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Sonntag, 2. September 2018

Tatort: Borowski und das Haus der Geister - Rezension

Der Mord zum Sonntag hat Tradition, deshalb sind auch wir mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalk) dabei.


Der Kieler Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) erhält einen Brief seiner Patentochter Grete Voigt (Emma Mathilde Floßmann), die ihn eindringlich um einen Besuch bittet. Vor vier Jahren war ihre Mutter (Sandrine Mittelstädt) spurlos verschwunden. Borowski hatte vermutet, dass Heike Voigt von ihrem Ehemann Frank (Thomas Loibl, Polizeiruf 110: Starke Schultern) getötet worden war, konnte die Theorie jedoch nie beweisen. Dementsprechend frostig ist das Zusammentreffen der beiden Männer und Grete behauptet, den Brief bereits vor einigen Jahren geschrieben, aber nie abgeschickt zu haben. Lediglich Gretes Schwester Sinja (Mercedes Müller) und Franks neue Ehefrau Anna (Karoline Schuch) freuen sich über Borowskis Besuch. Letztere bittet ihn heimlich, eine Autopanne vorzutäuschen und in dem riesigen Haus zu übernachten. Schon wenige Stunden später merkt der Kommissar, was die junge Frau beunruhigt: In der Villa gibt es nachts unheimliche, scheinbar übernatürliche Vorkommnisse - hat es der Geist von Heike auf Anna abgesehen? Hilfe bei dem seltsamen Fall erhält Borowski von seiner neuen Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik).

Gespenster, Badewannen und erschossene Autos

Sahin (v.r.) ist vielversprechend
Foto: NDR
...sind nicht unbedingt Dinge, die häufig in deutschen Krimis auftauchen. Aber im "Tatort" gab es sie schon: Letztes Jahr sorgte der Frankfurter Fall "Fürchte dich" für Aufsehen, da die Ermittler von übernatürlichen Kreaturen verfolgt wurden. Die anderen beiden Punkte waren sogar bereits Teil von Borowski-Folgen. 2012 feuerte der Kommissar eine Kugel auf seinen liegengebliebenen Wagen ab, während im vorherigen Fall "...und das Land zwischen den Meeren" eine Badewanne zentraler Teil des Tathergangs war. Alle drei Dinge spielen nun auch im aktuellen Krimi eine wichtige Rolle - dementsprechend fühlt er sich an einigen Stellen wie ein kleines Déjà-vu an. Das wäre an sich nicht schlimm, da es schwierig ist, bei mittlerweile 1.065 Folgen noch zu hundert Prozent innovativ und neu zu sein. Allerdings passen die verschiedenen Punkte in diesem "Tatort" einfach nicht zusammen. Alles wirkt, als sei es mit der heißen Nadel zusammengestrickt worden. Bereits die Anfangssequenz ergibt nicht wirklich Sinn, da sich Borowski und sein (ehemaliger) Verdächtiger Frank Voigt scheinbar nie ausgesprochen haben, der Konflikt aber erst nach einiger Zeit plötzlich und unerwartet hochkocht (Frank: "Hältst du mich immer noch für den Mörder meiner Frau? Warum schiebst du einen Brief von Grete vor, um dich hier zum Essen einladen zu lassen?" Borowski: "Weil du immer noch ein sehr guter Koch bist." Anna: "Haben alle noch Platz für Nachtisch?"). Innerlich kann der Zuschauer dem vermeintlichen Mörder nur zustimmen: Wieso sich Borowski nach vier Jahren Funkstille plötzlich bei seinem Patenkind meldet, wird nicht wirklich aufgeklärt.
Wie aus einem schlechten Familiendrama: Die Voigts
Foto: NDR/Christine Schroeder
Die ganze Situation fühlt sich gestellt an - im Gegensatz zum "Tatort: Fürchte dich" jedoch nicht mit voller Absicht. Drehbuchautor Marco Wiersch scheint seinen Fall und die seltsamen Charaktere völlig ernst zu nehmen. Dabei wirken viele der Dialoge, als seien sie für die Ulk-"Tatorte" aus Münster oder Weimar verfasst worden - wie beispielsweise das Zusammentreffen von Borowski und seiner Ex-Frau Gabrielle (Heike Trinker, Tatort: Der rote Schatten), das übrigens vor einer Gruppe von Ballettschülerinnen im Grundschulalter stattfindet (Gabrielle: "Hast du einen Durchsuchungsbeschluss?" Borowski: "Ich will nur kurz reden." Gabrielle: "Als wir frisch verliebt waren, hast du mir einen Durchsuchungsbeschluss für meinen Körper überreicht. Das fand ich schick."). Die lebensfernen Charaktere würden ebenfalls besser zu einem der Teams passen, die sich selbst nicht ernst nehmen. Am stärksten zeichnet sich das bei den beiden Voigt-Schwestern ab, die wie Figuren aus einem Kinderfilm erscheinen: Die eine unscheinbar mit Strickmütze, gefärbten Haaren, permanenter Depri-Stimmung und schlechter Laune; die andere sexy mit stylischen Outfits, ständigem, übertriebenem Optimismus und gekünsteltem Lachen.

Willkommen, Kommissarin Sahin!

Gestatten: Boxsack Walter und Kommissarin Sahin
Foto: NDR/Christine Schroeder
Die Vorstellung von Borowskis neuer Kollegin wirkt ebenfalls abstrus: Mila Sahin schwingt an einem Boxsack im Büro hin und her und stellt ihn als "Walter", ihren Kumpel und Coach vor. Mal abgesehen von dieser seltsamen Szene, ist ihr Einstieg jedoch gelungen. Die junge Ermittlerin ist spontan, witzig und zielstrebig. Außerdem verstehen sie und Borowski sich sofort. Er verliert nicht einmal ein Wort darüber, dass sie den Fall offiziell leitet. Zwar fällt Sahins Rolle diesmal leider noch relativ klein aus, sie ist aber vielversprechend. Ihrem älteren Kollegen tut der frische Wind auch sichtlich gut. In den vorherigen Folgen fiel Borowski vor allem durch seine ständige schlechte Laune, seine mürrischen Sprüche und seine Anti-Team-Haltung auf. In "...das Haus der Geister" ist er - obwohl der Fall in seinem privaten Umfeld spielt - fröhlich, engagiert und motiviert. In einem für die Geschichte völlig irrelevanten, aber dafür niedlichen Moment tanzt er losgelöst zu Warteschleifenmusik und steckt auch Kollegin Sahin mit dem hüftsteifen Tanzfieber an. In diesem Krimi gibt es zahlreiche Sequenzen, die nicht zum Rest der Handlung passen wollen. Den wohl größten Bruch stellt eine Szene dar, in der Borowski, Anna, Sinja und Grete versuchen, mit dem Geist von Heike in Kontakt zu treten - Salzkreis, Glas rücken und Beschwörungsformel inklusive. Die übertriebene Seriosität und die holprigen Dialoge lassen erneut den Eindruck zu, es handele sich dabei um einen "Tatort" aus Weimar oder Münster (Borowski: "Verbietet euch jeglichen Zweifel. Nur so kann sich eure Energie auf das Glas übertragen! Wir rufen dich großer Geist!"). Unterm Strich passt in dieser Folge nichts so wirklich zusammen. Das Gespensterritual wird später genauso wenig aufklärt, wie viele Fragen - beispielsweise, wieso Sinjas Freund Chris (Alex Peil) bei den Voigts am Küchentisch sitzt, obwohl keiner zu Hause ist; weshalb die Spukattacken erst vier Jahre nach Heikes Verschwinden begonnen haben oder warum Anna nach den ersten komischen Vorkommnissen keine Kameras installiert hat oder in ein Hotel gezogen ist.

Fazit

"Borowski und das Haus der Geister" ist gemessen an der Handlung eine schwache Folge aus Kiel. Es scheint, als sei die Geschichte nachlässig, hastig und ohne jegliche Logik zusammengebaut worden. Die Episodencharaktere wirken darin wie blasse Karikaturen, deren Aktionen und Gemütsschwankungen so gut wie nie erklärt werden. Trotz der Gespensterthematik will keine Spannung aufkommen, was vor allem an der albernen Inszenierung der Geisterbeschwörung und der nächtlichen Vorkommnisse liegt. Das einzige starke Element in diesem "Tatort" sind die beiden Ermittler. Nach einer langen mürrischen Phase agiert Borowski zum ersten Mal wieder sympathisch und motiviert. Seine neue Kollegin hat zwar noch keine große Rolle, überzeugt aber in ihren kurzen Auftritten durch ihren Witz und ihre Schlagfertigkeit. Hoffentlich bekommt das Team demnächst etwas bodenständigere und logischere Kriminalfälle, damit die Motivation der Kommissare nicht nachlässt.


