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Mittwoch, 22. August 2018

To All the Boys I've Loved Before - Buch vs. Film

- Der folgende Text enthält Spoiler - 

Seit dem 17. August ist die Buchverfilmung zu Jenny Hans "To All the Boys I've Loved Before" auf "Netflix" zu sehen. Ich habe kurz vor Veröffentlichung den Jugendroman gelesen und am Wochenende die Eigenproduktion des Streaminganbieters angeschaut. Im heutigen Post gibt es daher wieder ein "Buch vs. Film" (meine anderen Posts, in denen ich Verfilmungen mit dem Original vergleiche, findet ihr hier). Ich verrate euch, wo die Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen und welche Version mir besser gefällt. 

Lara Jean Song (Lana Condor) führt mit ihren 16 Jahren ein ziemlich ruhiges Leben. Statt auf Partys zu gehen, verbringt sie ihre Abende mit ihren Schwestern Margot (Janel Parrish) und Kitty (Anna Cathcart) oder dem Lesen kitschiger Liebesromane. Eine reale Liebesbeziehung hatte sie noch nie. Dafür träumt die Schülerin oft davon und schreibt allen Jungs, in die sie jemals verliebt war, einen Brief. Auf den Umschlägen stehen sogar die Adressen, verschickt aber keinen, da die Worte nur für sie bestimmt sind. Doch dann werden alle von ihnen überraschenderweise verschickt. Einer davon ist an Josh (Israel Broussard) gerichtet, in den Lara Jean sich ein paar Jahre zuvor verliebt hat. Nachdem er mit ihrer älteren Schwester Margot zusammengekommen ist, hat sie ihre Schwärmerei aufgegeben und als ihr Geheimnis bewahrt. Dieses Geheimnis kommt jetzt allerdings ans Licht. Um Josh in dem Glauben zu lassen, sie interessiere sich überhaupt nicht für ihn, fängt Lara Jean eine unechte Beziehung mit Peter (Noah Centineo) an. Der ist ebenfalls einer der Liebesbriefempfänger und schlägt ihr den Deal vor, weil er seiner Ex-Freundin Genevieve (Emilija Baranac) klarmachen will, dass es vorbei ist. 


Schöne Geschichte für Zwischendurch mit ein paar Schwächen

Lara Jeans Leben steht bald Kopf
Foto: Netflix
Mich konnten weder das Buch noch der Film komplett umhauen. Es gibt eine nette Handlung mit überwiegend sympathischen Charakteren, die mich aber letztendlich nur bedingt überzeugt hat. Sie hat mich in beiden Fällen gut unterhalten, aber nicht berührt. Wenn ich die Versionen miteinander vergleiche, gefällt mir Lara Jean im Film etwas besser. In der Vorlage von Jenny Han ist die Protagonistin kaum greifbar, weil sie ziemlich perfekt wirkt. Lana Condor schafft es aber, der Figur etwas mehr Ecken und Kanten zu geben. Dennoch bleibt Lara Jean auch dort etwas zu flach. Ich habe weder im Buch noch in der Adaption richtig mit ihr mitgefiebert oder mitgefühlt. Dafür gibt es einen weiteren Grund, der mich schon im Roman gestört hat: Es gibt so gut wie keine Charakterentwicklung. Lara Jean ist am Ende der Geschichte im Grunde genau da, wo sie angefangen hat. Daran ändern auch die gespielte Beziehung mit Peter nichts. Sie erlebt dadurch zwar neue Dinge, aber weder der Leser noch der Zuschauer merkt, dass sie sich dadurch in irgendeiner Form weiterentwickelt. Im Roman macht sie ironischerweise am Schluss exakt das, was sie auch schon früher getan hat: einen Brief schreiben. Dieser Stillstand hängt auch damit zusammen, dass sie keine echten Probleme oder Hürden überwinden muss, wie es bei Protagonisten meist der Fall ist. Als ich das Buch gelesen habe, war ich überrascht, wie wenig die Briefe letztendlich die Handlung bestimmen. Mit Ausnahme von Josh scheint es keinen der Jungs wirklich zu kümmern, dass Lara Jean ihnen geschrieben hat. Selbst Peter nimmt alles sehr gelassen und das Thema ist somit schnell vom Tisch. Sie muss sich damit überhaupt nicht herumschlagen. Da es auch sonst keine Probleme gibt, muss sie nichts groß ändern oder einsehen, um am Ende an ein bestimmtes Ziel zu gelangen - denn es gibt kein Ziel. Diese "Reise" habe ich bei "To All the Boys I've Loved Before" in beiden Versionen vermisst. 
Die Schwestern stehen sich im Buch näher
Foto: Screenshot
Ein weiterer Punkt, der mich beim Film gestört hat: Er legt den Fokus viel zu sehr auf die Liebesgeschichte, sodass sich die Handlung rund um Lara Jeans Familie kaum entfalten kann. Der Roman schafft ein etwas ausgeglicheneres Verhältnis zwischen dem Liebesplot und dem Familienleben. Dort merkt der Leser, wie eng die drei Schwestern sich stehen. Sie sind eine echte Einheit und haben zudem eine tolle, vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Vater. Vor allem Lara Jeans starke Verbindung zu Margot sorgt dafür, dass sich der Brief an Josh als ein echtes Problem zwischen den Geschwistern entwickelt. Im Film wirkt alles sehr viel "einfacher". Die Buchvorlage behandelt immer wieder das Problem, dass Lara Jean sich ihrer älteren Schwester Margot nicht anvertrauen kann. Denn sonst müsste sie ihr gestehen, dass sie in Josh verliebt war. Mehrmals hadert sie mit sich und flüchtet vor jedem Gespräch, wodurch der Leser versteht, dass es sie belastet. In der "Netflix"-Produktion beendet sie ein einziges Mal hastig eine Skype-Konversation mit ihrer Schwester, ansonsten macht die Adaption den Eindruck, es würde Lara Jean kaum beschäftigen. Eine Sache, die es zur Abwechslung im Roman nicht gibt und mich im Film dafür so richtig stutzig gemacht hat: Die Hauptfigur bildet sich ein, mit Josh oder Peter zu reden. In diesen Szenen tauchen die Figuren dann tatsächlich in ihrem Zimmer auf und sie führt imaginäre Gespräche mit ihnen. Ich vermute, es sollte wohl ihre starke Vorstellungskraft unterstreichen. Aber es wirkt einfach nur sehr komisch und vor allem wird dieser Aspekt nicht durchgezogen. Er taucht ein paar Mal am Anfang auf - ich habe nicht verstanden, was es dem Film oder dem Charakter bringen soll, weil diese Momente sehr irrelevant erscheinen. Ab der Mitte der Handlung passiert es dann gar nicht mehr. Da hätte sie auch einfach Selbstgespräche führen können, ohne dass der Zuschauer noch andere Figuren zu sehen bekommt.

