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Mittwoch, 7. März 2018

Katrins Top 15 Musicals

Ich habe mittlerweile 50 verschiedene Musicals in mehreren Ländern auf drei verschiedenen Kontinenten angesehen. Darunter waren einige Reinfälle, viele gute Stücke und einige grandiose , die ich mir immer wieder ansehe. In diesem Post stelle ich euch meine Top 15 vor.
Zur Info: Zu meinen 50 Musicals zähle ich nur diejenigen, die ich live im Theater angeschaut habe - Videoaufnahmen, Kinoübertragungen und Co. also nicht. Tolle Produktionen wie "Newsies", "Dear Evan Hansen" und "Rent", die in meinem "Top 50 Musical Songs"-Post gleich mehrmals vorkommen, finden sich hier nicht, da ich ich sie leider noch nicht gesehen habe. 



15. If/Then

Foto: Fox Theatricals
Ich schaue mir ein Musical an, wenn mir die Handlung, die Musik oder die Stimmung zusagt. "If/Then" ist eins der wenigen Stücke, bei denen die Besetzung der entscheidende Punkt war. Die Hauptrolle wurde nämlich von Indina Menzel, einer der bekanntesten, internationalen Musicaldarstellerinnen, gespielt. Wer sich in der Broadway-Welt nicht auskennt, wird ihre Stimme vermutlich trotzdem schon einmal gehört haben: Sie spricht Elsa in der englischen Originalversion von "Die Eiskönigin". Letztendlich hat mir am Stück aber vor allem die kreative Geschichte gefallen. Sie ist in zwei Handlungsstränge aufgeteilt und zeigt, wie eine einzige Entscheidung den Rest des Lebens beeinflussen kann. Dabei behandelt das Musical viele ernste Themen, wie Krieg und Abtreibung. Beide Geschichten haben ihr eigenes Produktionsdesign, sodass der Zuschauer anhand der Farbgebung erkennen kann, um welche es sich handelt. Interessant ist hinterher auch die Diskussion, welchen Weg man selbst gehen würde und welche Abzweigungen man vielleicht schon verpasst hat. Es gibt jedoch auch Abstriche: Ich kann mich beispielsweise überhaupt nicht an die Musik oder die meisten Nebencharaktere erinnern.


14. Thoroughly Modern Millie

Foto: La Jolla Playhouse
Dieses Musical konnte mich vor allem durch seine witzige, schräge Geschichte fesseln. Das Stück nimmt sich selbst nicht ernst und das ist seine große Stärke. Handlung und Charaktere, Moral - alles ist herrlich überdreht und mit Klischees überladen. "Thoroughly Modern Millie" schlägt zwar auch ein paar leise Töne an, es ist aber vor allem ein lautes, buntes und verrücktes Gute-Laune-Stück. Damit passt es auch perfekt zu seinem Setting. Durch das tolle, detaillierte Bühnenbild und die Kostüme wird das New York der 1920er lebendig. Wie bei "If/Then" mangelt es jedoch auch diesem Musical an ergreifender oder eingängiger Musik. Außerdem passt die Nebenhandlung um den Slavenhändlerring nicht zum humorvollen Rest der Geschichte.


13. Rebecca

Foto: Stage Entertainment
"Rebecca" ist eins der wenigen Stücke mit einer überzeugend gruseligen und düsteren Stimmung. In allem - Charaktere, Beleuchtung und Requisiten - liegt etwas Mysteriöses, Beunruhigendes. Die Handlung ist spannend und hebt sich damit klar von den meisten anderen Musicals ab, die eher in Richtung Drama, Romantik oder Humor gehen. Im emotionalen Bereich schwächelt "Rebecca" dafür. Sowohl die Liebesgeschichte als auch die dramatischen Szenen wirken erzwungen und wenig glaubhaft. Die Charaktere sind zudem sehr hölzern und unsympathisch. Allerdings habe ich sowieso kaum auf sie geachtet, denn die Kulissen sind weltklasse - ganz besonders die brennende Treppe am Ende. Beim Soundtrack bin ich hingegen zwiegespalten: Es gibt ein paar schöne Lieder und zwei fantastische, gewaltige Balladen. Der Rest kann übersprungen werden. Der Soundtrack enthält 48(!) Tracks - die meisten sind weniger als drei Minuten lang und hätten nicht gesungen werden müssen.


12. Aida

Foto: Disney Theatrical Productions
"Aida" war das erste Musical, das ich je besucht habe. Damals war ich zehn Jahre alt und kann mich nur noch bruchstückhaft an die Aufführung erinnern. Ich werde aber niemals vergessen, wie überwältigt ich von der Musik, dem Bühnenbild und der Atmosphäre war. Die Geschichte ist unglaublich fesselnd und berührend - besonders die letzten Augenblicke. Sie zeigen, dass ein Ende irgendwo auch ein neuer Anfang ist, selbst das Lebensende. Die tragischen Momenten werden zudem toll in Szene gesetzt, sodass sie lange im Gedächtnis bleiben. Dazu kommt die tolle Musik der beiden Musical-Legenden Elton John und Tim Rice, die unter anderem zusammen am Soundtrack des "Disney"-Films "Der König der Löwen" mitgearbeitet haben. 


11. Ghost

Foto: Stage Entertainment
"Ghost" war mein 50. Musical. Ehrlich gesagt hatte ich nicht allzu viel erwartet, da ich mit Romanzen wenig anfangen kann und den gleichnamigen Film nicht kannte. Ich wurde jedoch positiv überrascht. Die Musik ist ziemlich eintönig und uninspiriert, ansonsten ist das Stück toll. Vor allem das Produktionsdesign hat mich begeistert. Die Kulissen bestehen nur aus wenigen Requisiten, dennoch fühlen sie sich realistisch an, da Licht und Projektionen geschickt atmosphärisch eingesetzt werden. Durch die Technik sieht sogar die Magie der Geister unglaublich echt aus. Trotz dieser übernatürlichen Elemente ist das Musical angenehm bodenständig. Die Charaktere haben einen trockenen Humor, realistische Motive und sprechen nicht so unnatürlich schwülstig wie viele Broadway-Figuren (hier geht es zu meiner kompletten Rezension).


