgehen muss und sie ihn daraufhin schnell ins Herz schließt. Im Film fehlen viele dieser Szenen und werden insgesamt auf zwei, drei reduziert. Peter wirkt darin außerdem von Anfang an deutlich weniger eingebildet und oberflächlich, wodurch der Zuschauer von seinem Charakter kaum überzeugt werden muss. All das sorgt dafür, dass es der Liebesgeschichte an Tiefgang fehlt. Die Geschichte im Buch ist zwar auch nicht die berührendste, die ich je gelesen habe, ist aber deutlich besser als die Verfilmung.
Lara Jean und Peter schließen sogar einen Vertrag ab
Foto: Netflix
Josh, der andere Love Interest, hat mir in beiden Versionen nicht richtig gefallen. Im Roman wird immerhin verdeutlicht, wieso sich sowohl Margot als auch Lara Jean in ihn verliebt haben. Er ist sehr hilfsbereit und versteht sich mit allen drei Schwestern und ihrem Vater sehr gut. Jenny Han kann die Chemie in dieser Hinsicht glaubwürdig herüberbringen. Als die Geschichte mit Peter anfängt, wird er allerdings langsam anstrengender und fällt auch an ein paar Stellen durch sein kindisch eifersüchtiges Verhalten negativ auf. Ich bin sehr froh, dass der Film wenigstens den bescheuerten Grund weggelassen hat, wieso Josh Peter nicht leiden kann: Er hat in der siebten Klasse bei einem unwichtigen Test geschummelt. Ja, das ist der Grund! Geht es noch dämlicher? Das bedeutet aber nicht, dass die "Netflix"-Version deshalb in dieser Hinsicht besser ist. Sie gibt nämlich überhaupt keine Begründung, mit Ausnahme von dem "Du bist zu gut für ihn"-Klischee, was aber kein Argument ist. Abgesehen davon verhält sich der Charakter im Film viel unsympathischer. Er taucht eigentlich nur auf, um beleidigt zu sein oder herumzunörgeln, weil Lara Jean Peter datet. In der unnötigsten Szene spielt er dann den "Helden", als Peter zu Lara Jean kommt, nachdem sie sich gestritten haben. Erstens hätte Lara Jean es sehr gut alleine hinbekommen, ihren "fake" Freund wegzuschicken. Zweitens ist diese "Du sollst verschwinden"-Floskel, die Josh ihm an den Kopf wirft, als er lediglich mit Lara Jean sprechen will und sich dabei nicht einmal aufdrängt, vollkommen peinlich, klischeehaft und verbraucht. Im Roman kann das alles noch irgendwie als ein Love Triangle bezeichnet werden, im Film so gar nicht. Abgesehen davon, dass Josh anstrengend ist, bringt Lara Jean dem Zuschauer auch nicht glaubhaft rüber, dass sie noch Gefühle für ihn hat. Das finde ich insgesamt aber nicht schlimm, weil Liebesdreiecke ohnehin eines der faulsten Mittel sind, um mehr Drama zu erzeugen. Dennoch macht es seinen Charakter fast komplett unnötig, weil er - anders als im Buch - nichts Wichtiges zur Handlung beiträgt. Am Schluss der Verfilmung gibt es dann noch ein kitschiges Happy End, das im Roman überraschenderweise nicht existiert! Für mich kam das fehlende Happy End ziemlich unerwartet, aber es hat mit sehr gut gefallen. In der Adaption hingegen gesteht Lara Jean Peter ihre Liebe und sie laufen glücklich über den Sportplatz der Schule - und erfüllen damit eines der größten Klischees in Liebesfilmen. Wer also ein "richtiges" Ende im Original vermisst hat, wird sich darüber vielleicht freuen. Ich hätte es nicht gebraucht.

Fazit

Das Buch und der Film haben beide ihre Schwächen und Stärken. Die Liebesgeschichte ist in keiner Version so richtig mitreißend, aber dennoch sehr charmant erzählt. Es fehlt an Tiefgang, wobei der Roman in dieser Hinsicht noch etwas verständlicher macht, wieso die Protagonistin sich verliebt. Die "Netflix"-Produktion schafft es dafür, die Chemie zwischen ihr und dem Love Interest ähnlich gut zu transportieren, sodass es Spaß macht, die Geschichte zu verfolgen. Letztendlich ist der Fokus in der Verfilmung aber zu sehr auf die Romanze beschränkt und lässt besonders den Familienaspekt fast komplett außen vor, was wirklich schade ist. "To All the Boys I've Loved Before" ist sowohl zum Lesen als auch zum Schauen eine süße Geschichte, die mich aber nicht komplett mitreißen konnte. Das Original von Jenny Han konnte mich aber etwas mehr überzeugen. 


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Donnerstag, 12. Juli 2018

Lauras Top 10 Buchreihen

Bücher begleiten mich schon seit meiner Kindheit und seitdem habe ich nicht nur jede Menge Einzelbände gelesen, sondern auch einige Buchreihen. Daher stelle ich euch in der heutigen "Watch.Read.List." meine zehn Favoriten vor. Es gibt viele Reihen, die ich begonnen habe, aber entweder nach dem ersten Teil abgebrochen, irgendwo mittendrin beendet oder noch nicht komplett gelesen habe. All diese habe ich natürlich nicht mit einbezogen. Es war nicht leicht, die Zehn für mich Besten in eine Rangfolge zu bringen. Oftmals sind es nur Kleinigkeiten, die über einen Platz entschieden haben und ich kann jede der erwähnten Reihen wirklich empfehlen. 
Falls ihr manche der Reihen nicht kennt, klickt einfach auf die Titel, dann gelangt ihr zur Inhaltsbeschreibung. 


10. Der magische Zirkel (Lisa J. Smith) 

Foto: Random House
Diese Geschichte gehört zu einer der ersten, die ich als Teenager gelesen habe und die mir noch sehr prägnant im Gedächtnis geblieben ist. Andere Romane aus dieser Zeit habe ich vollkommen vergessen. Mir hat bei dieser Reihe die Mischung aus ganz normalem Schulalltag und den Erlebnissen des geheimen Zirkels sehr gefallen. Die ganze Stimmung hat etwas Mystisches. Ich mochte diese Reihe auch deutlich lieber als die "Tagebuch eines Vampirs"-Reihe der Autorin. Mittlerweile wurden bzw. werden nachträglich neue Bände  der Hexengeschichte veröffentlicht. Die habe ich nie gelesen, weil die Trilogie, die in den 90ern herausgebracht wurde, für mich sehr gut abgeschlossen ist und auch eigentlich nie weitergeführt werden sollte. Würde ich sie heute noch mal lesen, würde sie mir vielleicht nicht mehr ganz so gut gefallen wie damals, aber als Jugendliche war es für mich eine wirklich tolle, unterhaltsame Reihe.

9. Das Tal (Krystyna Kuhn)

Foto: Arena Verlag
Ich mag die mysteriöse, bedrohliche Stimmung in dieser Reihe unglaublich gerne. Auch die meisten der Hauptcharaktere sind mir sympathisch. Da jeder über die acht Bände mal im Vordergrund steht, hat man wirklich das Gefühl, sie alle gut kennenzulernen. Jeder von ihnen trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das erst im Laufe der Zeit offenbart wird, was auch den Figuren etwas Mysteriöses gibt. Die meist lebensbedrohlichen Situationen, in die die Jugendlichen im Tal geraten, sind immer sehr spannend und mitreißend erzählt. Der Schreibstil ist locker und flüssig, sodass ich sogar an einem Tag gleich zwei Teile hintereinander verschlungen habe, weil ich mich nicht von der Geschichte losreißen konnte. Warum diese Reihe nur auf Platz neun gelandet ist, liegt an dem Finale und der Auflösung, was denn nun das große Geheimnis ist, das das Tal und das College umgibt. Da habe ich definitiv mehr erwartet und war enttäuscht, weil es sehr zusammengewürfelt wirkt und nicht zu einhundert Prozent stimmig und schlüssig erscheint. 

8. Die Erben der Nacht (Ulrike Schweikert)

Foto: Random House
Im Vergleich zu den größtenteils romantischen Vampirgeschichten, wie "Twilight" oder "Tagebuch eines Vampirs", hat die Reihe von Ulrike Schweikert eine ganz andere Stimmung, die mir sehr gut gefällt. Beim Lesen kommt das Gefühl auf, eine Abenteuergeschichte zu erleben. Es macht einfach Spaß, die jungen Vampire auf ihrem Weg zu begleiten. Dadurch, dass jeder der fünf Bände ein Schuljahr repräsentiert und sie immer neue Fähigkeiten erlernen, ist eine deutliche Entwicklung erkennbar und es wird nie langweilig oder eintönig. Ich finde besonders die verschiedenen Settings sehr faszinierend. Mit jedem Band lernt der Leser eine andere Stadt im 19. Jahrhundert kennen, z.B. Rom, Wien oder London. Mir hat es unheimlich gut gefallen, diese Orte in der Vergangenheit zu "besuchen". Ein Highlight sind zudem die "Gastauftritte" berühmter Persönlichkeiten. So begleitet der Leser unter anderem Bram Stoker oder Oscar Wilde. Die Idee, sie Teil dieser fiktiven Geschichte werden zu lassen, finde ich genial. Ebenfalls positiv ist, dass die Reihe nie den roten Faden verliert. Insgesamt gibt es aber Reihen, die mich noch etwas mehr begeistern konnten. 

