Freitag, 22. Dezember 2017

Ghost (Musical) - Rezension

Im Jahr 2011 feierte das Musical "Ghost" Weltpremiere. Seit Dezember 2017 ist es in Berlin zu sehen. Es basiert auf dem Film "Ghost - Nachricht von Sam", der Anfang der 1990er für zahlreiche Preise nominiert wurde. Whoopi Goldberg erhielt für ihre Rolle als Oda Mae Brown sogar den Oscar als beste Nebendarstellerin. Die Synchronstimme der "Sister Act"-Schauspielerin begrüßt die "Ghost"-Zuschauer auch im "Theater des Westens". Vor ein paar Monaten hatte ich mir dort bereits "Der Glöckner von Notre Dame" (hier geht es zur Rezension) angesehen. Ich hatte mich damals bereits sehr auf "Ghost" gefreut, da es seit Langem das erste Musical war, bei dem ich die Geschichte vorher nicht kannte. Den Film habe ich bislang noch nie gesehen, aus diesem Grund werde ich in diesem Post keinen Vergleich ziehen.
Kleines persönliches Highlight: Wenn ich mich nicht verzählt habe, war das mein 50. Musical (Also unterschiedliche Stücke, insgesamt sind es ein paar Besuche mehr, da ich einige öfters angesehen habe.)!

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass sich meine Rezension ausschließlich auf die Vorstellung am 13. Dezember 2017 und deren Besetzung bezieht. Die Bilder im folgenden Post sind offizielle Promofotos und zeigen nicht zwangsläufig die Berliner Produktion oder die Besetzung, die
ich gesehen habe.

Keine Elsa, kein Tarzan, trotzdem ein toller Abend!

Liebe überwindet den Tod
Foto: Stage Entertainment
Künstlerin Molly Jensen und Banker Sam Wheat ziehen in eine gemeinsame Wohnung im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die beiden sind sehr verliebt und freuen sich auf ihr Leben zu zweit. Molly ist nur enttäuscht darüber, dass ihr Freund sich weigert "Ich liebe dich" zu sagen. Eines Tages stellt Sam Unregelmäßigkeiten auf einigen Firmenkonten fest. Damit er ein Date mit Molly wahrnehmen kann, bietet sein bester Freund Carl Bruner an, den Geldtransfer unter die Lupe zu nehmen. Nach dem Abendessen wird das Paar von einem bewaffneten Räuber überfallen, der Sams Brieftasche stehlen will. Der stürzt sich jedoch auf den Angreifer und wird im darauffolgenden Handgemenge erschossen. Sein Geist befindet sich von da an in einer Zwischenwelt, in der er die Menschen beobachten, sich aber nicht selbst bemerkbar machen kann. Erschrocken stellt er fest, dass der Räuber einen Plan verfolgt und sich Zugang zu Mollys Wohnung verschaffen will. Sams Hoffnung liegt auf dem betrügerischen Medium Oda Mae Brown, die seine trauernde Freundin vor der drohenden Gefahr warnen soll.
Normalerweise ist es mir nicht so wichtig, wer auf der Bühne steht, solange die Person ihre Rolle leidenschaftlich und einfühlsam darstellt. "Ghost" war jedoch eine Ausnahme, da ich mich wirklich darauf gefreut habe, Willemijn Verkaik ("Molly") live zu erleben. Ich finde ihre Stimme großartig - Nicht-Musicalfans kennen sie vermutlich als Singstimme von Elsa im "Disney"-Hitfilm "Die Eiskönigin". Bei "Wicked" in London habe ich sie leider um einen Tag verpasst und auch bei "Disney in Concert" wurde sie bei meiner Vorstellung vertreten. Bei "Ghost" habe ich sie und einen Teil der Erstbesetzung ebenfalls nicht gesehen, darunter den ersten DSDS-Gewinner Alexander Klaws ("Sam"), der unter anderem Tarzan im gleichnamigen "Disney"-Musical gespielt hat. Wegen Willemijn Verkaik war ich ein wenig enttäuscht, aber das hat sich schnell gelegt, denn die Darsteller, die stattdessen auf der Bühne standen, waren toll! Einigen Zuschauern schien das egal zu sein, da sie sich in der Pause lautstark bei den Mitarbeitern des Souvenirstands beschwerten: "Mir hat niemand gesagt, dass Alexander und Willemijn heute nicht spielen!" Liebe Theaterbesucher: Es wird euch nirgendwo eine Besetzung garantiert und die Mitarbeiter der Garderobe oder der Verkaufsstände können auch nicht auf magische Weise andere Darsteller herbeizaubern! 
Oda Mae (l.) ist die einzige, die Sam (M.) sehen kann
Foto: Stage Entertainment
In meiner Vorstellung wurden die beiden Hauptrollen von Marcella Adema und Mathias Edenborn verkörpert. Letzterer hat mich besonders begeistert. Der ehemalige schwedische Fußballprofi hat nicht nur eine fantastische Stimme, sondern spielt auch mit einer unglaublichen Energie. Sam durchlebt auf der Bühne ein wahres Wechselbad der Gefühle - vom großem Glück über völlige Verzweiflung bis hin zu blanker Wut und Resignation. Edenborn wirkt nicht, als würde er die Emotionen darstellen, sondern stattdessen tatsächlich leben. Obwohl ich mit romantischen Geschichten wenig anfangen kann, hat mich Sams Schicksal in seinen Bann gezogen - einzig und allein durch die sehr zugängliche und ehrliche Spielweise des Schweden. Marcella Adema mochte ich als "Molly" auch sehr gerne. Allerdings fand ich, dass sich das Script zu wenig mit ihr beschäftigt hat. Sie wird nur gezeigt, wenn es die Handlung voranbringt - also wenn es um die Kommunikationsversuche ihres toten Freundes oder die Suche nach seinem Mörder geht. Wie es in ihr aussieht, wird nur oberflächlich angekratzt. Es ist schade, dass ihre Trauer und Ratlosigkeit so heruntergespielt werden, obwohl es die nachvollziehbarsten Gefühle im Stück sind. Adema nutzt ihre knapp bemessenen Szenen jedoch, um dem Zuschauer Mollys Situation und ihre Emotionen so nah wie möglich zu bringen ohne in übertriebene Dramatik abzurutschen. Trotz ihrer großen Trauer bleibt sie eine starke Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Die Momente, in denen sie doch ihre Gefühöe zulässt, wirken sehr intim. Als schaue der Zuschauer nicht aus einem großen Saal auf die Bühne, sondern säße mit ihr im Wohnzimmer. Das große Highlight war für mich jedoch Chasity Crisp als Oda Mae. Ihre Freude, auf der Bühne zu stehen, war deutlich spürbar. Der kecke Sarkasmus ihrer Rolle wirkte so ehrlich, als sei er ihr in Leib und Seele übergegangen. Obwohl sie eine schöne, kräftige Singstimme hat, wird sie mir vor allem wegen ihres genialen trocknen Humors, selbst in den freudlosesten Szenen, in Erinnerung bleiben.

Lebendig, magisch, trotzdem fehlt ein wichtiger Aspekt!