10. Billy Elliot

Foto: Universal Pictures
Gleichzeitig singen, schauspielern und perfekt Ballett tanzen - was viele Erwachsene niemals schaffen würden, sieht in "Billy Elliot" bei Elf- und Zwölfjährigen kinderleicht aus. Vor allem die Vorgänge hinter den Kulissen sind bei diesem Musical spannend. Es ist unglaublich, was die junge Darsteller leisten, vor allem wenn man bedenkt, dass sich am Westend und Broadway meistens vier von ihnen die Hauptrolle teilen (zum Vergleich: der deutlich kleinere Part des jungen "Tarzan" wird im gleichnamigen Musical in Oberhausen derzeit von acht Jungen gespielt). Die Tanzszenen, sowohl der Erwachsenen, als auch der Kinder, sehen fantastisch aus. Außerdem fängt das Stück die Emotionen der Charaktere und die Stimmung sehr gut ein. An einigen Stellen ist die Handlung jedoch ein wenig zu schräg, was nicht zur bodenständigen Handlung passt.


9. Tarzan

Foto: Disney Theatrical Productions
"Tarzan" ist das erste Musical auf dieser Liste, bei dem ich am Soundtrack nichts auszusetzen habe. Allerdings sind die Lieder, die bereits im "Disney"-Film vorkommen, deutlich eingängiger und emotionaler als die, die extra für die Bühne geschrieben wurden. Man hat als Zuschauer das Gefühl, bei diesem Stück nicht nur zuzusehen, sondern ein Teil der Geschichte zu sein, da die Charaktere durch die Gänge laufen und über dem Publikum schweben. Die kleinen Stunts sehen toll aus und erwecken den Eindruck eines 360 Grad-Erlebnisses. Ansonsten ist das Bühnenbild sehr spärlich, fast ein bisschen lieblos. Vor allem, wenn man es mit den Kulissen anderer "Disney"-Musicals wie "Der König der Löwen" oder "Mary Poppins" (hier geht es zu unserer Rezension) vergleicht.


8. Das Phantom der Oper

Foto: Stage Entertainment
"Das Phantom der Oper" habe ich mittlerweile schon mehrmals gesehen. Ich mag besonders die Zwiespältigkeit der Geschichte. Keiner der Charaktere ist "gut" oder "böse". Sie alle sind vielschichtig aufgebaut und haben sowohl positive als auch negative Eigenschaften - ich finde jedoch alle Figuren herzlich unsympathisch. Dafür liebe ich die ersten Momente der Show, wenn der Leuchter während der Ouvertüre an die Decke wandert und das Theater in der Zeit zurückreist. Die Kulissen und die Kostüme - ganz besonders während der "Maskenball"-Szene - sind fantastisch. Der Soundtrack ist ebenfalls grandios, wenn auch für meinen Geschmack viel zu opernlastig - immerhin ist es ein Musical.


7. Sister Act

Foto: The Shubert Organization
Bei diesem Musical ist es schwierig, keine gute Laune zu bekommen. Die Energie und die Fröhlichkeit sind einfach ansteckend. Dazu kommt eine große Portion Humor, der auch von Show zu Show ein wenig geändert wird, um möglichst frisch und tagesaktuell zu bleiben. Die tolle Musik aus dem gleichnamigen Film kommt leider nicht vor. Die Musicalsongs sind zwar auch cool, aber sehr poplastig. Da es aber immer noch um einen Nonnenchor geht, wären ein paar leisere oder kirchlich angehauchte Lieder passender gewesen. Dafür finde ich die Figurenentwicklung in der Show nachvollziehbarer als im Whoopi-Goldberg-Streifen, da das Publikum mehr über die Bösewichte und die anderen Nonnen erfährt. Außerdem ist der Einfall echt klasse, den Papst am Ende vom Dirigenten spielen zu lassen.


6. Bodyguard

Foto: Stage Entertainment
Genau wie "Ghost" habe ich auch "Bodyguard" aus reiner Neugierde und ohne den Film zu kennen angeschaut, aber keine großen Erwartungen gehabt. Ich war hinterher wirklich froh, dieses Musical nicht verpasst zu haben. Der Soundtrack ist einfach klasse: Keine "Überbrückungslieder" oder Sprachgesang, stattdessen lauter Power-Songs von Whitney Houston - darunter auch die weltbekannten Lieder "I Will Always Love You", "One Moment In Time" und "I'm Every Woman". Ich finde außerdem die Tatsache richtig gut, nur zwei Charaktere singen zu lassen und auch nur wenn es "logisch ist" (Die Figuren singen nicht einfach in jeder x-beliebigen Situation, wie in 95% der Musicals, sondern ausschließlich, wenn es in der Geschichte Sinn ergibt, also beispielsweise bei Proben oder Auftritten.). Dadurch wirkt die Handlung realistischer und bodenständiger, da Dialoge nicht von Gesang unterbrochen werden. Den gleichnamigen Film habe ich übrigens nicht gesehen. Laut der Inhaltsangabe unterscheidet er sich in zwei sehr wichtigen Punkten von der Bühnenversion - deren Handlung finde ich deutlich schlüssiger.


5. Ich war noch niemals in New York

Foto: Stage Entertainment
Um es gleich klarzustellen: Nein, ich mag die Lieder von Udo Jürgens nicht. Dass es "Ich war noch niemals in New York" trotzdem in meine Top 5 geschafft hat, spricht also definitiv für das Musical. Es hat einfach einen unglaublich witzigen Humor und viele kreative Einfälle, wie die geniale Navi-Irrfahrt. Das Stück nimmt sich nicht sonderlich ernst, sondern will einfach nur gute Laune versprühen, sodass ich Lust hatte mitzusingen, obwohl mir die meisten Songs überhaupt nicht gefallen. Ich bin auch kein Fan von Liebesgeschichten, mag die in diesem Musical aber, weil sie nicht süßlich ist, sondern sehr amüsant und bissig. Außerdem hat das Musical eine der beeindruckendsten Kulissen - ein riesiges, zweistöckiges Kreuzfahrtschiff, das von allen Seiten anders aussieht. 


4. Rocky

Foto: Stage Entertainment
Ich kenne niemanden, dem "Rocky" nicht gefallen hat, selbst die Musicalhasser in meinem Umfeld fanden das Stück fantastisch. Das liegt vor allem an dem komplett ungewöhnlichen Konzept. Die Handlung des Films (wieder einer, den ich nicht geguckt habe...) klingt so gar nicht nach Musical und dennoch funktioniert es unglaublich gut. Das große Highlight ist der Boxkampf am Ende - für mich die visuell beste Szene, die ich je auf einer Bühne gesehen habe! Die Schläge und Verletzungen sehen echt aus, der Ring ist direkt im Zuschauerraum und die Szene wird live auf einem großen Bildschirm gezeigt - wie bei einem echten Kampf. Die Idee alleine ist schon grandios und die Umsetzung einfach fantastisch. Doch auch sonst hat das Stück einiges zu bieten - sympathische Charaktere, detailverliebte Kulissen, tolle Effekte und einige wirklich schöne Songs. Kein Wunder, dass "Rocky" das einzige deutsche Musical ist, das es an den Broadway geschafft hat. 


