Freitag, 9. Februar 2018

Netflix Original Filme - Kurzrezensionen (Teil 3)

"Netflix" bringt jeden Monat mehrere neue Eigenproduktionen heraus. In unserer Reihe "Kurzrezensionen" legen wir besonders Wert darauf, die vorzustellen, die nicht mit großen Werbeplakaten in allen deutschen Städten beworben werden. Laura hat euch bereits einige Original Filme des Streaming-Anbieters vorgestellt - darunter "iBoy", "Little Evil" und "The Incredible Jessica James" (klickt hier für Teil 1 und hier für Teil 2). Heute rezensiere ich drei weitere Filme. Klickt auf die Titel, um euch die Trailer anzuschauen. 


Open House

Wer oder was lauert im Haus?
Foto: Netflix
Familienvater Brian Wallace (Aaron Adams, Blindspot) wird auf einem Parkplatz angefahren und stirbt. Er hinterlässt einen hohen Schuldenberg, sodass seine Ehefrau Naomi (Piercey Dalton) mit dem gemeinsamen Sohn Logan (Dylan Minnette, Tote Mädchen lügen nicht) vorübergehend in das Ferienhaus ihrer Schwester zieht. Das riesige Domizil liegt weit abgelegen in den Bergen und soll demnächst verkauft werden. Aus diesem Grund müssen die beiden jeden Sonntag ihr neues Zuhause räumen, da die Maklerin einen Tag der offenen Tür für Interessenten veranstaltet. Bald bemerkt Logan, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht: Verschiedene Gegenstände verschwinden spurlos, tauchen an völlig anderen Stellen wieder auf, nachts blinken die Scheinwerfer des Autos und der völlig intakte Warmwasserboiler im Keller geht ständig aus. Außerdem wundert sich Naomi über das seltsame Verhalten ihrer einzigen beiden Bezugspersonen. Nachbarin Martha (Patricia Bethune) kann sich nicht an ihre eigenen Aussagen erinnern und Ladenbesitzer Chris (Sharif Atkins) schleicht um das Gebäude herum. Die Vorkommnisse werden immer unheimlicher und die Familie muss um ihr Leben fürchten.

Naomi und Logan wissen nicht, wie ihnen geschieht
Foto: Netflix
Die schön-schaurige Atmosphäre ist der einzige große Pluspunkt des Films. Das Feriendomizil von Naomis Schwester sieht nicht aus wie ein stereotypes Spukhaus, sondern wirkt freundlich und einladend. Durch den einsamen, abgelegenen Ort und die Tatsache, dass Mutter und Sohn die meiste Zeit über alleine sind, herrscht automatisch ein mulmiges Gefühl. Bis kurz vor Ende passiert bei "Open House" eigentlich nichts Schlimmes - der wahre Horror spielt sich im Kopf ab. Ein paar komische Geräusche, ein paar deplatzierte Gegenstände und schon stellt man sich als Zuschauer dieselbe Frage wie Logan: Wie potenziell gefährlich ist so eine Hausbesichtigung eigentlich? Immerhin laufen wildfremde Menschen durch die eigenen vier Wände und sind dabei nicht ständig unter Aufsicht. Der Grusel entsteht hier nicht, wie so häufig in Filmen, durch übernatürliche Phänomene, sondern durch eine allgegenwärtige Urangst: Jemand dringt in das allerheiligste ein - das eigene Zuhause. Gegen Ende des Films sieht der Zuschauer nachts eine dunkle Gestalt durch die Flure schleichen - während nur wenige Schritte entfernt einer der Charaktere friedlich schläft oder die Toilette benutzt. Die Kameraperspektiven sehen toll aus und wirken durch ihren realistischen Blickwinkel umso beunruhigender.
Man erfährt nie, was genau im Hintergrund lauerte
Foto: Netflix
Die Drehbuchautoren Matt Angel und Suzanne Coote bieten auf verschiedenen Wegen mehrere Lösungsvorschläge an, die erklären könnten, was ihm Haus geschieht. Allerdings greifen sie am Ende keinen davon auf! Das ist der Grund, weshalb "Open House" trotz der grandiosen schaurigen Atmosphäre nicht zu empfehlen ist. In den letzten 20 Minuten nimmt die Handlung signifikant an Fahrt auf, ohne dass tatsächlich etwas erzählt wird. Der "Kopfkino-Horror" wird ersetzt durch Gewalt und Verfolgungsjagden. Die sind nicht ansatzweise so spannend und gruselig, wie die ruhigeren Szenen zuvor. Der Showdown endet dann sehr abrupt und ohne eine einzige Frage zu beantworten. Der Zuschauer kann sich lediglich durch das letzte gezeigte Bild zusammenreimen, was das "Motiv" des Eindringlings ohne Gesicht war. Ansonsten bleibt die Auflösung völlig schwammig und inhaltlos. Das ist besonders enttäuschend im Hinblick auf die zahlreichen interessanten Lösungsansätze, die vorher ins Spiel gebracht wurden. Offene Enden sind prinzipiell nichts Schlimmes, doch im Fall von "Open House" wird die Handlung überhaupt nicht verknüpft. Am Schluss ist der Film nichts anderes, als eine Aneinanderreihung von Szenen mit schauriger Stimmung.


Step Sisters

Jamilah ist hin- und hergerissen
Foto: Netflix
Jamilah (Megalyn Echikunwoke) ist Präsidentin ihrer schwarzen Studentinnenverbindung und choreographiert deren Stepptanzroutinen. Außerdem arbeitet sie für den Dekan (Robert Curtis Brown) ihres Colleges und plant, nach Harvard zu gehen, wo schon ihre erfolgreichen Eltern studiert haben. Um gute Chancen für die Aufnahme an der Elite-Universität zu haben, braucht sie deren Empfehlungsschreiben. Die beiden weigern sich jedoch, ihrer Tochter zu helfen, da sie sich den Platz selbst verdienen soll. Dekan Berman hat ebenfalls in Harvard studiert und bietet an, ein gutes Wort für Jamilah einzulegen. Die Bedingung: Sie soll den Ruf einer anderen Studentinnenverbindung wiederherstellen, indem sie sie zum Sieg bei einem Stepptanzturnier führt. Allerdings besteht die Schwesternschaft fast ausschließlich aus weißen, feierwütigen Mädchen - darunter die arrogante Präsidentin Danielle (Lyndon Smith), Jamilahs Freundin Beth (Eden Sher) und die trottelige Südstaatlerin Libby (Gage Golightly). Jamilah beginnt die mehr oder weniger willige Gruppe zu trainieren, erzählt ihrer eigenen Verbindung aber nicht, dass sie die schwarze Tradition mit Weißen teilt.