Molly möchte glauben, dass Sam noch bei ihr ist
Foto: Stage Entertainment
Woran ich mich hingegen schon wenige Minuten nach dem Schlussapplaus nicht mehr erinnern konnte, war die Musik. Bei "Der Glöckner von Notre Dame" und "Mary Poppins" fand ich die Lieder, die extra für das jeweilige Musical geschrieben wurden, öde und wenig eingängig. Dasselbe war bei "Ghost" der Fall. Die Songs sind zwar nicht schlecht, doch es war keiner dabei, bei dem ich Lust hatte, mitzusingen oder Gänsehaut bekommen habe. Das lag auch an der Stimmung. Die Lieder, die von Oda Mae, ihren Helferinnen und den Geistern gesungen wurden, waren mir zu schrill und künstlich. "Jetzt Und Hier" ist der einzige Originalsong, den ich ganz in Ordnung fand, da er positiv klingt und Rhythmus hat, ohne übertrieben fröhlich oder überdreht zu sein. Außerdem mochte ich "Unchained Melody", da der Text nicht übersetzt wurde und somit deutlich schlüssiger und passender klingt als die meisten anderen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein Stück, das für das Musical geschrieben wurde. Das Lied wurde bereits 1955 komponiert und kam auch im Film "Ghost" vor. Alexander Klaws und Willemijn Verkaik haben eine schöne Duett-Coverversion aufgenommen, klickt hier, um sie euch anzuhören.
New Yorks graue Finanzwelt wird lebendig 
Foto: Stage Entertainment
Meine Ohren waren nicht begeistert, meine Augen aber umso mehr, denn das Bühnenbild und die Effekte sind toll! Es gibt ein Grundgerüst, das bei allen Szenen verwendet wird. Beim Apartment des verliebten Pärchens passt es nicht, da die grauen Säulen und die hohe Decke den Charme einer Lagerhalle versprühen. Die paar versprengten Möbel wirken darin deplatziert. Alle anderen Orte sahen jedoch klasse aus. Durch Projektionen, die genau auf die Säulen abgestimmt sind, wird New York mit seinen kleinen, dunklen Sträßchen und seiner versifften U-Bahn lebendig. Die ersten Sekunden des Musicals stimmen bereits auf diese Umgebung ein: Auf den Vorhang werden die schemenhaften Umrisse vorbeieilender Menschen projektiert, untermalt mit den Geräuschen einer Großstadt. Die wenigen Requisiten und einzelnen Bühnenbilder bewirken, dass die Charaktere ein wenig verloren auf der großen Bühne aussehen. So wird das Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit der beiden Protagonisten auch visuell deutlich. Was mir jedoch besonders gefallen hat, waren die Tricks und Kniffe, um Sam wie einen echten Geist wirken zu lassen. Nach seinem Tod wird er konsequent in einem bläulichen Licht angestrahlt, das ihn bleich, durchsichtig und leuchtend erscheinen lässt. Währenddessen sehen die anderen Charaktere, selbst wenn sie direkt neben ihm stehen, "normal" aus. Eine Szene ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Kurz nach seinem Ableben will Sam Molly folgen, doch sie schließt die Tür vor seiner Nase und er muss zum ersten Mal durch ein massives Objekt gehen. Als er es letztendlich schafft, schlägt die Tür, die vorher noch normal auf und zu gemacht wurde, Wellen, als sei sie aus Wasser oder Stoff und er schreitet hindurch. Das sah richtig cool aus! Auch die Gegenstände, die die Geister durch die Luft werfen, scheinen sich wie von Zauberhand zu bewegen. Diese Magie wirkt einfach nur im Theater!


Fazit

Obwohl ich die Filmvorlage nicht kannte und kein Fan von Romantik bin, hat mir "Ghost" überraschend gut gefallen. Die Darsteller spielen mit einer unglaublichen Energie und leben die Emotionen ihrer Charaktere aus, sei es durch Gewalt, Sarkasmus, Musik, Weinen oder Schimpfen (Ich kann mich übrigens nicht daran erinnern, jemals ein Theaterstück gesehen zu haben, in dem so oft "scheiße", "ficken", "Arschloch" und Co. gesagt wurde.). Dabei ist vor allem die witzige, trockene und schamlose Art von Oda Mae ein großes Highlight. Ein passendes Bühnenbild sowie tolle Effekte und Animationen lassen die Geschichte auch optisch lebendig werden. Lediglich akustisch hat das Musical wenig zu bieten. Trotz toller Stimmen, ist die Musik der einzige große Schwachpunkt des Stückes. Die Lieder sind recht langweilig und haben es nicht geschafft, mich irgendwie mitzureißen oder sich nachträglich in Erinnerung zu rufen. Dennoch überwiegen bei "Ghost" die positiven Punkten, was vor allem an den Darstellern liegt.


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Für alle Interessierten, hier noch der Trailer:



Mittwoch, 20. Dezember 2017

A Christmas Prince - Watch.Read.Discuss. [D/E]

The following discussion of the "Netflix" movie "A Christmas Prince" is also available in English. Please scroll down for the English version.

Deutsch


- Der folgende Text enthält Spoiler -


Wer errät, wie der Film ausgeht?
Foto: Netflix
Was ist in der Adventszeit schöner als ein Weihnachtsfilm? Okay, vielleicht Lichter, Spekulatius und Schokolade, aber Weihnachtsfilme sind auch toll! Wir haben an einem verregneten Nachmittag den neuen "Netflix"-Streifen "A Christmas Prince" angeguckt und waren dem Trend ein paar Tage voraus. Denn kurze Zeit begannen Twitter und Medienseiten ihn sowohl zu einem Totalausfall als auch zu einem absoluten Klassiker, der "so schlecht ist, dass er wieder gut ist" zu erklären. Für uns war klar: So ein ungewöhnliches "Netflix Original" müssen wir unter die Lupe nehmen. Was genau den Hype um "A Christmas Prince" ausgelöst hat, diskutieren wir in diesem neuen Beitrag unserer Reihe "Watch.Read.Discuss."

Die junge, amerikanische Journalistin Amber Moore (Rose McIver) bekommt endlich die große Chance, auf die sie lange gewartet hat: Sie soll zu einer Pressekonferenz nach Aldovia fliegen. Anlass ist die Krönung von Prinz Richard (Ben Lamb), der ein Jahr nach dem Tod seines Vaters das Zepter übernehmen wird. Amber soll für ihren Arbeitgeber, ein Klatsch- und Lifestyle-Magazin, mehr über den als Playboy und Party-Prinz verschrienen Thronfolger herausfinden. Vor Ort wird sie fälschlicherweise für die neue Tutorin von Richards jüngerer Schwester Prinzessin Emily (Honor Kneafsey, Sherlock: Das letzte Problem) gehalten und geht spontan undercover. Dabei freundet sich Amber mit ihrer im Rollstuhl sitzenden "Schülerin" an und kommt auch deren Bruder näher.



Wie seid ihr auf den Film aufmerksam geworden und warum wolltet ihr ihn gucken?

Katrin: Ich habe "A Christmas Prince" auf  der "Netflix"-Startseite gesehen, als er im November erschienen ist. Romanze und Komödie gehören zu den Genres, die ich überhaupt nicht gerne gucke. Aber nachdem mir der Film zum wiederholten Male angezeigt wurde, habe ich ihn auf meine Liste gesetzt, da ich die Schauspielerin Rose McIver mag. Einige Zeit später haben Laura und ich überlegt, was wir uns an einem verregneten Nachmittag ansehen könnten. Plötzlich meinte sie: "Da war so ein Weihnachtsfilm auf 'Netflix' mit Rose McIver aus 'iZombie'..."

Laura: Ich habe ihn auch durch Zufall unter den Neuerscheinungen bei "Netflix" gesehen. Er ist mir ins Auge gefallen, weil ich Rose McIver erkannt habe, die ich in den Serien "iZombie" und "Once Upon A Time" sehr gerne mag. Allerdings hatte ich schon die Vorahnung, dass der Film ziemlich kitschig sein könnte. Deshalb war ich unentschlossen, ob ich ihn wirklich sehen will. Katrin und ich haben uns dann spontan entschieden, ihn zusammen zu gucken. 

Wie schlägt er sich im Vergleich zu anderen "Netflix Original"-Filmen?

Amber ist Meisterin im unauffällig gucken
Foto: Netflix
Katrin: Man kann ihn nicht wirklich mit anderen "Netflix"-Originalproduktionen gleichstellen, jedenfalls nicht mit denen, die ich bislang gesehen habe. Die waren alle qualitativ deutlich besser - stammten allerdings auch aus anderen Genres. Mittlerweile ist noch ein weiterer Weihnachtsfilm von "Netflix" veröffentlicht worden, der kann noch am ehesten mit "A Christmas Prince" verglichen werden: "Die Weihnachtskarte" mit Eliza Taylor (Der Sleepover Club, The 100). Der war deutlich hochwertiger und witziger als die Prinzen-Geschichte.

Laura: Ich habe mittlerweile schon einige "Netflix"-Filme gesehen (hier kommt ihr zu Teil 1 und hier zu Teil 2 meiner Kurzrezensionen), allerdings waren die meisten davon eher aus dem Genre Action oder Horror, daher finde ich es schwierig, "A Christmas Prince" damit zu vergleichen. Ganz allgemein hält er sich wahrscheinlich eher im unteren Mittelfeld, weil ich einige Originalfilme des Streaminganbieters besser finde (z.B. "The Incredible Jessica James" oder "Gerald's Game"), ein paar aber auch noch schlechter (besonders "#realityhigh"...).

Könnt ihr nachvollziehen, dass es im Internet einen großen Hype um den Film gibt?