Achtung: Der Kölner "Tatort: Trautes Heim" nächste Woche ist eine WIEDERHOLUNG aus dem Jahre 2012. Die nächste "Tatort"-Erstausstrahlung läuft am darauffolgenden Sonntag. In "Tiere der Großstadt" müssen die Berliner Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) gleich zwei Tötungsdelikte aufklären.

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Sonntag, 26. August 2018

Tatort: Die robuste Roswita - Rezension

Der Mord zum Sonntag hat Tradition, deshalb sind auch wir mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalk) dabei.


Ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht führt die Weimarer Kommissare Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) in die traditionsreiche Kloßmanufaktur Hassenzahl. Dort stoßen sie auf die granulierte Leiche des Geschäftsführers Christoph Hassenzahl (Matthias Paul). Seine Ehefrau Roswita (Milena Dreißig) ist vor sieben Jahren spurlos verschwunden. Kommissariatsleiter Kurt Stich (Thorsten Merten) hatte damals Hassenzahl und dessen Geliebte, die Vorarbeiterin Cordula Remda-Teichel (Christina Große, Das Leben danach), verdächtigt, Roswita etwas angetan zu haben. Plötzlich steht die Vermisste jedoch quicklebendig in der Firma. Sie war vor sieben Jahren orientierungslos und ohne Gedächtnis von ihrem jetzigen Lebensgefährten Roland Schnecke (Nicki von Tempelhoff, Tatort: Sonnenwende) im Wald gefunden worden. Seitdem hat sie als Toilettenfrau "Mowgli" an einer Raststätte gearbeitet - ohne zu wissen, wer sie wirklich ist. Die Kommissare sind skeptisch, ob die Geschichte der Wahrheit entspricht. Mit dem wütenden Kartoffelbauern Thomas Halupczok (Jörn Hentschel, Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren) und der ehrgeizigen Supermarkt-Managerin Marion Kretschmar (Anne Schäfer) gibt es jedoch noch zwei weitere Verdächtige mit eindeutigen Mordmotiven.

Es geht um Klöße, schon verstanden!

Dorn und Lessing ganz stylisch
Foto: MDR
...wird wohl der ein oder andere Zuschauer während dieses "Tatorts" genervt denken. Denn die Weimarer Stamm-Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger lassen keinen Zweifel daran, in welchem gesellschaftlich überaus relevanten "Milieu" der Fall spielt (Dorn: "Es gibt zwei große Dinge in Thüringen..." Lessing: "Ach, gleich zwei!" Stich: "Wurst und Klöße."). Die Wurstkönigin wurde bekannterweise in Dorns und Lessings erstem Fall 2013 ermordet, nun hat es also den Kloßkönig erwischt. Wie für den Weimarer "Tatort" üblich, zieht sich das Thema durch die komplette Handlung - sei es ein Verhör in einem gigantischen Kloß oder fraglich amüsante Sprüche wie "Das sind für mich böhmische Klöße." In das Klamauk-Niveau der beiden vorherigen Fälle "Der wüste Gobi" und "Der kalte Fritte" rutscht der Krimi jedoch glücklicherweise nicht ab. Das liegt vor allem an dem grandiosen ironischen Humor der beiden Protagonisten. Dorns ironisch-abschätzige Gesichtsausdrücke gepaart mit Lessings naiv-fröhlicher Klugscheißerei sorgen für viele amüsante Dialoge und tolle Situationskomik. So tritt die Kommissarin beispielsweise eine Tür ein und kommentiert das trocken mit "Kindheitstraum erfüllt." Lessings tadelndes "Frau Dorn!", wenn die Mutter seines Sohnes mal wieder einen sarkastischen Kommentar abgegeben hat, ist ja mittlerweile schon fast Kult.
Mein kleiner grüner Kaktus steht hier auf dem Tisch
Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Anke Neugebauer
Es gibt auch noch den ein oder anderen kleinen, amüsanten Insider-Gag für begeisterte "Tatort"-Fans. Relativ offensichtlich sind die Seitenhiebe auf die Kollegen aus Dortmund. Die Weimarer Ermittler verhören ihre Verdächtigen nicht nur in einem riesigen Kloß, sondern auch in einem stinknormalen Verhörraum - in dessen Mitte ein winziger, schiefer Kaktus auf dem Tisch steht. Auch Kommissar Faber hat einen stacheligen Freund, der immer in seinem Büro zu sehen ist. In einer anderen Szene stellen Dorn und Lessing mit vollem Körpereinsatz den möglichen Tathergang nach - ein übliches Vorgehen für die Ermittler aus dem Ruhrpott. Nicht ganz so offensichtlich ist ein anderer Witz. Der eigenbrötlerische neue Lebensgefährte von Roswita wird als "ganz lieber Mann am Rande des Waldes" beschrieben. Ob nun von den Drehbuchautoren beabsichtigt oder nicht, aufmerksame Zuschauer könnten bei diesem Spruch hellhörig werden. Schauspieler Nicki von Tempelhoff, der Roland Schnecke darstellt, war vor drei Monaten im "Tatort: Sonnenwende" zu sehen. Auch da spielte er einen Einsiedler am Rande des Waldes, der auf den ersten Blick nett und hilfsbereit wirkte, sich dann aber als Rechter mit völkischem Gedankengut entpuppte. Christina Große, die hier die Vorarbeiterin in der Kloßmanufaktur spielt, war übrigens in demselben Fall zu sehen. Da stellt sich mal wieder die Frage, wieso einige Dutzend Schauspieler mehrmals im Jahr im Sonntagskrimi auftauchen - in Rollen, die nicht unumstößlich auf sie zugeschnitten sind.

Bildungsauftrag erfüllt - irgendwie

Mit dem Traktor ganz unauffällig zur Vernehmung
Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Anke Neugebauer
Es ist nicht sonderlich überraschend, dass die Handlung bei einem dichten Gag-Feuerwerk und exzentrischen Figuren zu kurz kommt. Für die Fans der Weimarer und Münsteraner "Tatorte" zählt nun einmal eher die Art, wie die Kommissare ermitteln und nicht, was genau sie dabei herausfinden. Das ist auch bei "Die robuste Roswita" der Fall. Protagonisten und Zuschauer lernen in den 88 Minuten viele mehr oder weniger seriöse Fakten, die aber nichts mit der eigentlichen Mordermittlung zu tun haben. Beispielsweise, dass nichts so gut wärmt wie eine heiße Tasse Kloßbrühe, dass ein Trickbetrüger nichts anderes als ein Märchenerzähler ist, dass Menschen aus Bayern keine Ahnung von Klößen haben, dass granulierte Klöße aussehen wie Katzenstreu und dass man seine Hände ganz leicht mit den Scheibenwischern des Autos säubern kann. Die wohl bahnbrechendste Weisheit verrät aber Toilettenmann Roland Schnecke in Form von drei Punkten für das richtige Pinkeln im Stehen: "Senkrechte statt waagerechte Oberflächen anstrullen, geringe Aufprallwinkel und nah rantreten. Mit 60 fängt's an zu tröpfeln, mit 70 geht das Meiste beim Abschütteln weg - fragen Sie nicht wohin." Der einzige noch plattere Spruch in diesem Krimi ist wohl Roswitas ehrfürchtige Ergänzung: "Das musste ich auch alles erst lernen." Ganz so präzise wie die Toilettentipps ist die Auflösung später nicht. In den letzten Minuten schustern sich Dorn und Lessing einen komplexen Tathergang zusammen, in dem fast jede Nebenfigur in irgendeiner Form vorkommt. Die Ermittler machen nicht einmal einen Hehl daraus, dass sie selbst nicht wissen, wer überhaupt juristisch belangt werden kann. Ungeschoren kommt zumindest die Person davon, die Kommissariatsleiter Stich stundenlang in einem Gefrierraum eingesperrt hatte - da sie damit sein hartnäckiges Fieber kuriert und ihm eine Lektion erteilt hat. Schon ein lustiges Volk, diese Weimarer...

Fazit

"Die robuste Roswita" verleiht dem Team Dorn/Lessing nach zwei eher schwachen Folgen wieder einen kleinen Aufschwung. Auch wenn der Humor nicht das Niveau der Anfangsjahre erreicht, ist er dennoch deutlich treffsicherer als in "Der wüste Gobi" und "Der kalte Fritte". Die beiden Kommissare sind das Highlight der Folge. Mit ihren trockenen Sprüchen, ihrer spitzen Ironie und ihren herrlich missbilligenden Gesichtsausdrücken sind sie ein Garant für Lacher - im Gegensatz zu vielen Gags der anderen Charaktere. Mit ihrem Sarkasmus werten die Ermittler auch die holprige Handlung auf, die thematisch an die Pilotfolge der Weimarer und in Teilen auch an andere "Tatort"-Teams erinnert. Trotz der erzählerischen Schwächen ist "Die robuste Roswita" dennoch ein unterhaltsamer Fall, der trotz allem nicht in den Klamauk abrutscht. 