Mehr Stereotyp als diese Outfits geht nicht!
Foto: Netflix
Jemand lässt ein Dutzend Tussis mit heller Haut über Menschen mit dunkler Haut lästern; ein Dutzend Tussis mit schwarzer Haut über Menschen mit weißer Haut lästern; bringt noch Stereotypen über beide Gruppen, Schwule, Nerds, Frauen und Millenials ein; garniert das Ganze mit einer Zombie-Party, Witzen über Michelle Obama, peinlichen Dialogen und viiiiiiiel Geschrei. Was kommt dabei heraus? Der "Netflix"-Film "Step Sisters". Vom Prinzip her geht die Handlung in eine wirklich spannende Richtung: kulturelle Aneignung. Allerdings findet Drehbuchautor Chuck Hayward keinen klugen Weg, mit dem Thema umzugehen. Stattdessen erfindet er eine überdrehte, laute Geschichte mit größtenteils unsympathischen Charakteren und wirft zwischendurch ein paar dramatische Worte ein. Die meisten dieser kurzen, flammenden Reden klingen wie Instagram-Bildunterschriften. Dem kontroversen und emotionalen Thema werden sie jedenfalls nicht gerecht.
Danielle (l.) & Jamilah können sich schwer einigen
Foto: Netflix
Das liegt auch daran, dass der Film generell sehr herzlos wirkt. Es gibt zwar rund zwei Dutzend Charaktere, doch kaum einer ist mehr als ein wandelndes Klischee. Viele Gefühle kommen beim Zuschauer einfach nicht an, da er die Figuren nicht wirklich kennenlernt und sie sich ihm nicht öffnen. Ein Beispiel ist Jamilahs Liebesgeschichte, die zudem völlig belanglos ist und getrost hätte weggelassen werden können: Sie ist zu Beginn des Films seit längerer Zeit mit Dane (Matt McGorry) zusammen, der weiß ist und gegen Rassismus kämpft. Irgendwann beendet die Protagonistin die Beziehung einfach und wirft ihm allerhand vor. Das ist für den Zuschauer schwer nachvollziehbar, da er Dane nur in wenigen, kurzen Szenen erlebt hat. Jamilahs weitere Liebelei endet ebenfalls in einem Drama für das es scheinbar keinen Anlass gibt. Der Film folgt generell keiner stringenten Erzählweise. Es gibt unzählige Nebenhandlungen, die später einfach nicht mehr aufgegriffen werden und Probleme, die aus dem Nichts entstehen und sich genauso schnell von selbst lösen. Schlussendlich kommt alles zu kurz: Das spannende, kontroverse Thema; die Charaktere; die Erzählung... nur die Klischees werden ausführlich und von allen Seiten beleuchtet - leider ohne Ironie.


When We First Met

Noah (r.) ist in der Friendzone
Foto: Netflix
Noah (Adam Devine) hat in der Halloween-Nacht 2014 seine große Liebe Avery (Alexandra Daddario) kennengelernt. Für ihn war es das perfekte erste Date, für sie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Nur einen Tag später begegnete Avery ihrem Traummann Ethan (Robbie Amell), wodurch Noah nie die Chance hatte, ihr seine Gefühle zu gestehen. Drei Jahre später, auf der Verlobungsfeier der beiden, betrinkt er sich hemmungslos und landet schließlich in dem Fotoautomaten, in dem er Halloween 2014 mit Avery gewesen war. Er wirft eine Münze ein und wünscht, er könne sein damaliges Verhalten ändern. Im nächsten Moment wacht er in seinem Bett auf - am Morgen des 31. Oktobers 2014. Noah setzt nun alles daran, das Herz seiner großen Liebe zu erobern. Nach jedem Versuch wacht er wieder in der Gegenwart auf und erfährt, welche Konsequenzen seine Entscheidungen hatten. Er muss jedoch feststellen, dass er damit nicht nur sein und Averys Leben, sondern auch das von ihren besten Freunden Max (Andrew Bachelor) und Carrie (Shelley Hennig) sowie das von Ethan verändert.

Dieser Automat kann mehr, als nur Fotos machen
Foto: Netfllix
Filme über Zeitreisen und -schleifen gibt es wie Sand am Meer, dennoch ist "When We First Met" wirklich unterhaltsam. Das liegt vor allem an Hauptdarsteller Adam Devine, der in seiner Rolle aufgeht und keinerlei Scheu hat, wie ein Depp dazustehen. Noah ist ein sympathischer Charakter, der sich seiner Liebsten angenehmerweise nicht allzu sehr aufdrängt, sondern stattdessen ehrlich versucht, ihr Herz zu erobern. Was "When We First Met" von anderen, ähnlichen Filmen unterscheidet, ist die realistische Stimmung, denn es wird völlig auf unnötiges Drama verzichtet. Die Charaktere haben keine schockierenden Geheimnisse und machen sich auch nicht gegenseitig das Leben schwer. Noah ist beispielsweise neidisch auf Ethan, verhält sich ihm gegenüber aber dennoch freundlich und versucht nie, ihm Avery in der Gegenwart auszuspannen. Auf rührselige Romantik und langatmige Weisheiten - à la "Bleib dir selbst treu!" - wird ebenfalls verzichtet. 
Ob Noah als "American Dream" Erfolg hat?
Foto: Netflix
Stattdessen konzentriert sich der Film voll und ganz auf den Humor. Der ist angenehm dezent und rutscht nur vereinzelt in den Klamauk ab - beispielsweise wenn Carrie Noah mit einer Zimmerpflanze verprügelt, weil sie ihn für einen Stalker hält. Es gibt auch viele kleine, witzige Running Gags, wie Noahs wechselnde Kostümwahl. Je nachdem, wie er Avery erobern will, entscheidet er sich für eine andere Halloween-Verkleidung. Als er ihr beispielsweise beweisen will, dass er ein Softie ist, geht er als "American Dream" - in seinem Fall Pyjama und Schlafbrille im Design der amerikanischen Flagge. Die anderen Gäste auf der Party haben übrigens ähnlich kreative und witzige Kostüme, da lohnt es sich, hinzugucken. Es zahlt sich ebenfalls aus, den Film bis zum Schluss zu schauen, denn er endet nicht so, wie man es im ersten Moment glauben könnte. Drehbuchautor John Whittington setzt "When We First Met" von anderen romantischen Komödien ab und wählt nicht den offensichtlichsten Ausgang. Zugegeben, der Umschwung wirkt nicht ganz so ungezwungen und nachvollziehbar wie der Rest der Handlung, dennoch ist es schön, etwas Kreativität in einem sonst eher festgefahrenen Genre zu sehen.