Laura: Nicht wirklich. Er ist zwar so richtig schön mit Klischees überladen und wir haben uns herrlich über die Handlung amüsiert und aufgeregt, aber so kitschig sind letztendlich doch ziemlich viele Filme aus diesem Genre. Ich verstehe nicht so ganz, warum gerade "A Christmas Price" so große Aufmerksamkeit erregt hat. Vielleicht liegt es einfach daran, dass es eine "Netflix"-Produktion ist?

Katrin: Ja, das Internet und besonders die Nutzer in den sozialen Medien lieben alles, was irgendwie schräg oder albern ist. Kein Wunder also, dass "A Christmas Prince" über Nacht in aller Munde war. "Netflix" hat sich sogar selbst über den Hype lustig gemacht. Auf seiner amerikanischen Twitter-Seite schrieb der Konzern: "An die 53 Leute, die "A Christmas Prince" die letzten 18 Tage lang täglich angesehen haben: Wer hat euch wehgetan?" Vielleicht haben die 53 Fans auch einfach ihre Liebe zu Klischee-Bingo entdeckt.

Klischee-Bingo? So schlimm?

Eine Szene, wie es sie in hunderten Filmen gibt
Foto: Netflix
Katrin: JA! 1. Tollpatschige, blonde, naive Hauptdarstellerin, die liebenswert, aber erfolglos ist und ihre spätere große Liebe zuerst überhaupt nicht leiden kann. 2. Heiß begehrter, charmanter Typ, der auf den ersten Blick ein Arschloch ist, aber eigentlich ein Herz aus Gold hat und sich für Waisen einsetzt. 3. Süßes Kind, das reifer und intelligenter ist als alle Erwachsenen zusammen und natürlich die große Liebe zwischen den Hauptcharakteren lange vor ihnen erkennt. 4. Dümmlicher Antagonist, der von niemandem gemocht wird und das "böse und gefährliche" seinem deutlich schlaueren Sidekick überlässt. 5. Schnee und eine Schneeballschlacht. 6. Ein Saal voller Leute verstummt und dreht sich um, als die Hauptdarstellerin in einem billig aussehenden Ballkleid eine Treppe hinunter schreitet. 7. Ein unbekanntes Familiengeheimnis. 8. Ein Geheimversteck in einem alten Möbelstück. 9. Verstorbene Eltern. 10. Das verliebte Paar wird durch ein vorhersehbares Problem getrennt und verlobt sich nach einer Kennenlernzeit von wenigen Tagen. Die Liste könnte ich um Dutzende weitere Punkte erweitern.

Laura: Ja! Definitiv! Es vergehen kaum zwei Minuten, ohne dass den Zuschauer ein neues Klischee von irgendeiner Seite anspringt. Wie Katrin schon erwähnt hat, gibt es hier wirklich alles, was ein richtig schrecklich stereotyper Film braucht. Allerdings muss ich auch gestehen, dass die Klischees so schamlos und penetrant eingesetzt werden, dass es schon wieder lustig ist. Ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich mich gelangweilt habe. 

Welche Szene hat euch am wenigsten gefallen?

Laura: Als Richard Amber am Ende ernsthaft einen Heiratsantrag macht... nachdem sie sich seit vielleicht zwei Wochen kennen. Das war dann wirklich der Tropfen, der das Klischee-Fass bei mir zum Überlaufen gebracht hat!

Katrin: Alle, in denen der Zuschauer für dumm verkauft werden soll. Ja, es ist eine romantische Komödie, aber ein bisschen Realismus hätte schon sein müssen! Das Drehbuch versucht beispielsweise nicht einmal eine Erklärung dafür zu finden, wieso es niemand komisch findet, dass die Tutorin unangekündigt zwei Wochen früher im Palast steht. Das Ende hat mir auch nicht gefallen. Ich hatte gehofft, dass die Gesetzesänderung es ermöglichen sollte, Frauen und damit Emily oder ihrer Mutter den Weg zum Thron zu ebnen, aber nein.... Scheiß Patriarchat!

Und welche am besten?

Notizen einer kompetenten Investigativ-Journalistin!
Foto: Netflix
Laura: Emilys und Ambers gemeinsame Szenen sind immer süß und unterhaltsam. Meine liebste Szene: Als die junge Prinzessin Ambers Lüge durchschaut. Ich war sicher, dass sie vollkommen enttäuscht und sauer sein würde, aber sie findet es überhaupt nicht schlimm. Sie hilft ihrer "Tutorin" stattdessen, das Geheimnis zu bewahren, wenn Amber dafür über den echten Richard schreibt. Das war der einzige Moment, der mich ein ganz kleines bisschen überraschen konnte.

Katrin: Stimmt, die Szene mochte ich auch. Außerdem alle, in denen Ambers journalistische Notizen lesbar sind. Stoppt den Film mal an diesen Stellen! Ihre Anmerkungen sind so selten dämlich, dass es schon wieder lustig ist. Sie schreibt beispielsweise echt auf: "Das muss ich herausfinden!!" und "Der Prinz vertraut mir langsam... aber es darf nicht aussehen, als sei ich neugierig".

Was hättet ihr an der Geschichte verändert? 

Laura: Ich wäre ein bisschen (sehr!!!) aus den bekannten Bahnen ausgebrochen und hätte der Geschichte weniger vorhersehbare Handlungen und klischeebeladene Szenen gegeben. Den Charakteren hätte ich auch ein paar mehr Ecken und Kanten verpasst, da ich es schon störend finde, dass sie alle die typischen Standardfiguren aus Romanzen darstellen und mich während des gesamten Films so gut wie nicht überraschen konnten.

Katrin: Ich klinke mich bei Lauras Plan ein. "A Christmas Prince" hätte definitiv ein paar kreative Wendungen und generell ein wenig Pfiff vertragen können. Ich finde nichts langweiliger, als wenn ein Film 1:1 so abläuft, wie ich es mir vorgestellt habe. Ein bisschen weniger Schmalz hätte es auch getan!

Last, but not least: Würdet ihr euch eine Fortsetzung von "A Christmas Prince" ansehen?

Für zwei Schlitten reichte das Budget nicht
Foto: Netflix
Katrin: Ich schäme mich fast, dass ich das sage, aber ja. Ich habe mir beim Gucken oft an den Kopf gefasst, die Augen verdreht und gedacht: "Nicht echt jetzt, oder?", aber während ich bei den meisten Filmen irgendwann abgeschaltet hätte, habe ich den hier zu Ende geschaut. "A Christmas Prince" bombardiert den Zuschauer so hartnäckig mit peinlichen Dialogen, Klischees, vorhersehbaren Szenen und übertriebener Heiterkeit, dass es witzig und kurzweilig ist.

Laura: Insgesamt ist der Film auf seine Weise unterhaltsam. Wenn ein paar weniger Klischees eingebaut werden würden und es auch mal ein paar Wendungen gebe, die man nicht schon kilometerweit voraussehen kann, würde ich mir eine Fortsetzung vielleicht wirklich anschauen.


Habt ihr "A Christmas Prince" schon gesehen? Wie hättet ihr geantwortet? Teilt es uns in den Kommentaren mit. 

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English


- The following text contains spoilers -
Can you guess the movie's ending?
Photo: Netflix

Is there anything better during the holiday season than a Christmas movie? Okay, maybe lights, speculoos and chocolate, but Christmas movies are awesome too! During a rainy afternoon we watched the new "Netflix" film "A Christmas Prince" and were actually ahead of time. Because a few days later Twitter and media websites started calling it a complete failure as well as a classic "that's so bad, it's good". We just knew that we had to take a closer look at this unusal "Netflix Original". In this new part of our segment "Watch.Read.Discuss." we're talking about what caused the "A Christmas Prince" hype.

The young American journalist Amber Moore (Rose McIver) finally gets the big chance she hoped for: She is asked to attend a press conference in Aldovia on the occasion of Prince Richard's (Ben Lamb) coronation. One year after his father's death he is supposed to ascend the throne. Amber's employer, a gossip and lifestyle magazine, wants her to find out more about the so-called party prince and playboy. At the palace she is mistaken for the new tutor of Richard's younger sister Princess Emily (Honor Kneafsey) and spontaneously goes undercover. In the process Amber befriends her wheelchair-bound "student" and develops feelings for the prince.


When did you become aware of the movie and why did you want to watch it?

Katrin: I spotted "A Christmas Prince" on the "Netflix" homepage after it was released in November. Romance and comedy are genres I really don't like. But after it was displayed a couple of times I still put it on my list, because I like the actress Rose McIver. Some time later Laura and I thought about what to watch on a rainy afternoon. Suddenly she said: "There was a Christmas movie on 'Netflix' with Rose McIver from 'iZombie'..."