Romanze mit fehlendem Tiefgang

Der Roman hat etwas mehr Charme
Foto: Hanser Verlag
Die Chemie zwischen Lara Jean und Peter wurde im Film gut umgesetzt, obwohl die Adaption die Beziehung insgesamt nicht so interessant gestaltet. Im Roman macht Lara Jean am Anfang deutlich, dass sie viele Charakterzüge an Peter nicht mag und ihn deshalb auch gar nicht attraktiv findet. Im Film ist sie von Anfang an "netter" in ihrem Umgang. Dadurch macht es aber auch nicht so viel Spaß, zu verfolgen, wie die Zwei sich langsam näherkommen. Besonders Lara Jean merkt, dass sie Peter völlig falsch eingeschätzt hat. Das Problem in der "Netflix"-Produktion ist meiner Meinung nach die Definition der Briefe. Im Original sind es keine richtigen Liebesbriefe. Sie schreibt zwar auch, wieso sie Gefühle entwickelt hat, endet ihre Botschaft aber vor allem bei Peter mit den Punkten, wieso sie sich "entlieben" konnte. In der Verfilmung werden sie immer nur als Liebesbriefe beschrieben und daher entsteht der Eindruck, Lara Jean wäre noch immer verknallt. Das macht die Romanze langweiliger. Im Buch gefällt mir der kleine Twist, dass sie Peter eigentlich gar nicht mehr gut findet. Sie will hartnäckig an diesem Standpunkt festhalten, am Ende erkennt sie aber doch, dass er sehr liebenswert ist - dieses Mal aber wegen richtiger, tiefliegender Gründer anstatt oberflächlicher Aspekte. Genau dadurch versteht der Leser viel besser als der Zuschauer, wieso sie sich langsam ineinander verlieben. Es gibt viele kleine Momente, in denen Peters charmante Seite aufgedeckt wird. So wird einem gemeinsam mit Lara Jean klar, wie er in Wahrheit ist. Einer meiner Lieblingsmomente: Peter kommt bei Lara Jean vorbei, um sie zu einer Party mitzunehmen. Sie backt aber Cupcakes für eine Schulveranstaltung ihrer kleinen Schwester. Als er sie nicht überzeugen kann, mitzukommen, verschwindet er nicht, sondern bietet ihr aufrichtig seine Hilfe an. Das war der erste Moment, in dem er mir langsam sympathisch wurde. Genauso süß sind die Buchszenen, in denen er mit Lara Jeans jüngerer Schwester Kitty interagiert, weil er genau weiß, wie er mit ihr umgehen muss und sie ihn daraufhin schnell ins Herz schließt. Im Film fehlen viele dieser Szenen und werden insgesamt auf zwei, drei reduziert. Peter wirkt darin außerdem von Anfang an deutlich weniger eingebildet und oberflächlich, wodurch der Zuschauer von seinem Charakter kaum überzeugt werden muss. All das sorgt dafür, dass es der Liebesgeschichte an Tiefgang fehlt. Die Geschichte im Buch ist zwar auch nicht die berührendste, die ich je gelesen habe, ist aber deutlich besser als die Verfilmung.
Lara Jean und Peter schließen sogar einen Vertrag ab
Foto: Netflix
Josh, der andere Love Interest, hat mir in beiden Versionen nicht richtig gefallen. Im Roman wird immerhin verdeutlicht, wieso sich sowohl Margot als auch Lara Jean in ihn verliebt haben. Er ist sehr hilfsbereit und versteht sich mit allen drei Schwestern und ihrem Vater sehr gut. Jenny Han kann die Chemie in dieser Hinsicht glaubwürdig herüberbringen. Als die Geschichte mit Peter anfängt, wird er allerdings langsam anstrengender und fällt auch an ein paar Stellen durch sein kindisch eifersüchtiges Verhalten negativ auf. Ich bin sehr froh, dass der Film wenigstens den bescheuerten Grund weggelassen hat, wieso Josh Peter nicht leiden kann: Er hat in der siebten Klasse bei einem unwichtigen Test geschummelt. Ja, das ist der Grund! Geht es noch dämlicher? Das bedeutet aber nicht, dass die "Netflix"-Version deshalb in dieser Hinsicht besser ist. Sie gibt nämlich überhaupt keine Begründung, mit Ausnahme von dem "Du bist zu gut für ihn"-Klischee, was aber kein Argument ist. Abgesehen davon verhält sich der Charakter im Film viel unsympathischer. Er taucht eigentlich nur auf, um beleidigt zu sein oder herumzunörgeln, weil Lara Jean Peter datet. In der unnötigsten Szene spielt er dann den "Helden", als Peter zu Lara Jean kommt, nachdem sie sich gestritten haben. Erstens hätte Lara Jean es sehr gut alleine hinbekommen, ihren "fake" Freund wegzuschicken. Zweitens ist diese "Du sollst verschwinden"-Floskel, die Josh ihm an den Kopf wirft, als er lediglich mit Lara Jean sprechen will und sich dabei nicht einmal aufdrängt, vollkommen peinlich, klischeehaft und verbraucht. Im Roman kann das alles noch irgendwie als ein Love Triangle bezeichnet werden, im Film so gar nicht. Abgesehen davon, dass Josh anstrengend ist, bringt Lara Jean dem Zuschauer auch nicht glaubhaft rüber, dass sie noch Gefühle für ihn hat. Das finde ich insgesamt aber nicht schlimm, weil Liebesdreiecke ohnehin eines der faulsten Mittel sind, um mehr Drama zu erzeugen. Dennoch macht es seinen Charakter fast komplett unnötig, weil er - anders als im Buch - nichts Wichtiges zur Handlung beiträgt. Am Schluss der Verfilmung gibt es dann noch ein kitschiges Happy End, das im Roman überraschenderweise nicht existiert! Für mich kam das fehlende Happy End ziemlich unerwartet, aber es hat mit sehr gut gefallen. In der Adaption hingegen gesteht Lara Jean Peter ihre Liebe und sie laufen glücklich über den Sportplatz der Schule - und erfüllen damit eines der größten Klischees in Liebesfilmen. Wer also ein "richtiges" Ende im Original vermisst hat, wird sich darüber vielleicht freuen. Ich hätte es nicht gebraucht.

Fazit

Das Buch und der Film haben beide ihre Schwächen und Stärken. Die Liebesgeschichte ist in keiner Version so richtig mitreißend, aber dennoch sehr charmant erzählt. Es fehlt an Tiefgang, wobei der Roman in dieser Hinsicht noch etwas verständlicher macht, wieso die Protagonistin sich verliebt. Die "Netflix"-Produktion schafft es dafür, die Chemie zwischen ihr und dem Love Interest ähnlich gut zu transportieren, sodass es Spaß macht, die Geschichte zu verfolgen. Letztendlich ist der Fokus in der Verfilmung aber zu sehr auf die Romanze beschränkt und lässt besonders den Familienaspekt fast komplett außen vor, was wirklich schade ist. "To All the Boys I've Loved Before" ist sowohl zum Lesen als auch zum Schauen eine süße Geschichte, die mich aber nicht komplett mitreißen konnte. Das Original von Jenny Han konnte mich aber etwas mehr überzeugen. 


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Freitag, 6. Juli 2018

Netflix Original Filme - Kurzrezensionen (Teil 5)

"Netflix" bringt jeden Monat mehrere neue Eigenproduktionen heraus. In unserer Reihe "Kurzrezensionen" stellen wir regelmäßig drei davon vor und fassen zusammen, ob sich das Angucken lohnt. Dabei rezensieren wir sowohl Serien als auch Filme und das Querbeet durch alle Genre hindurch. Diesmal geht es wieder um Filme. In der Vergangenheit haben wir uns bereits Horrorstreifen wie "Little Evil" und Romanzen wie "When We First Met", aber auch Actionfilme wie "Spectral" und Dramen wie "Kodachrome" gewidmet. 


Tau

Die Grafik ist nicht immer so gut
Foto: Netflix
Julia (Maika Monroe) wohnt in einer dreckigen Absteige und verdient ihr Geld damit, Menschen in billigen Nachtclubs zu bestehlen. Eines Abends wird sie in ihrer Wohnung überfallen und betäubt. Als sie aufwacht, ist sie an eine Liege gefesselt, geknebelt und verkabelt. Später wird sie in einen dunklen Käfig gebracht, in dem bereits zwei andere, ebenfalls gefesselte und geknebelte, Menschen (Fiston Barek, Ivana Zivkovic) eingesperrt sind. Julia realisiert, dass sie alle drei ein Implantat in ihrem Nacken eingesetzt bekommen haben. Mit einer List gelingt es Julia, das Labor und den Käfig zu zerstören und mit ihren Mitgefangenen abzuhauen. Die beiden werden jedoch während der Flucht von einem aggressiven Roboter getötet. Bevor er auch Julia umbringen kann, wird er von ihrem Entführer (Ed Skrein) davon abgehalten. Sein Name ist Alex. Er ist Leiter eines großen Technikunternehmens und entwickelt künstliche Intelligenzen. Eine davon ist Tau, die in seinem Haus integriert ist und auch den Killer-Roboter steuert. Alex hat Julia und mehrere andere Menschen, die aufgrund ihrer niedrigen sozialen Stellung von niemandem vermisst werden, gekidnappt, um ihre Hirnaktivitäten aufzuzeichnen. Da das Labor zerstört ist, kann sich Julia nun etwas freier bewegen, wird aber weiterhin gezwungen, bestimmte Tests zu absolvieren. Bald erfährt sie, dass Alex Tau von der Außenwelt abschottet und die sehr neugierige künstliche Intelligenz so gut wie nichts weiß. Im Gegenzug für Informationen, bittet sie Tau um die Hilfe bei ihrer Flucht.

Zu Beginn ähnelt "Tau" einem Horrorfilm
Foto: Netflix
Diese Inhaltsangabe mag klingen, als hätte ich damit schon den ganzen Film verraten. Zum Teil stimmt das auch, denn es geschieht nur sehr, sehr wenig. Es gibt ein paar Sequenzen (zum Beispiel Gespräche zwischen Julia und Tau, Aufnahmen von leuchtenden, digitalen Anzeigen...) und Sätze, die immer wiederholt werden. Nur zu Beginn und gegen Ende kommt ein bisschen mehr Leben in die träge Handlung. Andererseits muss die Geschichte ausführlich erklärt werden, da sie zwar simpel klingt, aber dennoch ziemlich verstrickt ist. Denn "Taus" ganz große Schwachstelle ist das Nicht-beantworten sämtlicher aufkommender Fragen. Der Zuschauer erfährt nicht, was Alex eigentlich genau erreichen will, weshalb er seine Forschung geheim hält und was Julia so besonders für das Experiment macht. Als Tau Julia mit Fragen zur Außenwelt löchert, habe ich ihn jedenfalls sehr gut nachvollziehen können. Nichts ist nerviger, als keine Antworten zu bekommen. "Tau" hat dadurch keinerlei Substanz, da nicht klar ist, wie die Handlung oder die Charaktere einzuordnen sind. Der Science-Fiction-Streifen hat mich in dieser Hinsicht und von der Geschichte her an "The OA" erinnert - die schlechteste "Netflix"-Serie, die ich je gesehen habe
Tau (hinten) weiß nicht mehr, wem er gehorchen soll 
Foto: Netflix
So grottig ist der Ende Juni 2018 erschienene Film nicht, da die Schauspieler deutlich besser sind als bei "The OA" und er einige beachtenswerte Themen aufwirft. Es gibt unzählige Handlungen über künstliche Intelligenz. In den meisten entwickelt die Technologie ein Eigenleben und wendet sich gegen die Menschen oder wird durch einen Funktionsfehler "böse". Hier wird ein viel spannenderer Aspekt angegangen: Tau verhält sich wie ein kleines Kind. Er ist neugierig, stellt Fragen und ist sich nicht über die Folgen seines Handelns bewusst. Dadurch wächst er sowohl Julia als auch dem Zuschauer ans Herz, obwohl er noch kurz zuvor zwei Menschen getötet hat. Dieses moralische Dilemma ist spannend und ungewöhnlich, da die KI-Technologie nicht einfach verteufelt, sondern von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Es ist auch interessant zu sehen, wie die junge Frau versucht, völlig alltägliche Dinge, wie Bäume oder Häuser, zu erklären, sodass der völlig unwissende Tau sie verstehen kann. Dasselbe gilt für die aufgeworfenen Fragen, wie "Schuldet man den Menschen, die einen `erschaffen´ haben etwas?" oder "Was macht eine Person zu einer Person?" Besonders eindrucksvoll ist in dieser Hinsicht eine Szene, in der Tau einen Tobsuchtsanfall bekommt - wie ein kleines Kind - und immer wieder schreit, dass er eine Person sei. Es ist deutlich zu merken, wie viel Angst die künstliche Intelligenz vor der Frage nach der eigenen Existenz hat. All das ist hochspannend, verläuft sich aber vollkommen, um Platz für übertrieben blutige Actionszenen zu machen. "Tau" hat sehr großes Potenzial, das leider größtenteils verschenkt wird. Hier wäre es deutlich sinnvoller gewesen, die Geschichte in einer Serie zu verarbeiten, um genug Zeit zu haben, um Lösungsvorschläge für die gestellten Fragen zu finden und dem Zuschauer die menschlichen Charaktere näher zu bringen.