3. We Will Rock You

Foto: Queen Theatrical Productions
"We Will Rock You" ist das Bühnenstück, das mich mit Abstand am meisten positiv überrascht hat. Ich habe es vor vielen Jahren zum ersten Mal gesehen, als ich im Urlaub Lust auf ein Musical hatte und in der Stadt gerade nichts anderes lief. Ich habe das Theater als großer WWRY- und Queen-Fan verlassen. Die Musik ist klasse, auch weil sie größtenteils im Original belassen wurde (zum Vergleich: Beim Abba-Musical "Mamma Mia" wurden die Texte ins Deutsche übersetzt.). Besonders bei den Welthits "We Will Rock You", "We Are The Champions" und "Bohemian Rhapsody" hält es das Publikum nicht auf den Stühlen, sodass sich das Stück ein wenig wie ein Konzert anfühlt. Die Geschichte ist herrlich schräg unangepasst, genau wie die Charaktere. Außerdem ändern sich ganze Dialoge regelmäßig, da sich das Stück an die Stadt, in der es gespielt wird und die aktuelle Popkultur anpasst. Alles in allem ist "We Will Rock You" einfach nur cool, kreativ und verrückt.


2. Wicked

Foto: Stage Entertainment
Ich habe die Show mittlerweile mehrmals in London und einmal in Sydney angesehen, in der deutschen Version bislang noch nicht. Das ist aber auch nicht schlimm, denn ich liebe die Songs einfach. In meiner "Top 50 Musical Songs"-Liste ist "Wicked" das am häufigsten vertretene Stück mit insgesamt vier Lieder - darunter Platz 2 und 3. Die Musik ist abwechslungsreich, dynamisch und voller Emotionen - genau wie die Geschichte. Es ist eines der wenigen Stücke, in denen es um starke Frauen geht und behandelt auch ernste Themen wie Mobbing, Zwei-Klassen-Gesellschaft und Rassismus. Dennoch kommen auch Humor und Magie nicht zu kurz. Die Welt von Oz sieht einfach toll aus und wird durch die fantastische Musik, die sympathischen Charaktere und die tolle Geschichte lebendig.


1. Der König der Löwen

Foto: Stage Entertainment
"Der König der Löwen" ist einfach ein Phänomen, mit dem kein anderes Musical mithalten kann. Es ist das einzige Stück, das mich jemals zum Weinen gebracht hat. Jedes Mal aufs Neue steigen mir Tränen in die Augen, wenn die ersten Töne von "Der ewige Kreis" gespielt werden und die Sonne über der Savanne aufgeht. Fast noch schöner ist es, zu sehen, wie die anderen Zuschauer um einen herum mit feuchten Augen und staunendem Blick den vorbeilaufenden Elefanten hinterher sehen. Es ist einer der ganz wenigen Fälle, in denen Menschen in Tierkostümen nicht komisch aussehen. Das Produktionsdesign ist unglaublich schön und detailreich. Farben, Materialien und Muster sind harmonisch aufeinander abgestimmt und lassen eine einzigartige Welt entstehen. Die Musik passt ebenfalls dazu. Die Songs, die extra für das Musical geschrieben wurden, haben denselben Charme wie die des Films und orientieren sich noch stärker an afrikanischen Rhythmen, wodurch sich "Der König der Löwen" deutlich vom Pop-Einheitsbrei der meisten anderen Stücke abhebt. Dieses Musical hat eine Magie, die man nur nachvollziehen kann, wenn man es selbst live gesehen hat.


Das waren meine Top 15 Musicals. Was sind eure Favoriten? Schreibt es gerne in die Kommentare

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Freitag, 22. Dezember 2017

Ghost (Musical) - Rezension

Im Jahr 2011 feierte das Musical "Ghost" Weltpremiere. Seit Dezember 2017 ist es in Berlin zu sehen. Es basiert auf dem Film "Ghost - Nachricht von Sam", der Anfang der 1990er für zahlreiche Preise nominiert wurde. Whoopi Goldberg erhielt für ihre Rolle als Oda Mae Brown sogar den Oscar als beste Nebendarstellerin. Die Synchronstimme der "Sister Act"-Schauspielerin begrüßt die "Ghost"-Zuschauer auch im "Theater des Westens". Vor ein paar Monaten hatte ich mir dort bereits "Der Glöckner von Notre Dame" (hier geht es zur Rezension) angesehen. Ich hatte mich damals bereits sehr auf "Ghost" gefreut, da es seit Langem das erste Musical war, bei dem ich die Geschichte vorher nicht kannte. Den Film habe ich bislang noch nie gesehen, aus diesem Grund werde ich in diesem Post keinen Vergleich ziehen.
Kleines persönliches Highlight: Wenn ich mich nicht verzählt habe, war das mein 50. Musical (Also unterschiedliche Stücke, insgesamt sind es ein paar Besuche mehr, da ich einige öfters angesehen habe.)!

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass sich meine Rezension ausschließlich auf die Vorstellung am 13. Dezember 2017 und deren Besetzung bezieht. Die Bilder im folgenden Post sind offizielle Promofotos und zeigen nicht zwangsläufig die Berliner Produktion oder die Besetzung, die
ich gesehen habe.

Keine Elsa, kein Tarzan, trotzdem ein toller Abend!