7. Skulduggery Pleasant (Derek Landy)

Foto: Loewe Verlag
Obwohl es diese diese Reihe, die mittlerweile bereits zehn Teile umfasst, schon relativ lange gibt, habe ich sie erst sehr spät für mich entdeckt. Ich bin aber letztendlich wirklich froh, dass ich sie noch gelesen habe! Die Geschichte ist definitiv etwas Besonderes und sticht aus der großen Masse an Kinder- und Jugendbüchern heraus. Wobei ich finde, dass diese Romane nicht nur für diese Altersgruppe gemacht sind. Ich war schon über 18 Jahre alt, als ich damit begonnen habe und ich liebe den cleveren Humor, die temporeichen Abenteuer, die abgedrehten und zugleich liebenswerten Charaktere sowie die fantasievolle Idee hinter "Skulduggery Pleasant". Der Grund, warum diese Reihe "nur" auf dem siebten Platz ist: Es gibt zwar auch ein paar emotionalere Momente und die Figuren sind mir über die Zeit ans Herz gewachsen, aber im Vergleich zu anderen Reihen hat mich Derek Landys Geschichte nicht ganz so sehr berührt. Trotzdem ist es eine spannende, witzige und unterhaltsame Geschichte, die genau deshalb in meiner "Top 10" nicht fehlen darf.

6. Die Sieben Königreiche (Kristin Cashore)

Foto: Carlsen Verlag
Diese Reihe mag ich vor allem wegen der vielen tollen Charaktere, die man während der Trilogie kennenlernt. In jedem der drei Bände gibt es unterschiedliche Protagonisten und alle von ihnen sind sehr liebenswerte und vielschichtige Persönlichkeiten. Nach Beenden des ersten Teils war ich skeptisch, ob die Figuren der kommenden Bände mit denen aus "Die Beschenkte" mithalten können. Doch letztendlich haben sie mir ebenso gut gefallen. Alle von ihnen sind wirklich sympathisch und haben einen Wiedererkennungswert. Darüber hinaus liebe ich die geheimnisvolle, komplexe Welt, die Cashore erschaffen hat. Erst nachdem man alle drei Teile gelesen hat, wird wirklich deutlich, wie gut und sorgfältig die Königreiche und ihre historische Geschichte entwickelt wurden. Diese Trilogie ist nicht weiter oben in der Liste, weil die jeweiligen Handlungen zwar schon spannend sind, aber mich teilweise nicht zu einhundert Prozent begeistern konnten. Manche Stellen sind einfach etwas zu lang gezogen. 

5. Legend (Marie Lu)

Foto: Loewe Verlag
Diese dystopische Trilogie überzeugt vor allem durch die dreidimensionalen, sympathischen Hauptcharaktere. Außerdem erzählt sie eine aufregende, mitreißende Geschichte über eine Revolution. Was mir dabei besonders gut gefällt: Die Handlungen und Entscheidungen der Figuren sind durchdacht und strategisch. Sie rennen nicht einfach blindlings in Kämpfe, sondern gehen wirklich bedacht und clever vor, was die ganze Geschichte sehr rund und stimmig macht. Positiv ist für mich auch die Beziehung zwischen den Protagonisten. Diese Liebesgeschichte ist eine der wenigen aus Jugendbüchern, die ich absolut gelungen finde. Sie ist bedeutend, ohne sich dabei unangenehm in den Vordergrund zu drängen oder den Fokus von den wirklich wichtigen Problemen zu lenken. Beide Figuren stehen für sich und sind nicht vom anderen abhängig, doch als Team sind sie noch besser. Trotzdem ist nicht alles perfekt, aber es gibt nie unnötiges Drama. Wenn es Streit und Auseinandersetzungen gibt, sind die sehr verständlich und keiner der beiden reagiert über. Allerdings sind da immer noch ein paar Reihen, die mir einen Hauch besser gefallen haben; besonders eine aus dem Dystopie-Genre mag ich noch mehr.

4. Die Jette-Thriller (Monika Feth)

Foto: Random House
Diese Reihe begleitet mich schon sehr lange! Ich habe den ersten Teil damals mit 14 gelesen und seitdem bin ich ein großer Fan dieser Thriller. Ein großer Pluspunkt sind hier die Charaktere, die man während der Zeit kennenlernt. Als Leser sieht man dabei zu, wie sie älter werden (im ersten Teil sind sie gerade mit der Schule fertig) und sich verändern. Außerdem kommen immer neue Figuren hinzu. Sie alle wirken immer sehr greifbar und wie reale Personen. Auch der Kommissar, der ebenfalls Kapitel aus seiner Sicht bekommt, ist eine sehr dreidimensionale Figur, die mit jedem Band interessanter wird. Zudem gefällt mir, dass die Autorin sich in diesen Geschichten auch mit ernsten Themen auseinandersetzt, zum Beispiel psychischen Krankheiten - sowohl bei Tätern als auch bei manchen der Hauptfiguren. Mittlerweile ist es einfach ein sehr vertrautes Gefühl, diese Bücher zu lesen. Das Einzige, was mich ab und zu stört: Auch nach vielen durchlebten (lebens-)gefährlichen Situationen (So viel Unglück wie die Protagonisten muss man erst einmal haben ...), begeben sich die jungen Leute immer wieder aufs Neue in bedrohliche Lagen. Einerseits trägt das natürlich zur Spannung bei, aber manchmal ist es wiklich nervig. Diese Reihe ist außerdem nur auf Platz vier gelandet, weil es zwei der mittlerweile sechs Teile gibt, die ich nicht ganz so überzeugend finde. Der schlechteste ist dabei für mich "Der Bilderwächter", weil er sehr schleppend verläuft und erst spät für Nervenkitzel sorgt.

Es gibt übrigens eine neuere Reihe (bis jetzt sind drei Teile erschienen, der erste Band lautet "Teufelsengel"), die so etwas wie ein Spin-Off ist und die ich auch empfehlen kann.

3. Riley Blackthorne - Die Dämonenfängerin (Jana Oliver)

Foto: S. Fischer Verlag
Riley ist eine meiner liebsten weiblichen Hauptcharaktere überhaupt! Sie muss so viel Schlechtes durchleben und kommt dabei immer wieder an ihre Grenzen, aber kämpft sich trotzdem immer wieder durch. Sie wirkt sehr echt und glaubwürdig. Mir war sie von Anfang an sympathisch und ich bin ihr gerne durch die Geschichte gefolgt. Ich liebe außerdem die Idee der Reihe. Ich bin ein Fan der Serie "Supernatural" und kann mich für alles, was mit Übernatürlichem und Dämonen zu tun hat, begeistern. Besonders der Aspekt, dass die Menschen in der Zukunft von der Existenz der Dämonen wissen und man in die Lehre gehen kann, um sie zu fangen, gefällt mir sehr gut. Der gesamte Aufbau der Geschichte und die Welt wirken sehr strukturiert und schlüssig. Neben Riley gibt es außerdem noch weitere tolle Charaktere, beispielsweise ihr bester Freund, der zur Abwechslung mal nicht heimlich in die Heldin verliebt ist und deren Freundschaft wirklich glaubwürdig dargestellt wird. Daneben gibt es auch noch Beck, der zwar oft das Klischee "Harte Schale, weicher Kern" bedient, aber trotzdem ein sehr liebenswürdiger, tiefgründiger Charakter ist. Obwohl ich Beck sehr gerne mag, war mir das Drama zwischen ihm und Riley manchmal allerdings etwas zu viel und übertrieben. Das ist aber auch der einzige Störfaktor. Ich war wirklich traurig, als ich die Reihe beendet habe. Am liebsten hätte ich noch vier weitere Teile! 

2. Das Verbotene Eden (Thomas Thiemeyer)

Foto: Droemer Knaur Verlag
Diese Trilogie erzählt eine sehr spannende, ergreifende Geschichte. Zuerst einmal finde ich das Zukunftsszenario sehr ausgefallen und interessant. Nicht nur die Idee, dass Männer und Frauen getrennt leben, auch das Setting der stark zerstörten Version der Erde ist wirklich gelungen. Hinzu kommen die tollen Figuren, die ich alle sofort in Herz geschlossen habe. In jedem Band geht es um ein anderes Paar, was die Reihe sehr abwechslungsreich macht. Die Sechs könnten nicht unterschiedlicher sein und haben alle sehr einprägsame Merkmale, die sie auszeichnen. Warum mich diese Reihe aber besonders überzeugt hat: Die Liebesgeschichten nehmen einen großen Teil der Handlung ein, aber sie alle sind so wundervoll und glaubhaft erzählt, dass sie nie überzogen, kitschig oder nervtötend wirken. Während des letzten Teils musste ich mehrere Male fast weinen, weil mich die Geschichte so berührt hat. Es gibt wirklich nichts, was mich gestört hat. Daher ist es wirklich eine rein emotionale Entscheidung, warum dieser Reihe auf dem zweiten Platz gelandet ist, weil es noch eine andere Trilogie gibt, die mich ein kleines bisschen mehr gefangen nehmen konnte.

Ich habe übrigens auch die "Evolution"-Trilogie des Autors gelesen, die es zwar nicht in die Liste geschafft hat, aber trotzdem wirklich gut ist! Meine Rezensionen dazu findet ihr hier


1. Die Tribute von Panem (Suzanne Collins)

Foto: Oetinger Verlag
Ich habe den ersten Teil als Hörbuch gehört und die Geschichte hat mich so begeistert und berührt, dass ich sofort wissen musste, wie es weitergeht. Deshalb habe mir dann noch am selben Tag die englischen Ausgaben von Band 2 und 3 bestellt. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich sie beide durchgesuchtet. Die Geschichte hat mich nicht losgelassen und auch hier bin ich sehr emotional mit den Charakteren verbunden gewesen. Während dieser drei Bände habe ich beinahe alles empfunden: Trauer, Wut, Angst, Freude, Anspannung. Es gibt einige Stellen, die mich so aufgewühlt haben, dass ich das Buch kurz zur Seite legen musste und andere, die mich zu Tränen gerührt haben. Suzanne Collins hat eine bedrückend düsterere und überzeugende Zukunftsversion erschaffen, die mich auch noch lange nach Beenden der Trilogie beschäftigt hat - das schaffen nicht viele Bücher! Erst vor Kurzem habe ich die Reihe erneut gelesen und sie konnte mich wieder genauso fesseln - auch deshalb ist sie ganz knapp auf dem ersten Platz gelandet.


