Mittwoch, 28. Februar 2018

Das gestohlene Juwel (Catherine Coulter & J.T. Ellison) - Rezension

Temperaturen unter null Grad, Eis, Schnee... Was gibt es da Schöneres, als sich mit einem Buch und einer warmen Decke auf dem Sofa zu verkriechen? Meine Lesestoff-Wahl fiel diesmal auf "Das gestohlene Juwel", den Auftakt der "A Brit in the FBI"-Reihe von Catherine Coulter und J.T. Ellison. Der Thriller des Autorinnen-Duos ist in den Vereinigten Staaten bereits 2013 erschienen. In Deutschland folgte die Veröffentlichung erst fünf Jahre später - Mitte Februar 2018 bei Edition M. In der E-Book-Version ist der Roman 559 Seiten lang.

In New York City wird die Leiche von Elaine York im Hudson River gefunden. Die Scotland Yard-Polizistin gehörte einem Team an, das den Transport der britischen Kronjuwelen ins New Yorker Metropolitan Museum of Art organisiert hat. Die unbezahlbaren Kostbarkeiten sollen dort in einer einmaligen Sonderausstellung gezeigt werden. Elaines Ex-Freund und Scotland Yard-Kollege Nicholas Drummond macht sich auf den Weg nach New York, um die Ermittlungen des FBI zu unterstützen. Noch im Flugzeug erfährt er, dass der 108-karätige Koh-i-Noor-Diamant, der die Krone der Königinmutter schmückte, gestohlen wurde. Im Gegensatz zu seinen neuen Kollegen, glaubt Nicholas nicht, dass Elaine in den Raub verwickelt war. Er hält den ominösen international agierenden Kunstdieb "Fuchs" für den Täter. Gemeinsam mit FBI-Agentin Michaela "Mike" Caine und ihrem Team stürzt sich Nicholas in einen brisanten und lebensgefährlichen Fall, der sie durch halb Europa führt.


Spannender Thriller mit seltsamem Motiv

Cover ist kitschig, Buch nicht
Foto: Edition M
Eins direkt vorweg: Von all den Büchern, die ich in den letzten Monaten gelesen habe, ist "Das gestohlene Juwel" definitiv eines der besten. Das liegt vor allem an der ungewöhnlichen Geschichte. Viele Krimis folgen einem strikten Muster: Es geschieht ein grausamer Mord unter abstrusen Umständen, der von Kommissaren aufgeklärt werden muss, die durch schwere Schicksalsschläge in ihrer Vergangenheit gezeichnet sind. Coulter und Ellison wählen jedoch einen ganz anderen Weg. Elaine Yorks Tod spielt nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen steht der Juwelenraub im Fokus der Ermittlungen. Diebstähle bilden selten den Kern von Krimis, da sie im Gegensatz zu Mord, Entführung und Vergewaltigung deutlich weniger emotional und spannend sind. Die Autorinnen bringen es jedoch fertig, die Handlung um den verschwundenen Diamanten aufregend und vielseitig zu erzählen. Es gibt viele verschiedene Sichtweisen, Rückblicke und Schauplätze, die im Laufe der Handlung langsam miteinander verknüpft werden, bis sich letztendlich ein klares Bild ergibt. Am Ende werden alle zentralen Fragen beantwortetet und es gibt kaum Unstimmigkeiten - ein wirklich großer Pluspunkt bei einem Krimi! Coulter und Ellison legen angenehmerweise auch keinen Wert darauf, zu schocken. Sie beschreiben nicht jede Verstümmelung bis ins kleinste Detail, geizen mit Blut und verzichten auf abartige Tötungsarten. Stattdessen erfährt der Leser viel über die Stimmung während des Falls. Im Laufe des Thrillers wird in zahlreichen Städten ermittelt, dabei lassen die Autorinnen Genf, Paris oder London vor dem geistigen Auge der Krimifans lebendig werden. 
Nur das Motiv des Drahtziehers verpasst der sonst sehr unterhaltsamen und interessanten Handlung einen Dämpfer. Das Autorinnen-Duo erzählt in 99 Kapiteln einen bodenständig Kriminalfall, in dem letztendlich jedes Puzzleteil an seinen Platz fällt und jeder Schritt logisch ist. Der völlig weltfremde Plan des Täters passt dabei überhaupt nicht zum Rest der Geschichte. Sein Grund, wieso er den Diamanten besitzen möchte, würde eher zu einem Science-Fiction- oder Fantasy-Roman passen ("Er würde es sein, der die Steine wieder vereinte. Die Macht des Steins würde ihm gehören, nur ihm alleine, und er würde die Welt nach seiner Vorstellung formen."). In einem ansonsten grundsoliden Krimi wirkt er einfach nur deplatziert und lachhaft. Der Leser erfährt innerhalb der Handlung und in einem informativen Zusatzkapitel am Ende viel über die wahren Hintergründe des Koh-i-Noor-Diamanten und die Sagen, die ihn umgeben. Seine Geschichte ist überaus tragisch und blutig. Es hätte daher genug Motive für verschiedene Privatpersonen und Länder gegeben, den Stein stehlen zu wollen. Es ist daher nicht verständlich, wieso die Autorinnen anstelle eines nachvollziehbaren Motivs, ausgerechnet Magie als Erklärung wählen. Vielleicht bringen sie auch deshalb "Harry Potter"-Referenzen ein ("Wenn sie Lady Pamela war, was mache das dann aus ihre Ehemann? War er Sir Nicholas? War das nicht eher dieser kopflose Geist aus... egal."). Der einzige andere Aspekt, der zu krass in die Fiktion abrutscht, ist die Figur Lacey Sherlock. Die FBI-Agentin hat die Gabe, mit einem Blick auf den Tatort zahlreiche Fakten und Details zu erkennen, die ansonsten erst nach langen Untersuchungen gefunden worden wären. Die Parallelen zu Sherlock aus der gleichnamigen BBC-Serie sind nicht gerade dezent. Außerdem funktioniert ihre Fähigkeit zu perfekt und effektiv, um noch als glaubwürdig durchzugehen.