Nächste Woche gibt es eine Premiere beim "Tatort". Die neue Kieler Kommissarin Mila Sahin (Almila Bagriacik) feiert ihren Einstand. Bei ihrem ersten Fall "Borowski und das Haus der Geister" übernimmt sie direkt die Leitung der Ermittlungen, da ihr Kollege Klaus Borowski (Axel Milberg) befangen ist. Sein Patenkind hat ihn um Hilfe gebeten: Offenbar treibt der Geist ihrer verschwundenen Mutter sein Unwesen in der Familienvilla. 

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Sonntag, 19. August 2018

Polizeiruf 110: Das Gespenst der Freiheit - Rezension

Der Mord zum Sonntag hat Tradition, deshalb sind auch wir mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalk) dabei.


Eine Frau (Ricarda Seifried) behauptet, in einer Münchener Unterführung von einem jungen, muslimischen Syrer sexuell belästigt worden zu sein. Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) ermittelt jedoch nicht gegen den vermeintlichen Peiniger, sondern gegen die vier Augenzeugen, die ihn totgeschlagen haben. Die Männer sind schnell gefasst und machen keinen Hehl aus ihrer Tat oder ihrer Abneigung gegenüber Ausländern. In Untersuchungshaft wird einer von ihnen, der Halbiraner Farim Kuban (Jasper Engelhardt), vom Verfassungsschutzmitarbeiter Peter Röhl (der ehemalige Frankfurter "Tatort"-Kommissar Joachim Król) angeworben. Er soll herausfinden, was Kolthoff (Christian Erdt), der Anführer der Nazi-Verbindung, plant. Zu diesem Zweck werden alle vier Täter aus der Haft entlassen. Während Farim, Finn (Cem Lukas Yeginer), Gerrit (Christopher Löschhorn) und Costa (Julian Felix) ausgelassen feiern, setzt von Meuffels alles daran, sie wieder ins Gefängnis zu bringen. Dabei muss er sich vor allem gegen den Verfassungsschutz behaupten.

Ein einziges liebloses Erzähl-Wirrwarr 

Farim (r.) wird von niemandem ernst genommen
Foto: BR/X Filme Creative Pool Entertainment/Hagen Keller
Der vorherige Münchener "Polizeiruf 110" war ein kleines Meisterwerk: beschaulich, intensiv gespielt, aufwühlend und intelligent. Das Einzige, was "Das Gespenst der Freiheit" mit seinem Vorgänger gemeinsam hat, sind der Kommissar und ein gesellschaftlich relevantes Thema. Letztes Jahr hat von Meuffels allerdings engagiert, verständnisvoll und gründlich ermittelt. Diesmal stolpert er eher desorientiert durch einen Fall, bei dem es praktisch nichts herauszufinden gibt. Die Verdächtigen gestehen sofort und spätestens als sich das vermeintliche Opfer sexueller Belästigung als Teil der Nazi-Vereinigung entpuppt, ist ziemlich offensichtlich, was geschehen ist. Das sieht der Kommissar scheinbar genauso und verbringt die restliche Zeit des Krimis damit, gegen den Verfassungsschutz zu wettern, Schuhe zu bestellen und ein väterliches Verhältnis zu Farim aufzubauen. Für Letzteres scheint es keine wirkliche Motivation zu geben. Plötzlich bedeutet der junge Halbiraner dem Ermittler viel - das muss der Zuschauer einfach ohne schlüssige Erklärung hinnehmen. Dasselbe gilt für zahlreiche andere Aspekte der Geschichte. Es wird beispielsweise überhaupt nicht auf die beiden Augenzeugen eingegangen, die die Geschehnisse in der Unterführung beobachtet haben. Ihre Schilderungen sind nicht gerade sachlich ("Besonders hübsch war das Mädchen nicht. Aber ich bin ja auch nicht übers Meer geschwommen und spitz wie Nachbars Lumpi.") und letztendlich ändern sie ihre Aussagen komplett. Nach dem ersten Gespräch zu Beginn des Krimis spricht von Meuffels auch nicht noch einmal mit dem vermeintlichen Belästigungsopfer. Stattdessen konzentriert er sich ausschließlich auf den Verfassungsschutz und Karim. Eigentlich können seine Aktivitäten nicht wirklich als "Ermittlung" bezeichnet werden. Er lässt sich treiben und stellt zwischendurch mal eine Frage. Dabei werden so viele wichtige Aspekte, seien es Verhöre mit bestimmten Leuten, kriminaltechnische Untersuchungen etc., einfach ausgelassen. Da hätten wohl die meisten Krimizuschauer bessere Arbeit abgeliefert!

Weder Handlung noch Handwerk überzeugen

Einem Saufgelage zusehen - unglaublich spannend
Foto: BR/X Filme Creative Pool Entertainment/Hagen Keller
Da die eigentlichen "Ermittlungen" nur etwa ein Drittel des "Polizeirufs" ausmachen, wirkt der Rest des Films künstlich in die Länge gezogen. Das Saufgelage der Nazis, dauert beispielsweise ewig, trägt aber nicht zur Figurenentwicklung, zum Spannungsaufbau oder zur Handlung bei. Drehbuchautor Günter Schütter und Regisseur Jan Bonny (Tatort: Borowski und das Fest des Nordens) gelingt es auch nicht, die ausschweifenden Gewalt- und Sexszenen so einzusetzen, dass sie die Geschichte befeuern. Sie wirken in den meisten Fällen nur wie schlecht gemachte Effekthascherei. Das zeigt sich besonders, als Farim im Gefängnis verprügelt wird (Darauf wird danach kein einziges Mal mehr eingegangen.). Die Sequenz ist übertrieben lang und sieht zudem unrealistisch aus, da mit den eingesetzten Schlagstöcken eher getätschelt als geprügelt wird. Als wäre die Geschichte inhaltlich nicht schon abgehackt genug, werden auch die Szenen durch krasse Schnitte unterbrochen. Einige sind völlig unnötig: Ein fahrendes Auto wird von hinten gezeigt und dann folgen zwei weitere Aufnahmen desselben fahrenden Autos aus derselben Perspektive - nur in anderen Straßen. Andere wirken sprunghaft, weil ein paar Sekunden fehlen, so stehen die Schauspieler in einer Ecke des Raumes, um dann plötzlich an der anderen Seite zu sein. Außerdem ist der Ton nicht vernünftig an die Szenenwechsel angepasst und "hüpft" teilweise in der Frequenz, wenn sich die Einstellung ändert. Das lässt "Das Gespenst der Freiheit" ein wenig wie ein Schulprojekt und nicht wie eine professionelle Filmproduktion wirken. Einen ähnlich abgehackten Schnitt (Fridolin Körner und Bernd Euscher) gab es zuletzt im Impro-"Tatort: Waldlust". Besonders im Vergleich zum vorherigen Sonntagskrimi, der völlig ohne Cuts auskam, fallen die Bild- und Tonsprünge negativ auf.
Über Röhl (r.) erfährt der Zuschauer fast nichts
Foto: BR/X Filme Creative Pool Entertainment/Hagen Keller 
Es ist schade, dass das aktuelle, brisante und ernste Thema rechte Gewalt in diesem Münchener Fall völlig untergeht. Die Handlung klebt förmlich an den Mitgliedern der Nazi-Vereinigung, ohne jedoch wirklich etwas über sie zu erzählen. Mehr als plattes Auftreten und noch plattere Sprüche ("Ich war bei den Regensburger Domfotzen.") ist nicht drin. Trotz fehlender Charakterisierung bringt es der "Polizeiruf" dennoch fertig, die jungen Nazis so unsympathisch zu gestalten, dass der Zuschauer sie bereits nach einer Minute durch den Bildschirm erwürgen möchte. Wären sie jedoch etwas charismatischer und weniger eindimensional, könnte das Thema eine größere Wirkung entfalten. In den letzten Jahren gab es mehrere "Tatorte" mit eiskalten, jugendlichen Tätern, die dem Publikum Schauer über den Rücken gejagt haben. Kolthoff und seine Truppe erscheinen eher wie versoffene, gewaltbereite Querulanten, die sich "Nazi" auf die Fahne geschrieben haben, um nicht selber bestimmen zu müssen, wer "Freund" und wer "Feind" ist. Dasselbe gilt für die anderen Antagonisten in diesem Fall: Röhl und der Verfassungsschutz. Da nie aufgeklärt wird, wobei sie eigentlich die Finger im Spiel haben (der Angriff auf Farim beispielsweise), wirken sie nicht sonderlich bedrohlich. Außerdem taucht Röhl immer nur kurz zwischendurch auf, um seinem neuen V-Mann auf die Füße zu treten, dabei wird nicht einmal klar, wie viel er eigentlich schon weiß und was genau er will. So ist es nicht überraschend, dass es letztendlich eine völlig unauffällige, scheinbar unbeteiligte Person braucht, um Meuffels einen entscheidenden Hinweis zu liefern.