Ihr Motto ist Widersprechen 
Foto: Netflix
Lona Skinner (Sami Gayle) und Bennett Russell (Jacob Latimore) haben nur wenig gemeinsam: Sie besuchen dieselbe exklusive Schule, sind die einzigen Mitglieder des dortigen Debattierclubs und können sich nicht sonderlich leiden. Ansonsten sind die beiden grundverschieden. Bennett ist der Sohn der erfolgreichen Politikerin Julia Russell (Uzo Aduba), die ihren guten Freund Barack Obama gebeten hat, Bennett eine Empfehlung für Yale zu schreiben. Lona wächst nach dem frühen Tod ihres Vaters bei ihrer Mutter Amy (Christina Hendricks) auf und muss immer aufs Geld schauen. Durch ihren Ehrgeiz und ihre Intelligenz hat sie ein Stipendium für die Schule bekommen und hofft nun, es so auch nach Harvard zu schaffen. Um ihre Chancen für die Aufnahme an den Elite-Universitäten zu verbessern, wollen die zwei Debattierchampions eine weitere Meisterschaft gewinnen. Allerdings können sie diesmal nicht individuell antreten, sondern müssen ein Team bilden. Da beide Einzelkämpfer sind, gestaltet sich das als schwierig, zumal auch ihre Mütter mitmischen, die sich schon in der Schulzeit nicht leiden konnten. Lediglich Vertrauenslehrerin Kathy (Helen Hunt) versucht zwischen Lona und Bennett zu vermitteln.

Die Mütter wollen helfen, wissen aber nicht wie
Foto: Netflix
Ich hatte "Candy Jar" schon eine ganze Weile auf meiner Liste, habe aber lange gebraucht, um mir den Film tatsächlich anzusehen. Die Beschreibung und der Trailer ließen darauf schließen, dass es sich dabei um einen typischen, klischeehaften Teeniestreifen handelt, in dem zwei gegensätzliche Jugendliche gezwungen sind, zusammenzuarbeiten und sich dann ineinander verlieben. Die Geschichte um Lona und Bennett geht zwar grob in diese Richtung, unterscheidet sich aber dennoch stark von Streifen mit einer ähnlichen Ausgangssituation. Zum einen fehlen die ganzen typischen Charaktere, die normalerweise in einem Jugendfilm vorkommen. Es gibt keine arroganten Sportler, keine egoistische Homecoming-Königin, keine altkluge beste Freundin oder einen albernen Klassenclown. Um genau zu sein, kommen so gut wie keine Teenager vor. Zwischendurch treten zwei Zwillingsbrüder dem Debattierclub bei. Deren einzige Funktion ist es jedoch, Fragen zum wettkampfmäßigen Debattieren zu stellen, damit es der Zuschauer nicht googlen muss. Ansonsten reden Lona und Bennett nur mit dem jeweils anderen oder mit ihren erwachsenen Bezugspersonen. Eine sehr akkurate Darstellung eines "Nerds", die in Filmen normalerweise eher verzerrt wird. Aber das kommt in "Candy Jar" so gut wie gar nicht vor. Zwar überlegen die beiden Protagonisten zwischenzeitlich, ob sie eine "normale" Zeit auf der High School hatten, aber sie ändern sich deswegen nicht. Sie sind einfach arbeitswütig, ehrgeizig und auf ihre Zukunft fixiert. Das wird aber nicht als verwerflich oder falsch dargestellt und die Charaktere haben auch keinen Sinneswandel am Schluss. Stattdessen endet der Film mit einer ähnlichen Szene, wie es sie schon zu Beginn gab, die zeigt, dass Lona und Bennett mit sich selbst im Reinen sind. Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine so realistische und wertfreie Darstellung von intelligenten Jugendlichen gesehen zu haben, die sich willentlich gegen ein "normales" Teenieleben entschieden haben.
Lona und Bennett stehen zu ihren Eigenarten
Foto: Netflix
Auch die anderen Themen des Films sind deutlich fundierter und erwachsener als in den meisten anderen dieses Genres. Das Debattierthema bei den Wettbewerben ist, ob Collegebildung umsonst oder weiterhin kostenpflichtig sein sollte. Dabei werden einige interessante Aspekte aufgeworfen, vor allem, als die Protagonisten gegen zwei Mädchen antreten, die nicht mit Fakten um sich werfen, sondern ihre eigenen Erfahrungen einbringen. Die Tatsache, dass Lona aus ärmlichen Verhältnissen stammt, wird in diesem Zusammenhang leider ein wenig vernachlässigt. Zwar erzählt ihre Mutter ständig, dass es ihnen an Geld mangelt und das Haus nicht so schön sei, aber ansonsten ist dieser Aspekt nicht wirklich bemerkbar. Hier wäre das Prinzip "Show don't tell" angebracht gewesen. Mein zweiter und tatsächlich schon letzter Kritikpunkt ist ein Logikloch: Obwohl vor jedem Debattierduell festgelegt wird, wer welche Seite vertritt, sind die beiden oben erwähnten Mädchen bis ins Finale gekommen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie kein einziges Mal für Studiengebühren argumentieren mussten. Aber wie hätten sie das bewerkstelligt, wenn sie keine Fakten, sondern nur eigene Erfahrungen mit den negativen Konsequenzen von teurer Bildung parat hatten? Mal abgesehen von diesen beiden Punkten ist "Candy Jar" ein unterhaltsamer Film. Das liegt unter anderem daran, dass nicht nur auf die üblichen Klischees, sondern auch fast vollständig auf die typische Liebesgeschichte verzichtet wird. Es gibt zwar Gefühle zwischen Lona und Bennett, doch die spielen nie eine zentrale Rolle und wirken immer angenehm unterschwellig. Stattdessen hat "Candy Jar" einige dramatische Elemente. Besonders eine Szene ist herzzerreißend und zeigt eindrücklich, wieso dem titelgebenden Süßigkeitenglas so viel Bedeutung beigemessen wird. Mehr kann ich leider nicht verraten, ohne eine wichtige Wendung zu spoilern. Denn die kommt wirklich überraschend - im Gegensatz zu der am Ende. Ich habe mir bereits am Anfang gedacht, dass das Universitäten-Szenario so aufgelöst werden würde. Alles in allem ist "Candy Jar" ein wirklich sehenswerter Film!


Set It Up

Lauter langweilige Charaktere
Foto: Netflix
Die 25-jährige Harper (Zoey Deutch) arbeitet als persönliche Assistentin für Kirsten (Lucy Liu), die Chefredakteurin eines Online-Sportmagazins. Von morgens bis abends muss sie die Launen ihrer Chefin ertragen und häuft Berge an Überstunden an. Eines Nachts begegnet sie ihrem männlichen Pendant Charlie (Glen Powell). Der 28-Jährige ist Assistent des Risikokapital-Anlegers Rick (Taye Diggs) und muss ein ähnliches Arbeitsklima wie Harper ertragen. Beide machen ihren Job nur, um später von der Stellung und den Kontakten ihres jeweiligen Bosses zu profitieren. Im Spaß schlägt Charlie vor, dass sie Kirsten und Rick verkuppeln könnten, da diese dann weniger Zeit im Büro verbringen würden. Nach einer Weile willigt Harper ein und die zwei schmieden allerhand Pläne, damit sich ihre Chefs ineinander verlieben. Dazu zählen ein gemeinsames Feststecken im Aufzug, ein Kisscam-Kuss bei einem Baseball-Spiel und zahlreiche Geschenke, die Harper und Charlie für ihren jeweiligen Boss aussuchen. Schließlich beginnen Rick und Kirsten tatsächlich eine Beziehung, wodurch ihre Assistenten mehr Freizeit haben. Eine Weile lang sind alle vier zufrieden, doch dann häufen sich die Probleme.