Ermittler ohne Probleme, dafür mit Humor

Autorin Catherine Coulter
Foto: Charles Bush
Trotz ihres fast übernatürlichen Talents ist Lacey Sherlock ein bodenständiger Charakter - wie auch ihre Kollegen. In der letzten Zeit habe ich kaum einen Krimi gefunden, in dem nicht bereits im Klappentext auf das "dunkle Familiengeheimnis" oder die "dramatische Vergangenheit" des ermittelnden Beamten hingewiesen wurde. Die Protagonisten in "Das gestohlene Juwel" sind da eine willkommene Ausnahme. FBI-Agentin Mike Caine und Scotland Yard-Officer Nicholas Drummond haben intakte Familien, keine Mörder in ihrem Umfeld und auch keine lebensbedrohlichen Krankheiten. Zwar ist Letzterer durch den Mord an seiner Ex-Freundin emotional betroffen, doch er lässt sich nie von seinen Gefühlen ablenken. Die beiden Ermittler sind intelligent, menschlich und sympathisch. Sie ergänzen sich auch perfekt. Während Nicholas durch seine Vergangenheit als Spion gerne bereit ist, die Grenzen der Legalität zu überschreiten, ist Mike der Inbegriff von reinem Gewissen. Ihre Der-Zweck-heiligt-nicht-die-Mittel-Einstellung hat sie bereits im Auftaktband zu einem meiner liebsten Buch-Ermittler werden lassen ("Meine Regeln, wie du sie nennst, sind das, was mich von jenen unterscheidet, die ich jage."; "Wir werden nicht selbst kriminell werden, um Kriminelle zu fassen."). Ich freue mich darauf freue, die nächsten Teile der "A Brit in the FBI"-Reihe mit diesen starken Figuren zu lesen.
Autorin J.T. Ellison
Foto: Suzanne DuBose
Es ist auch angenehm, wie effizient und problemlos die Teammitglieder zusammenarbeiten, obwohl sie aus verschiedenen Abteilungen und zum Teil auch aus verschiedenen Ländern kommen. Auf interne Machtspielchen und Zickereien à la Dortmunder "Tatort" wird verzichtet - genauso wie auf arrogante Chefs, die ihre Untergebenen grundlos unter Druck setzen. Dadurch verliert sich die Handlung nie in Belanglosigkeiten und ermöglicht es, eine stringente und logische Geschichte zu erzählen. Die ist für einen Krimi auch überraschend humorvoll. Mike und Nicholas liefern sich einen witzigen Schlagabtausch nach dem anderen ("'Ich wüsste nicht, wen ich lieber an meiner Seite hätte.' 'Wenn wir beide deinetwegen sterben, nehme ich dir das ernsthaft übel.'") und haben selbst in stressigen Situationen immer einen amüsanten Spruch auf den Lippen ("'Erklärt mir doch bitte mal, wie ihr mit einem Auftragskiller auf dem Dach gelandet seid?' 'Mehr Bewegungsfreiheit als in der Lobby', winkte Nicholas ab."). Der Humor wird wohldosiert eingesetzt. Er lenkt nie von der Handlung ab, sondern bereichert sie, indem er die Stimmung auflockert und die menschliche Seite der FBI-Agenten zeigt. 

Fazit

"Der gestohlene Juwel" ist ein unterhaltsamer Thriller, dessen ungewöhnliches Thema ihn von anderen Büchern desselben Genres abhebt. Die Geschichte ist spannend und wirkt durch ihre originalgetreuen Schauplätze sowie die echten Sagen sehr realistisch. Einziges Manko ist das abstruse Motiv des Drahtziehers, da dem Leser suggeriert wird, dass in der ansonsten völlig normalen Welt Magie real sei. Dieses Szenario passt nicht zum logischen, bodenständigen Rest der Handlung. Ein großes Highlight ist das sympathische Ermittlerteam, allen voran die beiden Protagonisten. Die Charaktere werden nicht über persönliche Dramen definiert, sondern über ihre Fähigkeiten als Agenten. Sie sind humorvoll und haben immer wieder clevere Ideen, wie sie eine Situation zu ihren Gunsten drehen können. "Der gestohlene Juwel" ist ein vielversprechender Einstieg in eine Thriller-Reihe. Mit dem zweiten Band werde ich noch heute beginnen.


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