Das waren meine Top 10 Buchreihen. Welche mögt ihr am liebsten? War euer Favorit vielleicht auch in meiner Liste dabei? Schreibt es gerne in die Kommentare


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Mittwoch, 27. Juni 2018

Bloody Weekend - Neun Jugendliche. Drei Tage. Ein Opfer. (M.A. Bennett) - Rezension

"Bloody Weekend - Neun Jugendliche. Drei Tage. Ein Opfer." ist ein Jugendthriller der Autorin M.A. Bennett. Der Roman ist Anfang des Jahres im "Arena"-Verlag erschienen und umfasst 344 Seiten.

Greer ist seit Kurzem Schülerin am Internat St. Aiden, das vor allem für die sehr traditionsbewusste Einstellung bekannt ist. Egal ob Handy, Internet oder Plastik, das alles wird verachtet, was vor allem an den "Medievals" liegt. Sie sind eine sechsköpfige Gruppe von reichen Schülern, die die Schule "beherrschen" und die Regeln vorgeben, die ihre Mitschüler blindlings befolgen. Angeführt werden sie von Henry de Warlencourt. Greer weiß, dass sie eine Außenseiterin ist und nie zu dieser angesehenen Clique gehören wird. Doch dann erhält sie zusammen mit zwei weiteren Jugendlichen des St. Aiden eine Einladung für ein Jagdwochenende auf Henrys Anwesen. Als sie zusagt, ist ihr nicht klar, dass dort nicht bloß Hirsche, Fasane und Fische gejagt werden. Greer muss schon bald um ihr Leben fürchten. 


Ein vielversprechendes Setting

Das Opfer ist schon sehr früh bekannt
Foto: Arena Verlag
Einer der größten Pluspunkte, mit dem der Roman überzeugen kann, ist die schön düstere Atmosphäre. Das liegt vor allem an der Wahl des Handlungsortes, der sich perfekt für eine unbehagliche Stimmung eignet. Die Geschichte beginnt im Internat. Bereits dort wirkt alles trostlos und leicht beunruhigend, beispielsweise durch Beschreibungen von Hirschköpfen, die als Jagdtrophäen das Gebäude schmücken, oder durch die Schilderungen der sehr traditionellen Einstellung von Angestellten und Schülern. Da bekommt man als Leser wirklich das Gefühl, gut 50 Jahre in die Vergangenheit befördert worden zu sein. Richtig unheimlich wird es dann, als die Gruppe Jugendlicher zum Anwesen von Henrys Familie fährt. Dieser Ort hat wirklich alles, was es für eine schauerliche Geschichte braucht: ein altes, gigantisches Gebäude mitten im Wald, abgelegen von allem, kaum Verbindung zur Außenwelt. Außerdem gibt es seltsames Personal, das alle perfiden Spiele der Jugendlichen bloß stumm beobachtet und geschehen lässt, obwohl sie dort die einzigen Erwachsenen sind. Noch dazu spielt der Roman zur Herbstzeit, was alles noch stimmiger macht. Am beängstigsten sind allerdings die "Medievals". An einigen Stellen wirken diese arroganten Jugendlichen wirklich erschreckend böse ("'Damit die hochrangigen Spezies gedeihen', fuhr Henry in maßvollem, rationalem Ton fort, 'müssen die niederen eingedämmt werden.' [...] 'Was du damit sagen willst, sagte Shafeen langsam, 'ist, dass es manchen Spezies nicht mehr erlaubt werden darf, über sich selbst hinauszuwachsen.' 'Schön zusammengefasst.' 'Sicherlich meinst du damit ausschließlich das Reich der Tiere?', fragte Shafeen. Henry richtete den Blick seiner kühlen, blauen Augen auf ihn. 'Was denn sonst?'"). Sie sind als Gegenspieler vor allem überzeugend, weil sie so realistisch erscheinen. Es wirkt überhaupt nicht aus der Luft gegriffen, dass eine Gruppe privilegierter Schüler durch die Macht und den Einfluss ihrer Familien ihren eigenen Regeln folgen können. Sie beherrschen die Schule und kommen mit allem davon. Was sie für abartige Dinge an diesen "Jagdwochenenden" treiben, ist vielen Lehrern bekannt, doch es wird totgeschwiegen. Bei diesem Szenario musste ich sofort an Jan Guillous autobiografisches Buch "Evil - Das Böse" denken: In den 50er Jahren war der Autor auf einer Schule in Schweden, die von genau solchen Jugendlichen "regiert" wurde und alle Erwachsenen dort haben es zugelassen. "Evil" erzählt nicht nur eine wahre Begebenheit, der Roman ist auch deutlich schockierender als Bennetts Buch, was das Verhalten der Clique in "Bloody Weekend" noch glaubwürdiger erscheinen lässt. Genau dieser Aspekt des Realismus macht die Geschichte so perfide. 
"Evil - Das Böse" wurde übrigens auch verfilmt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Greer ihn gesehen hat, ist ziemlich hoch. Einer der prägnantesten Charakterzüge der Protagonistin ist nämlich, dass sie ein Filmfan ist und ziemlich viele kennt. Das lässt sie immer wieder aufblitzen, indem sie ständig Filmanspielungen macht. Wer in seiner Freizeit lieber andere Dinge tut, als ins Kino zu gehen oder stundenlange DVD-Abende zu veranstalten, wird während des Lesens vielleicht an der ein oder anderen Stelle genervt sein. Ich finde Filme auch toll, aber selbst mich hat es gestört, dass Greer auf gefühlt jeder dritten Seite ein Ereignis oder einen Eindruck mit "Kennt ihr den Film ... ?" beschreibt. Bestimmt 30 verschiedene Erwähnungen sind über den Roman verstreut, von "Narnia" über "Sherlock Holmes" bis hin zu "Twilight". Aber es tauchen auch einige auf, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Ich bezweifle, dass Jugendliche ab zwölf, die die Zielgruppe des Buches sind, mit den meisten etwas anfangen können. Hin und wieder werden die Anspielungen an passenden Momenten eingesetzt und tragen dazu bei, eine Situation eindrücklicher einzufangen ("Wie formulierte es Hanibal Lector in 'Das Schweigen der Lämmer'? Sorgen muss man sich erst machen, wenn die Schreie verstummen."). Dann aber gibt es viel zu viele Stellen, an denen diese Einwürfe gar nichts bringen, weil sie darauf setzen, dass der Film beim Leser bekannt ist. Nur wenn man den Titel kennt, hilft es einem, ein Bild vor Augen zu haben ("Der See schimmerte in der Dämmerung und sah aus wie der aus 'Excalibur', der See, aus dem Arthur sein Schwert holt und es am Ende wieder hineinwirft."). Statt eine Szene eindrücklicher zu machen, sorgen sie dann eher dafür, dass der Lesefluss unterbrochen wird. 

Wie "bloody" ist das Wochenende?

Die Atmosphäre ist perfekt für einen packenden Thriller. Die Handlung kann da allerdings nur teilweise mithalten. Der Leser weiß von Anfang an, wer am Ende stirbt und wer dafür verantwortlich sein soll. Trotzdem oder gerade deshalb bleibt es lange spannend. Denn die wichtigste Frage, die während der Geschichte aufkommt, ist die nach dem Umstand des Todes: Wie kommt es dazu und was passiert zuvor, das dieses Ende hervorruft? Diese Antworten gibt die Autorin erst spät, weshalb man noch lange mit rätseln kann. Eine weitere Sache, die sofort klar ist, ist der verstörende Twist des Jagdwochenendes. Dass es in diesem Buch nicht bloß um eine Jagd nach Tieren geht, verrät schon der Klappentext. Es gibt außerdem dutzende Stellen, die andeuten, was passieren wird. Das regt beim Leser natürlich die Fantasie an, wie genau Menschen statt Wild zur Beute werden. Genau dieser Umstand hat bei mir leider für Enttäuschung gesorgt. Die Stellen, an denen diese "Jagd" dann tatsählich geschieht, sind insgesamt deutlich weniger blutig und beängstigend, als der Titel vermuten lässt. Die Situationen werden zum Teil so wenig aufgebaut, dass ich kaum eine Chance hatte, davon wirklich geschockt zu sein. Die erste Szene läuft so schnell ab und wird kaum im Detail beschrieben, dass ich nicht sicher war, ob das tatsächlich schon die erste "Jagd" gewesen sein soll. Es ist kaum Spannung spürbar und es wird überhaupt nicht mit der Angst des Lesers gespielt. Letztendlich ist alles, was erzählt oder angedeutet wird, schlimmer als das, was letztendlich an diesem Wochenende wirklich passiert. Ähnlich unspektakulär ist dann auch das Ende mit der Auflösung, wie und warum Henry stirbt. Hier fehlt ebenfalls die nötige spürbare Bedrohung oder Spannung. Das liegt wohl teilweise daran, dass man weiß, dass der Protagonistin nichts passieren kann, da sie die ganze Geschichte nacherzählt. Als dann eine Szene geschildert wird, in der sie in "Lebensgefahr" schwebt, ist das nicht wirklich fesselnd. Außerdem lassen Greers Andeutungen zum Tod des Schülers vermuten, dass sie eine eiskalte Mörderin sei. Der Schluss zeigt dann aber ein ganz anderes Bild, was ebenfalls enttäuschend ist.  
Ein weiterer Aspekt, der Unbehagen erzeugen soll, ist die Greers Schwärmerei für Henry. Das Problem daran: Als Leser erkennt man schnell, wie unsympathisch er ist. Da das Buch aus Greers Sicht geschrieben ist, erscheinen die romantischen Gefühle der Protagonistin daher einfach paradox. Obwohl es genug Hinweise gibt, die ihr zeigen, was für ein Mensch er ist, kann sie ihre Gefühle nicht abstellen und hofft, dass sie mit ihren Vermutungen doch falsch liegt. An einer Stelle spricht sie davon, dass man in seiner Gegenwart gewesen sein muss, um zu wissen, wovon sie redet. Als Leser hat man diese Möglichkeit nicht und die Beschreibungen im Buch bringen seine Rolle in dieser Hinsicht überhaupt nicht eindrücklich und glaubwürdig rüber. Die Idee ist grundlegend gut: Ein Charakter, der sich so gut verstellen kann, dass selbst der Leser hinters Licht geführt wird, hätte ich toll gefunden. Aber das schafft "Bloody Weekend" nicht. Ich habe nicht verstanden, was Greer so toll an ihm findet und warum sie hin- und hergerissen ist, anstatt von ihm angewidert zu sein. Henry kommt immer arrogant oder durchtrieben rüber, selbst in den Szenen, in denen er angeblich nett ist. Da bringt es auch nichts, wenn Greer ihn ab und zu als charmant betitelt. Die Autorin hat diese "zwei Gesichter", die Henry angeblich haben soll, nicht überzeugend dargestellt. Das ist wirklich schade, denn sonst hätte die gesamte Handlung vielleicht noch deutlich beunruhigender sein können. 