Laura: I also saw it amongst "Netflix's" new releases - mainly because I noticed Rose McIver, who I really like in the TV shows "iZombie" and "Once Upon A Time". Nevertheless I anticipated that the movie would be pretty corny. That's why I wasn't sure if I wanted to see it or not. Katrin and I spontaneously decided to watch it together.

What's the movie like in comparison to other "Netflix Originals"?

Amber has mastered looking inconspicuously
Photo: Netflix
Katrin: You can't really check it against other original "Netflix" productions, at least not against the ones I've seen so far. They were all of much higher quality - but also from other genres. In the meantime "Netflix" published another holiday movie, which is easier to compare to "A Christmas Prince": "Christmas Inheritance" starring Eliza Taylor (The Sleepover Club, The 100). But that one was better and funnier than the prince story.

Laura: I've watched quite a few "Netflix" movies by now, but most of them were either action or horror films, that's why I think it's hard to compare them to "A Christmas Prince". Generally I would place it in the lower mid-range, because I like a few original movies more (like "The Incredible Jessica James" or "Gerald's Game"), but also some less (especially "#realityhigh"...).

Do you comprehend that there's such a big internet hype about the movie?

Laura: Not really. It's lovely cluttered with clichés and we enjoyed laughing about and being annoyed by the plot, but a lot of romance movies are this cheesy. I don't really get why "A Christmas Prince" is causing such a stir. Maybe because it's a "Netflix" production?

Katrin: Yes, the internet and especially social media users love everything that's somehow weird or silly. So no surprise that suddenly everyone talked about "A Chrismas Prince". Even "Netflix" made fun of the hype. The company wrote on its American Twitter account: "To the 53 people who've watched A Christmas Prince every day for the past 18 days: Who hurt you?" Maybe those 53 fans just really love playing cliché bingo.

Cliché bingo? That bad?

A scene you could see in hundreds of movies
Photo: Netflix
Katrin: YES! 1. Clumsy, blonde, naive leading lady, who's lovable, but unsuccessful and in the beginning totally dislikes her eventual lover. 2. Highly coveted, charming guy, who looks like an asshole at first, but actually has a heart of gold and cares for orphans. 3. Cute child, who's more mature and intelligent than all the adults combined and sees the love between the main characters long before they do. 4. Foolish antagonist, who is disliked by everyone and leaves being "evil and dangerous" to his clearly smarter sidekick. 5. Snow and a snowball fight. 6. An entire hall of people falls silent and turns to see the leading lady walk down some stairs wearing a cheap looking ball gown. 7. An unknown family secret. 8. A secret stash in an old piece of furniture. 9. Dead parents. 10. The lovers are separated by a predictable problem and get engaged after only knowing each other for a few days. I could extend this list by a few dozen more points.

Laura: Yes! Definitely! It barely happens that two minutes pass by without the viewer being jumped by some cliché. Like Katrin said all ingredients for a badly stereotypical movie are present. However I have to admit that the clichés are being used in such a shameless and obtrusive way that it's funny. I surely can't say that I was bored. 

Which scene did you like the least?

Laura: The one at the end where Richard actually proposes to Amber... after knowing her for maybe like two weeks. That was the last straw that broke the cliché camel's back!

Katrin: Every single scene that took the viewer for a fool. Yes, it's a romantic comedy, but at least some realism is neccessary! For example: The script doesn't even try to find an explanation why no one thinks it's weird that the tutor arrives two weeks earlier than planned - unannounced. I also didn't like the end. I hoped that the legislation amendment would pave the way for women and therefore Emily or her mother to mount the throne... Damn patriarchy!

Which scene did you like best?

The notes of a competent investigative journalist
Photo: Netflix
Laura: The ones with Emily and Amber are sweet and entertaining. My favorite scene: When the young princess sees through Amber's lie. I was convinced that she would be totally disappointed and angry, but she didn't mind. She even helps her "tutor" to keep the secret if Amber writes about the real Richard. That was the only moment which actually surprised me a little.

Katrin: I liked that scene too! Additionally the ones in which Amber's journalistic notes are readable. Pause the movie in these moments! Her annotations are so incredibly stupid, that it's funny. She writes for example: "Have to find out!!" and "The prince is definitely starting to trust me... but can't seem like I'm prying".

What would you have changed about the story?

Laura: I would have (insistently!!!) broken the known tracks and given the story a less predictable plot and less cliché scenes. In addition I would have made the characters more edgy, because it's annoying how they're all stereotypical figures from romance movies and didn't manage to surprise me most of the time.

Katrin:  I support Laura's plan. "A Christmas Prince" definitely needed some creative twists and generally an extra something. I think there's nothing more boring than a movie which runs exactly like I imagined it. A little less schmaltz would have been great too!

Last, but not least: Would you watch a sequel of "A Christmas Prince"?

Two sledges would have blown the budget
Photo: Netflix
Katrin: I'm almost embarrassed to admit it, but yes. While watching I facepalmed a few times, rolled my eyes and said: "Not seriously, right?", but even though I would have turned off most movies eventually, I finished this one. "A Christmas Prince" pelts its viewers with embarrassing dialogues, predictable scenes and excessive happiness so persistently that it's quite enjoyable.

Laura: Overall the film is entertaining in its own way. Maybe I would watch a sequel if it had fewer clichés and twists which are less obvious.


Have you seen "A Christmas Prince" yet? What would have been your answers? Tell us in the comments.

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Sonntag, 17. Dezember 2017

Tatort: Dunkle Zeit - Rezension

Der Mord zum Sonntag hat Tradition, deshalb sind auch wir mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalkdabei.


Nina Schramm (Anja Kling), die Fraktionsvorsitzende der rechten Partei "Neue Patrioten", bekommt regelmäßig Todesdrohungen. Eine ist so konkret, dass die beiden Bundespolizisten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) zu Schramms Schutz abgestellt werden. Kurze Zeit später wird ihr Ehemann Richard (Udo Schenk) durch eine Autobombe getötet. Für die Witwe und ihre Partei ist klar: Hinter dem Attentat stecken Autonome, die den Wahlkampf behindern wollen. Schnell fassen die Ermittler die beiden linken Demonstranten Vincent Mark (Jordan Dwyer) und Paula Naumann (Sophie Pfennigstorf) ins Auge, doch auch Benjamin Reinders (Ben Braun), der Generalsekretär der Patrioten, scheint etwas zu verbergen.

Linksextreme gegen Rechtsextreme

Falke gegen Nina Schramm (M.)
Foto: NDR
Eins steht schon jetzt fest: Dieser "Tatort" wird polarisieren. Kaum war der Trailer veröffentlicht, gab es in den sozialen Netzwerken Dutzende Kommentare à la "zwangsfinanzierte Staatsmedien", "Lügenpresse", "Gehirnwäsche" und "Gleichschaltung". Die Krimi-Twitterer müssen sich also auf braune Brühe und Verschwörungstheorien einstellen. Aber hey, seht es positiv: Wenn sich rechte Accounts selbst zu erkennen geben, ist es leichter sie zu blockieren. Die Hasskommentare werden jedoch vermutlich von beiden Enden des politischen Spektrums kommen, denn auch die linke Szene wird, trotz Kommissar Falkes persönlicher Gesinnung, nicht besser dargestellt. An einer Stelle werden die Autonomen sogar mit der RAF verglichen. Erst vor wenigen Wochen hatte ein "Tatort" aus Stuttgart zu diesem Thema für Aufsehen gesorgt. "Dunkle Zeit"-Drehbuchautor und -Regisseur Niki Stein zeigt nachdrücklich, dass Extremismus immer schlecht ist, egal von welcher Seite. Das ist nicht der einzige wahre Kern dieses Krimis. Die Parallelen zur AfD, deren ehemaliger Parteivorsitzenden Frauke Petry, den Hetzparolen der rechten Seite und den ausartenden Demonstrationen der Autonomen sind klar erkennbar (Nina Schramm: "Weil sie Angst haben vor uns! Weil wir die Wahrheit sagen! Weil wir das Versagen der alten Eliten öffentlich machen!"). Vor gerade einmal drei Wochen lief der vorherige Fall von Falke und Grosz. In "Böser Boden" ermittelten die beiden inmitten von grotesk geschminkten Dorfbewohnern, die durch Fracking-Nebenprodukte zu Zombies wurden. Während dieses Szenario recht lächerlich wirkte, ist "Dunkle Zeit" beunruhigend realistisch. Es handelt sich dabei nicht wirklich um einen Krimi, da die Tätersuche in Vergessenheit gerät und viele typische Elemente, wie der Besuch im Leichenschauhaus oder die "Wo waren Sie zwischen x und y Uhr?"-Verhöre, fehlen. Stattdessen könnte die Folge gut als Politthriller bezeichnet werden. Die Gesinnungen aller Beteiligten spielen eine wichtige Rolle und obwohl die Handlung sehr dialoglastig ist, gibt es einige actionreiche Szenen, wie die, in der sich schwer bewaffnete Polizisten eine Schießerei mit den linken Verdächtigen liefern.