Rick und Kirsten haben absolut keine Chemie
Foto: Netflix
Romantische Komödien gehören zu den Genre, die ich am wenigsten mag. Sie sind mir zu albern, zu absehbar und zu eintönig. Der ähnlich gelagerte "Netflix"-Film "When We First Met" hat mich jedoch gut unterhalten und zu "Set It Up" hatte ich einige positive Kommentare gelesen, daher habe ich ihn mir angesehen. Im Gegensatz zu "Candy Jar", von dem ich mir wenig versprochen hatte und angenehm überrascht wurde, hat mich der neue Streifen extrem enttäuscht. Die Geschichte ist so langweilig, dass ich mehrere Anläufe gebraucht habe, um den Film überhaupt zu Ende zu gucken. Er ist klischeehaft und vorhersehbar wie fast alle romantischen Komödien, hat aber auch sonst keinerlei interessante Wendungen oder frische Ideen, die der Handlung irgendwie Schwung verleihen. Eine Stunde und 45 Minuten Laufzeit wäre mehr als genug gewesen, um irgendein Alleinstellungsmerkmal zu finden, mit dem sich die Geschichte von ähnlichen abgehoben hätte. Stattdessen passiert nicht viel mehr als das, was bereits im knapp über zwei Minuten langen Trailer zu sehen ist. Letztendlich dreht sich "Set It Up" überhaupt nicht um das titelgebende Verkuppeln, sondern um Charlies und Harpers fruchtlose Versuche, die große Liebe und einen Sinn in ihrem Leben zu finden. 
Harper und Charlie sind ganz nett, mehr auch nicht
Foto: Netflix
Das wäre noch tragbar, wenn zumindest die Charaktere charmant und sympathisch wären. Das ist aber nicht der Fall. Die beiden Assistenten sind das wandelnde Klischee eines hart arbeitenden Millenials, der Karriere machen möchte, aber durch einen ignoranten Boss daran gehindert wird. Diese Chefs haben natürlich keinen Funken Menschlichkeit in sich und werden regelmäßig körperlich wie verbal ausfallend. Dazu kommen noch der beste Freund (Pete Davidson) des Protagonisten und die beste Freundin (Meredith Hagner) der Protagonistin, die nichts weiter tun, als treudoof zu sein, außer es geht darum, die Verliebtheit ihres Gegenübers zu erkennen. Natürlich darf auch die obligatorische gefühlskalte, egoistische Freundin (Joan Smalls) des Hauptcharakters nicht fehlen, die nur auf dessen Geld und Ansehen aus ist. Harper und Charlie agieren relativ geschmeidig miteinander und wirken besonders in einer Szene, in der sie sich eine Pizza teilen, erfrischend realistisch. Alle anderen Figuren und ihre Beziehungen untereinander wirken nur steif und erzwungen. Die vermeintliche große Liebe zwischen Kirsten und Rick ist für den Zuschauer beispielsweise überhaupt nicht nachvollziehbar, da die beiden kaum gemeinsam zu sehen sind. Charaktere und Handlungen erscheinen so herzlos zusammengewürfelt, dass der Film einfach keinen Spaß macht. Es fehlt ihm schlicht und ergreifend an Seele und Substanz.


Das waren meine "Netflix"-Kurzrezensionen. Da der Streaming-Anbieter immer wieder neue Serien und Staffeln herausbringt, wird es sicher nicht der letzte Beitrag zu diesem Thema sein. Alle Posts zum Thema "Netflix" findet ihr hier.

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Sonntag, 3. Juni 2018

Letztendlich sind wir dem Universum egal - Buch vs. Film

- Der folgende Text enthält Spoiler -

Am 31. Mai ist der Film "Letztendlich sind wir dem Universum egal" in den deutschen Kinos angelaufen, der auf dem gleichnamigen Jugendbuch von David Levithan basiert. Ich habe den Roman kurz vor dem Kinostart gelesen und werde in diesem "Buch vs. Film" beide Versionen miteinander vergleichen. 

Seit A sich erinnern kann, wacht er (da es im Deutschen kein passendes Pronomen wie das englische "they" gibt, werde ich mich in diesem Text immer auf "er" beziehen und orientiere mich dabei auch an der Inhaltsangabe des Buches) jeden Morgen in einem anderen Körper auf. Die einzigen Dinge, die er weiß: Es ist immer eine Person im gleichen Alter wie er und nie jemand, der zu weit vom letzten Körper entfernt wohnt. So hat er schon viele Leben für einen Tag gelebt. Dabei ist er immer darauf bedacht, so wenig wie möglich zu verändern oder durcheinanderzubringen. Doch dann wacht er in Justin (Justice Smith) auf und trifft auf dessen Freundin Rhiannon (Angourie Rice, Mako). Er verliebt sich sofort in sie, obwohl er weiß, wie aussichtslos die Lage ist. Jeden Tag versucht er, sie wiederzusehen, jedes Mal in einem anderen Körper. Letztendlich verrät er ihr sein Geheimnis, das er noch nie jemandem anvertraut hat. Für Rhiannon ist das anfangs zu viel zu Verarbeiten. Erst langsam versteht sie, dass sie es tatsächlich immer mit derselben Person zu tun hat, die immer in einem anderen Körper steckt. Sie merkt, dass sie Gefühle für A entwickelt, aber kann sie wirklich eine Person lieben, die jeden Tag in einer komplett anderen Person steckt? 


Perspektiventausch für die Verfilmung

Kann diese Liebe wirklich funktionieren?
Foto: Orion Pictures
Der größte Unterschied zwischen dem Roman und der Adaption ist die Erzählperspektive. Während die komplette Geschichte im Buch aus As Sicht abläuft, verfolgen die Zuschauer beim Film größtenteils Rhiannons Leben. Die einzigen Szenen, in denen A alleine zu sehen ist, sind die, in denen er morgens aufwacht und sich mit seinem jeweiligen Körper vertraut macht. Nur als er in Rhiannons Körper landet, bekommt der Zuschauer etwas mehr Einblicke in sein Leben beziehungsweise wie er ihr Leben führt. Diese Änderung hat mich überrascht. Gerade As Leben macht das Buch so besonders und einzigartig. Als Leser erlebt man ihn jeden Tag in einem anderen Körper. Seine Ansichten sind wirklich spannend zu lesen, weil er schon so viel erlebt hat und so viel kennt. Das alles genauso überzeugend auf die Leinwand zu bringen, ist sicherlich schwer. Doch ich hatte gehofft, dass sich der Film mehr auf As Leben konzentriert. Dadurch, dass der Fokus eher auf Rhiannon liegt, wirkt die Adaption mehr wie ein typischer Liebesfilm mit einem besonderen Twist in Form von A. Das ist schade. Ich muss allerdings sagen, dass mich die schauspielerische Leistung der vielen verschieden Darsteller von A durchweg überzeugen konnte. Sie alle haben es geschafft, dass man ihn in ihnen wiedererkennt. Auch deshalb ist es ärgerlich, dass der Zuschauer viel mehr vom Alltag der Sechzehnjährigen sieht, in die er sich verliebt hat. Teilweise sind da Szenen und Charaktere bei, die nicht wirklich etwas zur Geschichte beitragen und fehl am Platz wirken. So konnte ich mit Rhiannons Schwester Jolene (Debby Ryan), die extra für den Film hinzugefügt wurde, nicht wirklich etwas anfangen. Die einzigen Momente mit ihr sind die gemeinsamen Autofahrten zur Schule. Sie hört die meiste Zeit nur halb gelangweilt zu und wirkt dabei immer, als wäre sie halb betrunken. Bis zum Ende gibt es keinen einzigen Augenblick, der zeigt, wieso sie ein wichtiger Teil der Geschichte sein soll. 
Jolenes Charakter hätte auch wegfallen können
Foto: Screenshot Trailer
Während dieser im Buch nicht existente Teil Platz im Film bekommt, wird ein interessanter Teil aus dem Roman stark reduziert: Nathans (Lucas Jade Zumann) Geschichte. Nachdem A in seinem Körper war, glaubt er, der Teufel hätte Besitz von ihm ergriffen. Er lässt nicht locker, um herauszufinden, was mit ihm passiert ist und wirft damit große Wellen. Dutzende Foren und Nachrichtensender thematisieren seine Story, was A natürlich Sorgen bereitet. Diesen Vergleich zu einer dämonischen Besessenheit fand ich im Buch sehr spannend. Besonders mysteriös wird es aber, als er eine Person trifft, die angeblich genauso ist wie er selbst. Ob das letztendlich stimmt oder nicht, wird offen gelassen. Das alles gibt dem Leser aber wirklich zu denken, was genau A eigentlich sein könnte. Der Roman zeigt dadurch auch negative Aspekte auf, als A selber darüber nachdenkt, wie er sich jeden Tag ungefragt in das Leben einer Person drängt und es jederzeit drastisch verändern könnte. Das alles bleibt in der Verfilmung sehr oberflächlich. Ab der Hälfte wird das Thema quasi fallen gelassen, Nathan komplett aus der Handlung verdrängt und sich nur noch auf die Liebesgeschichte konzentriert.
Rhiannon liebt A, doch reicht das für eine feste Beziehung?
Foto: Screenshot Trailer
Eine Änderung, die mir bei dem Film allerdings gut gefallen hat, ist das Ende. Im Buch wird es schon während der Geschichte verständlich, wieso sich A schließlich gegen die Beziehung entscheidet. Immer wieder spricht er darüber, dass er die Leben, in die er schlüpft, so wenig wie möglich durcheinanderbringen möchte. Als Leser bin ich fest davon ausgegangen, dass er die Idee, einen Körper einfach nicht mehr zu verlassen und damit das Leben dieser Person zu stehlen, niemals durchziehen wird. Da der Film allerdings alle seine Gedanken zu diesem Thema fast komplett ausradiert, wäre die Entscheidung für die Zuschauer wahrscheinlich weniger nachvollziehbar gewesen. Daher fand ich es gut, dass er für ein paar Tage wirklich in Alexanders (Owen Teague) Körper bleibt und dadurch versteht, wie falsch diese Lösung ist. Die Szene, in der A in dessen Körper nach Hause kommt und die Familie auf ihn gewartet hat, um dessen Geburtstag zu feiern, war sehr eindrücklich. Erst dann realisiert A wirklich, dass er ein Leben an sich reißt, das ihm nicht gehört. 