Fazit

"Das Gespenst der Freiheit" ist ein liebloser "Polizeiruf 110", der den Eindruck erweckt, es seien mehrere Ideen vermischt und zusammengepresst worden. Tiefgang, Herz und Spannung gibt es praktisch nicht. Stattdessen stolpert ein verklärt wirkender Kommissar durch eine inhaltslose Ermittlung, während eindimensionale Verdächtige platte Hassparolen brüllen. Das Thema rechte Gewalt wird genauso wenig diskutiert wie die Machenschaften des Verfassungsschutzes. Anstelle einer Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Themen, gibt es gestellt wirkende Gewaltszenen, lange Kameraaufnahmen aus Autos heraus und die wohl unsaubersten Bild- und Tonschnitte der letzten Monate. Alles in allem ein sehr enttäuschender von-Meuffels-Fall, der an seinen grandiosen Vorgänger "Nachtdienst" - einer der Top-Krimis der Saison 2016/2017 - nicht ansatzweise heranreicht.


Nächste Woche ermittelt das Team des Weimarer "Tatorts". In "Die robuste Roswitha" müssen Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) einen Mord in einer erfolgreichen Kloßmanufaktur aufklären. Dabei stehen sie plötzlich der totgeglaubten Ehefrau des Opfers gegenüber.

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Donnerstag, 2. August 2018

Tatort: Die Musik stirbt zuletzt - Rezension

Die Sommerpause ist endlich beendet! Ab sofort sind wir wieder mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalk) bei jedem Sonntagskrimi dabei.


Im Kultur- und Kongresszentrum Luzern findet ein Konzert des argentinischen "Jewisch Chamber Orchestra" statt, das Stücke von Komponisten spielt, die in Konzentrationslagern gestorben sind. Der sündhaft teure Benefiz-Abend wird von Unternehmer Walter Loving (Hans Hollmann) veranstaltet, der einst selbst zahlreichen Juden bei der Flucht vor den Nazis geholfen hat. Kurz vor Beginn der Vorstellung bekommt die bekannte jüdische Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) einen Drohanruf: Sie werde den Abend nicht überleben. Schon während des ersten Stücks bricht ihr Bruder, der Klarinettist Vincent Goldstein (Patrick Elias), würgend zusammen. Er ist Opfer eines Giftanschlags geworden. Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer), die privat vor Ort ist, beginnt sofort mit den Ermittlungen. Später stößt auch ihr Kollege Reto Flückiger (Stefan Gubser) dazu. Gemeinsam versuchen sie eine Massenpanik zu verhindern und gleichzeitig die anwesenden Reichen und Schönen zu befragen. Da die Goldsteins planten, am Ende des Konzerts ein lang gehütetes Geheimnis zu enthüllen, mangelt es nicht an Verdächtigen...

Chapeau an alle Beteiligten für die Präzision!

Passend gekleidet für's Theater...
Foto: SRF
Vor drei Jahren sorgte der Spielfilm "Victoria" von Regisseur Sebastian Schipper (spielte von 2013 bis 2015 die Rolle des Kommissar Jan Katz in den Falke und Lorenz "Tatort"-Folgen) für Furore. Der Grund: Die vollen 140 Minuten wurden in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht und ungeschnitten veröffentlicht. Dasselbe Experiment wagt nun auch der "Tatort" aus Luzern. An vier Abenden wurde die komplette Folge durchgespielt - dabei folgte Kameramann Filip Zumbrunn den Schauspielern durch das Kultur- und Kongresszentrum. Wer den fertigen Krimi sieht, hat eine gute Vorstellung davon, wie aufwändig die Inszenierung gewesen sein muss. Rund zwei Dutzend Schauspieler, sicher hundert Statisten und ein ganzes Drehteam mussten immer genau wissen, an welcher Stelle sie zu stehen haben, um den Ablauf nicht zu behindern. Ein einziger Texthänger, Stolperer oder verpasster Einsatz hätte die Aufnahme ruiniert und alles hätte zum Anfang zurückkehren müssen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass unter den Darstellern auch Kinder und ein 85-Jähriger sind. Außerdem mussten alle Beteiligten den kompletten Ablauf und die Dialoge der Folge im Kopf haben - wie bei einem Theaterstück, nur in einem ganzen Gebäude, statt in einer einzigen Kulisse. Daher an dieser Stelle eine virtuelle Standing Ovation für alle Beteiligten! Ich hoffe wirklich, dass den Fernsehzuschauern bewusst sein wird, was für ein unglaublicher Mehraufwand in diesem "Tatort" steckt, bevor sie ihn bewerten. Eine Sache hat mich besonders überrascht: Mir sind die fehlenden Schnitte gar nicht aufgefallen. Ich hatte damit gerechnet, dass die immer gleiche Perspektive eintönig werden würde, doch Zumbrunn ist stets in Bewegung und fängt die Szenerie blitzschnell von allen Seiten ein - das Bild wackelt dabei nicht einmal. Zwar fehlen einige übliche Einstellungen, wie beispielsweise Detailaufnahmen, doch das macht wirklich keinen Unterschied. Ich habe schnell vergessen, dass es sich beim Gesehenen um eine einzige Kamerafahrt handelt. 

Inszenierung top, alles andere... ausbaufähig

Franky Loving (2.v.r.) ist der allwissende Erzähler
Foto: SRF/Hugofilm
Die fantastische handwerkliche Inszenierung täuscht allerdings nicht über die seltsame, verwirrende und wenig stimmige Handlung hinweg. Immer wieder durchbricht der Charakter Franky Loving (Andri Schenardi) die vierte Wand und spricht den Zuschauer direkt an. Dabei kommen Erinnerungen an den vermeintlich künstlerischen "Tatort: Im Schmerz geboren" hoch, bei dem es ebenfalls einen Erzähler gab, der die Handlung nüchtern und seriös begleitet hat. Die Schweizer gestalten das Ganze jedoch weit weniger hochtrabend. Frankys Kommentare sind nicht informativ, sondern eher auf Klamauk getrimmt ("Willkommen in Luzern - hier riecht die Schweiz noch nach der Schweiz!"). In einigen kurzen Momenten gibt er interessante Einblicke in das Konzept der Folge, indem er beispielsweise zugibt, dass er gerade nur rede, um die Fahrt der Kamera von einem Ort zum anderen zu überbrücken. Auch macht er keinen Hehl daraus, sich in einer fiktiven Geschichte zu befinden ("Ein bisschen kürzer als andere 'Tatorte', aber immer noch okay, ja?"). Allerdings ist die Figur derart seltsam und aufdringlich, dass sie den Fluss der Handlung stört. Vor allem im Hinblick auf das ernste Thema des Krimis: das Gedenken an die von Nazis ermordeten, jüdischen Komponisten und die oberen 10.000, die das Event nutzen, um sich selbst zu feiern. Statt sich auf diese spannenden und wichtigen Aspekte zu konzentrieren, wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer immer wieder auf Franky und seine fast ebenso schrägen Familienmitglieder gelenkt: Seine Mutter Alice Loving-Orelli (Sibylle Canonica), sein Vater Walter und dessen Verlobte Jelena Princip (Uygar Tamer) - oder zumindest glaube ich das, denn die Familienverhältnisse werden sehr verzerrt dargestellt (Welcher erwachsene Mann gibt seiner Mutter einen langen Kuss auf den Mund?). Deren Auftreten ist so übertrieben exzentrisch, dass es unmöglich ist, die Charaktere ernst zu nehmen.
Spielen hier nur Nebenrollen: Flückiger und Ritschard
Foto: SRF/Hugofilm
Ähnlich verhält es sich mit den Ermittlern. Kommissar Flückiger kommt, wie sollte es auch anders sein, direkt von einem Fußballspiel - in Trikot, Shorts und Flip-Flops ("Schick' mir 'ne SMS, wenn's ein Tor gibt!"). Natürlich zieht er damit die Blicke der Reichen und Schönen auf sich. Er hat mit seinem Outfit aber ein deutlich kleineres Problem als seine Kollegin. Die erleidet fast einen Nervenzusammenbruch, als sie erfährt, dass er ihr keine Wechselklamotten mitgebracht hat und sie - genau wie sämtliche andere anwesenden Frauen - weiter im Abendkleid herumlaufen muss. Diese kleinen Szenen fallen negativ auf, da sie völlig aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen und nicht erklärt werden. Sie lenken von der eigentlichen Handlung ab und wirken, als seien Drehbuchautor Dani Levy, der auch Regie führt, die Ideen ausgegangen. So werden beispielsweise noch eine Schwangerschaft, eine einstige Affäre von Liz Ritschard und ein seit Jahrzehnten gehütetes Geheimnis aus dem Hut gezaubert. Wer eigentlich den Giftanschlag verübt hat, wird letztendlich in einem Nebensatz aufgeklärt, obwohl das Geständnis nicht einmal ehrlich klingt. Statt der üblichen Polizeiverhöre, Besuche in der Rechtsmedizin und Verfolgungsjagden bekommt der Zuschauer vor allem eins zu sehen: Aufzüge. Da das Kameraequipment scheinbar nicht dafür gemacht war, die Treppen hoch- und runtergetragen zu werden, steigen die Akteure bei jeder sich bietenden Gelegenheit in einen Aufzug. An diesem Ort spielt gefühlt ein Viertel der Handlung. Aber dafür wird der Zuschauer gegen Ende mit einer ganz besonderen Kulisse belohnt: Ein Regenwald, der plötzlich hinter einer Tür auftaucht und einen faszinierenden Stilbruch darstellt. Trotz der sperrigen, übertrieben theatralischen Handlung kann definitiv gesagt werden, dass Flückigers und Ritschards 13. gemeinsamer Fall viel interessanter und fesselnder ist, als die meisten vorherigen. Schade, dass die beiden Schweizer ausgerechnet jetzt aussteigen.