Liebe überwindet den Tod
Foto: Stage Entertainment
Künstlerin Molly Jensen und Banker Sam Wheat ziehen in eine gemeinsame Wohnung im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die beiden sind sehr verliebt und freuen sich auf ihr Leben zu zweit. Molly ist nur enttäuscht darüber, dass ihr Freund sich weigert "Ich liebe dich" zu sagen. Eines Tages stellt Sam Unregelmäßigkeiten auf einigen Firmenkonten fest. Damit er ein Date mit Molly wahrnehmen kann, bietet sein bester Freund Carl Bruner an, den Geldtransfer unter die Lupe zu nehmen. Nach dem Abendessen wird das Paar von einem bewaffneten Räuber überfallen, der Sams Brieftasche stehlen will. Der stürzt sich jedoch auf den Angreifer und wird im darauffolgenden Handgemenge erschossen. Sein Geist befindet sich von da an in einer Zwischenwelt, in der er die Menschen beobachten, sich aber nicht selbst bemerkbar machen kann. Erschrocken stellt er fest, dass der Räuber einen Plan verfolgt und sich Zugang zu Mollys Wohnung verschaffen will. Sams Hoffnung liegt auf dem betrügerischen Medium Oda Mae Brown, die seine trauernde Freundin vor der drohenden Gefahr warnen soll.
Normalerweise ist es mir nicht so wichtig, wer auf der Bühne steht, solange die Person ihre Rolle leidenschaftlich und einfühlsam darstellt. "Ghost" war jedoch eine Ausnahme, da ich mich wirklich darauf gefreut habe, Willemijn Verkaik ("Molly") live zu erleben. Ich finde ihre Stimme großartig - Nicht-Musicalfans kennen sie vermutlich als Singstimme von Elsa im "Disney"-Hitfilm "Die Eiskönigin". Bei "Wicked" in London habe ich sie leider um einen Tag verpasst und auch bei "Disney in Concert" wurde sie bei meiner Vorstellung vertreten. Bei "Ghost" habe ich sie und einen Teil der Erstbesetzung ebenfalls nicht gesehen, darunter den ersten DSDS-Gewinner Alexander Klaws ("Sam"), der unter anderem Tarzan im gleichnamigen "Disney"-Musical gespielt hat. Wegen Willemijn Verkaik war ich ein wenig enttäuscht, aber das hat sich schnell gelegt, denn die Darsteller, die stattdessen auf der Bühne standen, waren toll! Einigen Zuschauern schien das egal zu sein, da sie sich in der Pause lautstark bei den Mitarbeitern des Souvenirstands beschwerten: "Mir hat niemand gesagt, dass Alexander und Willemijn heute nicht spielen!" Liebe Theaterbesucher: Es wird euch nirgendwo eine Besetzung garantiert und die Mitarbeiter der Garderobe oder der Verkaufsstände können auch nicht auf magische Weise andere Darsteller herbeizaubern! 
Oda Mae (l.) ist die einzige, die Sam (M.) sehen kann
Foto: Stage Entertainment
In meiner Vorstellung wurden die beiden Hauptrollen von Marcella Adema und Mathias Edenborn verkörpert. Letzterer hat mich besonders begeistert. Der ehemalige schwedische Fußballprofi hat nicht nur eine fantastische Stimme, sondern spielt auch mit einer unglaublichen Energie. Sam durchlebt auf der Bühne ein wahres Wechselbad der Gefühle - vom großem Glück über völlige Verzweiflung bis hin zu blanker Wut und Resignation. Edenborn wirkt nicht, als würde er die Emotionen darstellen, sondern stattdessen tatsächlich leben. Obwohl ich mit romantischen Geschichten wenig anfangen kann, hat mich Sams Schicksal in seinen Bann gezogen - einzig und allein durch die sehr zugängliche und ehrliche Spielweise des Schweden. Marcella Adema mochte ich als "Molly" auch sehr gerne. Allerdings fand ich, dass sich das Script zu wenig mit ihr beschäftigt hat. Sie wird nur gezeigt, wenn es die Handlung voranbringt - also wenn es um die Kommunikationsversuche ihres toten Freundes oder die Suche nach seinem Mörder geht. Wie es in ihr aussieht, wird nur oberflächlich angekratzt. Es ist schade, dass ihre Trauer und Ratlosigkeit so heruntergespielt werden, obwohl es die nachvollziehbarsten Gefühle im Stück sind. Adema nutzt ihre knapp bemessenen Szenen jedoch, um dem Zuschauer Mollys Situation und ihre Emotionen so nah wie möglich zu bringen ohne in übertriebene Dramatik abzurutschen. Trotz ihrer großen Trauer bleibt sie eine starke Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Die Momente, in denen sie doch ihre Gefühöe zulässt, wirken sehr intim. Als schaue der Zuschauer nicht aus einem großen Saal auf die Bühne, sondern säße mit ihr im Wohnzimmer. Das große Highlight war für mich jedoch Chasity Crisp als Oda Mae. Ihre Freude, auf der Bühne zu stehen, war deutlich spürbar. Der kecke Sarkasmus ihrer Rolle wirkte so ehrlich, als sei er ihr in Leib und Seele übergegangen. Obwohl sie eine schöne, kräftige Singstimme hat, wird sie mir vor allem wegen ihres genialen trocknen Humors, selbst in den freudlosesten Szenen, in Erinnerung bleiben.

Lebendig, magisch, trotzdem fehlt ein wichtiger Aspekt!

Molly möchte glauben, dass Sam noch bei ihr ist
Foto: Stage Entertainment
Woran ich mich hingegen schon wenige Minuten nach dem Schlussapplaus nicht mehr erinnern konnte, war die Musik. Bei "Der Glöckner von Notre Dame" und "Mary Poppins" fand ich die Lieder, die extra für das jeweilige Musical geschrieben wurden, öde und wenig eingängig. Dasselbe war bei "Ghost" der Fall. Die Songs sind zwar nicht schlecht, doch es war keiner dabei, bei dem ich Lust hatte, mitzusingen oder Gänsehaut bekommen habe. Das lag auch an der Stimmung. Die Lieder, die von Oda Mae, ihren Helferinnen und den Geistern gesungen wurden, waren mir zu schrill und künstlich. "Jetzt Und Hier" ist der einzige Originalsong, den ich ganz in Ordnung fand, da er positiv klingt und Rhythmus hat, ohne übertrieben fröhlich oder überdreht zu sein. Außerdem mochte ich "Unchained Melody", da der Text nicht übersetzt wurde und somit deutlich schlüssiger und passender klingt als die meisten anderen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein Stück, das für das Musical geschrieben wurde. Das Lied wurde bereits 1955 komponiert und kam auch im Film "Ghost" vor. Alexander Klaws und Willemijn Verkaik haben eine schöne Duett-Coverversion aufgenommen, klickt hier, um sie euch anzuhören.
New Yorks graue Finanzwelt wird lebendig 
Foto: Stage Entertainment
Meine Ohren waren nicht begeistert, meine Augen aber umso mehr, denn das Bühnenbild und die Effekte sind toll! Es gibt ein Grundgerüst, das bei allen Szenen verwendet wird. Beim Apartment des verliebten Pärchens passt es nicht, da die grauen Säulen und die hohe Decke den Charme einer Lagerhalle versprühen. Die paar versprengten Möbel wirken darin deplatziert. Alle anderen Orte sahen jedoch klasse aus. Durch Projektionen, die genau auf die Säulen abgestimmt sind, wird New York mit seinen kleinen, dunklen Sträßchen und seiner versifften U-Bahn lebendig. Die ersten Sekunden des Musicals stimmen bereits auf diese Umgebung ein: Auf den Vorhang werden die schemenhaften Umrisse vorbeieilender Menschen projektiert, untermalt mit den Geräuschen einer Großstadt. Die wenigen Requisiten und einzelnen Bühnenbilder bewirken, dass die Charaktere ein wenig verloren auf der großen Bühne aussehen. So wird das Gefühl der Einsamkeit und Verlorenheit der beiden Protagonisten auch visuell deutlich. Was mir jedoch besonders gefallen hat, waren die Tricks und Kniffe, um Sam wie einen echten Geist wirken zu lassen. Nach seinem Tod wird er konsequent in einem bläulichen Licht angestrahlt, das ihn bleich, durchsichtig und leuchtend erscheinen lässt. Währenddessen sehen die anderen Charaktere, selbst wenn sie direkt neben ihm stehen, "normal" aus. Eine Szene ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Kurz nach seinem Ableben will Sam Molly folgen, doch sie schließt die Tür vor seiner Nase und er muss zum ersten Mal durch ein massives Objekt gehen. Als er es letztendlich schafft, schlägt die Tür, die vorher noch normal auf und zu gemacht wurde, Wellen, als sei sie aus Wasser oder Stoff und er schreitet hindurch. Das sah richtig cool aus! Auch die Gegenstände, die die Geister durch die Luft werfen, scheinen sich wie von Zauberhand zu bewegen. Diese Magie wirkt einfach nur im Theater!