Fazit

"Bloody Weekend" überzeugt vor allem mit einer düsteren Atmosphäre. Leider kann die Handlung nicht mit der Stimmung mithalten. Es liegt einerseits immer eine gewisse Spannung in der Luft, weil zwar die Fragen, wer stirbt und wer dafür verantwortlich ist, schon von Beginn an bekannt sind. Doch die lange Zeit unbeantwortete Frage nach dem "Wie" erweckt das Interesse, die Geschichte weiterzuverfolgen. Andererseits verläuft die "Jagd" dann allerdings deutlich unspektakulärer als erwartet und auch der Höhepunkt der Geschichte hat keinen mitreißenden Effekt. Da dieses Jugendbuch unter die Kategorie "Thriller" fällt, habe ich mir insgesamt mehr Nervenkitzel erhofft.


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Sonntag, 3. Juni 2018

Letztendlich sind wir dem Universum egal - Buch vs. Film

- Der folgende Text enthält Spoiler -

Am 31. Mai ist der Film "Letztendlich sind wir dem Universum egal" in den deutschen Kinos angelaufen, der auf dem gleichnamigen Jugendbuch von David Levithan basiert. Ich habe den Roman kurz vor dem Kinostart gelesen und werde in diesem "Buch vs. Film" beide Versionen miteinander vergleichen. 

Seit A sich erinnern kann, wacht er (da es im Deutschen kein passendes Pronomen wie das englische "they" gibt, werde ich mich in diesem Text immer auf "er" beziehen und orientiere mich dabei auch an der Inhaltsangabe des Buches) jeden Morgen in einem anderen Körper auf. Die einzigen Dinge, die er weiß: Es ist immer eine Person im gleichen Alter wie er und nie jemand, der zu weit vom letzten Körper entfernt wohnt. So hat er schon viele Leben für einen Tag gelebt. Dabei ist er immer darauf bedacht, so wenig wie möglich zu verändern oder durcheinanderzubringen. Doch dann wacht er in Justin (Justice Smith) auf und trifft auf dessen Freundin Rhiannon (Angourie Rice, Mako). Er verliebt sich sofort in sie, obwohl er weiß, wie aussichtslos die Lage ist. Jeden Tag versucht er, sie wiederzusehen, jedes Mal in einem anderen Körper. Letztendlich verrät er ihr sein Geheimnis, das er noch nie jemandem anvertraut hat. Für Rhiannon ist das anfangs zu viel zu Verarbeiten. Erst langsam versteht sie, dass sie es tatsächlich immer mit derselben Person zu tun hat, die immer in einem anderen Körper steckt. Sie merkt, dass sie Gefühle für A entwickelt, aber kann sie wirklich eine Person lieben, die jeden Tag in einer komplett anderen Person steckt? 


Perspektiventausch für die Verfilmung

Kann diese Liebe wirklich funktionieren?
Foto: Orion Pictures
Der größte Unterschied zwischen dem Roman und der Adaption ist die Erzählperspektive. Während die komplette Geschichte im Buch aus As Sicht abläuft, verfolgen die Zuschauer beim Film größtenteils Rhiannons Leben. Die einzigen Szenen, in denen A alleine zu sehen ist, sind die, in denen er morgens aufwacht und sich mit seinem jeweiligen Körper vertraut macht. Nur als er in Rhiannons Körper landet, bekommt der Zuschauer etwas mehr Einblicke in sein Leben beziehungsweise wie er ihr Leben führt. Diese Änderung hat mich überrascht. Gerade As Leben macht das Buch so besonders und einzigartig. Als Leser erlebt man ihn jeden Tag in einem anderen Körper. Seine Ansichten sind wirklich spannend zu lesen, weil er schon so viel erlebt hat und so viel kennt. Das alles genauso überzeugend auf die Leinwand zu bringen, ist sicherlich schwer. Doch ich hatte gehofft, dass sich der Film mehr auf As Leben konzentriert. Dadurch, dass der Fokus eher auf Rhiannon liegt, wirkt die Adaption mehr wie ein typischer Liebesfilm mit einem besonderen Twist in Form von A. Das ist schade. Ich muss allerdings sagen, dass mich die schauspielerische Leistung der vielen verschieden Darsteller von A durchweg überzeugen konnte. Sie alle haben es geschafft, dass man ihn in ihnen wiedererkennt. Auch deshalb ist es ärgerlich, dass der Zuschauer viel mehr vom Alltag der Sechzehnjährigen sieht, in die er sich verliebt hat. Teilweise sind da Szenen und Charaktere bei, die nicht wirklich etwas zur Geschichte beitragen und fehl am Platz wirken. So konnte ich mit Rhiannons Schwester Jolene (Debby Ryan), die extra für den Film hinzugefügt wurde, nicht wirklich etwas anfangen. Die einzigen Momente mit ihr sind die gemeinsamen Autofahrten zur Schule. Sie hört die meiste Zeit nur halb gelangweilt zu und wirkt dabei immer, als wäre sie halb betrunken. Bis zum Ende gibt es keinen einzigen Augenblick, der zeigt, wieso sie ein wichtiger Teil der Geschichte sein soll. 
Jolenes Charakter hätte auch wegfallen können
Foto: Screenshot Trailer
Während dieser im Buch nicht existente Teil Platz im Film bekommt, wird ein interessanter Teil aus dem Roman stark reduziert: Nathans (Lucas Jade Zumann) Geschichte. Nachdem A in seinem Körper war, glaubt er, der Teufel hätte Besitz von ihm ergriffen. Er lässt nicht locker, um herauszufinden, was mit ihm passiert ist und wirft damit große Wellen. Dutzende Foren und Nachrichtensender thematisieren seine Story, was A natürlich Sorgen bereitet. Diesen Vergleich zu einer dämonischen Besessenheit fand ich im Buch sehr spannend. Besonders mysteriös wird es aber, als er eine Person trifft, die angeblich genauso ist wie er selbst. Ob das letztendlich stimmt oder nicht, wird offen gelassen. Das alles gibt dem Leser aber wirklich zu denken, was genau A eigentlich sein könnte. Der Roman zeigt dadurch auch negative Aspekte auf, als A selber darüber nachdenkt, wie er sich jeden Tag ungefragt in das Leben einer Person drängt und es jederzeit drastisch verändern könnte. Das alles bleibt in der Verfilmung sehr oberflächlich. Ab der Hälfte wird das Thema quasi fallen gelassen, Nathan komplett aus der Handlung verdrängt und sich nur noch auf die Liebesgeschichte konzentriert.
Rhiannon liebt A, doch reicht das für eine feste Beziehung?
Foto: Screenshot Trailer
Eine Änderung, die mir bei dem Film allerdings gut gefallen hat, ist das Ende. Im Buch wird es schon während der Geschichte verständlich, wieso sich A schließlich gegen die Beziehung entscheidet. Immer wieder spricht er darüber, dass er die Leben, in die er schlüpft, so wenig wie möglich durcheinanderbringen möchte. Als Leser bin ich fest davon ausgegangen, dass er die Idee, einen Körper einfach nicht mehr zu verlassen und damit das Leben dieser Person zu stehlen, niemals durchziehen wird. Da der Film allerdings alle seine Gedanken zu diesem Thema fast komplett ausradiert, wäre die Entscheidung für die Zuschauer wahrscheinlich weniger nachvollziehbar gewesen. Daher fand ich es gut, dass er für ein paar Tage wirklich in Alexanders (Owen Teague) Körper bleibt und dadurch versteht, wie falsch diese Lösung ist. Die Szene, in der A in dessen Körper nach Hause kommt und die Familie auf ihn gewartet hat, um dessen Geburtstag zu feiern, war sehr eindrücklich. Erst dann realisiert A wirklich, dass er ein Leben an sich reißt, das ihm nicht gehört. 