Das waren meine "Netflix"-Kurzrezensionen. Da der Streaming-Anbieter immer wieder neue Serien und Staffeln herausbringt, wird es sicher nicht der letzte Beitrag zu diesem Thema sein. Alle Posts zum Thema "Netflix" findet ihr hier.

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Mittwoch, 7. Februar 2018

Sankt Maik - Rezension

Seit Ende Januar läuft bei RTL die eigenproduzierte Comedy-Serie "Sankt Maik". Normalerweise rezensieren wir ausschließlich vollständige Staffeln, weil man nie sicher sein kann, ob die Folgen nicht qualitativ signifikant ab- oder zunehmen (klickt hier für unseren Rückblick auf die gesamte Staffel). Da RTL die Episoden allerdings nur 30 Tage nach Ausstrahlung gratis zur Verfügung stellt, haben wir uns entschlossen, eine Ausnahme zu machen und schon nach der ersten Hälfte der Staffel eine Kritik zu schreiben. Falls ihr die Sendung also nicht kennt, könnt ihr sie momentan noch kostenlos von Anfang an gucken. Mittlerweile haben wir auch die zweite neue RTL-Dienstagsserie "Beck is back!" rezensiert - hier geht es zu unserem Post.

Trickbetrüger Maik Schäfer (Daniel Donskoy, Tatort: Wer jetzt allein ist) beklaut während einer Bahnreise als falscher Schaffner die Fahrgäste. Als die den Diebstahl bemerken, flieht er in ein (fast) leeres Abteil und stellt fest, dass der dort vermeintlich schlafende Pfarrer verstorben ist. Maik tauscht Schaffneruniform gegen Priestergewand und steigt mit dem Gepäck des Toten an der nächsten Haltestelle, dem beschaulichen Örtchen Läuterberg, aus. Am Bahnsteig trifft er auf Pfarr-Haushälterin Maria Böhme (Susi Banzhaf, Polizeiruf 110: In Flammen), die ihn für den neuen Gemeindeprediger hält. Maik kommt die Verwechslung gelegen: Sein kleiner Bruder Kevin (Vincent Krüger) hat 50.000 Euro Schulden beim Berliner Gangsterboss Jurek (Sascha Alexander Geršak, Tatort: Der kalte Fritte) und in der Kirche gibt es eine goldene Monstranz, die noch deutlich mehr wert ist. Es ist jedoch gar nicht so leicht, das teure Stück zu klauen. Zu allem Überfluss verliebt sich Maik auch noch in Chorleiterin Eva Hellwarth (Bettina Burchard), die hauptberuflich Polizistin ist und im Fall des unbekannten Zug-Toten ermittelt.


- Die Rezension bezieht sich ausschließlich auf die ersten fünf "Sankt Maik"-Folgen -


Du sollst Humor und Schauspieler ehren

Maik ist Pfarrer wider Willen
Foto: RTL
Verwechslungskomödien haben es meist nicht leicht, da gefühlt jedes mögliche Missverständnis schon erzählt wurde. Kaum eine Fernsehwoche vergeht, in der nicht zwei lang verloren geglaubte Zwillinge den Platz tauschen, zwei grundverschiedene Charaktere in den Körper des anderen teleportiert werden oder ein Protagonist durch einen Irrtum in einem fremden Umfeld landet. Spätestens seit "Fack Ju Göhte" (hier geht es zu unserer Rezension des dritten Teils) erfreut sich das Genre jedoch großer Beliebtheit. Das hat auch RTL erkannt. Mit "Sankt Maik" nimmt der Sender nach "Bad Cop" - die Serie ist 2017 erschienen und wurde nach einer Staffel eingestellt - die nächste Verwechslungskomödie ins Programm. Doch trotz der etwas angestaubten Idee - immerhin musste sich Whoopi Goldberg schon 1992 zum Schutz vor einem Kriminellen im Kloster verstecken - ist "Sankt Maik" überraschend frisch und kurzweilig. Das liegt vor allem an den Schauspielern. Bei Eigenproduktionen von RTL und Sat.1 sind meist immer wieder dieselben Gesichter zu sehen. In diesem Fall glücklicherweise nicht. Das Ensemble ist jung und hat noch nicht sämtliche deutschen Serieninstitutionen durch - obwohl es jedem für die weitere Karriere zu wünschen ist. Denn die Hauptdarsteller sind klasse und harmonieren sehr gut miteinander. Mit ihrer herrlich unverkrampften und selbstironischen Spielweise verleihen sie selbst dem altbackensten Witz noch einen gewissen Charme. Glücklicherweise ist das nur selten nötig. Ich bin eigentlich überhaupt kein Fan von Komödien, weil der Humor in den meisten Fällen erzwungen wirkt und irgendwann in den Klamauk abrutscht. "Sankt Maik" hat mich jedoch positiv überrascht. 
Ein Schluck Messwein beruhigt die Nerven
Foto: MG RTL D/Frank Dicks
Die Serie lebt von ihrer Situationskomik, denn Maik verzichtet darauf, sich über das Priesteramt oder die katholische Kirche zu informieren und improvisiert stattdessen ("Wer, wenn nicht wir, sollten als gute Christen vorangehen und leben was Jesus und... die anderen, die hier im Buch stehen [greift nach der Bibel], gepredigt haben? Liebe deinen Nächsten!"). Schauspieler Daniel Donskoy gehen die pseudo-religiösen Sprüche so locker und selbstverständlich über die Lippen, dass man als Zuschauer nachvollziehen kann, wieso keines der Gemeindemitglieder den falschen Pfarrer durchschaut. Dabei sollten ihn einige amüsante Running Gags eigentlich verraten: Er trägt beispielsweise konsequent schmuddelige, weiße Sneaker zum Priestergewand und ist wohl der einzige in Nordrhein-Westfalen, der seine Mitmenschen mit "Grüß Gott" begrüßt. Headautorin Vivien Hoppe hat den Spagat vollbracht, eine Komödie zu schreiben, die sich mit der Kirche beschäftigt, ohne dabei Witze auf Kosten der Religion zu machen. Die einzige kleine, rebellische Ausnahme ist eine Szene, in der Maik genüsslich das Tabernakel ableckt. Um zu verhindern, dass die Serie so gar keine Ecken und Kanten hat, gibt es einen Aspekt, der mir persönlich wirklich gut gefällt: die ernsten Momente. Zu seinen eigenen Gunsten hilft Maik den Gemeindemitgliedern mit ihren irdischen Problemen - darunter Simone (Teresa Rizos), die über eine Abtreibung nachdenkt und Freddy (Frederik Bott), der sich nach einer Leukämie-Diagnose umbringen will. In diesen Momenten verzichten die Drehbuchautoren weitestgehend auf Humor und lassen die Charaktere ganz sachlich miteinander reden. Es ist leider selten, dass sich Komödien trauen, nicht von der ersten bis zur letzten Minute durchweg lustig zu sein, sondern auch bewusst Dinge thematisieren, die man nicht humorvoll erzählen kann. In dieser Hinsicht besonders gelungen ist die Folge über die ungewollt schwangere Simone. Die Handlung bringt nicht nur eine andere Seite des sonst tendenziell eher egoistischen und neckischen Maiks zum Vorschein, sondern geht das Thema feinfühlig an, ohne dabei Stellung zu beziehen (Maria: "Also wenn eine Frau schwanger ist - gewollt oder ungewollt - dann gibt es nur eine einzige Sache, die man zu ihr sagen hat: 'Du alleine entscheidest, ob du das Kind bekommen willst oder nicht.'").