Fazit

"Die Musik stirbt zuletzt" ist ein handwerklich beeindruckender "Tatort", bei dem in jeder Sekunde deutlich wird, wie viel Arbeit und Planung in ihm stecken. Inszenierung, Kameraarbeit und Timing funktionieren so perfekt, dass die fehlenden Schnitte kaum auffallen. Dennoch lenken die technischen Aspekte nicht völlig von der unstimmigen, schrägen Geschichte ab. Der Kriminalfall spielt nur eine untergeordnete Rolle, während sich mehrere überdrehte, lebensferne Charaktere in den Vordergrund drängeln. Das ist im Angesicht des ernsten Kernthemas sehr bedauernswert. Hoffentlich wird dieser "Tatort" wegen seines gelungenen Kamera-Experiments und nicht wegen der kruden Handlung in Erinnerung bleiben.


Kaum ist die Sommerpause vorbei, da macht der Sonntagskrimi leider schon wieder Pause. Nächste Woche überträgt die ARD die "European Championships". Am darauffolgenden Sonntag geht es dann mit dem zweiten regulären Krimi der 2018/2019-Saison, einem "Polizeiruf 110" aus München, weiter. Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) sieht sich in "Das Gespenst der Freiheit" einem Strudel aus Halbwahrheiten gegenüber, nachdem ein Opfer von Lynchjustiz gestorben ist.

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Dienstag, 10. Juli 2018

Katrins Flop 5 Sonntagskrimi-Teams

Sie sind gern gesehene Gäste in Millionen von deutschsprachigen Haushalten: die Sonntagskrimi-Ermittler. Laut ARD-Homepage sind derzeit 22 "Tatort" und vier "Polizeiruf 110" Teams im Einsatz. Allerdings waren nicht alle während der 2017/2018-Saison zu sehen (klickt hier für unseren Rückblick auf die vergangen 12 Monate Sonntagskrimi). Die Meinungen, welche Kommissare mehr und welche weniger (oder gar keine) Fälle bekommen sollten, gehen sehr weit auseinander. Nachdem ich euch vor Kurzem bereits meine Top 5 Teams vorgestellt habe (hier geht es zum Post), geht es diesmal um die fünf, die ich am wenigsten mag.
Zur Info: In dieser Liste bewerte ich NICHT die schauspielerischen Leistungen, sondern ausschließlich die Charaktere selbst und ihr Verhältnis zueinander und zu ihren Fällen.


5. Stellbrink und Marx, Tatort Saarbrücken

Teamarbeit gibt es bei Stellbrink schon lange nicht mehr
Foto: dpa/Manuela Meyer
Jens Stellbrink (Devid Striesow) und Lisa Marx (Elisabeth Brück) haben seit 2013 sieben Fälle in Saarbrücken gelöst. 2019 ist Schluss, da sich Striesow entschieden hat, die Sonntagskrimi-Familie zu verlassen.  
Ich werde diesen "Tatort" nicht vermissen. Mal abgesehen davon, dass seit 2013 nur unterdurchschnittliche und schlechte Folgen aus Saarbrücken kamen, mochte ich das Team nie. Wie ihr im weiteren Verlauf dieser Liste feststellen werdet, gibt es eine Sache, die mich wirklich stört: Wenn ein Krimi dazu benutzt wird, um einen Ermittler (zufälligerweise fast immer ein sehr bekannter deutscher Schauspieler beziehungsweise sehr bekannte Schauspielerin) zu inszenieren. Der Kommissar, seine ungewöhnlichen Eigenarten und seine Probleme stehen immer im Mittelpunkt. Der Kriminalfall, die anderen Hauptcharaktere (wenn es überhaupt welche gibt) und die Logik gehen dabei völlig unter. Ganz nach dem Motto: Es ist nicht schlimm, wenn die Geschichte keinen Sinn ergibt und die Figuren platt sind, Hauptsache der einsame Held wirkt möglichst cool. Das ist auch der Fall beim Saarbrückener "Tatort". Obwohl Marx und Stellbrink offiziell gleichberechtigt sind, war die Kommissarin in den letzten Folgen kaum noch zu sehen. Auch die restlichen, wiederkehrenden Figuren sind eigentlich Fpnur Statisten, deren einzige Aufgabe es ist, Stellbrink zu unterstützen oder ihn zurückzuhalten - je nachdem, was ihn gerade besser dastehen lässt. Auf meiner "Top 5 Ermittler"-Liste ging der fünfte Platz an das vermutlich harmonischste Duo. Bei den Flops ist es das, was am wenigsten als "Team" bezeichnet werden kann. Dazu kommt noch die Tatsache, dass ich Stellbrink mit seiner treudoofen und naiven Art nicht wirklich ernst nehmen kann.


4. Voss, Ringelhahn, Goldwasser, Fleischer und Schatz, Franken-Tatort 

Viele Köche, äh Ermittler verderben den Brei
Foto: dpa/Daniel Karmann
Das einzige Sonntagskrimi-Quintett ermittelt seit 2015 in Nürnberg und dem Rest des Frankenlandes. Vier Fälle haben Felix Voss (Fabian Hinrichs), Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt), Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) und Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) mittlerweile gelöst.
Vor ihrem jüngsten Fall "Ich töte niemand" wäre das Nürnberger Team auf keiner meiner Listen aufgetaucht. Ganz einfach, weil sie so farblos waren und so wenig Persönlichkeit hatten, dass ich beim besten Willen nicht gewusst hätte, wie ich die Ermittler hätte bewerten sollen. Goldwasser, Fleischer und Schatz sind fast genauso sehr Statisten wie Marx aus Saarbrücken. Auch Voss und Ringelhahn, die deutlich mehr Screentime haben als ihre drei Kollegen, hatten praktisch keine Vorgeschichte, keine individuellen Merkmale - schlicht keine Persönlichkeit. In "Ich töte niemand" wurde dann in Bezug auf die zwei eine Kehrtwendung gemacht: Voss war plötzlich ein herumschreiender und emotional instabiler Choleriker, für dessen Sinneswandel keinerlei Erklärung genannt wurde. Für Ringelhahns Gefühlsausbrüche gab es zwar einen Anlass, doch sie passten überhaupt nicht zu der Figur, die der Zuschauer in den vorherigen Folgen kennengelernt hatte. Kurz gesagt: Die beiden wurden mal eben schnell mit der Holzhammermethode charakterisiert. Ihre drei Mitstreiter laufen allerdings weiterhin als blasse Statisten im Hintergrund herum. Beim Franken-Team entsteht einfach der Eindruck, als hätten die Macher nicht die geringste Ahnung, was sie mit den Ermittlern tun sollen. 


3. Berlinger und Rascher, Tatort Mainz

Unsympathisch, aber nicht auf charmante Weise
Foto: SWR/Julia Terjung
2016 ermittelte Ellen Berlinger (Heike Makatsch) in einem einmaligen Event-"Tatort" in Freiburg. Dabei blieb es jedoch nicht. Seit 2018 bildet sie gemeinsam mit Martin Rascher (Sebastian Blomberg) das Team in Mainz.
Bislang war Berlinger nur in zwei Folgen zu sehen und dennoch sind sie und Rascher bereits in meinen Top 3 der schlechtesten Teams. Mir war die Vorgeschichte der Kommissarin schon in der ersten Folge zu albern und melodramatisch: Hochschwanger kehrt sie nach 15 Jahren in ihre Heimatstadt zurück und trifft dort erstmalig ihre mittlerweile 16-jährige Tochter, die sie nach der Geburt bei ihrer Mutter zurückgelassen hat. Für eine Soap oder ein Familiendrama-Fernsehfilm mag das passen, bei einem Krimi ist das einfach nur übertrieben und unpassend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Berlinger-"Tatort" damals noch als einmalige Ausgabe geplant war. Eine so umfassende, verstrickte und dramatische Charakterisierung für eine Figur, die der Zuschauer nur 88 Minuten lang begleitet, ist einfach unnötig. Anstelle sich dann nach der Verlängerung auf diese Geschichte zu konzentrieren, wurde Berlingers ältere Tochter im zweiten Fall "Zeit der Frösche" sang- und klanglos herausgeschrieben und durch ihre mittlerweile geborene jüngere Tochter ersetzt. Zudem spielen ihr Liebesleben und ihre schlechte Balance zwischen Privatleben und Beruf eine noch größere Rolle. Für einen Krimi definitiv zu viel, vor allem da Berlinger eine der unsympathischsten Sonntagskrimi-Ermittlerinnen ist. Sie ist unfair, ungehobelt und behandelt die Menschen um sich herum schlecht. Nicht gerade ideale Voraussetzungen, um den Zuschauer für ihr übertrieben dramatisches Privatleben zu interessieren. Ihr neuer Mainzer Kollege scheint auch kein spannender, engagierter und individueller Charakter zu werden. In seinem bislang einzigen Fall wurde er ausschließlich als trübsinniger und lethargischer Jammerlappen gezeigt.