Tiefgang des Buches fehlt im Film

A im Körper des transsexuellen Vic (Ian Alexander)
Foto: Screenshot Trailer
Das Thema der dämonischen Besessenheit bleibt nicht der einzige Aspekt, der relativ oberflächlich behandelt wird. Ärgerlich ist das vor allem dann, wenn das Potential vorhanden ist, genauer auf bestimmte Dinge einzugehen. Einmal wacht A beispielsweise im Körper eines Blinden auf. Diese Szene dauert nicht einmal eine halbe Minute und will dem Zuschauer lediglich veranschaulichen, dass die Person blind ist. Das wirkt wirklich sehr lieblos eingefügt, als wäre es nur mit in den Film gepackt worden, um zu zeigen: A kann auch in Menschen aufwachen, die mit Behinderungen leben. Schade nur, dass dann gar nicht gezeigt wird, wie A damit umgeht. Im Buch erzählt er Rhiannon von seinen Erfahrungen, die er gemacht hat, als er in Menschen gelebt hat, die blind waren.
Rhiannon ahnt nicht, dass Justin gerade nicht er selbst ist
Foto: Screenshot Trailer
Generell ist A im Buch öfter in "problematischen" Körpern, sei es in dem eines Drogenabhängigen, eines stark Übergewichtigen oder auch in dem eines "bösen" Mädchens, das von allen gefürchtet wird. Das macht seinen Charakter sehr interessant, weil man mitbekommt, wie er damit umgeht. Einerseits spricht er mit dem Leser über seine bisherigen Erfahrungen, die er bereits gemacht hat. Andererseits erlebt man dann auch noch in konkreten Situationen, wovon er zuvor gesprochen hat. Außerdem sind seine Beschreibungen, wie sich die Körper anfühlen, immer sehr anschaulich und verständlich. Dadurch glaubt man als Leser wirklich, zu verstehen, wie es ihm gerade ergeht. Diese ganzen spannenden Stellen wurden für den Film entfernt. Dadurch wirkt A als Charakter immer sehr weit weg. Der Zuschauer weiß kaum, was er denkt und wie er sich fühlt. Das alles sorgte dann dafür, dass ich in die Liebesgeschichte deutlich weniger investiert war als im Buch. Die Figuren sind dort einfach greifbarer, vor allem A. 
A ist im Buch viel interessanter
Foto: S. Fischer Verlag
Im Roman gibt es die sehr emotionale und eindrückliche Handlung, als A im Körper der depressiven, suizidgefährdeten Kelsea (Nicole Law) aufwacht. Durch die sehr bildlichen und ausführlichen Beschreibungen wird dem Leser gut verständlich gemacht, wie so eine Krankheit im Inneren einer Person aussehen kann. Diese Zeilen zu lesen war wirklich intensiv, weil ihre Gedanken so hoffnungslos und finster sind. Als A dann herausfindet, dass sie in wenigen Tagen Selbstmord begehen will, beschäftigt ihn das sehr und er sucht verzweifelt nach einem Weg, es zu verhindern. Diese Stelle hat bei mir einen starken Eindruck hinterlassen und mich wirklich berührt. Anders im Film: Dort wird die Thematik schwächer abgehandelt und die Lösung wirkt hier zu "einfach". Auch wenn es in beiden Fällen damit endet, dass A ihrem Vater alles erzählt und damit für sie Hilfe holt, wird über das Thema im Roman wirklich geredet, während das im Film so gut wie nicht passiert. Der Zuschauer erhält kaum einen Einblick, wie es in ihrem Inneren aussieht und die Szenen konnten mich nicht so sehr berühren, wie es der Roman geschafft hat. In der Adaption wirkt es daher leider einfach so als wäre diese Krankheit mit eingebaut worden, weil gerade durch die erfolgreiche "Netflix"-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" verstärkt darüber geredet wird. Damit wird es zwar erwähnt, bleibt aber vollkommen oberflächlich. Immer dann, wenn es zu Tiefgang kommen könnte, wird das im Film schnell abgehandelt. So fragt Rhiannon A auch in einem ruhigen Moment, ob er sich mehr als Junge oder Mädchen fühlt. A antwortet nur halb im Scherz mit "Ja", dann ist die Szene auch schon vorbei. Im Buch werden Aspekte wie dieser deutlich ausführlicher behandelt, wodurch der Leser auch die Charaktere sehr viel besser versteht als der Zuschauer sie während des Films. 

Fazit

Während sich die Verfilmung zwar inhaltlich größtenteils an die Romanvorlage hält, fehlt es ihr an einigen Stellen an Tiefgang. Das Besondere an der Geschichte ist, dass der Hauptcharakter jeden Tag in einem anderen Körper aufwacht, doch der Film konzentriert sich mehr auf das Leben des Love Interests. Dadurch wirkt die Adaption an viele Stellen wie ein typischer Liebesfilm. Außerdem werden Charaktere eingefügt, die im Buch gar nicht oder kaum vorkommen, während dadurch andere interessantere Handlungen des Romans weniger Platz in der Adaption bekommen. Es kommen zwar auch ernste Themen wie Depressionen vor, doch anders als im Buch bleiben auch diese Stellen eher oberflächlich. Statt sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen, scheinen sie eher nur deshalb mit eingebaut worden zu sein, damit sie vorkommen. Auch wenn der Film für sich allein stehend eine schöne Liebesgeschichte erzählt, konnte mich das Buch letztendlich viel mehr berühren.


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Mittwoch, 7. März 2018

Katrins Top 15 Musicals

Ich habe mittlerweile 50 verschiedene Musicals in mehreren Ländern auf drei verschiedenen Kontinenten angesehen. Darunter waren einige Reinfälle, viele gute Stücke und einige grandiose , die ich mir immer wieder ansehe. In diesem Post stelle ich euch meine Top 15 vor.
Zur Info: Zu meinen 50 Musicals zähle ich nur diejenigen, die ich live im Theater angeschaut habe - Videoaufnahmen, Kinoübertragungen und Co. also nicht. Tolle Produktionen wie "Newsies", "Dear Evan Hansen" und "Rent", die in meinem "Top 50 Musical Songs"-Post gleich mehrmals vorkommen, finden sich hier nicht, da ich ich sie leider noch nicht gesehen habe. 



15. If/Then

Foto: Fox Theatricals
Ich schaue mir ein Musical an, wenn mir die Handlung, die Musik oder die Stimmung zusagt. "If/Then" ist eins der wenigen Stücke, bei denen die Besetzung der entscheidende Punkt war. Die Hauptrolle wurde nämlich von Indina Menzel, einer der bekanntesten, internationalen Musicaldarstellerinnen, gespielt. Wer sich in der Broadway-Welt nicht auskennt, wird ihre Stimme vermutlich trotzdem schon einmal gehört haben: Sie spricht Elsa in der englischen Originalversion von "Die Eiskönigin". Letztendlich hat mir am Stück aber vor allem die kreative Geschichte gefallen. Sie ist in zwei Handlungsstränge aufgeteilt und zeigt, wie eine einzige Entscheidung den Rest des Lebens beeinflussen kann. Dabei behandelt das Musical viele ernste Themen, wie Krieg und Abtreibung. Beide Geschichten haben ihr eigenes Produktionsdesign, sodass der Zuschauer anhand der Farbgebung erkennen kann, um welche es sich handelt. Interessant ist hinterher auch die Diskussion, welchen Weg man selbst gehen würde und welche Abzweigungen man vielleicht schon verpasst hat. Es gibt jedoch auch Abstriche: Ich kann mich beispielsweise überhaupt nicht an die Musik oder die meisten Nebencharaktere erinnern.


14. Thoroughly Modern Millie

Foto: La Jolla Playhouse
Dieses Musical konnte mich vor allem durch seine witzige, schräge Geschichte fesseln. Das Stück nimmt sich selbst nicht ernst und das ist seine große Stärke. Handlung und Charaktere, Moral - alles ist herrlich überdreht und mit Klischees überladen. "Thoroughly Modern Millie" schlägt zwar auch ein paar leise Töne an, es ist aber vor allem ein lautes, buntes und verrücktes Gute-Laune-Stück. Damit passt es auch perfekt zu seinem Setting. Durch das tolle, detaillierte Bühnenbild und die Kostüme wird das New York der 1920er lebendig. Wie bei "If/Then" mangelt es jedoch auch diesem Musical an ergreifender oder eingängiger Musik. Außerdem passt die Nebenhandlung um den Slavenhändlerring nicht zum humorvollen Rest der Geschichte.


13. Rebecca

Foto: Stage Entertainment
"Rebecca" ist eins der wenigen Stücke mit einer überzeugend gruseligen und düsteren Stimmung. In allem - Charaktere, Beleuchtung und Requisiten - liegt etwas Mysteriöses, Beunruhigendes. Die Handlung ist spannend und hebt sich damit klar von den meisten anderen Musicals ab, die eher in Richtung Drama, Romantik oder Humor gehen. Im emotionalen Bereich schwächelt "Rebecca" dafür. Sowohl die Liebesgeschichte als auch die dramatischen Szenen wirken erzwungen und wenig glaubhaft. Die Charaktere sind zudem sehr hölzern und unsympathisch. Allerdings habe ich sowieso kaum auf sie geachtet, denn die Kulissen sind weltklasse - ganz besonders die brennende Treppe am Ende. Beim Soundtrack bin ich hingegen zwiegespalten: Es gibt ein paar schöne Lieder und zwei fantastische, gewaltige Balladen. Der Rest kann übersprungen werden. Der Soundtrack enthält 48(!) Tracks - die meisten sind weniger als drei Minuten lang und hätten nicht gesungen werden müssen.


12. Aida

Foto: Disney Theatrical Productions
"Aida" war das erste Musical, das ich je besucht habe. Damals war ich zehn Jahre alt und kann mich nur noch bruchstückhaft an die Aufführung erinnern. Ich werde aber niemals vergessen, wie überwältigt ich von der Musik, dem Bühnenbild und der Atmosphäre war. Die Geschichte ist unglaublich fesselnd und berührend - besonders die letzten Augenblicke. Sie zeigen, dass ein Ende irgendwo auch ein neuer Anfang ist, selbst das Lebensende. Die tragischen Momenten werden zudem toll in Szene gesetzt, sodass sie lange im Gedächtnis bleiben. Dazu kommt die tolle Musik der beiden Musical-Legenden Elton John und Tim Rice, die unter anderem zusammen am Soundtrack des "Disney"-Films "Der König der Löwen" mitgearbeitet haben. 


11. Ghost

Foto: Stage Entertainment
"Ghost" war mein 50. Musical. Ehrlich gesagt hatte ich nicht allzu viel erwartet, da ich mit Romanzen wenig anfangen kann und den gleichnamigen Film nicht kannte. Ich wurde jedoch positiv überrascht. Die Musik ist ziemlich eintönig und uninspiriert, ansonsten ist das Stück toll. Vor allem das Produktionsdesign hat mich begeistert. Die Kulissen bestehen nur aus wenigen Requisiten, dennoch fühlen sie sich realistisch an, da Licht und Projektionen geschickt atmosphärisch eingesetzt werden. Durch die Technik sieht sogar die Magie der Geister unglaublich echt aus. Trotz dieser übernatürlichen Elemente ist das Musical angenehm bodenständig. Die Charaktere haben einen trockenen Humor, realistische Motive und sprechen nicht so unnatürlich schwülstig wie viele Broadway-Figuren (hier geht es zu meiner kompletten Rezension).


10. Billy Elliot

Foto: Universal Pictures
Gleichzeitig singen, schauspielern und perfekt Ballett tanzen - was viele Erwachsene niemals schaffen würden, sieht in "Billy Elliot" bei Elf- und Zwölfjährigen kinderleicht aus. Vor allem die Vorgänge hinter den Kulissen sind bei diesem Musical spannend. Es ist unglaublich, was die junge Darsteller leisten, vor allem wenn man bedenkt, dass sich am Westend und Broadway meistens vier von ihnen die Hauptrolle teilen (zum Vergleich: der deutlich kleinere Part des jungen "Tarzan" wird im gleichnamigen Musical in Oberhausen derzeit von acht Jungen gespielt). Die Tanzszenen, sowohl der Erwachsenen, als auch der Kinder, sehen fantastisch aus. Außerdem fängt das Stück die Emotionen der Charaktere und die Stimmung sehr gut ein. An einigen Stellen ist die Handlung jedoch ein wenig zu schräg, was nicht zur bodenständigen Handlung passt.


9. Tarzan

Foto: Disney Theatrical Productions
"Tarzan" ist das erste Musical auf dieser Liste, bei dem ich am Soundtrack nichts auszusetzen habe. Allerdings sind die Lieder, die bereits im "Disney"-Film vorkommen, deutlich eingängiger und emotionaler als die, die extra für die Bühne geschrieben wurden. Man hat als Zuschauer das Gefühl, bei diesem Stück nicht nur zuzusehen, sondern ein Teil der Geschichte zu sein, da die Charaktere durch die Gänge laufen und über dem Publikum schweben. Die kleinen Stunts sehen toll aus und erwecken den Eindruck eines 360 Grad-Erlebnisses. Ansonsten ist das Bühnenbild sehr spärlich, fast ein bisschen lieblos. Vor allem, wenn man es mit den Kulissen anderer "Disney"-Musicals wie "Der König der Löwen" oder "Mary Poppins" (hier geht es zu unserer Rezension) vergleicht.


8. Das Phantom der Oper

Foto: Stage Entertainment
"Das Phantom der Oper" habe ich mittlerweile schon mehrmals gesehen. Ich mag besonders die Zwiespältigkeit der Geschichte. Keiner der Charaktere ist "gut" oder "böse". Sie alle sind vielschichtig aufgebaut und haben sowohl positive als auch negative Eigenschaften - ich finde jedoch alle Figuren herzlich unsympathisch. Dafür liebe ich die ersten Momente der Show, wenn der Leuchter während der Ouvertüre an die Decke wandert und das Theater in der Zeit zurückreist. Die Kulissen und die Kostüme - ganz besonders während der "Maskenball"-Szene - sind fantastisch. Der Soundtrack ist ebenfalls grandios, wenn auch für meinen Geschmack viel zu opernlastig - immerhin ist es ein Musical.


7. Sister Act

Foto: The Shubert Organization
Bei diesem Musical ist es schwierig, keine gute Laune zu bekommen. Die Energie und die Fröhlichkeit sind einfach ansteckend. Dazu kommt eine große Portion Humor, der auch von Show zu Show ein wenig geändert wird, um möglichst frisch und tagesaktuell zu bleiben. Die tolle Musik aus dem gleichnamigen Film kommt leider nicht vor. Die Musicalsongs sind zwar auch cool, aber sehr poplastig. Da es aber immer noch um einen Nonnenchor geht, wären ein paar leisere oder kirchlich angehauchte Lieder passender gewesen. Dafür finde ich die Figurenentwicklung in der Show nachvollziehbarer als im Whoopi-Goldberg-Streifen, da das Publikum mehr über die Bösewichte und die anderen Nonnen erfährt. Außerdem ist der Einfall echt klasse, den Papst am Ende vom Dirigenten spielen zu lassen.


6. Bodyguard

Foto: Stage Entertainment
Genau wie "Ghost" habe ich auch "Bodyguard" aus reiner Neugierde und ohne den Film zu kennen angeschaut, aber keine großen Erwartungen gehabt. Ich war hinterher wirklich froh, dieses Musical nicht verpasst zu haben. Der Soundtrack ist einfach klasse: Keine "Überbrückungslieder" oder Sprachgesang, stattdessen lauter Power-Songs von Whitney Houston - darunter auch die weltbekannten Lieder "I Will Always Love You", "One Moment In Time" und "I'm Every Woman". Ich finde außerdem die Tatsache richtig gut, nur zwei Charaktere singen zu lassen und auch nur wenn es "logisch ist" (Die Figuren singen nicht einfach in jeder x-beliebigen Situation, wie in 95% der Musicals, sondern ausschließlich, wenn es in der Geschichte Sinn ergibt, also beispielsweise bei Proben oder Auftritten.). Dadurch wirkt die Handlung realistischer und bodenständiger, da Dialoge nicht von Gesang unterbrochen werden. Den gleichnamigen Film habe ich übrigens nicht gesehen. Laut der Inhaltsangabe unterscheidet er sich in zwei sehr wichtigen Punkten von der Bühnenversion - deren Handlung finde ich deutlich schlüssiger.


5. Ich war noch niemals in New York

Foto: Stage Entertainment
Um es gleich klarzustellen: Nein, ich mag die Lieder von Udo Jürgens nicht. Dass es "Ich war noch niemals in New York" trotzdem in meine Top 5 geschafft hat, spricht also definitiv für das Musical. Es hat einfach einen unglaublich witzigen Humor und viele kreative Einfälle, wie die geniale Navi-Irrfahrt. Das Stück nimmt sich nicht sonderlich ernst, sondern will einfach nur gute Laune versprühen, sodass ich Lust hatte mitzusingen, obwohl mir die meisten Songs überhaupt nicht gefallen. Ich bin auch kein Fan von Liebesgeschichten, mag die in diesem Musical aber, weil sie nicht süßlich ist, sondern sehr amüsant und bissig. Außerdem hat das Musical eine der beeindruckendsten Kulissen - ein riesiges, zweistöckiges Kreuzfahrtschiff, das von allen Seiten anders aussieht. 