Du sollst keine anderen Götter neben Maik haben

Eva hat in Läuterberg praktisch nichts zu tun
Foto: MG RTL D/Frank Dicks
Ein wichtiger Aspekt bleibt bei all dem Humor und den ernsten Themen leider etwas auf der Strecke: das bereits erwähnte tolle Ensemble. Wie in der ebenfalls Ende Januar gestarteten 8. Staffel "Pastewka" (hier geht es zu unserer Rezension), liegt der Fokus auch bei "Sankt Maik" klar auf dem Protagonisten, die anderen Hauptfiguren sind schmückendes Beiwerk. Immerhin ist Maik im Gegensatz zu Pastewka ein witziger und sympathischer Charakter, der sich nicht bewusst in den Vordergrund drängt. Doch das Drehbuch konzentriert sich so sehr auf ihn, dass neben seinem Job als Pfarrer, seinen Versuchen die Monstranz zu stehlen und der Episodengeschichte nicht mehr viel Zeit für die anderen Figuren übrig ist. So bleiben sie relativ blass und eindimensional. Evas herrlich schräge, überzogene Schwester Ellen (Marie Burchard, auch im wahren Leben die Schwester von Eva-Darstellerin Bettina Burchard) zum Beispiel. Sie ist sehr unterhaltsam, darf aber nicht viel mehr machen, als in Minirock und auf High Heels über das Läuterberger Kopfsteinpflaster zu staksen und sich in die Liebesangelegenheiten ihrer Mitmenschen einzumischen. Besonders schade ist es um zwei Figuren: Polizistin Eva und Haushälterin Maria. Letztere schleicht sich mit ihrer toughen, liebevollen und freundlichen Art schnell in die Herzen der Zuschauer. Sie schaut beziehungsweise hört auch mal weg, wenn sich Maik nicht gerade wie ein Bilderbuch-Pfarrer verhält. Daher wäre es wirklich spannend mehr über sie zu erfahren - mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn sie insgeheim ahnt, dass sie keinen echten Mann der Kirche bemuttert. Eva ist derweil eigentlich die weibliche Hauptrolle, ab der dritten Folge hat sie jedoch nicht viel mehr Screen Time als einige der Statisten. Während ihrer kurzen Auftritte ist sie dann meist nur das Ziel von Maiks sehr direkten Flirts (Eva (nachdem sie beim Backwettbewerb über den gemeinsamen Kuss gesprochen haben): "Wollen Sie nicht Ihre Wertung für die Torte eintragen?" Maik: "Ich weiß auch so was mir schmeckt, Frau Hellwarth."). Zu Beginn der Serie, als Eva noch aktiv im Fall der unbekannten Leiche im Zug ermittelt hat, war ihre Rolle deutlich vielseitiger und spannender. In der bislang besten Szene der Sendung versucht sie heimlich Fingerabdrücke von Maik zu nehmen, doch der bemerkt ihr Vorhaben und versucht es zu verhindern. Die Sequenz ist dynamisch und unglaublich witzig, was vor allem aus dem tollen, gleichberechtigten Schlagabtausch der beiden Charaktere resultiert. Maik ist sehr unterhaltsam, aber wirklich grandios wird er erst im Zusammenspiel mit einem ebenbürtigen Gegner.

Fazit - nach fünf von zehn Folgen

"Sankt Maik" ist eine kurzweilige Serie, die vor allem durch ihren lockeren, ungezwungenen Humor aus den aktuellen deutschen Produktionen heraussticht. Außergewöhnlich sind zudem die ernsten Themen, die der komödiantischen Handlung keinen Abbruch tun, aber trotzdem sachlich und feinfühlig angegangen werden. Auch die Darsteller überzeugen durch ihr ungezwungenes, selbstironisches Spiel. Das Herzstück der Sendung ist jedoch der sympathische Protagonist, mit dem sich der Zuschauer durch seine vielschichtige Art schnell identifizieren kann. Die anderen Charaktere bleiben aufgrund mangelnder Screen Time noch relativ farblos. Hier ist zu hoffen, dass ihre vielversprechenden Hintergrundgeschichten und Fähigkeiten in zukünftigen Folgen intensiver beleuchtet werden.


Pünktlich zum Staffelfinale haben wir einen zweiten Post zu "Sankt Maik" veröffentlicht, in dem wir darauf eingehen, warum wir die Serie so toll finden und was wir uns für die zweite Staffel wünschen - den findet ihr hier.

Habt ihr "Sankt Maik" schon gesehen? Wenn ja: Was hat euch besonders gefallen, was nicht? Teilt eure Meinung gerne mit uns in den Kommentaren!

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Sonntag, 4. Februar 2018

Tatort: Tollwut - Rezension

Der Mord zum Sonntag hat Tradition, deshalb sind auch wir mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalkdabei.


Vier Jahre und zwei Tage ist es her, dass Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) im "Tatort: Auf ewig Dein" den vermeintlichen Mörder seiner Frau und seiner Tochter festgenommen hat. Nun liegt plötzlich ein Brief des inhaftierten Markus Graf (Florian Bartholomäi) auf seinem Schreibtisch. Wenige Minuten später werden Faber und seine Kolleginnen Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel) in die Dortmunder Justizvollzuganstalt gerufen, in der auch Graf einsitzt. Ein Häftling ist an Tollwut gestorben. Jemand muss ihn gezielt infiziert haben. Für die Ermittler hat der Fall eine besondere Schwere: Ihr ehemaliger Rechtsmediziner Jonas Zander (Thomas Arnold) hat sich in seiner neuen Position als Gefängnisarzt ebenfalls mit dem Rabiesvirus angesteckt - eine Chance auf Heilung gibt es nicht. Für Faber steht fest: Graf hat die Morde eingefädelt, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Bönisch und Dalay vermuten hingegen, dass es sich um die Machenschaften eines albanischen Familienclans handelt - schnell gerät der gebürtige Albaner Nico Rattay (Rick Okon) unter Verdacht.