Tiefgang des Buches fehlt im Film

A im Körper des transsexuellen Vic (Ian Alexander)
Foto: Screenshot Trailer
Das Thema der dämonischen Besessenheit bleibt nicht der einzige Aspekt, der relativ oberflächlich behandelt wird. Ärgerlich ist das vor allem dann, wenn das Potential vorhanden ist, genauer auf bestimmte Dinge einzugehen. Einmal wacht A beispielsweise im Körper eines Blinden auf. Diese Szene dauert nicht einmal eine halbe Minute und will dem Zuschauer lediglich veranschaulichen, dass die Person blind ist. Das wirkt wirklich sehr lieblos eingefügt, als wäre es nur mit in den Film gepackt worden, um zu zeigen: A kann auch in Menschen aufwachen, die mit Behinderungen leben. Schade nur, dass dann gar nicht gezeigt wird, wie A damit umgeht. Im Buch erzählt er Rhiannon von seinen Erfahrungen, die er gemacht hat, als er in Menschen gelebt hat, die blind waren.
Rhiannon ahnt nicht, dass Justin gerade nicht er selbst ist
Foto: Screenshot Trailer
Generell ist A im Buch öfter in "problematischen" Körpern, sei es in dem eines Drogenabhängigen, eines stark Übergewichtigen oder auch in dem eines "bösen" Mädchens, das von allen gefürchtet wird. Das macht seinen Charakter sehr interessant, weil man mitbekommt, wie er damit umgeht. Einerseits spricht er mit dem Leser über seine bisherigen Erfahrungen, die er bereits gemacht hat. Andererseits erlebt man dann auch noch in konkreten Situationen, wovon er zuvor gesprochen hat. Außerdem sind seine Beschreibungen, wie sich die Körper anfühlen, immer sehr anschaulich und verständlich. Dadurch glaubt man als Leser wirklich, zu verstehen, wie es ihm gerade ergeht. Diese ganzen spannenden Stellen wurden für den Film entfernt. Dadurch wirkt A als Charakter immer sehr weit weg. Der Zuschauer weiß kaum, was er denkt und wie er sich fühlt. Das alles sorgte dann dafür, dass ich in die Liebesgeschichte deutlich weniger investiert war als im Buch. Die Figuren sind dort einfach greifbarer, vor allem A. 
A ist im Buch viel interessanter
Foto: S. Fischer Verlag
Im Roman gibt es die sehr emotionale und eindrückliche Handlung, als A im Körper der depressiven, suizidgefährdeten Kelsea (Nicole Law) aufwacht. Durch die sehr bildlichen und ausführlichen Beschreibungen wird dem Leser gut verständlich gemacht, wie so eine Krankheit im Inneren einer Person aussehen kann. Diese Zeilen zu lesen war wirklich intensiv, weil ihre Gedanken so hoffnungslos und finster sind. Als A dann herausfindet, dass sie in wenigen Tagen Selbstmord begehen will, beschäftigt ihn das sehr und er sucht verzweifelt nach einem Weg, es zu verhindern. Diese Stelle hat bei mir einen starken Eindruck hinterlassen und mich wirklich berührt. Anders im Film: Dort wird die Thematik schwächer abgehandelt und die Lösung wirkt hier zu "einfach". Auch wenn es in beiden Fällen damit endet, dass A ihrem Vater alles erzählt und damit für sie Hilfe holt, wird über das Thema im Roman wirklich geredet, während das im Film so gut wie nicht passiert. Der Zuschauer erhält kaum einen Einblick, wie es in ihrem Inneren aussieht und die Szenen konnten mich nicht so sehr berühren, wie es der Roman geschafft hat. In der Adaption wirkt es daher leider einfach so als wäre diese Krankheit mit eingebaut worden, weil gerade durch die erfolgreiche "Netflix"-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" verstärkt darüber geredet wird. Damit wird es zwar erwähnt, bleibt aber vollkommen oberflächlich. Immer dann, wenn es zu Tiefgang kommen könnte, wird das im Film schnell abgehandelt. So fragt Rhiannon A auch in einem ruhigen Moment, ob er sich mehr als Junge oder Mädchen fühlt. A antwortet nur halb im Scherz mit "Ja", dann ist die Szene auch schon vorbei. Im Buch werden Aspekte wie dieser deutlich ausführlicher behandelt, wodurch der Leser auch die Charaktere sehr viel besser versteht als der Zuschauer sie während des Films. 

Fazit

Während sich die Verfilmung zwar inhaltlich größtenteils an die Romanvorlage hält, fehlt es ihr an einigen Stellen an Tiefgang. Das Besondere an der Geschichte ist, dass der Hauptcharakter jeden Tag in einem anderen Körper aufwacht, doch der Film konzentriert sich mehr auf das Leben des Love Interests. Dadurch wirkt die Adaption an viele Stellen wie ein typischer Liebesfilm. Außerdem werden Charaktere eingefügt, die im Buch gar nicht oder kaum vorkommen, während dadurch andere interessantere Handlungen des Romans weniger Platz in der Adaption bekommen. Es kommen zwar auch ernste Themen wie Depressionen vor, doch anders als im Buch bleiben auch diese Stellen eher oberflächlich. Statt sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen, scheinen sie eher nur deshalb mit eingebaut worden zu sein, damit sie vorkommen. Auch wenn der Film für sich allein stehend eine schöne Liebesgeschichte erzählt, konnte mich das Buch letztendlich viel mehr berühren.


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Donnerstag, 3. Mai 2018

Scythe - Der Zorn der Gerechten (Neal Shusterman) - Rezension

"Scythe - Der Zorn der Gerechten" ist der zweite Band von Neal Shustermans Jugendbuch-Trilogie. Der Roman ist beim Fischer Verlag erschienen und hat 544 Seiten.

Citra hat die Ausbildung zum Scythe abgeschlossen. Während sie noch damit beschäftigt ist, die "beste" Art des Tötens zu finden, gibt es Aufruhr unter den Scythe. Immer mehr von ihnen schließen sich der Neuen Ordnung an und töten ohne Regeln. Rowan, der nicht zum Scythe auserwählt wurde und geflohen ist, macht im Untergrund Jagd auf die Scythe der Neuen Ordnung. Citra gefällt das überhaupt nicht, weil er dadurch selbst zum Mörder wird. Als ein Anschlag auf sie verübt wird, ist Rowan der erste, der verdächtigt wird. Doch Citra ist sich sicher, dass er nichts damit zu tun hat und macht sich mit Scythe Curie auf die Suche nach dem wahren Täter.


Neue Konflikte sorgen für Spannung

Klappt Citras Kampf für Gerechtigkeit?
Foto: S. Fischer Verlag
Der zweite Teil spielt ungefähr ein Jahr nach den Ereignissen des Vorgängerbandes (hier kommt ihr zur Rezension). Die Handlung kommt erst langsam in Fahrt, weil der Leser erst mal erfährt, wie sich das Leben der Charaktere verändert hat. Ich fand es daher etwas schwierig, von Beginn an komplett in die Geschichte zurückzufinden. Ich habe erst vor Kurzem den dritten Teil von Thomas Thiemeyers "Evolution"-Trilogie gelesen. Dort knüpft das Finale direkt an den zweiten Teil an und das hat mir den Einstieg sehr erleichtert. Doch spätestens nach dem ersten Viertel konnte "Der Zorn der Gerechten" packen. Ab da baut sich langsam der Konflikt auf und es wird deutlicher, was den Protagonisten bevorsteht. Durch mehrere Perspektiven und Ereignisstränge bekommt der Leser einen guten Einblick in die Situationen aller Beteiligten. Auch wenn der Beginn etwas schleppend verläuft, verleiht Shusterman der Handlung aber immerhin durch genügend Erklärungen eine sehr gute Struktur. Der rote Faden ist immer vorhanden und es gibt keine Unstimmigkeiten. Das macht die ganze Geschichte rund. Als Leser kann man wirklich in das Geschehen eintauchen, ohne dabei auf unlogische Stellen zu stoßen, die den Lesefluss unterbrechen könnten. Außerdem wurden bereits jetzt Elemente eingeführt, von denen ich glaube, dass sie im Finale noch eine größere Rolle spielen werden. So gibt es eine Figur, die über die meiste Zeit damit beschäftigt ist, nach etwas zu suchen. Dieses "Etwas" wird wohl im dritten Teil noch von Bedeutung sein. Auch dadurch erscheint die gesamte Reihe bis jetzt sehr gut durchdacht und stimmig.
Die Geschichte tritt zudem nicht auf der Stelle, was ein weiterer Pluspunkt ist. Im ersten Band liegt der Fokus auf der Ausbildung zum Scythe. Die Protagonisten müssen sich damit auseinandersetzen, Menschen zu töten. Beide lernen auf unterschiedliche Weisen damit klarzukommen. In diesem Teil stehen andere Aspekte im Mittelpunkt. An das Töten haben sie sich mittlerweile "gewöhnt", daher spielt diese Problematik nur noch hin und wieder eine Rolle. Nun geht es darum, dass das Scythetum sich in einem Wandel befindet, der schon in "Die Hüter des Todes" angedeutet wird. Es haben sich zwei Fronten mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Töten gebildet. Rowan und Citra werden in die Machtkämpfe hineingezogen und vor allem Letztere muss dabei helfen, einen schlimmen Ausgang zu verhindern. Die Geschichte entwickelt sich dadurch weiter und bekommt neue Elemente. Mir gefällt es sehr gut, dass der Autor einen anderen Fokus setzt, dabei aber nicht die Problematiken des Vorgängerbandes komplett ausradiert. Shusterman geht außerdem darauf ein, wie sehr die Ausbildung zum Scythe das Leben der Protagonisten beeinflusst hat ("'Komm uns bald wieder besuchen, Schatz", sagte Citras Mutter. 'Das ist immer noch dein Zuhause.' Aber das war es nicht mehr, und sie wussten es alle."). Obwohl deutlich zu erkennen ist, dass dieser Teil auch dazu dient, das Finale aufzubauen, wirkt er trotzdem nicht wie ein Füllband, der sich nur im Kreis dreht. Die Charaktere müssen sich neuen Herausforderungen stellen. Sowohl die Hauptfiguren als auch die Gegenspieler handeln dabei immer sehr durchdacht und mit Verstand, was die Ereignisse spannend und interessant macht. Gerade zum Ende hin wird es besonders aufregend. Es kommt zu mehreren Wendungen und einem unglaublich gemeinen Cliffhanger, der ungeheuer neugierig auf den nächsten Band macht.