4. Rocky

Foto: Stage Entertainment
Ich kenne niemanden, dem "Rocky" nicht gefallen hat, selbst die Musicalhasser in meinem Umfeld fanden das Stück fantastisch. Das liegt vor allem an dem komplett ungewöhnlichen Konzept. Die Handlung des Films (wieder einer, den ich nicht geguckt habe...) klingt so gar nicht nach Musical und dennoch funktioniert es unglaublich gut. Das große Highlight ist der Boxkampf am Ende - für mich die visuell beste Szene, die ich je auf einer Bühne gesehen habe! Die Schläge und Verletzungen sehen echt aus, der Ring ist direkt im Zuschauerraum und die Szene wird live auf einem großen Bildschirm gezeigt - wie bei einem echten Kampf. Die Idee alleine ist schon grandios und die Umsetzung einfach fantastisch. Doch auch sonst hat das Stück einiges zu bieten - sympathische Charaktere, detailverliebte Kulissen, tolle Effekte und einige wirklich schöne Songs. Kein Wunder, dass "Rocky" das einzige deutsche Musical ist, das es an den Broadway geschafft hat. 


3. We Will Rock You

Foto: Queen Theatrical Productions
"We Will Rock You" ist das Bühnenstück, das mich mit Abstand am meisten positiv überrascht hat. Ich habe es vor vielen Jahren zum ersten Mal gesehen, als ich im Urlaub Lust auf ein Musical hatte und in der Stadt gerade nichts anderes lief. Ich habe das Theater als großer WWRY- und Queen-Fan verlassen. Die Musik ist klasse, auch weil sie größtenteils im Original belassen wurde (zum Vergleich: Beim Abba-Musical "Mamma Mia" wurden die Texte ins Deutsche übersetzt.). Besonders bei den Welthits "We Will Rock You", "We Are The Champions" und "Bohemian Rhapsody" hält es das Publikum nicht auf den Stühlen, sodass sich das Stück ein wenig wie ein Konzert anfühlt. Die Geschichte ist herrlich schräg unangepasst, genau wie die Charaktere. Außerdem ändern sich ganze Dialoge regelmäßig, da sich das Stück an die Stadt, in der es gespielt wird und die aktuelle Popkultur anpasst. Alles in allem ist "We Will Rock You" einfach nur cool, kreativ und verrückt.


2. Wicked

Foto: Stage Entertainment
Ich habe die Show mittlerweile mehrmals in London und einmal in Sydney angesehen, in der deutschen Version bislang noch nicht. Das ist aber auch nicht schlimm, denn ich liebe die Songs einfach. In meiner "Top 50 Musical Songs"-Liste ist "Wicked" das am häufigsten vertretene Stück mit insgesamt vier Lieder - darunter Platz 2 und 3. Die Musik ist abwechslungsreich, dynamisch und voller Emotionen - genau wie die Geschichte. Es ist eines der wenigen Stücke, in denen es um starke Frauen geht und behandelt auch ernste Themen wie Mobbing, Zwei-Klassen-Gesellschaft und Rassismus. Dennoch kommen auch Humor und Magie nicht zu kurz. Die Welt von Oz sieht einfach toll aus und wird durch die fantastische Musik, die sympathischen Charaktere und die tolle Geschichte lebendig.


1. Der König der Löwen

Foto: Stage Entertainment
"Der König der Löwen" ist einfach ein Phänomen, mit dem kein anderes Musical mithalten kann. Es ist das einzige Stück, das mich jemals zum Weinen gebracht hat. Jedes Mal aufs Neue steigen mir Tränen in die Augen, wenn die ersten Töne von "Der ewige Kreis" gespielt werden und die Sonne über der Savanne aufgeht. Fast noch schöner ist es, zu sehen, wie die anderen Zuschauer um einen herum mit feuchten Augen und staunendem Blick den vorbeilaufenden Elefanten hinterher sehen. Es ist einer der ganz wenigen Fälle, in denen Menschen in Tierkostümen nicht komisch aussehen. Das Produktionsdesign ist unglaublich schön und detailreich. Farben, Materialien und Muster sind harmonisch aufeinander abgestimmt und lassen eine einzigartige Welt entstehen. Die Musik passt ebenfalls dazu. Die Songs, die extra für das Musical geschrieben wurden, haben denselben Charme wie die des Films und orientieren sich noch stärker an afrikanischen Rhythmen, wodurch sich "Der König der Löwen" deutlich vom Pop-Einheitsbrei der meisten anderen Stücke abhebt. Dieses Musical hat eine Magie, die man nur nachvollziehen kann, wenn man es selbst live gesehen hat.


Das waren meine Top 15 Musicals. Was sind eure Favoriten? Schreibt es gerne in die Kommentare

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Freitag, 9. Februar 2018

Netflix Original Filme - Kurzrezensionen (Teil 3)

"Netflix" bringt jeden Monat mehrere neue Eigenproduktionen heraus. In unserer Reihe "Kurzrezensionen" legen wir besonders Wert darauf, die vorzustellen, die nicht mit großen Werbeplakaten in allen deutschen Städten beworben werden. Laura hat euch bereits einige Original Filme des Streaming-Anbieters vorgestellt - darunter "iBoy", "Little Evil" und "The Incredible Jessica James" (klickt hier für Teil 1 und hier für Teil 2). Heute rezensiere ich drei weitere Filme. Klickt auf die Titel, um euch die Trailer anzuschauen. 


Open House

Wer oder was lauert im Haus?
Foto: Netflix
Familienvater Brian Wallace (Aaron Adams, Blindspot) wird auf einem Parkplatz angefahren und stirbt. Er hinterlässt einen hohen Schuldenberg, sodass seine Ehefrau Naomi (Piercey Dalton) mit dem gemeinsamen Sohn Logan (Dylan Minnette, Tote Mädchen lügen nicht) vorübergehend in das Ferienhaus ihrer Schwester zieht. Das riesige Domizil liegt weit abgelegen in den Bergen und soll demnächst verkauft werden. Aus diesem Grund müssen die beiden jeden Sonntag ihr neues Zuhause räumen, da die Maklerin einen Tag der offenen Tür für Interessenten veranstaltet. Bald bemerkt Logan, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht: Verschiedene Gegenstände verschwinden spurlos, tauchen an völlig anderen Stellen wieder auf, nachts blinken die Scheinwerfer des Autos und der völlig intakte Warmwasserboiler im Keller geht ständig aus. Außerdem wundert sich Naomi über das seltsame Verhalten ihrer einzigen beiden Bezugspersonen. Nachbarin Martha (Patricia Bethune) kann sich nicht an ihre eigenen Aussagen erinnern und Ladenbesitzer Chris (Sharif Atkins) schleicht um das Gebäude herum. Die Vorkommnisse werden immer unheimlicher und die Familie muss um ihr Leben fürchten.

Naomi und Logan wissen nicht, wie ihnen geschieht
Foto: Netflix
Die schön-schaurige Atmosphäre ist der einzige große Pluspunkt des Films. Das Feriendomizil von Naomis Schwester sieht nicht aus wie ein stereotypes Spukhaus, sondern wirkt freundlich und einladend. Durch den einsamen, abgelegenen Ort und die Tatsache, dass Mutter und Sohn die meiste Zeit über alleine sind, herrscht automatisch ein mulmiges Gefühl. Bis kurz vor Ende passiert bei "Open House" eigentlich nichts Schlimmes - der wahre Horror spielt sich im Kopf ab. Ein paar komische Geräusche, ein paar deplatzierte Gegenstände und schon stellt man sich als Zuschauer dieselbe Frage wie Logan: Wie potenziell gefährlich ist so eine Hausbesichtigung eigentlich? Immerhin laufen wildfremde Menschen durch die eigenen vier Wände und sind dabei nicht ständig unter Aufsicht. Der Grusel entsteht hier nicht, wie so häufig in Filmen, durch übernatürliche Phänomene, sondern durch eine allgegenwärtige Urangst: Jemand dringt in das allerheiligste ein - das eigene Zuhause. Gegen Ende des Films sieht der Zuschauer nachts eine dunkle Gestalt durch die Flure schleichen - während nur wenige Schritte entfernt einer der Charaktere friedlich schläft oder die Toilette benutzt. Die Kameraperspektiven sehen toll aus und wirken durch ihren realistischen Blickwinkel umso beunruhigender.
Man erfährt nie, was genau im Hintergrund lauerte
Foto: Netflix
Die Drehbuchautoren Matt Angel und Suzanne Coote bieten auf verschiedenen Wegen mehrere Lösungsvorschläge an, die erklären könnten, was ihm Haus geschieht. Allerdings greifen sie am Ende keinen davon auf! Das ist der Grund, weshalb "Open House" trotz der grandiosen schaurigen Atmosphäre nicht zu empfehlen ist. In den letzten 20 Minuten nimmt die Handlung signifikant an Fahrt auf, ohne dass tatsächlich etwas erzählt wird. Der "Kopfkino-Horror" wird ersetzt durch Gewalt und Verfolgungsjagden. Die sind nicht ansatzweise so spannend und gruselig, wie die ruhigeren Szenen zuvor. Der Showdown endet dann sehr abrupt und ohne eine einzige Frage zu beantworten. Der Zuschauer kann sich lediglich durch das letzte gezeigte Bild zusammenreimen, was das "Motiv" des Eindringlings ohne Gesicht war. Ansonsten bleibt die Auflösung völlig schwammig und inhaltlos. Das ist besonders enttäuschend im Hinblick auf die zahlreichen interessanten Lösungsansätze, die vorher ins Spiel gebracht wurden. Offene Enden sind prinzipiell nichts Schlimmes, doch im Fall von "Open House" wird die Handlung überhaupt nicht verknüpft. Am Schluss ist der Film nichts anderes, als eine Aneinanderreihung von Szenen mit schauriger Stimmung.


Step Sisters

Jamilah ist hin- und hergerissen
Foto: Netflix
Jamilah (Megalyn Echikunwoke) ist Präsidentin ihrer schwarzen Studentinnenverbindung und choreographiert deren Stepptanzroutinen. Außerdem arbeitet sie für den Dekan (Robert Curtis Brown) ihres Colleges und plant, nach Harvard zu gehen, wo schon ihre erfolgreichen Eltern studiert haben. Um gute Chancen für die Aufnahme an der Elite-Universität zu haben, braucht sie deren Empfehlungsschreiben. Die beiden weigern sich jedoch, ihrer Tochter zu helfen, da sie sich den Platz selbst verdienen soll. Dekan Berman hat ebenfalls in Harvard studiert und bietet an, ein gutes Wort für Jamilah einzulegen. Die Bedingung: Sie soll den Ruf einer anderen Studentinnenverbindung wiederherstellen, indem sie sie zum Sieg bei einem Stepptanzturnier führt. Allerdings besteht die Schwesternschaft fast ausschließlich aus weißen, feierwütigen Mädchen - darunter die arrogante Präsidentin Danielle (Lyndon Smith), Jamilahs Freundin Beth (Eden Sher) und die trottelige Südstaatlerin Libby (Gage Golightly). Jamilah beginnt die mehr oder weniger willige Gruppe zu trainieren, erzählt ihrer eigenen Verbindung aber nicht, dass sie die schwarze Tradition mit Weißen teilt.

Mehr Stereotyp als diese Outfits geht nicht!
Foto: Netflix
Jemand lässt ein Dutzend Tussis mit heller Haut über Menschen mit dunkler Haut lästern; ein Dutzend Tussis mit schwarzer Haut über Menschen mit weißer Haut lästern; bringt noch Stereotypen über beide Gruppen, Schwule, Nerds, Frauen und Millenials ein; garniert das Ganze mit einer Zombie-Party, Witzen über Michelle Obama, peinlichen Dialogen und viiiiiiiel Geschrei. Was kommt dabei heraus? Der "Netflix"-Film "Step Sisters". Vom Prinzip her geht die Handlung in eine wirklich spannende Richtung: kulturelle Aneignung. Allerdings findet Drehbuchautor Chuck Hayward keinen klugen Weg, mit dem Thema umzugehen. Stattdessen erfindet er eine überdrehte, laute Geschichte mit größtenteils unsympathischen Charakteren und wirft zwischendurch ein paar dramatische Worte ein. Die meisten dieser kurzen, flammenden Reden klingen wie Instagram-Bildunterschriften. Dem kontroversen und emotionalen Thema werden sie jedenfalls nicht gerecht.
Danielle (l.) & Jamilah können sich schwer einigen
Foto: Netflix
Das liegt auch daran, dass der Film generell sehr herzlos wirkt. Es gibt zwar rund zwei Dutzend Charaktere, doch kaum einer ist mehr als ein wandelndes Klischee. Viele Gefühle kommen beim Zuschauer einfach nicht an, da er die Figuren nicht wirklich kennenlernt und sie sich ihm nicht öffnen. Ein Beispiel ist Jamilahs Liebesgeschichte, die zudem völlig belanglos ist und getrost hätte weggelassen werden können: Sie ist zu Beginn des Films seit längerer Zeit mit Dane (Matt McGorry) zusammen, der weiß ist und gegen Rassismus kämpft. Irgendwann beendet die Protagonistin die Beziehung einfach und wirft ihm allerhand vor. Das ist für den Zuschauer schwer nachvollziehbar, da er Dane nur in wenigen, kurzen Szenen erlebt hat. Jamilahs weitere Liebelei endet ebenfalls in einem Drama für das es scheinbar keinen Anlass gibt. Der Film folgt generell keiner stringenten Erzählweise. Es gibt unzählige Nebenhandlungen, die später einfach nicht mehr aufgegriffen werden und Probleme, die aus dem Nichts entstehen und sich genauso schnell von selbst lösen. Schlussendlich kommt alles zu kurz: Das spannende, kontroverse Thema; die Charaktere; die Erzählung... nur die Klischees werden ausführlich und von allen Seiten beleuchtet - leider ohne Ironie.


When We First Met

Noah (r.) ist in der Friendzone
Foto: Netflix
Noah (Adam Devine) hat in der Halloween-Nacht 2014 seine große Liebe Avery (Alexandra Daddario) kennengelernt. Für ihn war es das perfekte erste Date, für sie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Nur einen Tag später begegnete Avery ihrem Traummann Ethan (Robbie Amell), wodurch Noah nie die Chance hatte, ihr seine Gefühle zu gestehen. Drei Jahre später, auf der Verlobungsfeier der beiden, betrinkt er sich hemmungslos und landet schließlich in dem Fotoautomaten, in dem er Halloween 2014 mit Avery gewesen war. Er wirft eine Münze ein und wünscht, er könne sein damaliges Verhalten ändern. Im nächsten Moment wacht er in seinem Bett auf - am Morgen des 31. Oktobers 2014. Noah setzt nun alles daran, das Herz seiner großen Liebe zu erobern. Nach jedem Versuch wacht er wieder in der Gegenwart auf und erfährt, welche Konsequenzen seine Entscheidungen hatten. Er muss jedoch feststellen, dass er damit nicht nur sein und Averys Leben, sondern auch das von ihren besten Freunden Max (Andrew Bachelor) und Carrie (Shelley Hennig) sowie das von Ethan verändert.

Dieser Automat kann mehr, als nur Fotos machen
Foto: Netfllix
Filme über Zeitreisen und -schleifen gibt es wie Sand am Meer, dennoch ist "When We First Met" wirklich unterhaltsam. Das liegt vor allem an Hauptdarsteller Adam Devine, der in seiner Rolle aufgeht und keinerlei Scheu hat, wie ein Depp dazustehen. Noah ist ein sympathischer Charakter, der sich seiner Liebsten angenehmerweise nicht allzu sehr aufdrängt, sondern stattdessen ehrlich versucht, ihr Herz zu erobern. Was "When We First Met" von anderen, ähnlichen Filmen unterscheidet, ist die realistische Stimmung, denn es wird völlig auf unnötiges Drama verzichtet. Die Charaktere haben keine schockierenden Geheimnisse und machen sich auch nicht gegenseitig das Leben schwer. Noah ist beispielsweise neidisch auf Ethan, verhält sich ihm gegenüber aber dennoch freundlich und versucht nie, ihm Avery in der Gegenwart auszuspannen. Auf rührselige Romantik und langatmige Weisheiten - à la "Bleib dir selbst treu!" - wird ebenfalls verzichtet. 
Ob Noah als "American Dream" Erfolg hat?
Foto: Netflix
Stattdessen konzentriert sich der Film voll und ganz auf den Humor. Der ist angenehm dezent und rutscht nur vereinzelt in den Klamauk ab - beispielsweise wenn Carrie Noah mit einer Zimmerpflanze verprügelt, weil sie ihn für einen Stalker hält. Es gibt auch viele kleine, witzige Running Gags, wie Noahs wechselnde Kostümwahl. Je nachdem, wie er Avery erobern will, entscheidet er sich für eine andere Halloween-Verkleidung. Als er ihr beispielsweise beweisen will, dass er ein Softie ist, geht er als "American Dream" - in seinem Fall Pyjama und Schlafbrille im Design der amerikanischen Flagge. Die anderen Gäste auf der Party haben übrigens ähnlich kreative und witzige Kostüme, da lohnt es sich, hinzugucken. Es zahlt sich ebenfalls aus, den Film bis zum Schluss zu schauen, denn er endet nicht so, wie man es im ersten Moment glauben könnte. Drehbuchautor John Whittington setzt "When We First Met" von anderen romantischen Komödien ab und wählt nicht den offensichtlichsten Ausgang. Zugegeben, der Umschwung wirkt nicht ganz so ungezwungen und nachvollziehbar wie der Rest der Handlung, dennoch ist es schön, etwas Kreativität in einem sonst eher festgefahrenen Genre zu sehen.


Das waren meine "Netflix"-Kurzrezensionen. Da der Streaming-Anbieter immer wieder neue Serien und Staffeln herausbringt, wird es sicher nicht der letzte Beitrag zu diesem Thema sein. Alle Posts zum Thema "Netflix" findet ihr hier.

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