Chaos im Knast

Momentan nur zu dritt in Dortmund
Foto: WDR
Ein (ehemaliger) Ermittler verkündet seinen Kollegen, dass er ermordet wurde und bittet sie, den Täter zu finden. Das klingt vielleicht schräg, vollkommen neu ist das Szenario allerdings nicht. Letztes Jahr gab es eine sehr ähnliche Handlung bereits im Weimarer "Tatort: Der scheidende Schupo". Während der MDR-Krimi die Sache jedoch locker und humorvoll anging, herrscht in Dortmund der gewohnte Zynismus. Dr. Zander beendet die Diskussion um seinen Gesundheitszustand mit den knappen Worten: "Martina, ich wurde ermordet. Akzeptiere das." Die Szene, in der die Kommissare von dem baldigen Ableben ihres Freundes erfahren, ist eine der stärksten in "Tollwut". Bönisch sucht verzweifelt einen Ausweg, Dalay sagt überhaupt nichts und Faber ist bereit, den Arzt in die Ermittlungen miteinzubeziehen, was ihm den Ärger seiner Kolleginnen einbringt. Danach spielt Zander nur noch eine untergeordnete Rolle, was schade ist, da sein Schicksal noch viel Potenzial für eine aufreibende Geschichte geboten hätte. Stattdessen sind seine kurzen Auftritte meist hart an der Grenze zur Melodramatik. In einer Szene jammert er beispielsweise "Ich bin doch kein Monster!", nachdem Nora, die panische Angst vor einer Ansteckung hat, erschrocken vor seiner ausgestreckten Hand zurückgezuckt ist. Bönisch hat deutlich weniger Berührungsängste und erfüllt dem Todgeweihten seinen letzten Wunsch: einen "Mitleidsfick" (Innerhalb von 88 Minuten wird gefühlt 15 Mal betont, dass der Rabiesvirus durch Kontakt von Speichel mit Schleimhäuten übertragen wird, ob Geschlechtsverkehr auch ein Risiko darstellt, thematisiert der "Tatort" nicht. Online konnte ich dazu auch keine klare Angabe finden.). Regisseur Dror Zahavi setzt die tödliche Tollwut gekonnt in Szene: Mehrmals wird gezeigt, wie sich ein Erkrankter mit blutunterlaufenen Augen vor Schmerzen krümmt und dabei grünlichen Schaum spuckt. Der Anblick ist kaum zu ertragen. 
Die tumultartigen Szenen im Knast sind beängstigend
Foto: WDR/Thomas Kost
Generell ist die Stimmung sehr düster und beklemmend - was vor allem daran liegt, dass in einem echten, stillgelegten Gefängnis gedreht wurde. Durch die wachsende Angst vor dem "Killervirus" eskaliert die Situation gegen Ende des Krimis: Unzählige Insassen stürmen durch die Gänge, Papier brennt, Ratten wuseln durch das Chaos - das ganze Szenario ist bedrückend. Vor allem für die Ermittler, die sich in unterschiedlichen, abgeschlossenen Zellen befinden. Sie hören Schreie und Tumulte, sind aber machtlos, da sie nicht wissen, was los ist und die Türen nicht öffnen können. Diese Urangst vor dem Eingesperrtsein wird unglaublich gut dargestellt und löst auch vor den Bildschirmen Beklommenheit aus. Bei den Szenen zwischen Kommissar Faber und seinem Kontrahenten ist es genau das Gegenteil. Graf hat mir vor vier Jahren eine Gänsehaut bereitet, in "Tollwut" erscheint er eher wie ein stereotyper Cartoon-Bösewicht: Mit eingefrorener Mimik und säuselnder Stimme erzählt er von seinen Neigungen ("Ich liebe es, junge Frauen zu töten und zu vergewaltigen. Was ist daran verrückt?") und versucht den Kommissar aus der Reserve zu locken, indem er über dessen tote Tochter und die Freundschaft zu Kollegin Bönisch spricht. Letztendlich fällt das Aufeinandertreffen der Kontrahenten jedoch sehr eintönig aus, da der Zuschauer nichts Neues über sie erfährt. Die beiden reden relativ sachlich miteinander und ihre Gespräche sind zu langatmig, um eine prickelnde Atmosphäre aufzubauen. Fabers Unterhaltungen mit Dr. Zander sind beispielsweise deutlich lebendiger und erinnernswerter (Zander: "Das macht Ihnen wirklich Spaß, stimmt's? Einer Leiche beim Sterben zuzusehen." Faber: "Also wenn's Ihnen hilft, ich gehe gerne mit Ihnen saufen oder in den Puff. Meinetwegen, wenn es sein muss, auch zum BVB oder wir können zusammen weinen, Bäume umarmen, um Sie trauern...")