2. Lindholm, Tatort Hannover

Nach 16 Jahren ist Lindholm einfach auserzählt
Foto: NDR
25 Fälle hat Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) schon auf dem Buckel. Seit 2002 wird sie vom Landeskriminalamt Niedersachsen in Dörfer und Städte rund um Hannover geschickt, um dort Verbrechen aufzuklären.
Wenn Berlinger auf dieser Liste auftaucht, dann muss auch Kommissarin Lindholm draufstehen, denn die beiden Frauen sind sich in vielen Punkten sehr ähnlich. Beide suhlen sich gründlich in ihren selbst verursachten Problemen, jammern in Dauerschleife und wissen nicht so recht, wohin mit ihren Kindern. Bei der Mainzer Ermittlerin besteht aber immerhin noch die Chance, dass sie sich im Laufe der Zeit und im Zusammenspiel mit ihrem Kollegen weiterentwickeln wird. Lindholm tritt seit Jahren auf der Stelle. Die Drehbuchautoren werfen immer wieder irgendwelche Liebschaften oder berufliche Probleme ein, doch der Charakter selbst verändert sich nicht. Ihr trübsinniges, schroffes und unorganisiertes Auftreten stört mich schon lange. Das fällt vor allem negativ auf, da sie für die meisten Fälle einen einmaligen Partner zugewiesen bekommt, der fast immer deutlich sympathischer, aufgeweckter und ein besserer Ermittler ist als sie selbst. Wie Frauke Schäfer (Susanne Bormann) im jüngsten Krimi "Der Fall Holdt". Häufig wirkt es so, als sei Lindholm selber die Antagonistin in ihren Geschichten, da sie grobe Fehler macht, voreilige Schlüsse zieht und sich mit ihren Vermutungen verrennt. Einige langjährige Kommissare, wie beispielsweise das Münchener Team, entwickeln sich stetig weiter und passen sich an neue Gegebenheiten an. Bei der Hannoveraner LKA-Ermittlerin werden hingegen in jeder Folge dieselben Problemchen aufgewärmt und dem Zuschauer lustlos vorgesetzt. Hoffentlich schafft es ihre neue Kollegin - die offenbar länger als einen Fall bleibt - Anaïs Schmitz ("Marvel"-Star Florence Kasumba) frischen Wind in den Lindholm-"Tatort" zu bringen.

1. Murot, Tatort Wiesbaden

Sinnlose Ballerei: Bei Tschiller gehasst, bei Murot geliebt
Foto: HR/Philip Sichler
Seit 2010 ermittelt Felix Murot (Ulrich Tukur) in Wiesbaden. Der beim Landeskriminalamt Hessen arbeitende Kommissar war bislang in sechs Folgen zu sehen. 
Wie ich bereits oben geschrieben habe, finde ich nichts schlimmer, als einen Krimi, dessen einziges Ziel es ist, einen Ermittler zur Ikone zu stilisieren. Ein treffenderes Beispiel als den Wiesbadener "Tatort"-Kommissar Felix Murot gibt es schlicht und ergreifend nicht. Selbst sein Hamburger Kollege Nick Tschiller (Til Schweiger) passt besser in einen Krimi als Murot. Das Ziel dieser Folgen scheint nämlich immer zu sein, noch abgedrehter, verstrickter und unlogischer zu werden, als die vorherige. Dabei liegt der Fokus immer auf dem seltsamen Ermittler, der sich auf keine wirklichen Charaktereigenschaften festlegen lässt. Das ist auch sein größtes Problem: Alle Sonntagskrimi-Ermittler, selbst die Münsteraner Ulknudeln und die psychischen Wracks aus Dortmund, fühlen sich zumindest ein wenig wie echte Personen an. Murot ist der einzige, der immer wie eine Kunstfigur wirkt. Er hat keine weltlichen Probleme, ist unbesiegbar und scheint sich durch nichts Bestimmtes auszuzeichnen - das lässt ihn eher wie eine Comicfigur und nicht wie einen handfesten Charakter erscheinen. Sein exaltiertes Verhalten und der ungeheure Zwang, dass sich im Wiesbadener "Tatort" alles um ihn drehen muss, machen Murot zum mit Abstand unsympathischsten und unausgereiftesten Sonntagskrimi-Ermittler. Er versucht so hart künstlerisch, geheimnisvoll und cool zu sein, dass es genau das Gegenteil bewirkt. Ich kann ihn einfach nicht ernst nehmen.


Das waren meine Flop 5 der Sonntagskrimi-Teams. Wie ihr gemerkt habt, waren es nur "Tatort"-Teams. Ich mag die "Polizeiruf"-Ermittler aus München und Magdeburg zwar nicht sonderlich, aber unter den unrühmlichen fünf sind sie dann doch nicht gelandet. Welche Kommissare guckt ihr nicht sonderlich gerne? Schreibt es in die Kommentare.
Falls ihr jetzt auch wissen wollt, welche fünf Teams ich am besten finde, gelangt ihr hier zu meinem Top 5-Post.

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Freitag, 29. Juni 2018

Katrins Top 5 Sonntagskrimi-Teams

Sie sind gern gesehene Gäste in Millionen von deutschsprachigen Haushalten: die Sonntagskrimi-Ermittler. Laut ARD-Homepage sind derzeit 22 "Tatort" und vier "Polizeiruf 110" Teams im Einsatz. Allerdings waren nicht alle während der 2017/2018-Saison zu sehen (klickt hier für unseren Rückblick auf die vergangen 12 Monate Sonntagskrimi). Die Meinungen, welche Kommissare mehr und welche weniger (oder gar keine) Fälle bekommen sollten, gehen sehr weit auseinander. In diesem Post stelle ich euch meine Top 5 Teams vor und erkläre, weshalb sie für mich die besten sind.


5. Janneke und Brix, Tatort Frankfurt

Vermutlich das derzeit harmonischste Team
Foto: HR/Degeto/Bettina Müller
Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) ermitteln seit 2015 in Frankfurt am Main. In mittlerweile sieben Fällen haben sich die einstige Polizeipsychologin und der ehemalige Marinesoldat nicht nur gegen "gewöhnliche" Mörder, sondern auch gegen paranormale Mächte behaupten müssen.
Der Hauptgrund, weshalb ich die beiden Frankfurter so gerne mag, ist ihre Gelassen- und Besonnenheit. Im Gegensatz zu den meisten anderen Teams (darunter die restlichen auf dieser Liste) haben Janneke und Brix keine komischen Angewohnheiten, ein aufbrausendes Wesen oder private Probleme. Sie liegen auch nicht im Dauerstreit, sind insgeheim ineinander verliebt oder gehen zum Ärger des anderen auf Solo-Missionen. Stattdessen arbeiten sie Hand in Hand zusammen und ermitteln ohne großes Wenn und Aber. Dadurch wirken ihre Auftritte stets natürlich und gelassen - selbst im Angesicht von Geistern bleiben sie ruhig. Obwohl ich komplizierte Persönlichkeiten und persönliche Verwicklungen prinzipiell nicht schlimm finde, ist das Frankfurter Team eine nette Ausnahme. Sie zeigen, dass TV-Ermittler auch ein Feierabendbier zusammen trinken können, ohne in Selbstmitleid und Weltschmerz zu verfallen, sich besoffen anzubaggern oder zu zerstreiten. Bitte bleibt weiter so chillig!