Fazit

Obwohl ich die Filmvorlage nicht kannte und kein Fan von Romantik bin, hat mir "Ghost" überraschend gut gefallen. Die Darsteller spielen mit einer unglaublichen Energie und leben die Emotionen ihrer Charaktere aus, sei es durch Gewalt, Sarkasmus, Musik, Weinen oder Schimpfen (Ich kann mich übrigens nicht daran erinnern, jemals ein Theaterstück gesehen zu haben, in dem so oft "scheiße", "ficken", "Arschloch" und Co. gesagt wurde.). Dabei ist vor allem die witzige, trockene und schamlose Art von Oda Mae ein großes Highlight. Ein passendes Bühnenbild sowie tolle Effekte und Animationen lassen die Geschichte auch optisch lebendig werden. Lediglich akustisch hat das Musical wenig zu bieten. Trotz toller Stimmen, ist die Musik der einzige große Schwachpunkt des Stückes. Die Lieder sind recht langweilig und haben es nicht geschafft, mich irgendwie mitzureißen oder sich nachträglich in Erinnerung zu rufen. Dennoch überwiegen bei "Ghost" die positiven Punkten, was vor allem an den Darstellern liegt.


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Für alle Interessierten, hier noch der Trailer:



Dienstag, 5. September 2017

Der Glöckner von Notre Dame (Musical) - Rezension

"Der Glöckner von Notre Dame" war das erste "Disney"-Musical, das seine Premiere nicht in den Vereinigten Staaten feierte. Die Uraufführung fand am 05. Juni 1999 im "Theater am Potsdamer Platz" in Berlin statt, wo es bis Juni 2002 lief. In den letzten Jahren wurde das Stück mehrfach wiederbelebt und unter anderem in San Diego, Tokio und Kopenhagen aufgeführt. Vom 09. April bis zum 04. November 2017 ist "Der Glöckner von Notre Dame" zurück in Berlin - diesmal im "Theater des Westens". Ab dem 12. November wird es im "Deutschen Theater" in München laufen. Nach "Mary Poppins" (hier geht es zur Rezension) ist das nun mein zweites "Disney"-Musical in diesem Jahr.
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass sich meine Rezension ausschließlich auf die Vorstellung am 30. August 2017 und deren Besetzung bezieht. Die Bilder im folgenden Post sind offizielle Promofotos und zeigen nicht zwangsläufig die Berliner Produktion oder die Besetzung, die ich gesehen habe.

Anders. Düster. Eindrücklich.

Nach 15 Jahren wieder in Berlin!
Foto: Stage Entertainment
Der "Disney"-Film "Der Glöckner von Notre Dame" basiert auf einem Roman des französischen Autors Victor Hugo. Er erzählt die Geschichte des entstellten Quasimodos, der im Dom Notre Dame lebt und vom herrischen Domprobst Claude Frollo aufgezogen wird. Der junge Mann arbeitet als Glöckner und erträumt sich ein Leben außerhalb der Kirchmauern. Eines Tages wagt er tatsächlich den Schritt nach draußen. Dort er bekommt den Hohn und Spott der Menschen zu spüren, verliebt sich aber auch in die hübsche Zigeunerin Esmeralda. 
Vor dem Glöckner hatte ich bereits fünf andere "Disney"-Musicals gesehen. Bei allen hat sich die Handlung sehr stark an der jeweiligen Filmvorlage orientiert oder war zumindest "Disney-gerecht" modifiziert worden. Hier ist das nicht der Fall. Es gibt einige große Unterschiede. Am deutlichsten merkt man das in den letzten Minuten. Ich finde, "Der Glöckner von Notre Dame" ist für einen "Disney"-Film schon ziemlich düster und zweideutig, aber das Musical toppt beide Aspekte. Am Ende sterben gleich zwei Hauptcharaktere, einer davon erlebt in der Verfilmung ein Happy End und der Tod des anderen wird auf ziemlich drastische Weise dargestellt. Hier hat sich Bühnenautor James Lapine an der Buchvorlage orientiert. Auch Frollos (Felix Martin) Liebe zu Esmeralda (Sarah Bowden) ist deutlich weniger subtil und einige Anspielungen sind für ein "Disney"-Musical sehr direkt (Florika (Kristina Love) zu Frollo: "Ich sehe doch in deinen Augen, dass du es auch willst." (drückt sich an ihn, lacht) "Und ich spüre es auch."). Obwohl "Der Glöckner von Notre Dame" einige brutale Szenen und derbe Sprüche präsentiert, ist das Stück ab 4 Jahren freigegeben - genauso wie "Der König der Löwen". Ich fand es auch sehr befremdlich, dass die Charaktere an den Bühnenrand treten und die Geschichte erzählen, anstelle das bildliche Geschehen für sich sprechen zu lassen.
Einer der selten fröhlichen Momente
Foto: Stage Entertainment
Auch die Musik hebt den Glöckner von anderen "Disney"-Musicals ab. Während sich in den meisten Stücken fröhliche Ensemble-Nummern und dramatische Solos abwechseln, ist auch hier die Stimmung deutlich gedämpfter. Dasselbe gilt für den Film. Ansteckende Rhythmen, die zum Mitsingen und Mittanzen einladen, gibt es bei beiden nicht. Stattdessen finden sich viele berührende Lieder wie Esmeraldas musikalischer Appell an Gott "Hilf den Verstoß'nen". Außergewöhnlich finde ich - im Hinblick auf die oft kritisierten Personalsparmaßnahmen der "Stage Entertainment GmbH" - dass ein 24-köpfiger Chor der "Choral Society Berlin" die gesamte Zeit über im Bühnenbild sitzt und einige Ensemble-Stücke begleitet. Besonders beeindruckend ist das Intro "Die Glocken Notre Dames", das schon im Film mein Lieblingsstück ist. Die Stimmen des Chors und des Musicalensembles verschmelzen zu einem eindrücklichen Gesang, der beinahe genauso imposant klingt wie die Glocken der berühmten Kirche. Ich bekomme schon eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Dasselbe gilt für das Lied "Einmal", das mit seiner Anti-Krieg-Botschaft ("Einmal nach tausend Kriegen, nach Blut und Tränen, lernen wir doch. Dann wird man leben statt hassen und leben lassen.") zeigt: Die Geschichte spielt zwar im 15. Jahrhundert, doch wir haben leider auch heute, knapp 600 Jahre später, noch dieselben gesellschaftlichen Probleme. 