Team wächst zusammen, Fall fällt auseinander

Ein Team: Dalay, Faber, Bönisch und Dr. Zander (v.l.)
Foto: WDR/Thomas Kost
Genauso blutleer wie Graf ist letztendlich die Auflösung. Die grobe Richtung lässt sich früh erahnen, die Feinheiten sind dann sehr konstruiert und umständlich. Im Gegensatz zu den vorherigen Folgen aus Dortmund ist der Showdown kein spektakuläres Finale, sondern eher ein: "Oh, okay, das ist also passiert." Dabei bleiben auch viele zentrale Fragen unbeantwortet. Die wohl spannendste: In welchem Verhältnis stand der Kindermörder zu seiner Anwältin Miriam Schott (Yvonne Yung Hee Bormann)? Sie scheint ihn sehr zu mögen und hat dafür gesorgt, dass er eine Einzelzelle, Farben und Chemikalien bekommt. Es wäre spannend gewesen, mehr über Grafs Leben in den letzten vier Jahren zu erfahren, doch leider geht Drehbuchautor Jürgen Werner darauf überhaupt nicht ein. Der letztendliche Tathergang wird auch nur am Rande thematisiert und bietet nicht viel Überraschendes. Das liegt vor allem daran, dass es trotz der 600 Häftlinge kaum Verdächtige gibt. Die Handlung konzentriert sich hauptsächlich auf Nico Rattay. Für Zuschauer, die "Tatort"-Neuigkeiten in den Medien verfolgen, ist das eine sehr langatmige und unnötige falsche Fährte. Denn schon vor Monaten wurde bekannt gegeben, dass Rick Okon das Dortmunder Team demnächst unterstützen wird. Dementsprechend wird es wohl kaum jemanden überraschen, dass der gewalttätige Straftäter vielleicht doch nicht der ist, der er vorgibt zu sein. Fällt Rattay aus dem Kreis der Verdächtigen heraus, bleiben nicht mehr viele Personen. Das Schicksal seines Vorgängers Daniel Kossik (Stefan Konarske) wird nur halbherzig in Gesprächen erwähnt. Klar ist, dass er mittlerweile beim LKA in Düsseldorf arbeitet. Wie schwer er nach dem vorherigen Fall "Sturm" verletzt war und ob er sich je mit seinen Dortmunder Kollegen ausgesprochen hat, bleibt offen. Obwohl die Konflikte zwischen Kossik und Faber wegfallen, ist das Team noch immer uneins. Nora wurde nun die Position des Dauernörglers aufgezwungen und sie stänkert in einer Tour gegen ihren Chef. Der ist jedoch ehrlich bemüht, seine verbleibenden Kollegen zusammenzuhalten (Faber zu Dalay über die Bombenexplosion im vorherigen Fall "Sturm": "Wissen Sie, was mir im ersten Moment am allerwichtigsten war? Dass Sie und Frau Bönisch überlebt haben! Dass wir alle überlebt haben und weitermachen können - als Team."). Es ist toll, dass sein Charakter weiterentwickelt wird und er nicht nur auf das empathielose Arschloch festgelegt ist. Hoffentlich bekommt auch sein Verhältnis zu Markus Graf eine neue Wendung, sodass diese Geschichte ebenfalls nicht stagniert.

Fazit

"Tollwut" ist ein guter "Tatort", der vor allem durch seine angespannte und beklemmende Atmosphäre punktet. Wie immer in Dortmund ist das Team grandios, da es trotz persönlicher Konflikte effizient zusammenarbeitet und einen tollen, bissigen Humor hat. Für künftige Folgen ist es außerdem vielversprechend, dass die Charaktere sich öffnen und aufeinander zugehen. Bei Außenstehenden gilt das leider nicht. Fabers Zusammenspiel mit seinem Gegenspieler Graf ist sehr oberflächlich und öde, da alte Konflikte aufgewärmt werden, anstelle neuen Schwung in die Geschichte zu bringen. Dr. Zanders Ausstieg gleitet in die Melodramatik ab, während der Einstieg des neuen Kollegen sehr undurchsichtig und lieblos ist. Obwohl es definitiv bessere Dortmunder "Tatorte" als "Tollwut" gibt, ist die Folge im Gesamtvergleich noch immer überdurchschnittlich und bestätigt wieder einmal, dass das Team um Faber zu den mit Abstand besten gehört.


Nächste Woche geht es nach Weimar. Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) stehen in "Der kalte Fritte" gleich vor zwei Leichen: Ein Milliardär wurde umgebracht, seine junge Frau hat den Täter erschossen. Die Ermittlungen führen die Kommissare unter anderem zum geplanten Goethe-Geomuseum.

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Samstag, 3. Februar 2018

Blindspot: Staffel 3, Folge 12 - Kurzrezension [D/E]

The following review of the "Blindspot" episode "Two Legendary Chums" (S03E12) is also available in English. Please scroll down for the English version.

Deutsch


- Der folgende Text enthält Spoiler -

Worum geht es?

Roman (Luke Mitchell) hat Patterson (Ashley Johnson, Spooked) ein Video zukommen lassen, in dem er ihr einen Hinweis gibt, wie sie ein weiteres Tattoo lösen kann. Es deutet auf Kurt Wellers (Sullivan Stapleton) ehemaligen FBI-Partner Donald Shipley (Darren Goldstein). Der ist gerade in einem Undercover-Auftrag unterwegs, als Kurt ihn aufsucht. Spontan nimmt er ebenfalls an der Aktion teil und gibt sich als Experte für elektromagnetische Waffen aus. Die infiltrierten Kriminellen wollen einen geheimen unterirdischen Bunker lahmlegen, von dem aus der US-amerikanische Geldtransfer überwacht wird. Auf diesem Weg ermöglichen sie es Hank Crawford (David Morse), unbemerkt Land in Marokko zu kaufen. Währenddessen versucht Tasha Zapata (Audrey Esparza) mehr über den Milliardär von der ehemaligen FBI-Direktorin Eleanor Hirst (Mary Stuart Masterson) zu erfahren. 


Meine Meinung in drei Punkten

1. Hank Crawford hängt überall mit drin

Hank Crawford (l.) durchschaut Roman nicht
Foto: Screenshot
Generell finde ich es nicht schlecht, wenn ein gemeinsamer Faktor viele einzelne Geschichten verbindet. Bei "Blindspot" wird das jedoch definitiv überstrapaziert. Crawford ist eine Schlüsselfigur in den neuen Tattoo-Fällen. Nun soll er auch noch dafür verantwortlich sein, dass Jane Does (Jaimie Alexander) Tochter Avery (Kristina Reyes) mit Roman gemeinsame Sache gemacht hat (Jane: "We don't know Avery or what she's capable of."). Ihr Adoptivvater hat sich umgebracht, nachdem der Milliardär ihn gefeuert hatte. Allerdings wurde seine Leiche nie gefunden - da "Blindspot" immer den offensichtlichsten Weg wählt, ist er entweder noch am Leben oder wurde umgebracht. Wie dem auch sei, es ist unglaubwürdig, dass alle Aspekte der Serie irgendwie miteinander in Verbindung stehen und das alles immer genauso funktioniert, wie Roman es vor der aktuellen Staffel geplant hat: Victor (Anthony Lemke) bemerkt nicht, dass sein Handy ausgetauscht wurde; Crawford weiß, einer seiner Männer hat mit dem FBI gesprochen hat und zieht seinen Plan trotzdem durch; ausgerechnet Donald Shipley wird von den Kriminellen rekrutiert... Die ganze Geschichte um Roman wirkt sehr konstruiert. In einer Szene entgegnet er Crawford: "Just doing my job." Dabei wurde er als Blakes (Tori Anderson) persönlicher Bodyguard angestellt. Das macht genauso wenig Sinn wie die Tatsache, dass der Milliardär ihm am Ende den Auftrag gibt, Jane, Weller, Tasha, Patterson und Edgar Reade (Rob Brown) umzubringen. Was soll das bitte bringen? Wenn der Assistant Director des FBI, der Kopf der Forensic Science Unit, zwei FBI-Agenten und eine CIA-Agentin, die alle am selben Fall arbeiten, plötzlich sterben, erregt das unglaublich viel Aufmerksamkeit. Anstelle die Ermittlungen gegen sich zu stoppen, würde Crawford sie nur zusätzlich anheizen.

2. Kurt ist unbesiegbar

Ebenso unglaubwürdig ist Wellers Undercover-Einsatz. Er hat zu Beginn keine Ahnung, worum es überhaupt geht, stellt den Kriminellen auffallend viele neugierige Fragen und muss innerhalb weniger Stunden lernen, eine elektromagnetische Waffe zusammenzubauen. Trotzdem wird er sofort mit auf die extrem wichtige Mission genommen, niemand prüft seine Identität oder misstraut ihm. Er und Don haben nur Pistolen, schaffen es aber dennoch, mehrere Terroristen mit Maschinengewehren umzubringen. Später ist Kurt dann alleine im Kampf gegen die verbleibenden, schwer bewaffneten Schützen - und besiegt sie mithilfe von selbstgebauten Fallen und Ästen. In der wohl lächerlichsten Szene entdecken die Kriminellen Kurts Rucksack, der unübersehbar drapiert an einem Baum liegt und denken, er habe ihn dort zurückgelassen. Sie gehen alle darauf zu, nur um von Weller überrascht zu werden und in der Tasche Zweige anstelle des wichtigen Waffenteils zu finden. So eine Situation findet man normalerweise in einem Krimi für Kinder oder in einer Komödie. In den ersten beiden Staffeln war "Blindspot" auch nicht realistisch, aber solche Spielchen und übertriebene Heldentaten gab es sonst nicht. 

3. Showdown zwischen Zapata und Hirst

Zwei starke Persönlichkeiten treffen aufeinander
Foto: Screenshot
Den einzigen Lichtblick der Folge stellt die Konfrontation zwischen Tasha und der ehemaligen FBI-Direktorin dar. Obwohl Hirst in einem dreckigen CIA-Geheimgefängnis festgehalten wird, strahlt sie noch immer einen gewissen Stolz und Eleganz aus. Beide Frauen sind eigensinnig, relativ skrupellos und loyal gegenüber ihrem Auftraggeber. Daher ist die Begegnung zwischen ihnen - in einer dunklen, wenig vertrauenerweckenden Umgebung - wirklich aufregend. Das Highlight ist definitiv die Szene, in der Hirst Tasha die Wahrheit an den Kopf wirft: Ihr Job bei der CIA ist keinen Deut besser, als für Crawford zu arbeiten (Zapata: "You crossed the line." Hirst: "When you were a rookie cop, did you ever think you would drug and interrogate a suspect without a trial, a lawyer or rights? I mean, what would you even call that? The line isn't fixed. The more you push it, the more it moves."). Die Diskussion der beiden ist die einzige wirklich spannende Szene der Folge und auch die einzige emotionale. Als Zapata den Wahrheitsgehalt des Vorwurfes erkennt, ist der Schock und die Angst in ihren Augen unübersehbar. Ich bin neugierig, wie sich dieser neue Gedanke auf ihre Arbeitsmoral auswirken wird. Leider wird dieser Handlung deutlich weniger Zeit gewidmet als den Geschichten um Kurt und Crawford, dabei ist sie viel besser geschauspielert und wirft spannendere Fragen auf (Beispielsweise: Wie hoch steht Zapata in der CIA-Rangordnung? Immerhin darf sie alleine Verhöre in einem offiziell nicht existierenden Versteck führen und dabei eine bislang nicht getestete Droge verwenden.).

Fazit

"Two Legendary Chums" ist - wie die bisherigen Folgen in diesem Jahr - passabel, aber weit abgeschlagen hinter den Episoden der ersten beiden Staffeln. Erneut wirkt die Handlung überfrachtet, da es zu viele Nebengeschichten gibt. Immerhin liegt zum ersten Mal seit einigen Wochen der Fokus nicht auf Avery oder Janes und Wellers Beziehung. Von den drei Schauplätzen ist jedoch nur einer wirklich spannend. Die anderen beiden verlieren sich in Beweihräucherungen der Hauptcharaktere und unglaubwürdigen Szenarien. Drei Protagonisten, Reade, Patterson und Jane, kommen währenddessen kaum vor und haben nicht einmal die Chance, ihre persönlichen Angelegenheiten aus der vorherigen Folge "Technology Wizards" zu regeln. Dafür, dass schon mehr als die Hälfte der Staffel vorüber ist, tritt die Episode sehr auf der Stelle.


Hinweis: Da NBC die olympischen Winterspiele überträgt, läuft die nächste Folge erst wieder am 02. März. Wundert euch also nicht, wenn für den Rest des Monats keine "Blindspot"-Rezensionen bei uns erscheinen.

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English


- The following text contains spoilers -

What was it about?

Roman (Luke Mitchell) sent Patterson (Ashley Johnson, Spooked) a video containing a clue how to solve another tattoo. It leads them to Kurt Weller's (Sullivan Stapleton) former FBI partner Donald Shipley (Darren Goldstein), who is currently on an undercover mission. Kurt spontaneously joins him and poses as an electromagnetic weapons expert. The infiltrated criminals want to jam an underground bunker, where the US-American money transfer is being supervised. In this way they want to make it possible for Hank Crawford (David Morse) to buy land in Morocco without being noticed. Meanwhile Tasha Zapata (Audrey Esparza) tries to get more information about the billionaire from the former FBI Director Eleanor Hirst (Mary Stuart Masterson).


My opinion in three points

1. Hank Crawford is in on everything

Crawford (l.) can't see through Roman's game
Photo: Screenshot
Generally I think it's not a bad idea to have one common factor that connects a lot of different stories. But "Blindspot" is really overstraining it. Crawford is a key character in the new tattoo cases. Now he's also supposed to be responsible that Jane Doe's (Jaimie Alexander) daughter Avery (Kristina Reyes) was working with Roman (Jane: "We don't know Avery or what she's capable of."). Her adoptive father killed himself after the billionaire fired him. However his body was never found - "Blindspot" always chooses the most obvious path, so he's either still alive or was killed. Any way it's implausible that all aspects of the series are connected somehow and that everything works out just like Roman planned it: Victor (Anthony Lemke) doesn't notice his cell phone was replaced; Crawford knows that one of his men talked to the FBI, still he pulls through with his plan; Donald Shipley of all people gets recruited by the criminals... Roman's entire story seems very artificial. In one scene he tells Crawford: "Just doing my job." And yet he was actually hired to be Blake's (Tori Anderson) personal bodyguard. That doesn't make sense, just like the fact that the billionaire eventually gives him the order to kill Jane, Weller, Tasha, Patterson and Edgar Reade (Rob Brown). What is the point of that? It would attract a lot of attention if the FBI Assistant Director, the head of the Forensic Science Unit, two FBI agents and a CIA agent, all working the same case, suddenly died. Instead of stopping the investigation against him, Crawford would encourage it.