4. Sieland und Gorniak, Tatort Dresden

Leider ab sofort ohne Henni Sieland (l.)
Foto: MDR/Gordon Muehle
Von 2016 bis 2018 ermittelten Henni Sieland (Alwara Höfels, Allein gegen die Zeit) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) in Dresden. Nach sechs gemeinsamen Fällen stieg Höfels in der letzten Folge "Wer jetzt allein ist" aus dem "Tatort" aus. Ich berücksichtige das Team dennoch, da ihre Nachfolgerin den Dienst noch nicht angetreten hat. 
Was ich an Sieland und Gorniak so mag, ist ihre unverblümte Art. Sie haben beide einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und setzen alles daran, einen Fall zu lösen - selbst wenn sie ihr Privatleben oder ihre Sicherheit dafür opfern müssen. Außerdem gibt Sieland ihrem Chef Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, Das Leben danach) ordentlich kontra, wenn der mal wieder rassistische, sexistische und konservative Töne anschlägt. Das erste rein weibliche Sonntagskrimi-Duo hat mehr als einmal Rückgrat bewiesen, während die meisten anderen Kommissare entweder sinnlos herumbrüllen oder erst hinter verschlossenen Türen ihre Meinung kundtun. Außerdem wirken Sieland und Gorniak deutlich humaner als viele ihrer Kollegen. Während die häufig kaum eine Gefühlsregung zeigen, wird in Dresden auch mal gelacht, geweint und gezittert. Dementsprechend habe ich Höfels Ausstieg sehr bedauert. Hoffentlich werden sich Konzept und Teamdynamik durch die neue Ermittlerin nicht grundlegend ändern.


3. Bukow und König, Polizeiruf 110 Rostock

Ein ewiges Hin und Her zwischen den beiden
Foto: NDR/Christine Schroeder
Der "Polizeiruf"-Kommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) und seine LKA-Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ermitteln seit 2010 in und um Rostock. In 17 gemeinsamen Folgen haben die beiden ein paar Höhen und sehr viele Tiefen erlebt - sei es die Aufarbeitung von Königs dramatischer Kindheit, ihre Fast-Vergewaltigung oder das Ende von Bukows Ehe. 
Die NDR-Ermittler gehören wohl zu den Teams, die am meisten Gepäck mit sich herumschleppen. Je mehr Fälle die zwei lösen, desto kaputter und erschöpfter wirken sie. Dabei bricht auch ihre sowieso schon sehr wacklige Beziehung immer weiter auseinander. Was im ersten Moment wie ein Melodrama klingen mag, ist auf den zweiten Blick aber extrem unterhaltsam. Die große Stärke von Bukow und König ist, dass der Zuschauer die Charaktere leicht durchschaut, obwohl sie fast nie offen über ihre Gefühle sprechen. Durch ihre impulsive Art verraten sie genug über sich selbst, um spannend und dennoch unberechenbar zu bleiben. Bei den beiden Kommissaren kann man sich nie sicher sein, ob sie nicht am Ende einer Folge verhaftet werden, weil sie sich einen Fehltritt zu viel erlaubt haben. Die tolle Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern tut ihr Übriges, dass Bukow und König auch nach 17 gemeinsamen Fällen nicht langweilig werden. 


2. Falke und Grosz, Bundespolizei-Tatort 

Grosz und Falke sind seit Neustem per du
Foto: NDR/Christine Schroeder
Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ermittelt seit 2013 im Sonntagskrimi - zuerst in Hamburg, dann als erster Bundespolizist der "Tatort"-Geschichte. Seit 2016 wird er von Julia Grosz (Franziska Weisz) unterstützt. Zusammen haben die beiden mittlerweile vier Fälle gelöst - von denen einer auf unserer Top- und einer auf der Flop-Liste der Saison gelandet ist.
Falke und seine ursprüngliche Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) sind mein All-Time-Favorite-Team. Die beiden hatten eine unvergleichliche Chemie, an die keins der anderen Teams der letzten Jahre heranreicht. Auch die neue Bundespolizei-Besetzung nicht. Ich mag Julia Grosz. Sie ist durchsetzungsfähig, zielstrebig, klug und lässt sich nicht unterkriegen. Mittlerweile ist sie mir auch deutlich sympathischer als Falke, der häufig unkonzentriert und sehr emotional ist. Obwohl die beiden noch etwas eckig im Umgang miteinander wirken, ergänzen sie sich sehr gut und finden genau den richtigen Mittelweg zwischen Harmonie und Konfliktpotenzial. Durch dieses ständige Wechselspiel ihrer Beziehung bleibt die Figurenkonstellation abwechslungsreich und unterhaltsam. In ihrer jüngsten Folge "Alles was Sie sagen" haben sie das mehr als eindrücklich bewiesen. 


1. Faber, Bönisch und Dalay, Tatort Dortmund

Lächeln tut dieses Team im Dienst eher nicht
Foto: dpa/Marcel Kusch
Das Dortmunder "Tatort"-Team, bestehend aus Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel), geht seit 2012 gemeinsam auf Verbrecherjagd. Zehn Folgen lang ermittelten die drei gemeinsam mit Kommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske, Tatort: Unter Kriegern). Im elften Fall "Tollwut" trafen sie dann auf Jan Pawlak (Rick Okon), ihren zukünftigen, neuen Kollegen.
Für mich sind die Dortmunder Ermittler die derzeit besten im Sonntagskrimi. Das liegt vor allem daran, dass auf den ersten Blick mehrere völlig unterschiedliche Charaktere aufeinander knallen, die im Kern aber gar nicht so verschieden sind. Obwohl sich die Kommissare gegenseitig anbrüllen, niedermachen und anstacheln, lösen sie dennoch jeden Fall effizient und unterstützen einander. Weiterhin ist das Team so wenig sozial, dass es praktisch keine persönlichen Nebenhandlungen gibt, die nichts mit den Verwicklungen innerhalb des Präsidiums zu tun haben. So bleibt der Fokus stets auf den Charakteren und ihren Beziehungen zueinander, ohne dass Familienmitglieder, andere Kollegen oder Bekanntschaften Aufmerksamkeit einfordern. Es braucht auch keine weiteren Figuren, denn die Dortmunder Kommissare sind deutlich komplexer und vielseitiger aufgebaut als die meisten anderen Sonntagskrimi-Ermittler. Dadurch bleiben sie immer überraschend und können nie in eine Schublade gesteckt werden. Außerdem verfügen die drei über einen grandiosen schwarzen Humor, der sich in sehr unterhaltsamen, sarkastischen Wortgefechten entlädt. Faber, Bönisch und Dalay sind die asozialsten, kaputtesten und verquertesten Ermittler im deutschen Fernsehen - aber auch die mit Abstand besten. 


Das waren meine Top 5 der Sonntagskrimi-Teams. Welche mögt ihr am liebsten? Bevorzugt ihr die "Tatort"- oder "Polizeiruf"-Kommissare? Schreibt es gerne in die Kommentare.
Demnächst werde ich den Spieß dann umdrehen und euch die fünf Teams vorstellen, die ich am wenigsten mag.

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Dienstag, 19. Juni 2018

Falk - Rezension

In TV-Formaten gibt es einige Berufsgruppen, die überproportional häufig vertreten sind. Darunter fallen vor allem Polizisten und Ärzte, aber auch Juristen. RTL brachte mit "Beck is back!" und "Jenny - echt gerecht!" innerhalb weniger Monate gleich zwei neue Anwaltsserien auf den Markt. Auch bei der ARD gab es jetzt Nachschub in diesem Genre: Seit Mai zeigt der Sender "Falk", eine eigenproduzierte Sendung über einen schrägen Juristen. Heute läuft das Staffelfinale, also höchste Zeit für eine Rezension. Falls ihr die Serie übrigens noch nicht kennt, könnt ihr sie in der ARD-Mediathek kostenlos von Anfang an gucken.

Der exzentrische Falk (Fritz Karl) ist gelernter Anwalt, konnte aber seinen Beruf und vor allem die Mandanten nie leiden. Eines Tages stand er während einer Gerichtsverhandlung einfach auf, verließ den Saal und kündigte seinen Job bei der renommierten Kanzlei "Offergeld & Partner". Stattdessen folgte er seinem eigentlichen Lebenstraum: ein eigenes Restaurant. Da Falk zwar einen ausgezeichneten Geschmack, aber keinerlei Ahnung von Geld hat, geht das Lokal zu Beginn der Serie bankrott und wird von seinem ehemaligen Chef Richard Offergeld (Peter Prager) übernommen. Der bietet ihm einen Deal an: Wenn Falk für eine Weile die ungewöhnlichen Fälle der Kanzlei übernimmt, gibt ihm Offergeld das Restaurant zurück. Widerwillig kehrt der erfolglose Gastronom mit seiner Assistentin Trulla (Alessija Lause, Jenny - echt gerecht!) an seinen alten Arbeitsplatz zurück. Noch weniger begeistert von der Situation ist Offergelds Tochter Sophie (Mira Bartuschek), die mittlerweile die Leitung der Kanzlei übernommen hat. Falks direktes Auftreten, seine emotionalen Ausbrüche und seine unorthodoxen Methoden stellen in Sophies Augen eine Gefahr für den guten Ruf des Familienunternehmens dar. Die ungleichen Anwälte können es kaum erwarten, bis sich ihre Wege wieder trennen.

Was genau bedeutet eigentlich "exzentrisch"?