Beunruhigend. Wahr. Offen.

Frollo sieht in Esmeralda die verkörperte Sünde
Foto: Stage Entertainment
Die Aktualität ist an einigen Stellen fast schon beängstigend. Die hitzigen Monologe des Kirchenmannes Frollo, in denen er die Zigeuner und ihren Lebensstil verteufelt, könnten fast zu 100% einer AfD-Rede entnommen worden sein. Diese Abneigung gegenüber allem Fremden, das dennoch eine fast magische, verbotene Anziehung hat, wird von Felix Martin als Frollo fantastisch dargestellt. Man möchte ihn würgen, man möchte seine Hand von Esmeraldas Arm schlagen und man will ihm ordentlich die Meinung sagen. Martin verleiht der Rolle sowohl Charisma als auch Wahnsinn, das macht sie so beunruhigend realistisch. David Jakobs als Quasimodo bleibt ebenfalls nachdrücklich im Gedächtnis. Ich habe mich gefragt, ob er nicht furchtbare Rückenschmerzen haben muss. Denn in seiner Rolle geht er ständig gebückt und trägt in dieser Haltung sogar Esmeralda. Weiterhin hat Jakobs eine angenehm klare Musical-Stimme, die sich deutlich von der nuschelnden Sprechweise des Quasimodo absetzt. Es scheint fast so, als würde ihm die Musik eine neue Stimme geben. Noch interessanter finde ich allerdings die Umsetzung des Musicals in Sacramento (Kalifornien) letztes Jahr: Dort ist Quasimodo durch die lauten Schläge der Glocken ertaubt und wird von dem gehörlosen Schauspieler John McGinty verkörpert, der mit Gebärdensprache kommuniziert. Die Gesangsparts des Glöckners übernimmt ein Ensemblemitglied. In der Berliner Version wird diese Thematik zum Teil angerissen, in dem sich Quasimodo kurz durch Zeichen verständigt.
Alle Szenen spielen in derselben Kulisse
Foto: Stage Entertainment
Es gibt noch einen Aspekt, durch den sich "Der Glöckner von Notre Dame" deutlich von anderen Musicals abhebt: Das Design. Während andere Stücke, besonders aus den Produktionshäusern "Disney" und "Stage Entertainment", opulente Bühnenbilder und aufwendige Kostüme bieten, wurde hier ein völlig anderer Ansatz gewählt. Es gibt nur eine Kulisse, die durch verschiedene Requisiten in unterschiedliche Orte verwandelt wird. Die Umbauten werden dabei nicht von beinah unsichtbaren Stagehands oder technischen Mechanismen durchgeführt, sondern von den Darstellern selbst. Sie schieben Treppen in die Mitte der Bühne, bauen ein Zelt auf oder tragen Bänke hin und her. Bei großen deutschen Musicalproduktionen habe ich so etwas selten gesehen. Was ich noch nie erlebt habe, ist das Umziehen im Sichtfeld der Zuschauer. So betritt beispielsweise Quasimodo bei seinem ersten Auftritt aufrecht die Bühne und wird vor den Augen aller mit Buckel und Schminke versehen. Das live Umbauen hat mir gut gefallen. Man kann so gut nachvollziehen, wie viel Arbeit in einer Produktion steckt und wie viel der Zuschauer davon häufig nicht sieht. Außerdem passt es zu dem rustikalen Setting. Quasimodos Verwandlung hingegen mochte ich nicht. Es hat die Ernsthaftigkeit aus der Geschichte genommen ihn zu Beginn und auch in der letzten Szene ohne Buckel zu sehen. Weiterhin fand ich sein "entstelltes" Gesicht unpassend. Die schwarzen Streifen, aus mehr besteht die "Maske" nicht, sahen eher aus wie Kriegsbemalung. Das wirkte sehr lieblos und deplatziert.

Fazit

"Der Glöckner von Notre Dame" ist sowohl für "Disney"- als auch für "Stage Entertainment"-Verhältnisse ein ungewöhnliches Musical. Das Bühnenbild ist eher karg, Umbauten passieren nicht geräuschlos im Hintergrund und die Erzählweise ist erstaunlich direkt. Dennoch ist es ein empfehlenswertes Stück, vor allem wegen der Musik. Die fantastischen Chorstücke bereiten Gänsehaut und der gesamte Berliner Cast spielt berührend. Das Musical ist noch einmal deutlich düsterer als der Film und hebt sich damit klar von vergleichbaren Stücken ab. So ist es vielleicht eine ideale Produktion, um skeptische Erwachsene in den Bann der "Disney"-Musicals zu ziehen.