Ein Charakter wird greifbarer, ein anderer bleibt undurchschaubar

Schon im ersten Band mochte ich den Humor unheimlich gerne. Es geht oft um ernste Themen und ständig stirbt jemand, doch es gibt immer wieder Momente, die die düstere Stimmung auflockern. Der Humor ist sehr subtil und wird nie im Übermaß genutzt. Es sind meistens kurze Augenblicke, wie ein Dialog oder ein Kommentar ([Citra, nachdem Scythe Curie jemanden beleidigt hat] "Marie! Ich habe ihm schon den Arm gebrochen, wir müssen ihn nicht auch noch beleidigen." [...] "Er wird meinen Arm in Gips legen." "In was?" "Voodoo!", sagte Marie. "Ein antikes Heilritual. Sie gipsen den Arm ein und lassen ihn monatelang so."). Auch in diesem Band kann der Leser an der ein oder anderen Stelle kurz mal schmunzeln oder auflachen. Vor allem die Szenen von Citra und Scythe Curie haben mir super gefallen. Sie arbeiten toll als Team zusammen und es ist wirklich zu erkennen, wie nahe sie sich stehen. Letztere mochte ich schon im ersten Band gerne, weil sie dort bereits sehr vielschichtig und interessant war, während die Hauptfiguren Rowan und Citra noch etwas blass wirkten. Daher habe ich mich wirklich gefreut, dass der Leser Citra jetzt viel besser kennenlernt. Ihre Persönlichkeit wird toll ausgebaut. Ich finde, es ist wirklich erkennbar, dass sie sich seit den Ereignissen vor einem Jahr verändert hat. Scythe Curie bleibt weiterhin mein Lieblingscharakter und ich finde es toll, dass sie und Citra in diesem Band viel Aufmerksamkeit bekommen. Es ist allerdings immer noch schwierig, einen wirklichen Zugang zu Rowan zu finden. Zwar habe ich den Eindruck, dass er insgesamt weniger oft in diesem Teil vorkommt, doch dann könnten seine Szenen wenigstens eindrücklicher sein. Leider agiert er oft sehr passiv oder verhält sich klischeehaft ("'Wenn du etwas zu sagen hast, sprich.' [...] Doch Rowan nutzte die Gelegenheit lieber, um ihm ins Gesicht zu spucken, was ihm einen brutalen Rückschlag des Mannes einbrachte."). Er gerät in gefährliche Situationen und zeigt überhaupt keinen Willen, sich selbst zu retten. Außerdem bleiben seine Gedanken und Gefühle sehr undurchschaubar. Es ist schwer zu erkennen, was ihn antreibt. Das sorgt auch dafür, dass die Liebesgeschichte zwischen ihm und Citra unstimmig bleibt. Ich fand sie schon im ersten Band unnötig, weil sie nichts zur Geschichte beiträgt. In diesem Band bleibt das leider so. Es wird immer noch nicht klar, was sie am jeweils anderen so gut finden. Zum Glück spielt die Romanze aber so gut wie keine Rolle und stört daher wenigstens nicht.
Es gibt allerdings eine interessante Neuerung: Statt der Tagebucheinträge der Scythe im ersten Teil, tauchen nun zwischen den Kapiteln die "Gedanken" des Thunderhead auf. Der Thunderhead ist eine körperlose künstliche Intelligenz, die alles auf der Erde kontrolliert. Seine Existenz und Aufgaben wurden schon im ersten Band vorgestellt, aber er blieb etwas sehr Vages. Es ist daher sehr spannend, diese kurzen Abschnitte zu lesen, in denen er über die Scythe, die Menschen oder andere Themen "nachdenkt". Denn mit der Zeit und den Vorkommnissen verändert sich auch seine Sichtweise langsam, was interessant ist, weil er eigentlich ein neutrales Oberhaupt zu sein scheint. Doch das, was auf der Erde passiert, hat sogar auf ihn einen Einfluss. Immer wieder blitzt auf, dass er eine eigene Meinung zu haben scheint. Er ist dieses Mal ein wirklicher Bestandteil der Handlung, ohne dass er ein Charakter aus Fleisch und Blut ist oder mit den Figuren agiert. Er zieht quasi aus der Entfernung den ein oder anderen Faden, obwohl es für ihn verboten ist. Das macht ihn zu einer außergewöhnlichen Ergänzung der Geschichte. 

Fazit

"Scythe - Der Zorn der Gerechten" ist ein gelungener zweiter Band von Neal Shustermans Jugendbuch-Trilogie. Er erzählt die Geschichte gut durchdacht weiter und führt neue Konflikte und Elemente ein, ohne dabei die alten zu vergessen. Die Geschichte bereitet das Finale vor, wird aber nicht zu einem Füllband. Positiv ist ebenfalls, dass einige Charaktere deutlich vielschichtiger werden. Leider bleiben andere immer noch etwas zu blass, um alle ihre Handlungen wirklich nachvollziehen zu können. Das Ende hat eine sehr gemeine Wendung, die sehr neugierig auf den letzten Teil macht.


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Montag, 16. April 2018

Evolution - Die Quelle des Lebens (Thomas Thiemeyer) - Rezension

"Evolution - Die Quelle des Lebens" ist der dritte und letzte Teil aus Thomas Thiemeyers Jugendbuch-Trilogie. Der Roman ist im Arena Verlag erschienen und umfasst 416 Seiten. 

Nachdem die Gruppe um Jem und Lucie den beschwerlichen Weg durch die Wüste überwinden musste, kommt sie endlich am Ziel an: die Oase der Zeitspringer. Doch nicht alle sind wohlbehalten zusammen. Katta ist spurlos verschwunden und Lucie liegt im Koma. Jem und seine Freunde lernen die oberste Ratgeberin GAIA kennen, die sie freundlich aufnimmt und viele ihrer Fragen beantwortet. Schnell beginnen sie darauf zu hoffen, mit ihrer Hilfe wieder ins Jahr 2017 zurückzukommen. Trotzdem ist die Gruppe vorsichtig, den Bewohnern der Oase einfach so zu vertrauen. Denn die scheinen ihre eigenen Ziele zu verfolgen und die Jugendlichen in einen perfiden Plan einbinden zu wollen. Dieser könnte bald über die Zukunft der Erde und aller Lebewesen entscheiden. 


Gelungener Abschluss einer tollen Trilogie

Wartet in der Oase ein Weg nach Hause?
Foto: Arena Verlag
Als ich mit dem Buch begonnen habe, konnte ich wie beim zweiten Teil sehr leicht in die Welt eintauchen. Obwohl es schon ein gutes halbes Jahr her ist, dass ich "Der Turm der Gefangenen" gelesen habe, hatte ich keine Probleme, wieder in die Geschichte zu finden. Eine Hilfe dafür ist auf jeden Fall die kurze Zusammenfassung der letzten beiden Teile im Buch. Ich habe darüber zwar schon bei meiner Rezension zum zweiten Band gesprochen, aber ich möchte trotzdem nochmal erwähnen, dass diese "Was bisher geschah"-Einleitung eine tolle Idee ist und wirklich öfter in Buchreihen benutzt werden sollte. 
In "Die Quelle des Lebens" lernt der Leser wieder eine neue "Welt" kennen. Dieses Mal ist es die technologisch sehr fortgeschrittene Enklave - eine gigantische Glaskuppel, in der die Menschen Schutz vor den Bedrohungen der Umwelt gesucht und eine neue Gesellschaft aufgebaut haben. Mir gefällt es richtig gut, dass jeder Band an einem anderen Ort spielt. Das ist ein tolles Konzept dieser Geschichte. Sie wird über die Trilogie toll erschaffen und wirkt insgesamt sehr durchdacht und rund. Jeder Band bietet dabei etwas Neues - nicht nur eine neue Umgebung, sondern auch neue Charaktere. Es kommt keine Langeweile auf und außerdem habe ich nach Beenden des Finales wirklich das Gefühl, diese Zukunftsversion unserer Erde sehr gut kennengelernt zu haben. 
Wie immer überzeugt Thomas Thiemeyer mit seinem flüssigen und spannenden Schreibstil. Ähnlich wie bei den Vorgängern bin ich auch hier durch die Seiten geflogen und hatte das Buch innerhalb von anderthalb Tagen beendet. Es gibt nicht andauernd nur Action, aber trotzdem gibt es keine langweiligen Stellen. Ich hatte beim Lesen nie den Eindruck, dass sich irgendwelche Szenen zu sehr ziehen, sie haben immer genau die richtige Länge. Es wird zwischen vielen Perspektiven gewechselt, was die Handlung abwechslungsreich und temporeich macht, ohne unübersichtlich zu werden. Ein zusätzlicher Pluspunkt ist definitiv, dass es so gut wie keine Momente gibt, die klischeehaft oder überzogen sind. In vielen Jugendbüchern gibt es hier und da gerne mal Szenen, die so klischeehaft sind, dass ich kurz mit den Augen rollen muss. In diesem Band hatte ich keinen einzigen dieser Momente. Die Figuren wirken immer sehr natürlich und echt. Es wirkt außerdem auch nichts konstruiert, nur um künstlich Spannung zu erzeugen. Die Handlung ist in sich einfach sehr gut aufgebaut und verliert nie den roten Faden. 
Eine Frage, die mich seit dem ersten Teil beschäftigt hat, ist die nach der Zeitreise. Die Geschichte beginnt ja damit, dass die Gruppe mit dem Flugzeug durch die Zeit springt und in der Zukunft landet. In "Die Quelle des Lebens" gibt es darauf endlich Antworten und Erklärungen. Ich habe diese Reihe mit einem wirklich positiven, zufriedenen Gefühl beendet, da auf viele offene Aspekte eingegangen wird und keine großen Fragen zurückbleiben. Das Ende ist zwar nicht wirklich überraschend, doch trotzdem gibt es auf dem Weg dahin einige unerwartete Ereignisse und Wendungen. Mareks Sinneswandel ist einer davon. Seit dem zweiten Teil hat er sich von seinen Freunden abgewendet, sie verraten und ist wie ein Besessener davon überzeugt, dass die neue Welt großartig ist. Am Ende des Finales trifft er dann eine Entscheidung, die gegen all das geht, woran er eigentlich geglaubt hat. Diese Wendung war toll eingebaut und ich habe sie nicht kommen sehen. 

Schlaue Pläne und ein ungewohnter Gegenspieler

Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist eines der zentralen Themen der Reihe. Die ersten zwei Bände haben sich stärker darauf konzentriert, die Feindschaft zwischen den beiden Parteien zu veranschaulichen. Jetzt kommt es auch zu einer Annäherung, die sich schon am Ende von Band zwei angedeutet hat. Mir gefällt besonders gut, dass die verschiedenen Standpunkte sehr ausführlich behandelt werden. Der Leser versteht, wieso die Menschen in der Oase die Tiere verabscheuen, warum Jem, Lucie und ihre Freunde sich ihnen anvertrauen und warum die Tiere sich gegen die Menschen gestellt haben. Es wird sehr interessant veranschaulicht, wie die verschiedenen Positionen zusammenstoßen. ("Lucie ballte verzweifelt die Hände zu Fäusten. 'Es muss doch auch eine Lösung geben, die irgendwo in der Mitte liegt. Eine Koexistenz zwischen Mensch und Tier. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir nur die Wahl zwischen schwarz und weiß haben.'") Dabei gibt es keine kindischen Diskussionen. Die Charaktere agieren meistens sehr erwachsen und treffen nie überstürzte Entscheidungen. Das ist mir besonders in diesem letzten Band sehr positiv aufgefallen. Die Figuren rennen nicht kopflos in gefährliche Situationen: Sie planen, diskutieren und stimmen ab, was sinnvoll ist. Jeder trägt dabei etwas zum Plan bei, sodass es toll ist, mitzuverfolgen, wie er langsam Gestalt annimmt. Außerdem gibt es keine unnötigen, sinnlosen Dramen zwischen ihnen. Dadurch macht es deutlich mehr Spaß, sie bei ihrem Weg zu begleiten, als wenn man als Leser ständig damit rechnen muss, dass jemand etwas Dummes macht. 
Wie schon kurz erwähnt, gibt es auch wieder viele verschiedene Perspektiven und Handlungsstränge, die parallel verlaufen. Obwohl man im ersten Moment meinen könnte, das sorgt für Verwirrung, hat es bei mir das Gegenteil bewirkt. Dank der gleichzeitigen Handlungen ist mehr Zeit vorhanden, um alle Charaktere gut einzubauen, wodurch keiner zu sehr in den Hintergrund rückt. Ich habe mir anfangs Sorgen gemacht, als noch weitere neue Charaktere hinzugekommen sind. Das war eines meiner Probleme im zweiten Band, bei dem ich zwischendurch mal den Überblick verloren habe. Doch in diesem Teil ist das nicht der Fall. Tatsächlich schafft es Thiemeyer hier, den einzelnen Figuren durch die Aufteilung genug einprägsame Szenen zu geben, dass sie alle in Erinnerung bleiben. Bei 13 Charakteren, die abwechselnd im Fokus stehen (nicht jeder bekommt Kapitel aus der eigenen Sicht), ist das definitiv ein ganz schöner Balance-Akt, den der Autor toll gemeistert hat. Ich fand beispielsweise gerade im ersten Band Zoe und Katta recht blass. Im Finale hingegen werden sie deutlich vielschichtiger und interessanter. Katta gerät in eine aussichtslose Lage und ist auf sich alleine gestellt, bevor sie unerwartet Hilfe bekommt. Ihre Entwicklung zu verfolgen hat mir richtig gut gefallen. Anfangs ist sie vollkommen verängstigt und verzweifelt, doch die Situation macht sie letztendlich stärker. Dadurch wird sie als Charakter toll ausgearbeitet. Insgesamt ist deutlich erkennbar, dass die meisten Figuren eine Entwicklung durchgemacht haben und die guten und schlechten Erlebnisse während dieser Zeit sie verändert haben, was mir ebenfalls super gefällt.
Als Gegenspieler haben die Jugendlichen diesmal etwas ganz Besonderes: eine künstliche Intelligenz. Einerseits finde ich das sehr spannend, weil es mal etwas anderes ist. Andererseits ist es als Leser aber auch schwierig, die Entscheidungen dieses Computerprogramms zu verstehen. Es ist schon etwas anderes, wenn ein Mensch etwas tut, weil oft eine Überzeugung dahinter erkennbar ist. Bei diesem Gegner ist das deutlich schwächer vorhanden. Das bringt eine gewisse Unberechenbarkeit mit sich, was gut ist. Thiemeiyer bringt das Unmenschliche, Kalte der künstlichen Intelligenz toll zum Vorschein. Gleichzeitig fehlt dadurch aber auch eine echte Persönlichkeit, was den "Charakter" weniger interessant macht.

Fazit

Das Finale der "Evolution"-Trilogie schließt die Geschichte um Jem, Lucie und ihre Freunde gut ab und beantwortet dabei wichtige offene Fragen aus den Vorgängern. Der letzte Teil kann ebenfalls durch eine tolle Weltenbildung und eine spannende Handlung überzeugen. Der tolle Schreibstil sorgt zusätzlich für einen temporeichen Lesespaß. Trotz der vielen Charaktere entsteht keine Verwirrung, weil die Figuren auf verschiedene Handlungsstränge aufgeteilt werden. Somit rückt keiner in den Hintergrund. Dadurch werden auch die Jugendlichen, die zuvor blass erschienen, vielschichtiger. Insgesamt ist die Reihe sehr durchdacht aufgebaut und erzählt eine in sich sinnvoll abgeschlossene Geschichte. Daher kann ich diese Trilogie definitiv empfehlen.


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Montag, 9. April 2018

Ready Player One - Buch vs. Film

- Der folgende Text enthält Spoiler - 

Am 5. April ist der Film "Ready Player One" in den deutsche Kinos erschienen, der auf dem gleichnamigen Roman von Ernest Cline basiert. Ich habe das Buch aus dem Jahr 2010 kurz vor dem Kinostart gelesen und werde in diesem "Buch vs. Film" beide Versionen miteinander vergleichen. 

Im Jahr 2045 ist die Erde ein ziemlich trostloser Ort. Viele Menschen flüchten daher in die virtuelle Welt, die OASIS. Dessen Erfinder James Halliday (Mark Rylance) starb fünf Jahre zuvor. Vor seinem Tod hat er in der OASIS mehrere Schlüssel versteckt. Löst man die Aufgaben, erwartet den glücklichen Gewinner ein goldenes Ei, Hallidays "Easter Egg". In seinem Testament hat er veranlasst, dass die Person, die das Ei findet, sein gesamtes Vermögen erhält und außerdem Eigentümer seiner virtuellen Welt wird. Nicht nur leidenschaftliche Gamer nehmen am Rennen um das Ei teil. Die IOI (Innovative Online Industries), ein globales Firmenkonglomerat und größter Internetanbieter der Welt, will den Wettbewerb mit allen Mitteln gewinnen, um die OASIS und alle Nutzer kommerziell auszubeuten. Nach fünf erfolglosen Jahren gelingt es dem 18-jährigen Wade Watts (Tye Sheridan), als erste Person den Schlüssel zu bekommen. Als sein Avatar Parzival erlangt er nun nicht nur in der virtuellen Welt Berühmtheit, sondern wird auch von der IOI in der echten Welt verfolgt. Doch er ist nicht allein, da die Schlüssel nicht einzigartig sind, sondern nach jedem Fund wieder an der gleiichen Stelle auftauchen. Vier weitere Spieler teilen bald Wades Schicksal: sein Online-Freund Aech (Lena Waithe), die Brüder Daito (Win Morisaki) und Shoto (Philip Zhao) sowie Art3mis (Olivia Cooke), in deren virtuelle Persönlichkeit Wade schon lange verknallt ist. Sie alle wollen verhindern, dass der arrogante und gefährliche IOI-Vorsitzende Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn) das Ei vor ihnen findet.