Wer ist der Täter?

Überlegter Kopf & impulsiver Bauch: Grosz & Falke 
Foto: NDR/Christine Schroeder
Wirklich neutral bleibt bei diesem politischen Pulverfass nur Kommissarin Grosz, die mit gewohnt emotionsloser Miene und klarem Verstand ermittelt, obwohl es ihr nicht einfach gemacht wird (Nina Schramm: "Am Ende werden Sie sich fragen, warum Sie das gemacht haben, ihr Leben geopfert: Kein Mann, keine Kinder, immer nur im Dienst."). Sie bleibt auch gegenüber ihres Kollegen Falke noch immer sehr distanziert und schlägt sein Angebot, zum "Du" überzugehen, aus. In diesem "Tatort" ist jedoch keine Figur darauf ausgerichtet, sympathisch zu sein. Die einen pöbeln herum und hauen gern mit der Faust (oder mehr) auf den Tisch - wie Falke und die linke Extremistin Paula. Die anderen beschimpfen jeden, der ihnen derzeit nichts nutzt und lügen mit falschem Lächeln in alle Kameras - wie Nina Schramm und der rechtsextreme "Journalist" Peter Roman (Wilfried Hochholdinger). Dann wären da noch die Neutralen wie Grosz, die keine klare Stellung beziehen und mal mit den einen, mal den anderen solidarisieren. Außerdem diejenigen, die ungefiltert das nachplappern, was sie irgendwo aufgeschnappt haben - wie Falkes Sohn Torben (Levin Liam). Richtig sympathisch ist keiner von ihnen. Dafür sind die Charaktere realistisch, wenn auch an einigen Stellen etwas stereotyp. Wie der junge, motivierte Generalsekretär, der mal wieder so spricht, wie sich der "Tatort"-Altersdurchschnitt Jugendslang vorstellt und damit kolossal daneben liegt ("PR-mäßig ist das natürlich splendid! Tweet ist schon raus."). Den Darstellern ist anzumerken, wie sie in der Geschichte aufgehen und sich Mühe geben, den politischen Konflikt und die Motive ihrer Rollen realistisch darzustellen. Besonders Anja Kling als Parteivorsitzende der "Neuen Patrioten" hat mir einen Schauer über den Rücken gejagt. Ich fand sie aber nicht ganz so überzeugend wie Natalia Wörner, die in der zweiten Staffel "Berlin Station" ebenfalls die Vorsitzende einer rechten Partei im Bundestagswahlkampf spielt. Ihre Reden wirkten deutlich kraftvoller, enthusiastischer und mitreißender, was sie und ihre Botschaft noch gefährlicher wirken ließ.
Paula manipuliert den naiven Mitläufer Vincent
Foto: NDR/Christine Schroeder
Das einzige, was mir an "Dunkle Zeit" überhaupt nicht gefallen hat, ist die Auflösung des ohnehin schon wenig beachteten Mordfalls. Dass letztendlich gleich mehrere Personen aus unterschiedlichen Kreisen in den Tod von Richard Schramm verwickelt sind, ist kein großer Spoiler. Allerdings waren mir die Verbindungen zu nebulös, um tatsächlich nachvollziehen zu können, wer welche Rolle und welches Motive hatte (Kriminaldirektorin Luisa Salvoldi (Clelia Sarto): "Gehen wir davon aus, der Anschlag galt vor allem Nina Schramm. Wer profitiert davon?" Falke: "Deutschland."). Außerdem wird der Fall künstlich in die Länge gezogen, da der Verfassungsschutz ein wichtiges Beweisstück von Anfang an hat, es Falke aber erst kurz vor Ende des "Tatorts" vorspielt. Weiterhin hat eine der in den Mord verwickelten Personen die Seiten gewechselt oder das zumindest vorgegeben. Auch ihre Motive und ihre wahre Sichtweise bleiben im Dunklen. Der Anschlag auf Professor Gerhard Schneider (Patrick von Blume), ein weiteres hohes Parteimitglied, bleibt ebenfalls ohne Erklärung. So interessant die Darstellung des politischen Konflikts auch ist, sie entschuldigt nicht für eine mangelhafte Auflösung. 

Fazit

"Dunkle Zeit" ist kein klassischer "Tatort". Die Folge ist jedoch gut gemacht und ereignisreich, sodass es ziemlich egal ist, zu welcher Fernsehreihe sie gehört. Der politische Konflikt wird ausführlich und von verschiedenen Seiten beleuchtet, ohne unnötig Vorurteile zu schüren oder eine Gesinnung zu bevorzugen. Die Charaktere sind abwechslungsreich und geben einen guten Überblick über die unterschiedlichen Motive und Gedankengänge der einzelnen Gruppierungen. Bei so viel Realismus und Politthriller gerät der Kriminalfall schnell in Vergessenheit und wird letztendlich nur halbherzig aufgeklärt. Das Schicksal einiger Figuren und ihre Rollen im Mordkomplott bleiben im Dunklen. So endet dieser "Tatort" leider eher schwach, obwohl der Rest der Handlung spannend und interessant ist.


Am nächsten Sonntag ist Heiligabend, aus diesem Grund läuft kein Sonntagskrimi. Wie immer gibt es jedoch eine Erstausstrahlung am zweiten Weihnachtsfeiertag. Am Dienstag, den 26. Dezember ermittelt das Team aus Weimar. Kira Dorn (Nora Tschirner) und ihr Kollege Lessing (Christian Ulmen) verfolgen in "Der wüste Gobi" einen verurteilten dreifachen Frauenmörder, der aus der Psychiatrie geflohen ist.

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Samstag, 16. Dezember 2017

Blindspot: Staffel 3, Folge 7 - Kurzrezension [D/E]

The following review of the "Blindspot" episode "Fix My Present Havoc" (S03E07) is also available in English. Please scroll down for the English version.

Deutsch


- Der folgende Text enthält Spoiler -

Worum geht es?

Seit der letzten Folge "Adoring Suspect" sind sich Jane Doe (Jaimie Alexander), Kurt Weller (Sullivan Stapleton), Patterson (Ashley Johnson, Spooked), Tasha Zapata (Audrey Esparza) und FBI Assistant Director Edgar Reade (Rob Brown) einig: Ihre Vorgesetzte, FBI-Direktorin Eleanor Hirst (Mary Stuart Masterson), hat Dreck am Stecken und ist in den Mord an Stuart verwickelt. In Jane und Kurts Apartment haben die fünf eine geheime Einsatzzentrale aufgebaut, von der aus sie nach Beweisen für ihre Theorie suchen. Nach einem Tattoo-Hinweis von Roman (Luke Mitchell) müssen sie zudem verhindern, dass ein tödlicher Virus ausbricht. Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, denn Hirst ist dem Team auf der Spur.

Meine Meinung in drei Punkten

1. Hirst ist definitiv böse!

Edgar und Tasha sind endlich wieder ein Team!
Foto: NBC
In den Rezensionen der letzten Folgen habe ich bereits geschrieben, wie blöd ich es finde, dass ausgerechnet die FBI-Direktorin der Maulwurf sein soll. Meine Hoffnung auf eine spontane Wendung hat sich nicht erfüllt. In einer Rückblende wird gezeigt, wie Hirst Stuart eigenhändig die Kehle durchschneidet. Damit ist eindeutig klar, dass "Blindspot" mal wieder die "Nummer-sicher-Option" gewählt hat, anstelle den Zuschauer wirklich zu überraschen. Das Drehbuch ist in dieser Hinsicht generell nicht überzeugend. Bislang wurde die Vorgesetzte als nette, kompetente, resolute Frau dargestellt. In "Fix My Present Havoc" erinnert sie ein bisschen an eine Horrorgestalt, die im Dunkeln lauert und sich mit falschem Lächeln und irrem Blick an ihre Opfer heranschleicht. Diese plötzliche Verwandlung vom perfekt getarnten Maulwurf zum offensichtlichen Klischee-Bösewicht ist unglaubwürdig und abrupt. Ebenso konstruiert wirkt der ganze Mord an Stuart. Er hatte Hirst zufällig mit ihrem Lakai Van Gogh (Tarik Lowe) in der Stadt gesehen. Als ein Tattoo auf das Selbstportait des gleichnamigen Malers deutete, schrieb der Labortechniker der FBI-Direktorin eine SMS außerhalb der Dienstzeit, um sie darauf hinzuweisen. Diese Geschichte ist auf zu vielen Zufällen aufgebaut, um glaubhaft und realistisch zu sein. Ihr seltsames Brunch-Date mit Zapata und Reade wirkte ebenfalls aus der Luft gegriffen und schien mehr dazu zu dienen, um die Vergangenheit der beiden Agenten zu beleuchten (Edgar: "She hated me." Tasha: "You were wearing a tie and trying to be the best at everything. Of course I hated you.").

2. Das Team in trauter Einheit

In dieser Staffel waren die fünf Protagonisten bislang mental und zum Teil auch physisch getrennt. Während des zweijährigen Zeitsprungs haben sie sich auseinandergelebt. Durch das darauffolgende Misstrauen und die vielen Geheimnisse hat die Gruppendynamik noch zusätzlich gelitten. Dazu kamen die vielen Einzelmissionen in den letzten Folgen, in denen Jane und Weller ein Abenteuer nach dem anderen erlebten, Patterson im Labor arbeitete und die beiden anderen nicht wirklich eine Aufgabe hatten. In der letzten Episode war eine Verbesserung bemerkbar und in "Fix My Present Havoc" ziehen die fünf endlich wieder an einem Strang. Außerdem ist der Fokus nun gerechter verteilt, was mir wirklich gut gefällt. Ich bin kein Fan von Jane und Weller, weshalb ich es begrüße, wenn sie in den Hintergrund treten, damit auch Reade und Zapata die Chance bekommen, mehr als Statisten zu sein. Immerhin deutet diese Folge an, dass die beiden ihre eigene Nebenhandlung bekommen könnten: Sie quetschen sich - trotz mehrerer Alternativen - in ein gemeinsames Versteck und vermeiden es, sich beim Körperkontakt in die Augen zu sehen; sie erwähnen ihre enge Freundschaft einen Tick zu oft und Zapata macht sich über Reades Geburtstagsgeschenk für seine Freundin lustig... Spätestens die Szene am Ende, in der Tasha lächelnd ein Bild betrachtet, dass sie und Edgar tanzend auf Jane und Wellers Hochzeit zeigt, ist ein ziemlich deutliches Anzeichen, in welche Richtung die Zukunft der beiden Charaktere vermutlich gehen wird. Ich persönlich wäre froh darüber, denn sie haben Chemie - im Gegensatz zu "Jeller", die sich nicht einmal mehr Mühe geben, Liebe oder Anziehungskraft überzeugend zu spielen. Ich würde auch gerne wieder mehr von Allie Knight (Trieste Kelly Dunn) sehen. Sie harmoniert toll mit dem Team und ist sehr sympathisch. Die Szene, in der Patterson sie überzeugen will, ihnen unter der Hand eine Akte zu beschaffen, ist wirklich witzig (Allie: "Oh, I brought the file. I just want you all to feel appropriately guilty for dragging me down with you." Patterson: "Well, that's a little mean, but okay."). Ich finde es klasse, dass sie nicht nur als Ex-Freundin von Weller und Mutter seiner Tochter dargestellt wird, sondern auch als toughe und fähige Agentin.

3. Der Fall der Woche 

Jane und Weller finden ein neues Paket von Roman
Foto: NBC
Der Fokus liegt in dieser Folge eindeutig auf dem Team und seinem Versuch, Hirsts Verbrechen nachzuweisen. Dennoch gibt es auch eine "normale" Ermittlung, die am Rande läuft. Roman hat seiner Stiefnichte Bethany fünf Bauklötze als Weihnachtsgeschenk zukommen lassen. Mit den darauf gedruckten Buchstaben gibt er Patterson den letzten Hinweis, den sie zur Entschlüsselung des Tattoos braucht, wegen dem Stuart sterben musste. Es führt sie in ein Krankenhaus, in dem ein Krebsmedikament getestet wird. Der Fall ist für "Blindspot"-Verhältnisse etwas realistischer als die meisten anderen, da es um Wirtschaft, die Verzweiflung schwerkranker Menschen und die schnelle Verbreitung von Viren geht. Spannend ist jedoch weniger die bevorstehende Epidemie, dafür wird zu wenig darauf eingegangen, sondern eher die Spurensuche der FBI-Agenten. Sie können sich nämlich nicht als solche zu erkennen geben, da Direktorin Hirst ansonsten erfährt, dass sie das Tattoo entschlüsselt haben. Aus diesem Grund müssen sie unter falscher Identität ermitteln, ein improvisiertes Verhör in Jane und Wellers Schlafzimmer durchführen und in einen Serverraum einbrechen. So ist die Handlung interessant, obwohl sie nicht sonderlich aufregend ist und ihr kaum Zeit gewidmet wird. Glücklicherweise stoßen die FBI-Agenten im Zuge dieses Falls auf einen Zeugen, der ihre Vorgesetzte schwer belasten kann und sogar bereit ist, gegen sie auszusagen. Dummerweise wird er am Ende trotz Bewachung im Safe House erschossen. Scheinbar haben Weller und Co. noch nie einen Krimi gesehen, denn dort heißt es beim Zeugenschutz immer als erstes: "Stets die Vorhänge geschlossen halten!" Allerdings hatten sie wirklich Glück, dass Hirst nicht auch Kurt, Jane und Allie getötet hat. Der Scharfschütze hat genau den Moment abgewartet, in dem sie den Raum verlassen haben, um abzudrücken.

Fazit

"Fix My Present Havoc" führt den Aufwärtstrend der vorherigen Folge fort. Positiv ist vor allem die Entwicklung der Hauptcharaktere. Sie haben ihren Teamgeist, ihre Fähigkeiten und ihren Humor zurück. Allie ist sowohl menschlich als auch beruflich eine tolle Ergänzung, die gerne öfter dabei sein könnte. Reade und Zapata bekommen endlich wieder Aufmerksamkeit und zeichnen sich nicht mehr nur durch alberne Streitigkeiten aus. Der Fall der Woche wird zwar relativ oberflächlich behandelt, ist aber dennoch ereignisreich und eine nette Abwechslung zu den Dutzenden Bombenentschärfungen der letzten Monate. Lediglich der urplötzliche Umschwung von Hirst hat mich geärgert. Kaum beginnt das Team sie zu verdächtigen, schon verhält sie sich unglaublich auffällig und betont feindlich. Das ist nicht nur unrealistisch, sondern auch albern. Genauso wie die Schlussminuten, in denen der bewachte Kronzeuge einfach so erschossen wird. Ansonsten ist die siebte Folge der dritten Staffel jedoch um einiges spannender und schlüssiger als die vorherigen.


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English


- The following text contains spoilers -

What was it about?

Since last week's episode "Adoring Suspect" Jane Doe (Jaimie Alexander), Kurt Weller (Sullivan Stapleton), Patterson (Ashley Johnson, Spooked), Tasha Zapata (Audrey Esparza) and FBI Assistant Director Edgar Reade (Rob Brown) agree: Their boss, FBI Director Eleanor Hirst (Mary Stuart Masterson), is dirty and involved in Stuarts's murder. They set up a secret operations center in Jane and Kurt's apartment where they look for proof. After Roman (Luke Mitchell) gives them another clue how to solve a tattoo they also have to stop the outbreak of a deadly virus. It's a race against time, because Hirst is onto them.

My opinion in three points

1. Hirst ist really evil!

Edgar and Tasha are a team again - finally!
Photo: NBC
I already wrote in my last reviews how much I hate the idea of the FBI Director being the mole. My hopes for a spontaneous twist were deceived. A flashback shows how Hirst cut Stuart's throat herself, so it's obvious that "Blindspot" chose the "easy way out" again, instead of actually surprising the viewer. The script is generally flawed. Until now the boss was portrayed as a nice, competent, determined woman. In "Fix My Present Havoc" she reminds me of a horror figure that lurks in the dark and sneaks up to its victims with a fake smile and a mad expression. This sudden transformation from a well camouflaged mole to an obvious cliché villain is implausible and abrupt. Stuart's murder also feels very constructed. He coincidentally saw Hirst in the city while she met her minion Van Gogh (Tarik Lowe). When a tattoo pointed to the self portrait of the identically named painter, the lab technician texted the FBI Director outside of work hours to let her know. This story is based on way too many coincidences to actually be believable and realistic. Her weird brunch date with Zapata and Reade also felt very random and seemed more like an opportunity to illuminate the agents' past (Edgar: "She hated me." Tasha: "You were wearing a tie and trying to be the best at everything. Of course I hated you.").

2. The team is united again!

The five protagonists have been mentally and often physically divided this season. During the two-year-time-leap they drifted apart. The group dynamics suffered even more due to the distrust and the many secrets. Additionally there were many solo missions in the past episodes, in which Jane and Weller experienced a lot of adventures, Patterson worked in the lab and the other two had not much to do. There was an improvement in the last episode and in "Fix My Present Havoc" all five finally cooperate again. The focus is also distributed more fairly, which I really like. I'm not a fan of Jane and Weller, therefore I'm glad when they take a step back to give Reade and Zapata the opportunity to be more than extras. At least this episode indicates they'll get their own subplot soon: They squeeze into a joint hiding spot  - even though there are multiple alternatives - and avoid making eye contact when their bodys touch; they mention their great friendship a little too often and Zapata makes fun of Reade's birthday gift for his girlfriend... The most obvious sign in what direction they might be heading in the future, is Zapata smiling at a picture of her and Edgar dancing at Jane and Weller's wedding. I'd be happy about that, because they have a lot of chemistry - unlike "Jeller" who aren't even trying to portray love or attraction in a believable way anymore. I'd also like to see more of Allie Knight (Trieste Kelly Dunn). She blends in well with the team and is really likeable. The scene in which Patterson tries to convince her to secretly get them a document is very funny (Allie: "Oh, I brought the file. I just want you all to feel appropriately guilty for dragging me down with you." Patterson: "Well, that's a little mean, but okay."). I think it's great that she isn't just viewed as Weller's ex girlfriend and the mother of his daughter, but also as a tough and skilled agent.

3. The case of the week 

Jane and Weller find another parcel from Roman
Photo: NBC
This episode is definitely focused on the team and its attempt to find evidence for Hirst's crimes. There's still a "normal" investigation, but on the sidelines. Roman sent five building bricks to his step niece Bethany as a Christmas gift. They have letters on them which are the last clue Patterson needs to decode the tattoo that got Stuart killed. It leads them to a hospital where a cancer treatment is tested. By "Blindspot's" standards this case is a little more realistic than most others, because it's about economy, the desperation of seriously ill people and the fast spread of a virus. The impending epidemic is not that exciting, but the investigation is. Specifically because they're not able to reveal themselves as being FBI agents. Otherwise Director Hirst would know they cracked the tattoo. For that reason they have to investigate under false identities, have an improvised interrogation in Jane and Weller's bedroom and break into a server room. Thereby the plot is interesting even though it's cut short and not exactly thrilling. Luckily during its case the team stumbles across a witness who has a lot of dirt on their boss and is willing to testify against her. Unfortunately in the end he gets killed in the safe house - despite being under guard. Apparently Weller and friends have never watched a crime film before, because the first thing said in witness protection is always: "Keep the curtains closed at all times!" Nevertheless they were pretty lucky that Hirst didn't kill Kurt, Jane and Allie too. The shooter waited for the exact moment they left the room to pull the trigger. 

Conclusion

"Fix My Present Havoc" continues last week's uptrend. Especially the main characters' development is positive. They have their team spirit, their skills and their humor back. Allie should be there more often, because she's a great addition in both human and professional ways. Reade and Zapata finally get some attention again and the chance to do more than just fight. The case of the week is pretty shallow, but still eventful and a welcome change after having dozens of bomb disposals in the last months. Solely Hirst's abrupt turnaround annoyed me. The team barely started to suspect her and suddenly she acts very conspicuous and noticeably antagonistic. That's not just unrealistic, but also ridiculous. Just like the final minutes in which the guarded key witness is shot. Apart from that the seventh episode of the third season is a lot more thrilling and coherent than the ones before.


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Freitag, 15. Dezember 2017

Lore (Serie) - Rezension

Seit Anfang Dezember gibt es eine neue exklusive "Amazon"-Serie. "Lore" ist eine Horror-Anthologieserie mit insgesamt sechs Episoden, die auf dem gleichnamigen Podcast des Autors Aaron Mahnke beruht. Anthologie bedeutet dabei, dass jede Folge eine eigene, abgeschlossene Geschichte behandelt, die auf wahren Begebenheiten beruht. Dabei geht es immer um alte Legenden oder übernatürliche Phänomene. Von Vampiren über Werwölfe bis hin zu Geistern, "Lore" zeigt den Zuschauern, wo diese Dinge ihren Ursprung haben und erweckt dabei die Vergangenheit mit Schauspielern, Animationen sowie Archivmaterial wieder zum Leben. 

Gruselklassiker mit realem Hintergrund

"Lore" bietet viel Horror und Mystery
Foto: Amazon Studios
Wie oben bereits erwähnt, basiert die Serie auf einem Podcast, der 2016 von Aaron Mahnke kreiert wurde und mittlerweile schon 75 Folgen umfasst. In der Sendung spielen die Aufnahmen ebenfalls eine Rolle, denn seine Stimme führt den Zuschauer zu einem großen Teil durch die Episoden. Dabei spricht er vor allem über die historischen Ereignisse und gibt immer wieder interessante Informationen. Währenddessen wird seine Erzählung entweder durch Archivmaterial oder Animationen verschiedenster Art unterstützt. So spricht er beispielsweise am Anfang der ersten Episode über den Tod im 19. Jahrhundert und was gemacht wurde, um sicherzugehen, dass ein Verstorbener auch wirklich tot ist. Zur Veranschaulichung werden hier animierte Zeichnungen verwendet, was ganz gut ist, da die Methoden teilweise sehr unschön sind (zum Beispiel etwas Spitzes unter den Fingernagel schieben). Weitere Animationen zeigen, welche Vorrichtungen in Särgen für den Fall eingebaut wurden, dass der Mensch darin doch noch nicht gestorben ist. Auch diese erklärt Mahnke dem Zuschauer. Die Bekannteste war dabei die Glocke, die über der Erde durch eine Schnur mit dem Körper verbunden war. Die spezifischen Fälle werden hingegen durch Spielszenen lebendig und beinhalten auch Fiktion, da es oft um übernatürliche Ereignisse geht. So tauchen die Zuschauer in der ersten Episode nach Mahnkes Einleitung die Geschichte der Familie Hart ein. Nach dem Tod dreier Familienmitglieder und der Erkrankung seines Sohnes erwägt Mr. Hart die Möglichkeit, dass einer der Verstorbenen nicht vollkommen tot ist und für die Krankheit der anderen verantwortlich ist. Dieser Fall ist die Grundlage für Bram Stokers Roman "Dracula" gewesen, also für Vampire, die ebenfalls weder tot noch lebendig sind. Durch das Schauspiel habe ich  einen guten Eindruck davon bekommen, was in den Menschen zu dieser Zeit vorgegangen ist und wie groß die Angst vor dem (Nicht-)Tod gewesen ist. Diese Mischung aus Wissen und Fiktion hat mir sehr gut gefallen, weil ich etwas gelernt habe, ohne dabei das Gefühl zu haben, mit Informationen überhäuft zu werden. Die Fakten werden immer an den passenden Stellen der Geschichte dazwischengeschoben, wodurch der Zuschauer sie "portionsweise" bekommt und sie sich leichter einprägen kann.
Ist die Kommunikation mit den Toten wirklich möglich?
Foto: Amazon Studios
Was die übernatürlichen Aspekte angeht, wird immer ein Blick auf beide Seiten geworfen: die der Skeptiker und die der "Gläubigen" (Über die Kommunikation mit den Toten: "The dead do not return" - "We live in a time of rapid scientific advancement [...] A séance is another such advancement. I believe that science will prove once and for all [...] that there exists a life after this one and that we can return" - "Science can not save this house. Or you."). Somit wird es dem Zuschauer selber überlassen, sich seine eigene Meinung zu bilden, wie nah an der Wahrheit jeder Fall ist. Besonders in der Folge über eine Geisterheimsuchung musste ich ab und zu an die Serie "X Factor – Das Unfassbare" denken, die in den 90ern und frühen 2000ern lief und sicherlich vielen ein Begriff ist. Darin wurden verschiedene mysteriöse Fälle vorgestellt und die Zuschauer mussten entscheiden, welche davon auf Tatsachen beruhen und welche frei erfunden waren. Ähnlich wie dabei ist es auch in "Lore" in jeder Episode spannend, der Handlung zu folgen und über den Wahrheitsgrad der Legenden nachzudenken. In der Folge der Geisterheimsuchung werden zusätzlich zum Hauptfall auch die Fox-Schwestern Kate und Margaret aus New York erwähnt. Diesen Teil übernimmt wieder Aaron Mahnke, der ihre Geschichte kurz wiedergibt. Sie konnten angeblich mit Geistern kommunizieren, später aber haben sie gestanden, dass alles nur ein Schwindel war. Die Animationen, die hier genutzt werden, haben mir sehr gut gefallen. Sie sind nur in Schwarz-Weiß gezeichnet und sehr simpel gehalten, bringen die gruselige Stimmung aber gerade dadurch sehr gut rüber. 
Ein Beispiel der animierten Szenen über die Fox-Schwestern
Foto: Amazon Studios
Ich persönlich finde es immer unheimlich spannend, etwas über übernatürliche Ereignisse zu erfahren, die auf wahren Begebenheiten beruhen, vor allem deshalb gefällt mir das Konzept von "Lore" wirklich gut. Selbst wenn Zuschauer mit den Grundinformationen einzelner Ereignisse vertraut sind, bietet ihnen die Serie durch die tollen schauspielerischen Einlagen und die ansprechende Visualität noch mal etwas Besonderes. Allgemein denke ich aber, dass jemand auf jeden Fall für solche Mysterien offen sein sollte, ansonsten wird die Serie ihn wahrscheinlich nicht so begeistern können. 