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Donnerstag, 29. Juni 2017

Mary Poppins (Musical) - Rezension

2004 feierte das "Disney"-Musical "Mary Poppins" Weltpremiere am Londoner West End. Seit Oktober 2016 läuft es nun erstmalig in Deutschland im Stuttgarter "Apollo Theater". Als eingefleischter Musicalfan wollte ich das Stück schon eine ganze Weile lang sehen. Am 25. Juni war es endlich soweit. Wer ebenfalls Interesse an "Mary Poppins" hat, kann sich freuen. Es läuft zwar gerade in Stuttgart aus, doch danach zieht es direkt weiter in Deutschlands Musical-Metropole Hamburg. 
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass sich meine Rezension ausschließlich auf die Nachmittagsvorstellung am 25. Juni 2017 und deren Besetzung bezieht. Die Bilder im folgenden Post sind offizielle Promofotos und zeigen nicht zwangsläufig die Stuttgarter Produktion oder die Besetzung, die ich gesehen habe.

Zwischen Buch und Film

Momentan noch in Stuttgart, bald in Hamburg
Foto: Katrin Mertens
Mary Poppins ist ein Kindermädchen, das eines Tages bei der Londoner Familie Banks auftaucht. Die Eltern sind mit der Erziehung ihrer beiden Kinder Jane und Michael überfordert und nehmen gerne die Hilfe der Nanny an, nachdem etliche Vorgängerinnen bereits gekündigt haben. Schnell bemerken Jane und Michael, dass Mary Poppins kein gewöhnliches Kindermädchen ist. Sie hat magische Fähigkeiten und kennt allerlei ungewöhnliche Menschen. 
Die Geschichte hat sich die australische Autorin P. L. Travers ausgedacht. Zwischen 1934 und 1988 veröffentlichte sie mehrere Bücher mit ihrer außergewöhnlichen Protagonistin. 1964 brachte "Disney" einen Spielfilm heraus, der lose auf den Geschehnissen des ersten Romans beruht. Travers war mit dem Ergebnis nicht zufrieden und weigerte sich die Filmrechte der anderen Bücher zu verkaufen.

v.l.: Jane, Bert, Michael und Mary auf dem Dach
Foto: Stage Entertainment
Das Musical folgt größtenteils der Handlung des "Disney"-Films, enthält jedoch auch Teile der Originalgeschichte, die es nicht in die Verfilmung geschafft haben. Am besten hat mir hier gefallen, dass Mary Poppins deutlich strenger ist. Travers hat am Film vor allem bemängelt, dass ihr striktes, eitles und uneinsichtiges Kindermädchen viel zu süßlich und lieb gewesen sei. Im Musical hat die Protagonisten einen großen Teil ihrer Strenge zurück erlangt. Sie verschwindet beispielsweise einfach, als sie das Gefühl hat, dass Jane und Michael undankbar sind und nimmt das Spielzeug der beiden mit. Als Kind habe ich den Film gerne geguckt, fand es aber immer seltsam, dass die Nannys in Scharen vor den Banks-Geschwistern geflohen sind. Die wirkten immer so brav und niedlich. Im Musical sind sie das auf gar keinen Fall. Michael ist frech und vorlaut, während Jane jeden herumkommandiert und auf Menschen herabsieht, die einer niedrigeren sozialen Schicht angehören.
Tanzszene in der "Gesprächsstoffhandlung"
Foto: Stage Entertainment
Es wird ebenfalls auf die Jugend der Banks-Eltern eingegangen, wodurch die Probleme der Familie im Musical deutlicher und greifbarer werden als im Film. Dennoch gibt es auch Änderungen, die mich gestört haben. So ist Mrs. Banks keine Suffragette, also Frauenrechtlerin, mehr, sondern eine ehemalige Schauspielerin, die sich nur noch ihrem Mann und dem Haushalt widmet. Das ist leider ein Schritt in die falsche Richtung - hin zu einer veralteten Denkweise, gegen die im Film von 1964 noch protestiert wurde. Diese altmodische Entwicklung ist auch seltsam, da die restlichen Szenen sehr bunt und überdreht sind. Die Sequenz mit den Karussellpferden wurde beispielsweise durch eine Erzählung aus dem Buch ersetzt, in der Mary Poppins mit den Kindern die "Gesprächsstoffhandlung" von Mrs. Corry besucht. In einer farbenfrohen Tanzsequenz bilden die drei hier das berühmte Wort "Supercalifragilisticexpialigetisch" aus Buchstaben, die sie in dem Laden gekauft haben. Ich persönlich hatte das Gefühl, dass die einzelnen Szenen zum Teil etwas zusammenhangslos sind und die eigentliche Kernhandlung aus dem Fokus gerät. Besonders das Ende wirkt eher gehetzt. Das Verhalten der Hauptcharaktere dreht sich viel zu schnell und ohne Erklärung um 180 Grad. Das ist nicht sonderlich glaubhaft und schwächt die Moral der Geschichte, da nicht deutlich herausgearbeitet wird, was die einzelnen Mitglieder der Familie Banks zum Umdenken bewegt hat.

"Völlig ohne Fehler"

Mary Poppins ist vollkommen perfekt
Foto: Stage Entertainment
So heißt das Lied, mit dem sich Mary Poppins bei den Kindern vorstellt. Darin bezeichnet sie sich mehrfach als "völlig ohne Fehler", "perfekt" und "anständig". Dass Jane und Michael ihr hochmütiges Verhalten bald nachäffen, kann man ihnen kaum verdenken. Obwohl Mary eigentlich die Hauptperson der Geschichte ist, habe ich das Gefühl, dass sie nur sporadisch im Fokus steht. Die Familie Banks und auch Bert scheinen deutlich präsenter zu sein. An den Darstellern liegt das jedoch nicht. Ausnahmslos alle haben in meinen Augen tolle, passende Stimmen und stellen ihre Rollen mit großer Freude dar. Allen voran Masha Karell als Miss Andrew, das eiskalte, ehemalige Kindermädchen von George Banks, das nun auf dessen Kinder aufpassen soll. Karell spielt die grausame Nanny so herrlich böse und gruselig, dass man die Angst der anderen Charaktere gut nachvollziehen kann. Besonders spannend ist die Szene, in der Miss Andrew Mary Poppins begegnet. Die jüngere Frau jagt ihre bösartige Konkurrentin mit Magie aus dem Haus. Hier zeigt sich eine andere Facette der titelgebenden Hauptfigur. Denise Jastraunig, Darstellerin von Mary Poppins, lässt ihre Rolle beinahe so unheimlich und gnadenlos wirken wie Gegenspielerin Miss Andrew. Außerdem hat sie eine angenehme Gesangsstimme, die sowohl herrisch ("Spielt euer Spiel") als auch sanft ("Die Vogelfrau") und gelöst ("Supercalifragilisticexpialigetisch") klingen kann. Dasselbe gilt für David Boyd ("Bert"), Livio Cecini ("George Banks") und Jennifer van Brenk ("Winifred Banks"). 
Mit Gesang macht das Aufräumen mehr Spaß
Foto: Theatre Royal Plymouth
Besonders in Erinnerung bleiben die beiden Kinderdarsteller: Namira Reber als Jane und Zinedine Strasser als Michael Banks. In den meisten Musicals wird auf minderjährige Rollen verzichtet. In den wenigen, die es gibt, fungieren Kinder meist nur als schmückendes, vorwiegend stummes Beiwerk, das nur für einige große Ensemblenummern auf die Bühne geholt wird (beispielsweise "Florian" in "Ich war noch niemals in New York") oder als junge Version der Hauptcharaktere, die gänzlich verschwindet, sobald die Rolle erwachsen ist (beispielsweise "kleine Nala" und "kleiner Simba" in "Der König der Löwen"). Jane und Michael Banks sind jedoch in vielen Szenen und Tanznummern dabei und haben eigene Songs. Namira und Zinedine wirken sehr sicher und harmonieren toll mit ihren älteren Kollegen. Obwohl sie lieb und niedlich wirken, spielen sie die verwöhnten, hochnäsigen und frechen Seiten ihrer Figuren so überzeugend, dass man sie in diesen Szenen gerne maßregeln möchte. Ein großes Lob auch für die bunte, internationale Zusammensetzung des ganzen Ensembles, das man dennoch ohne jegliche Probleme verstehen kann.