Lieber Restaurant als Kanzlei?
Foto: ARD
Diese Frage habe ich mir bei jeder der sechs "Falk"-Folgen gestellt. Denn so ungewöhnlich, verrückt und genial, wie der Hauptcharakter von seinem Umfeld dargestellt wird, ist er eigentlich gar nicht. Er trägt knallbunt gemusterte Socken zum Dandy-Style, lässt seine Schildkröte im Kühlschrank der Kanzlei überwintern und prügelt sich mit einer Mandantin, um ihre Schuld zu beweisen. In den Augen der älteren Zuschauer mag das vielleicht ein schockierendes Verhalten für einen Anwalt sein. Im Vergleich zu den meisten anderen aktuellen Serienhelden erreicht Falk aber nur das Mittelfeld der "Verrücktheits-Skala". Simple Hauptfiguren ohne Macken, seltsame Angewohnheiten, private Dramen oder (vermeintlich) übermenschliche Fähigkeiten findet man im Fernsehen nämlich kaum noch. Irgendeine Art von Tick oder schräger Individualität muss ein Hauptcharakter haben, damit die Serie in dem Meer von Programmen auffällt. Bei Falk geht dieser Plan nicht wirklich auf, da er die meiste Zeit über relativ normal, sogar ein bisschen langweilig, wirkt. Einen neuen "Sherlock" hat die ARD jedenfalls nicht ins Leben gerufen, obwohl die beiden eins gemeinsam haben: einen lädierten Körper. Während sich der britische Serienheld mit Drogen kaputt macht, ist Falk passionierter Hypochonder. Sein Vater starb qualvoll an einer nicht genannten Krankheit, vermutlich Alzheimer. Der Anwalt hat daher ständig Angst, dasselbe Schicksal vor sich zu haben. Fast täglich steht er vor der Tür seiner genervten Ärztin Dr. Kranzow (Sonja Baum) und glaubt, Symptome zu zeigen (Kranzow: "Alles bestens - so wie sonst auch." (...) Sprechstundenhilfe: "Neuer Termin?" Falk: "Alles gut! Brauche ich nicht." Sprechstundenhilfe: "Kein neuer Termin?" Kranzow: "Doch, doch, der ist morgen wieder da."). Obwohl mir Falk generell ziemlich unsympathisch ist, hat mich diese Nebenhandlung am meisten gestört, da sie die komplette Staffel über auf der Stelle tritt. Dem Zuschauer ist klar, dass der Anwalt nicht erkranken wird, weil die Serie sonst nicht mehr funktionierten würde. Die ganze Geschichte wirkt wie pure Zeitverschwendung, da sich die Situation nie verändert. Trullas ständige Vorträge, dass Falk sich nicht einreden solle, er würde demnächst sterben, steuern nur unnötige Melodramatik bei.
Falk hat regelmäßig seltsame Visionen von sich selbst
Foto: ARD/Kai Schulz
Genauso wechselhaft wie der Hauptcharakter ist auch die restliche Serie, die ihre Linie noch nicht ganz gefunden zu haben scheint. Das zeigt beispielsweise die ungewöhnliche Wahl der Episodendarsteller: auf der einen Seite ein bei Teenies beliebter YouTube-Star wie Joyce Ilg, auf der anderen Seite ein eher beim älteren Publikum bekannter Schlagersänger wie Roberto Blanco - beide spielen sich selbst. Weiterhin scheinen sich die Verantwortlichen der Sendung noch nicht entschieden zu haben, ob Falk nun eher ein infantiler Spinner oder ein eloquenter, hochnäsiger Anzugträger ist und wie wichtig die anderen Charaktere sein sollen. Wie viele andere Serien, darunter die bereits erwähnte BBC-Produktion "Sherlock", aber auch "Sankt Maik" oder "Pastewka", konzentriert sich "Falk" fast ausschließlich auf die männliche Hauptfigur. Neben ihr sehen alle anderen Charaktere unscheinbar und etwas einfältig aus. Falks Assistentin Trulla ist das wandelnde Klischee einer bauernschlauen, frivolen Lebenskünstlerin. Sophies Tochter Marie (Sinje Irslinger) hat ausschließlich zwei Gemütszustände: genervter Teenager, der glaubt, alles besser zu wissen und einfühlsamer Teenager, der tatsächlich alles besser weiß. Kanzleikollege Bitz (Moritz Führmann) scheint währenddessen nur zu existieren, damit Falk und Sophie ihn konsequent ignorieren können. Die Rolle von Letzterer bleibt derweil völlig im Dunklen. Schon nach zwei Folgen scheint sie sich in Falk verliebt zu haben, was aber nie angesprochen wird. Stattdessen darf Sophie nur eingeschnappt auf alles reagieren, was ihr unfreiwilliger Kollege tut und eifersüchtig sein, wenn er sich mit der verheirateten Sabine Schmidt (Marie-Lou Sellem) trifft. Im Staffelfinale hat Falk dann die Chance, sein Restaurant sofort zurückzubekommen, zögert aber - ob wegen Sophie oder aus einem anderen Grund, kann nur gemutmaßt werden.

Etwas weniger Klischees und mehr 2018, bitte!

Sophie und Falk funktionieren gut ohne den anderen
Foto: ARD/Kai Schulz
Die Charaktere sind unterhaltsam, da sie konsequent übertrieben agieren und die Schauspieler dabei sichtlich Spaß haben. Es ist jedoch schade, dass der Zuschauer rein gar nichts über das Seelenleben der Figuren erfährt. Mit Ausnahme von Falks Angst vor einer möglichen Erkrankung, wird überhaupt nicht über Gedanken, Gefühle oder Vergangenes gesprochen. Es wird beispielsweise nie abschließend erklärt, weshalb Falk seinen Job so abrupt gekündigt hat. In Bezug auf Sophie kommt noch dazu, dass die Serie ständig so tut, als würde sie ohne ihren exzentrischen Kollegen nichts zustande bekommen. Tatsächlich arbeiten die beiden aber praktisch nie zusammen und helfen einander auch nur selten. Es passt aber ins generell nicht sehr moderne Frauenbild der Serie. Sophie erzählt, dass sie nur wegen ihres Vaters Anwältin geworden sei und muss sich ständig gegen seine ungefragte Einmischung in die Kanzlei und die Erziehung ihrer Tochter zur Wehr setzen. Das gegensätzliche Beispiel ist Falks Affäre Sabine, die ihm erst ihren Ehemann und die Kinder verschweigt und ihn dann abserviert, als sie merkt, dass sie lieber unabhängig von allen sein will ("Ich wollte dir danken - für die gemeinsame Zeit. Es war schön. Ich habe mich lebendig gefühlt. Ich hätte ohne dich nie den Mut gehabt, überhaupt über eine Trennung von Thomas [ihr Ehemann, Anm. d. Red.] nachzudenken."). Ein noch eindeutigeres Beispiel ist einer der Fälle, die Falk behandelt: Tina (Caroline Maria Frier) und Hanno (Dirk Borchardt) wollen sich scheiden lassen, doch der Anwalt denkt, es gebe eine andere Lösung. Schließlich diagnostiziert er, dass sich Hanno seiner Männlichkeit beraubt fühle, weil Tina vermögend und somit finanziell unabhängig ist. Sie finde ihn wegen seines Komplexes weniger attraktiv. Also lässt Falk den Ehemann mit einem Hammer eine Mauer einschlagen, damit ist seine Männlichkeit wiederhergestellt und seine Frau fällt über ihn her. Das ist definitiv ein sehr antiquiertes Bild beider Geschlechter und eine ziemlich dämliche "Lösung" des Problems. Falks und Sophies andere Fälle sind glücklicherweise weniger klischeehaft und deutlich amüsanter - sei es ein Rechtsstreit wegen eines anzüglich gecoverten Songs, das Schlichten eines Rechtsstreits in der Sauna oder eine Erwachsenenadoption wegen eines Adelstitels.

Fazit

"Falk" ist eine witzige, kurzweilige Serie, die aber noch hinter ihrem Potenzial zurückbleibt. Das liegt vor allem am unstetigen Konzept, den altbackenen Klischees und den unnötigen Nebenhandlungen. Auch der Hauptcharakter ist noch nicht richtig ausgereift, da er extrem wechselhaft und kein wirklicher Sympathieträger ist. Die anderen Figuren sind deutlich charmanter, bleiben aber stets in seinem Schatten. Außerdem erfährt der Zuschauer so gut wie nichts über das Seelenleben der Beteiligten, was die Geschichte platt wirken lässt. Durch die Spielfreude der Darsteller und die amüsanten Fälle ist "Falk" jedoch durchaus sehenswert. Ich hoffe jedenfalls, dass die ARD eine weitere Staffel bestellen wird.


Habt ihr "Falk" schon gesehen? Wenn ja: Wie findet ihr den exzentrischen Anwalt? Teilt eure Meinung gerne mit uns in den Kommentaren!

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