Episoden voller Unbehagen und Horror

Weiteres Beispiel der Animationen in "Lore"
Foto: Amazon Studios
Ich war insgesamt sehr positiv überrascht, wie gut die Sendung es schafft, eine düstere und teilweise wirklich unbehagliche Atmosphäre zu schaffen. Es werden dafür keine überzogenen, unecht wirkenden Spezialeffekte verwendet. Es gibt meistens praktische Effekte (z.B. Möbel, die durch die Gegend fliegen), die aber auch nicht übermäßig eingesetzt werden. Das hat mir gut gefallen, da die Geschichten sonst auch schnell ins Lächerliche hätten abrutschen können. Die Stimmung wird zudem durch die Kulissen verstärkt, die alle visuell ansprechend gestaltet sind und den Zuschauer in die jeweilige Zeit und das Thema entführen. Auch die bereits erwähnten Animationen tragen sehr gut zu dem Gesamtbild der Episoden bei, weil sie ebenfalls düster kreiert sind und oftmals auch einen eher groben, abgehackten Stil haben. 
Obwohl jede Folge nur zwischen 40 und 50 Minuten lang ist, erwecken die jeweiligen Schauspieler die Personen, die sie verkörpern, sehr eindrücklich zum Leben. Dadurch wird dem Zuschauer das Schicksal wirklich nahegebracht. Die Darsteller, die in jeder Geschichte wechseln, schlüpfen nicht bloß in die Rolle, um wahre Begebenheiten darzustellen. Sie geben ihren Rollen Persönlichkeit und holen den Zuschauer auch auf emotionaler Ebene ab. Dadurch fällt es auch noch leichter, die Fakten aufzunehmen, weil ich wirklich in der Geschichte investiert war. Durch die tiefen Einblicke in die Gefühlswelt der Personen kann der Zuschauer ihre Denkweisen und Handlungen gut nachvollziehen und verstehen.
Ausschnitt aus dem Opening
Foto: Amazon Studios
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir Holland Roden, die in der dritten Folge die Irin Bridget Cleary verkörpert. Sie wurde 1895 von ihrem Mann Michael umgebracht, weil er glaubte, ein Changeling (dt.: Wechselbalg) habe ihren Platz eingenommen und die wahre Bridget in sein dunkles Reich verschleppt. Die Frau muss eine grausame Tortur über sich ergehen lassen, ein Ritual, das die "echte" Bridget wieder "zurückholen" soll. In einer Szene erzählt sie ihrer Freundin, wie weit ihr Mann schon zuvor gegangen ist, um zu beweisen, dass sie kein Mensch ist. ("He held the poker from the fireplace this far [hält Hand ganz nah vor Gesicht] from my face. He told me that the fairies fear nothing more than fire. So I had to stand there and not be afraid. But inside...") Rodens angsterfüllte, verstörte Augen und ihre brüchige, fast flüsternde Stimme bringen ihre Gefühle sehr nah an den Zuschauer heran. Mich hat ihr Schicksal sehr berührt und für mich war es die emotionalste Folge. 
Robert darf sogar mit am Tisch sitzen
Foto: Amazon Studios
Die letzte Episode bietet noch mal ein richtiges Horror-Highlight als krönenden Abschluss. Darin geht es um eine Puppe namens Robert, die dem Künstler Robert Eugene Otto gehörte und angeblich lebendig sein soll. Die Stoffpuppe selbst, die einen kleinen Matrosen darstellt, sieht schon unheimlich genug aus und durch die Spielszenen wird diese unbehagliche Stimmung noch verstärkt. Ich hatte teilweise das Gefühl, einen guten Horrorfilm zu sehen, weil die "Heimsuchungen" Roberts so fabelhaft inszeniert wurden. In einer Szene wird die Ehefrau des Puppenbesitzers (Haley Finnegan) eingesperrt und vor der Tür ist Fußgetrappel zu hören, dabei ist außer ihr niemand im Haus. Außer dem kleinen Matrosen... Noch gruseliger war die Szene, als sie die Puppe endlich (!) verbrennt, diese am nächsten Morgen aber wieder mit am Frühstückstisch sitzt. Das hat bei mir für Gänsehaut gesorgt. Am beunruhigendsten finde ich aber die Tatsache, dass Robert bis heute ein Ausstellungsstück in einem privaten Museum ist und Menschen von überall in seinen Bann zieht. Das Kamerateam durfte  genauso wie alle anderen Besucher den kleinen Matrosen erst filmen, nachdem er um Erlaubnis gebeten wurde... Noch unheimlicher wird die Episode durch weitere Fälle, beispielsweise der von Anatoly Moskvin, der Leichen ausgegraben und sie zu Puppen präpariert hat. Die Originalbilder aus seiner Wohnung, die neben den lebensgroßen auch Hunderte kleine Puppen zeigen, waren wirklich verstörend. Diese Episode war für mich mit Anstand am eindrücklichsten. Wer ein Fan von dem Horrorfilm "Annabelle" ist, sollte hier definitiv mal reinschauen. 
Nur ein Spielzeug oder doch ein verfluchtes Objekt?
Foto: Amazon Studios
Selbst die meiner Meinung nach schwächste Folge, in der es um Werwölfe aus dem 16. Jahrhundert geht, konnte mich insgesamt überzeugen. Sie hält interessante Informationen über dieses Phänomen bereit, auch wenn mir die schauspielerische Leistung in dieser Episode am wenigsten gefallen hat. Die Geschichte konnte mich nicht so ganz gefangen nehmen und war auch am ehesten die, deren Wahrheitsgehalt ich stark bezweifeln würde. Insgesamt kann ich aber alle Folgen empfehlen.

Fazit

"Lore" bietet eine gute Mischung aus historischen Fakten und spannenden, mysteriösen Fällen. Dadurch erfährt man interessante Informationen über die Ursprünge verschiedener Gruselklassiker ohne das Gefühl zu haben, mit trockenem Wissen gelangweilt zu werden. Besonders durch die tollen schauspielerischen Leistungen taucht der Zuschauer in die Handlung und die Gefühlswelt der Personen ein. Dabei kann er sich immer selbst überlegen, wie viel Wahrheit in den Fällen steckt. Die Serie erschafft zudem eine schön düstere und teilweise auch unbehagliche Stimmung. Das praktische an dieser Sendung ist, dass man auch nur einzelne Episoden schauen kann, die einen thematisch interessieren, weil sie in sich komplett abgeschlossen sind. Ich kann aber nur empfehlen, alle anzuschauen, da jede einzelne sehenswert ist.


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