Eine knifflige Suche wird zum flachen Actionkampf

Der Film überzeugt vor allem optisch
Foto: Warner Bros. Pictures
Die virtuelle Realität der OASIS können sich Leser bereits im Buch durch die detailreichen Beschreibungen gut bildlich vorstellen. Da ein Großteil der Handlung an diesem Ort spielt, war ich wirklich gespannt darauf, wie er für den Film visualisiert wurde. Ich wurde definitiv nicht enttäuscht. Alles ist optisch toll umgesetzt. Die OASIS wird grandios zum Leben erweckt. Es wird veranschaulicht, wie viele unterschiedliche Welten in ihr existieren und dass jeder so aussehen kann, wie er will. Als Zuschauer taucht man wirklich in dieses kleine Universum ein und es macht Spaß, es zu erkunden. Die verschiedenen Avatare sehen ebenfalls klasse aus. Aber auch die Realität wird ansprechend übernommen. Die Kulisse passt perfekt zu der Atmosphäre einer heruntergekommenen Erde. In der ersten Szene wird Wades Zuhause in den "Stacks" gezeigt. Dieser Ort, an dem sich gigantische Türme von aufeinandergestapelten Wohnwagen befinden, klingt schon im Buch interessant. Auf der Leinwand wirkt er wirklich sehr beeindruckend. Das alles konnte mich während des Films beeindrucken. Neben der Optik kommt allerdings noch ein weitaus wichtigerer Aspekt hinzu: der Inhalt. Leider konnte der mich nicht wirklich überzeugen. Jeder, der das Buch gelesen hat, wird beim Film schnell merken, dass er anders ist. Sehr anders. Ich habe den Roman einen Tag vor meinem Kinobesuch beendet. Die Geschichte hatte ich also noch gut im Gedächtnis. Aber selbst Leser, die früher zum Original gegriffen haben, werden wohl die Veränderungen bemerken. Für mich wirkt es so, als wäre nur die Grundidee eines virtuellen Wettbewerbs genommen worden, um daraus einen reinen Actionfilm zu machen. Die Suche nach den drei Schlüsseln und das Meistern der Aufgaben ist reine Nebensache und hat im Gegensatz zum Buch auch kaum noch etwas mit der Popkultur der 80er Jahre zu tun. Im Roman erwacht dieses Jahrzehnt regelrecht zum Leben. Als Leser kann man die Liebe (und teilweise auch leichte Obsession) dazu auf jeder Seite spüren. Im Film ist von alldem kaum etwas zu merken. Keine einzige der Aufgaben, die Wade im Roman löst, wurde für die Adaption übernommen. Dass nicht alle vorkommen können, macht Sinn. Dafür sind sie zu komplex und langwierig und die Laufzeit des Films soll ja nicht fünf Stunden sein. Aber ich finde es schade, dass nicht mal eine der Aufgaben eingebaut wurde. 
Wade in der Realität, während sein Avatar Abenteuer erlebt
Foto: Warner Bros. Pictures
Insgesamt wirkt das ganze Spiel weniger anspruchsvoll. Im Buch vergehen Monate zwischen Wades Fund des ersten Schlüssels und dem Ende des Wettkampfs. Im Film scheint alles in wenigen Stunden, vielleicht Tagen zu passieren. Das macht den Sieg deutlich unspektakulärer. Das liegt aber wohl auch daran, dass die Rätsel relativ simpel gestaltet sind, während sie im Buch viel Wissen und Können verlangen. In einem Teil des Spiels muss Wade in die Rolle des Protagonisten aus dem Film "WarGames" schlüpfen und jede Szene exakt nachspielen. In einer anderen Aufgabe geht es darum, den Highscore von "Pac-Man" zu knacken, was fast unmöglich ist. Für so etwas muss man wirklich ein echter Nerd sein. In der Adaption landet die Gruppe beispielsweise in einer Simulation des Horrorfilms "Shining", wo ein Schlüssel versteckt liegt. Statt Wissen über den Film anzuwenden, kämpfen sie gegen Zombies, die im Original nicht mal vorkommen und tanzen am Ende mit einer virtuellen Version von Kira (Perdita Weeks), Hallidays Schwarm aus Jugendzeiten. Der Zuschauer erfährt übrigens fast gar nichts über diese Frau und es wird nicht verständlich, wieso sie eine so große Rolle im Spiel bekommen hat. Noch komischer ist aber das abgedrehte Autorennen um den ersten Schlüssel. In fünf Jahren hat es keiner geschafft, das Rennen zu beenden. Die Lösung: Man muss beim Start rückwärts fahren. Dadurch gelangt man auf eine unterirdische Fahrbahn ganz ohne Hindernisse. Es ist extrem unglaubwürdig, dass auf diese Idee in FÜNF JAHREN niemand gekommen ist! Mal abgesehen davon, dass dafür kein Wissen über irgendetwas gebraucht wird. Nachdem es also Jahre gedauert hat, um das erste Rätsel zu lösen, soll der Zuschauer ernsthaft glauben, dass alle anderen Aufgaben innerhalb kürzester Zeit machbar sind? Das ergibt nicht wirklich Sinn. 

Charaktere begeistern im Buch, aber enttäuschen im Film

Wades Alter Ego Parzival
Foto: Warner Bros. Pictures
Die Glaubwürdigkeit der Hauptpersonen ist im gesamten Film ein Problem für mich. Im Roman brennen die Figuren für die Popkultur und vergöttern Halliday und sein Lebenswerk. Das ist teilweise etwas übertrieben und manchmal war ich definitiv genervt, wenn Wade den Lesern sein endloses Wissen präsentiert hat. Aber gerade das macht diese Charaktere so glaubwürdig! Ich habe ihnen zu hundert Prozent geglaubt, dass sie Nerds und perfekt für die Suche nach dem Ei sind. Es macht Sinn, dass sie letztendlich so weit kommen. Im Film hingegen sind die Figuren nicht wirklich herausragend. Besonders Aech, Daito und Shoto bleiben sehr eindimensional. Ich finde es schwierig, sie als leidenschaftliche Geeks wahrzunehmen, weil sie eher wie typische Charaktere in einem Actionfilm wirken und kaum Persönlichkeit haben. So ist Aech beispielsweise nur dafür da, hier und da ein paar coole Sprüche rauszuhauen.
Samantha (alias Art3mis) ist genau bis zu dem Zeitpunkt interessant, als sie und Wade in der realen Welt aufeinandertreffen. Als ihr Avatar erscheint sie sehr stark, clever und geheimnisvoll. In der Realität sieht der Zuschauer davon nicht mehr wirklich viel und sie wird schnell in die Rolle des Love Interests gedrängt. Die Liebesgeschichte finde ich in beiden Versionen nicht wirklich gut gelungen, weil die zwei einfach keine Chemie haben. Im Film entwickelt sich die Beziehung allerdings viel zu schnell und wird dadurch noch unglaubwürdiger. Was mich aber besonders stört, ist die merkwürdige "Rebellion", der die junge Gamerin angehört. Sie spielt für ungefähr fünf Minuten eine Rolle, nur um dann nie wieder erwähnt zu werden. Beim ersten Zusammentreffen mit der IOI werden alle gefasst. Was auch immer mit ihnen passiert, der Zuschauer erfährt es nicht und hat sie sicher nach zehn Minuten bereits vergessen. Was ist das bitte für eine Rebellion? So etwas existiert im Buch überhaupt nicht. Die Charaktere bleiben für sich und sträuben sich sogar, als Team zu spielen. In der Verfilmung werden sie quasi ab der ersten Sekunde zu Freunden und meistern die Aufgaben als Team. Diese Änderung ist die einzige, die ich nachvollziehen kann. Es wäre wahrscheinlich weniger interessant gewesen, über ein Drittel des Films nur Wade als handelnde Figur zu sehen, so wie es im Buch der Fall ist. Trotzdem finde ich es etwas unglaubwürdig, wie schnell diese eigentlich sozial eher unangepassten Nerds sich bei der ersten Gelegenheit zusammentun. 
Samantha und Wade treffen in der echten Welt aufeinander
Foto: Warner Bros. Pictures
Im Roman punktet Wade durch sein kluges Handeln. Nach der verheerenden Explosion, durch die Sorrento ihn umbringen wollte, legt er sich eine neue Identität an. Er lässt IOI weiter im Glauben, er sei tatsächlich gestorben. Im Film wird er kurze Zeit nach der Explosion von Sorrento entdeckt. Sein Verhalten wirkt einfach sehr viel unüberlegter. Leider fehlt ein bestimmter Teil, der mir im Original so ziemlich am besten gefallen hat, weil er zeigt, wie durchdacht Wade gegen IOI vorgeht, komplett. Das Unternehmen ist die einzige bekannte Autorität und hat enormen weltweiten Einfluss. Menschen, die sich verschuldet haben, werden festgenommen, als Zwangsarbeiter eingesetzt und rund um die Uhr überwacht. Sie werden bis zu ihrem Lebensende ausgebeutet. Im Roman lässt Wade sich mit Absicht von der IOI festnehmen. Er schafft es, belastendes Material zu sammeln und wieder zu fliehen. Erstens fand ich diese Wendung richtig gut, weil sie nochmal viel Spannung erzeugt. Außerdem wird dadurch veranschaulicht, wie böse IOI und wie dystopisch die Welt wirklich ist. Der Film lässt diesen gesamten Handlungsstrang aus. Der dystopische Aspekt ist zwar immer noch erkennbar, als das Unternehmen Samantha festnimmt, wird aber deutlich oberflächiger behandelt.
Immerhin gibt es zum Schluss noch eine Übereinstimmung. Wie in der Vorlage geht es um die Botschaft, dass keine noch so gute virtuelle Realität das echte Leben ersetzen kann. Im Gegensatz zum Roman geht der Film sogar noch einen Schritt weiter und gibt einen kurzen Ausblick darauf, was nach Wades Sieg geschieht. Samantha und er sorgen unter anderem dafür, dass die OASIS zweimal pro Woche "geschlossen" ist, damit die Menschen wieder mehr in der Realität leben. So etwas fehlt im Buch, da es kurz nach dem Finden des Eis endet. Doch auch das kann die Adaption für mich nicht mehr retten. 

Fazit

Die Verfilmung von "Ready Player One" nimmt zwar die Grundidee des Romans, ändert aber quasi alle Elemente, die die Geschichte ausmachen. Statt die Popkultur zum Leben zu erwecken, wird sie vielmehr als platte Kulisse für einen Actionfilm genommen. Die Suche nach dem Ei hat kaum noch etwas mit Wissen über Filme, Serien und Spiele der 80er Jahre zu tun. Auch die Charaktere unterscheiden sich stark von ihren Vorbildern aus dem Buch. Es sind keine antisozialen Nerds mehr, sondern Teamspieler, denen ich das Nerdsein nicht wirklich glauben kann. Zwar kann die Adaption optisch überzeugen, doch wenn es um den Inhalt geht, greife ich lieber wieder zum Original. 


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