Tolles Bühnendesign trifft auf mittelmäßigen Soundtrack

Noch ohne Requisiten: Das Haus der Familie Banks
Foto: Disney Video
"Mary Poppins" besticht vor allem durch die Optik. Neben den farbenfrohen Kostümen, fällt besonders das Bühnenbild ins Auge. Das Stück beginnt mit einem atemberaubenden Sternenhimmel und den Schornsteinen auf Londons Dächern. Danach wechselt das Setting vor allem zwischen dem Park, der mit lediglich einem Metalltor und einer Statue relativ unspektakulär aussieht und dem Zuhause der Familie Banks. Das ist ein großes, aufklappbares Puppenhaus, das sich drehen lässt und verschiedene Räume offenbart. Alles ist liebevoll detailliert gestaltet und passt vom Stil her perfekt zu den 1910er Jahren, in denen die Geschichte spielt. Auch die Effekte sind toll. Der Kamin im Kinderzimmer katapultiert jeden, der in ihn hineinklettert, sofort aufs Dach und das Küchenequipment kann in wenigen Sekunden kaputt gehen und sich wieder selbst reparieren. Besonders die Szene, in der Mary Poppins Miss Andrew eine Lektion erteilt, ist toll choreografiert. Die Bühne nimmt verschiedene Farben an, je nachdem welche der Frauen gerade die Oberhand hat. Weiterhin lässt Mary ihre Gegenspielerin durch die Gegend wirbeln und zwingt sie mit Magie in einen Käfig. Die Effekte sind herrlich unheimlich, weshalb es verständlich ist, dass das Musical ab einem Alter von 7 Jahren empfohlen wird und Kinder unter 3 Jahren keinen Zutritt haben. 
Mary (r.) erteilt Miss Andrew eine Lektion
Foto: Pacific Conservatory Theatre
Was mich am Stück deutlich gestört hat, war der Soundtrack. Die meisten Songs aus dem "Disney"-Film wurden zwar übernommen, aber etwas abgeändert. Der Text von "Supercalifragilisticexpialigetisch" besteht beispielsweise zu einem großen Teil aus dem Buchstabieren des Wortes, was nach der vierten oder fünften Wiederholungen langweilig wird. Auch die Position der Songs ist anders. Das Stück "Drachensteigen" wird beispielsweise am Ende des Films von der endlich vereinten Familie Banks gesungen. Im Musical kommt es bereits zu Beginn des zweiten Akts vor und ist hier ein Duett zwischen Bert und den Kindern, was dem Lied den emotionalen Kontext der glücklichen Familie nimmt. Da ein Bühnenmusical aus deutlich mehr Songs besteht, als ein Film, wurden etliche neue Lieder, darunter "Völlig ohne Fehler" und Miss Andrews Solo "Krautsaft und Fischöl", geschrieben. Für mich war davon leider keins auch nur annähernd so berührend oder eingängig wie die Musikstücke aus dem Film. Da einige Handlungsstränge im Musical fehlen, sind auch die dazugehörigen Lieder gestrichen worden, darunter "Wir sind die Kämpfer fürs Frauenrecht" und "Ich lach so gern". Ich habe mich daher gefreut, dass mein Lieblings-"Mary Poppins"-Stück "Die Vogelfrau" weitestgehend unangetastet blieb. 

Fazit

"Mary Poppins" ist ein farbenfrohes, verrücktes und familienfreundliches Musical. Fans des "Disney"-Films sollten sich bewusst sein, dass das Stück kein eins zu eins Remake ist, sondern sich nur im Kern an der Verfilmung orientiert. Liebhaber der Originalgeschichten werden sich hingegen freuen, dass das Musical deutlicher auf P. L. Travers Vorstellungen eingeht als der Film. Die Handlung ähnelt dem Aufbau der "Mary Poppins"-Bücher: Einige kurze Erzählungen anstelle eines einzigen Abenteuers mit rotem Faden. Das ist schade, da man so wenig über die Charaktere und ihre Entwicklung erfährt. Sie bleiben einseitig - genau wie der Soundtrack. Viele der bekannten Lieder aus dem "Disney"-Film wurden leider verändert, um vom Stil her zu den neuen zu passen. Dennoch bleiben Melodie und viele Refrains gleich, sodass man noch immer mitsingen kann. Vor allem visuell besticht das Musical - durch tolle Projektionen, eine übers Publikum fliegende Protagonistin, wunderschöne Bühnenbilder und allerhand magische Effekte. Letztendlich ist "Mary Poppins" nicht das beste Musical aus dem Hause "Disney": Nicht so berührend wie "Der König der Löwen" und nicht so ein schöner Soundtrack wie bei "Tarzan", doch mit Stücken wie "Aladdin" und "Die Schöne und das Biest" hält es durch seine tolle Optik, den Humor, die bekannten Kindheits-Melodien und den ansteckenden Enthusiasmus der talentierten Darsteller locker mit.


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Für alle Interessierten, hier noch der Trailer: