Mittwoch, 22. August 2018

To All the Boys I've Loved Before - Buch vs. Film

- Der folgende Text enthält Spoiler - 

Seit dem 17. August ist die Buchverfilmung zu Jenny Hans "To All the Boys I've Loved Before" auf "Netflix" zu sehen. Ich habe kurz vor Veröffentlichung den Jugendroman gelesen und am Wochenende die Eigenproduktion des Streaminganbieters angeschaut. Im heutigen Post gibt es daher wieder ein "Buch vs. Film" (meine anderen Posts, in denen ich Verfilmungen mit dem Original vergleiche, findet ihr hier). Ich verrate euch, wo die Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen und welche Version mir besser gefällt. 

Lara Jean Song (Lana Condor) führt mit ihren 16 Jahren ein ziemlich ruhiges Leben. Statt auf Partys zu gehen, verbringt sie ihre Abende mit ihren Schwestern Margot (Janel Parrish) und Kitty (Anna Cathcart) oder dem Lesen kitschiger Liebesromane. Eine reale Liebesbeziehung hatte sie noch nie. Dafür träumt die Schülerin oft davon und schreibt allen Jungs, in die sie jemals verliebt war, einen Brief. Auf den Umschlägen stehen sogar die Adressen, verschickt aber keinen, da die Worte nur für sie bestimmt sind. Doch dann werden alle von ihnen überraschenderweise verschickt. Einer davon ist an Josh (Israel Broussard) gerichtet, in den Lara Jean sich ein paar Jahre zuvor verliebt hat. Nachdem er mit ihrer älteren Schwester Margot zusammengekommen ist, hat sie ihre Schwärmerei aufgegeben und als ihr Geheimnis bewahrt. Dieses Geheimnis kommt jetzt allerdings ans Licht. Um Josh in dem Glauben zu lassen, sie interessiere sich überhaupt nicht für ihn, fängt Lara Jean eine unechte Beziehung mit Peter (Noah Centineo) an. Der ist ebenfalls einer der Liebesbriefempfänger und schlägt ihr den Deal vor, weil er seiner Ex-Freundin Genevieve (Emilija Baranac) klarmachen will, dass es vorbei ist. 


Schöne Geschichte für Zwischendurch mit ein paar Schwächen

Lara Jeans Leben steht bald Kopf
Foto: Netflix
Mich konnten weder das Buch noch der Film komplett umhauen. Es gibt eine nette Handlung mit überwiegend sympathischen Charakteren, die mich aber letztendlich nur bedingt überzeugt hat. Sie hat mich in beiden Fällen gut unterhalten, aber nicht berührt. Wenn ich die Versionen miteinander vergleiche, gefällt mir Lara Jean im Film etwas besser. In der Vorlage von Jenny Han ist die Protagonistin kaum greifbar, weil sie ziemlich perfekt wirkt. Lana Condor schafft es aber, der Figur etwas mehr Ecken und Kanten zu geben. Dennoch bleibt Lara Jean auch dort etwas zu flach. Ich habe weder im Buch noch in der Adaption richtig mit ihr mitgefiebert oder mitgefühlt. Dafür gibt es einen weiteren Grund, der mich schon im Roman gestört hat: Es gibt so gut wie keine Charakterentwicklung. Lara Jean ist am Ende der Geschichte im Grunde genau da, wo sie angefangen hat. Daran ändern auch die gespielte Beziehung mit Peter nichts. Sie erlebt dadurch zwar neue Dinge, aber weder der Leser noch der Zuschauer merkt, dass sie sich dadurch in irgendeiner Form weiterentwickelt. Im Roman macht sie ironischerweise am Schluss exakt das, was sie auch schon früher getan hat: einen Brief schreiben. Dieser Stillstand hängt auch damit zusammen, dass sie keine echten Probleme oder Hürden überwinden muss, wie es bei Protagonisten meist der Fall ist. Als ich das Buch gelesen habe, war ich überrascht, wie wenig die Briefe letztendlich die Handlung bestimmen. Mit Ausnahme von Josh scheint es keinen der Jungs wirklich zu kümmern, dass Lara Jean ihnen geschrieben hat. Selbst Peter nimmt alles sehr gelassen und das Thema ist somit schnell vom Tisch. Sie muss sich damit überhaupt nicht herumschlagen. Da es auch sonst keine Probleme gibt, muss sie nichts groß ändern oder einsehen, um am Ende an ein bestimmtes Ziel zu gelangen - denn es gibt kein Ziel. Diese "Reise" habe ich bei "To All the Boys I've Loved Before" in beiden Versionen vermisst. 
Die Schwestern stehen sich im Buch näher
Foto: Screenshot
Ein weiterer Punkt, der mich beim Film gestört hat: Er legt den Fokus viel zu sehr auf die Liebesgeschichte, sodass sich die Handlung rund um Lara Jeans Familie kaum entfalten kann. Der Roman schafft ein etwas ausgeglicheneres Verhältnis zwischen dem Liebesplot und dem Familienleben. Dort merkt der Leser, wie eng die drei Schwestern sich stehen. Sie sind eine echte Einheit und haben zudem eine tolle, vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Vater. Vor allem Lara Jeans starke Verbindung zu Margot sorgt dafür, dass sich der Brief an Josh als ein echtes Problem zwischen den Geschwistern entwickelt. Im Film wirkt alles sehr viel "einfacher". Die Buchvorlage behandelt immer wieder das Problem, dass Lara Jean sich ihrer älteren Schwester Margot nicht anvertrauen kann. Denn sonst müsste sie ihr gestehen, dass sie in Josh verliebt war. Mehrmals hadert sie mit sich und flüchtet vor jedem Gespräch, wodurch der Leser versteht, dass es sie belastet. In der "Netflix"-Produktion beendet sie ein einziges Mal hastig eine Skype-Konversation mit ihrer Schwester, ansonsten macht die Adaption den Eindruck, es würde Lara Jean kaum beschäftigen. Eine Sache, die es zur Abwechslung im Roman nicht gibt und mich im Film dafür so richtig stutzig gemacht hat: Die Hauptfigur bildet sich ein, mit Josh oder Peter zu reden. In diesen Szenen tauchen die Figuren dann tatsächlich in ihrem Zimmer auf und sie führt imaginäre Gespräche mit ihnen. Ich vermute, es sollte wohl ihre starke Vorstellungskraft unterstreichen. Aber es wirkt einfach nur sehr komisch und vor allem wird dieser Aspekt nicht durchgezogen. Er taucht ein paar Mal am Anfang auf - ich habe nicht verstanden, was es dem Film oder dem Charakter bringen soll, weil diese Momente sehr irrelevant erscheinen. Ab der Mitte der Handlung passiert es dann gar nicht mehr. Da hätte sie auch einfach Selbstgespräche führen können, ohne dass der Zuschauer noch andere Figuren zu sehen bekommt.

Romanze mit fehlendem Tiefgang

Der Roman hat etwas mehr Charme
Foto: Hanser Verlag
Die Chemie zwischen Lara Jean und Peter wurde im Film gut umgesetzt, obwohl die Adaption die Beziehung insgesamt nicht so interessant gestaltet. Im Roman macht Lara Jean am Anfang deutlich, dass sie viele Charakterzüge an Peter nicht mag und ihn deshalb auch gar nicht attraktiv findet. Im Film ist sie von Anfang an "netter" in ihrem Umgang. Dadurch macht es aber auch nicht so viel Spaß, zu verfolgen, wie die Zwei sich langsam näherkommen. Besonders Lara Jean merkt, dass sie Peter völlig falsch eingeschätzt hat. Das Problem in der "Netflix"-Produktion ist meiner Meinung nach die Definition der Briefe. Im Original sind es keine richtigen Liebesbriefe. Sie schreibt zwar auch, wieso sie Gefühle entwickelt hat, endet ihre Botschaft aber vor allem bei Peter mit den Punkten, wieso sie sich "entlieben" konnte. In der Verfilmung werden sie immer nur als Liebesbriefe beschrieben und daher entsteht der Eindruck, Lara Jean wäre noch immer verknallt. Das macht die Romanze langweiliger. Im Buch gefällt mir der kleine Twist, dass sie Peter eigentlich gar nicht mehr gut findet. Sie will hartnäckig an diesem Standpunkt festhalten, am Ende erkennt sie aber doch, dass er sehr liebenswert ist - dieses Mal aber wegen richtiger, tiefliegender Gründer anstatt oberflächlicher Aspekte. Genau dadurch versteht der Leser viel besser als der Zuschauer, wieso sie sich langsam ineinander verlieben. Es gibt viele kleine Momente, in denen Peters charmante Seite aufgedeckt wird. So wird einem gemeinsam mit Lara Jean klar, wie er in Wahrheit ist. Einer meiner Lieblingsmomente: Peter kommt bei Lara Jean vorbei, um sie zu einer Party mitzunehmen. Sie backt aber Cupcakes für eine Schulveranstaltung ihrer kleinen Schwester. Als er sie nicht überzeugen kann, mitzukommen, verschwindet er nicht, sondern bietet ihr aufrichtig seine Hilfe an. Das war der erste Moment, in dem er mir langsam sympathisch wurde. Genauso süß sind die Buchszenen, in denen er mit Lara Jeans jüngerer Schwester Kitty interagiert, weil er genau weiß, wie er mit ihr umgehen muss und sie ihn daraufhin schnell ins Herz schließt. Im Film fehlen viele dieser Szenen und werden insgesamt auf zwei, drei reduziert. Peter wirkt darin außerdem von Anfang an deutlich weniger eingebildet und oberflächlich, wodurch der Zuschauer von seinem Charakter kaum überzeugt werden muss. All das sorgt dafür, dass es der Liebesgeschichte an Tiefgang fehlt. Die Geschichte im Buch ist zwar auch nicht die berührendste, die ich je gelesen habe, ist aber deutlich besser als die Verfilmung.
Lara Jean und Peter schließen sogar einen Vertrag ab
Foto: Netflix
Josh, der andere Love Interest, hat mir in beiden Versionen nicht richtig gefallen. Im Roman wird immerhin verdeutlicht, wieso sich sowohl Margot als auch Lara Jean in ihn verliebt haben. Er ist sehr hilfsbereit und versteht sich mit allen drei Schwestern und ihrem Vater sehr gut. Jenny Han kann die Chemie in dieser Hinsicht glaubwürdig herüberbringen. Als die Geschichte mit Peter anfängt, wird er allerdings langsam anstrengender und fällt auch an ein paar Stellen durch sein kindisch eifersüchtiges Verhalten negativ auf. Ich bin sehr froh, dass der Film wenigstens den bescheuerten Grund weggelassen hat, wieso Josh Peter nicht leiden kann: Er hat in der siebten Klasse bei einem unwichtigen Test geschummelt. Ja, das ist der Grund! Geht es noch dämlicher? Das bedeutet aber nicht, dass die "Netflix"-Version deshalb in dieser Hinsicht besser ist. Sie gibt nämlich überhaupt keine Begründung, mit Ausnahme von dem "Du bist zu gut für ihn"-Klischee, was aber kein Argument ist. Abgesehen davon verhält sich der Charakter im Film viel unsympathischer. Er taucht eigentlich nur auf, um beleidigt zu sein oder herumzunörgeln, weil Lara Jean Peter datet. In der unnötigsten Szene spielt er dann den "Helden", als Peter zu Lara Jean kommt, nachdem sie sich gestritten haben. Erstens hätte Lara Jean es sehr gut alleine hinbekommen, ihren "fake" Freund wegzuschicken. Zweitens ist diese "Du sollst verschwinden"-Floskel, die Josh ihm an den Kopf wirft, als er lediglich mit Lara Jean sprechen will und sich dabei nicht einmal aufdrängt, vollkommen peinlich, klischeehaft und verbraucht. Im Roman kann das alles noch irgendwie als ein Love Triangle bezeichnet werden, im Film so gar nicht. Abgesehen davon, dass Josh anstrengend ist, bringt Lara Jean dem Zuschauer auch nicht glaubhaft rüber, dass sie noch Gefühle für ihn hat. Das finde ich insgesamt aber nicht schlimm, weil Liebesdreiecke ohnehin eines der faulsten Mittel sind, um mehr Drama zu erzeugen. Dennoch macht es seinen Charakter fast komplett unnötig, weil er - anders als im Buch - nichts Wichtiges zur Handlung beiträgt. Am Schluss der Verfilmung gibt es dann noch ein kitschiges Happy End, das im Roman überraschenderweise nicht existiert! Für mich kam das fehlende Happy End ziemlich unerwartet, aber es hat mit sehr gut gefallen. In der Adaption hingegen gesteht Lara Jean Peter ihre Liebe und sie laufen glücklich über den Sportplatz der Schule - und erfüllen damit eines der größten Klischees in Liebesfilmen. Wer also ein "richtiges" Ende im Original vermisst hat, wird sich darüber vielleicht freuen. Ich hätte es nicht gebraucht.

Fazit

Das Buch und der Film haben beide ihre Schwächen und Stärken. Die Liebesgeschichte ist in keiner Version so richtig mitreißend, aber dennoch sehr charmant erzählt. Es fehlt an Tiefgang, wobei der Roman in dieser Hinsicht noch etwas verständlicher macht, wieso die Protagonistin sich verliebt. Die "Netflix"-Produktion schafft es dafür, die Chemie zwischen ihr und dem Love Interest ähnlich gut zu transportieren, sodass es Spaß macht, die Geschichte zu verfolgen. Letztendlich ist der Fokus in der Verfilmung aber zu sehr auf die Romanze beschränkt und lässt besonders den Familienaspekt fast komplett außen vor, was wirklich schade ist. "To All the Boys I've Loved Before" ist sowohl zum Lesen als auch zum Schauen eine süße Geschichte, die mich aber nicht komplett mitreißen konnte. Das Original von Jenny Han konnte mich aber etwas mehr überzeugen. 


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