2. Kurt is invincible

Weller's undercover operation is just as implausible. Initially he doesn't even know what it's about, he keeps asking the criminals nosy questions and has to learn within a few hours how to put together a electromagnetic weapon. Yet they immediately take him on the very important mission, no one checks his identity or distrusts him. He and Don only have pistols, but still manage to kill a bunch of terrorists with machine-guns. In the end Kurt has to fight alone against the remaining armed people - and wins by using homemade traps and branches. In the most ridiculous scene the criminals find Kurt's backpack, which is strikingly draped at the bottom of a tree and think he left it there. They go towards it, just to be attacked by Weller and realize that the bag contains branches instead of the important weapon piece. You usually find a situation like this in a crime show for kids or in a comedy. "Blindspot's" first two seasons were also not realistic, but they didn't have this kind of games or exaggerated acts of heroism.

3. Showdown between Zapata and Hirst

Two strong personalities encounter each other
Photo: Screenshot
The episode's only ray of hope is the confrontation between Tasha and the former FBI Director. Hirst is locked up at a dirty CIA black site, but she still radiates pride and elegance. Both women are headstrong, pretty ruthless and loyal to their employer. That's why their encounter - in a dark, not much confidence-inspiring location - is really thrilling. The highlight is a scene in which Hirst throws the truth at Zapata: Her job at the CIA is not one jot better than working for Crawford (Zapata: "You crossed the line." Hirst: "When you were a rookie cop, did you ever think you would drug and interrogate a suspect without a trial, a lawyer or rights? I mean, what would you even call that? The line isn't fixed. The more you push it, the more it moves."). Their discussion is the only exciting scene in the episode and also the only emotional one. When Zapata realizes that her former boss is right, the shock and fear in her eyes is striking. I'm curious how that thought is going to influence her work ethics in the future. Sadly there's way less time spend on this plot than Kurt's and Crawford's stories, even though it's better acted and raises more interesting questions (Like: What rank does Zapata have in the CIA? After all she is allowed to interrogate someone alone at an officially non-existent hideout and use a drug, that hasn't been tested yet.).

Conclusion

"Two Legendary Chums" is - like all episodes in this year so far - okay, but lags far behind the first two seasons'. Again the plot is overloaded with too many subplots. At least for the first time in weeks it's not focussed on Avery or Jane's and Weller's relationship. But out of the three settings only one is actually thrilling. The other two get lost in implausible scenarios and adulation of its main characters. Three protagonists, Reade, Patterson und Jane, are rarely mentioned and don't even have the chance to sort out their personal matters from last week's episode "Technology Wizards". Considering that it's already the second half of the season, the episode doesn't really make any progress.


Please note: NBC is broadcasting the Winter Olympics, therefore the next episode will be on 2nd of March. So don't be surprised if we won't post another "Blindspot" review this month.
Until then: Click here for all our English content.

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Mittwoch, 31. Januar 2018

Pastewka: Staffel 8 - Rezension

Von 2005 bis 2014 liefen sieben Staffeln "Pastewka" bei Sat.1. In der Serie geht es um Comedian Bastian Pastewka (spielt sich selbst), der gemeinsam mit seiner Freundin Anne Leyfert (Sonsee Neu) in Köln lebt. Sein Egoismus und seine Bauernschläue bringen Bastian immer wieder in Schwierigkeiten - sei es mit Anne, seiner Familie, prominenten Kollegen, Fans oder der verhassten Nachbarin Svenja Bruck (Bettina Lamprecht). Vier Jahre später sind nun zehn neue Folgen erschienen - nicht mehr bei Sat.1, sondern bei Amazon Prime Video. Da die achte Staffel "Pastewka" auch auf unserer "Darauf freuen wir uns 2018"-Liste stand, haben wir sie natürlich sofort durchgeguckt und für euch rezensiert.

Seit vier Jahren ist Bastian Pastewka als "lustiger Schwuler" in Annette Friers (spielt sich selbst) Sitcom "Frier" zu sehen. Er findet die Witze schal und beschließt, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Im Eifer des Gefechts schmeißt er auch seine Agentin Regine Holl (Sabine Vitua) raus und beendet versehentlich die Beziehung mit Anne. Die hat mittlerweile einen Doktortitel und ist Gynäkologin im Krankenhaus. Auch für den Rest der Familie läuft alles rund: Bastians Nichte Kim (Cristina do Rego) ist Teil einer aufstrebenden Band und ihr Vater Hagen ("Polizeiruf"-Kommissar Matthias Matschke) betreibt mit seiner schwangeren Frau Svenja einen erfolgreichen Foodtruck. Bastian haust währenddessen alleine in einem Wohnwagen. Verzweifelt versucht er positive Presse zu bekommen, doch tritt stattdessen von einem Fettnäpfchen ins nächste.


- Der folgende Text enthält Spoiler -

Folgen 2 bis 9 können übersprungen werden

Nicht mehr ganz der alte Pastewka
Foto: Amazon Prime Video
Für die achte Staffel "Pastewka" wurden zwei Dinge groß angekündigt: Die ganze Stammbesetzung ist wieder mit dabei und die zehn Folgen werden durch eine horizontale Erzählweise zusammengehalten. Beides stimmt prinzipiell - allerdings nur für die erste und letzte Episode. Die Serie beginnt nach dem gewohnten Prinzip: Bastian verscherzt es sich durch eine egoistische Aktion mit seiner Familie und seinen Kollegen. In diesem Fall sind es sogar mehrere: Annette Frier ist sauer über seine Kündigung. Anne ist sauer, dass er (vermeintlich) mit ihr Schluss gemacht hat. Volker Pastewka (Dietrich Hollinderbäumer) hält seinen Sohn sowieso für dumm (Volker: "Sag mal, haste gepennt am Standesamt? Hagen heißt jetzt Bruck hinten." Bastian: "Was? Und die Bruck?" Volker: "Ja, die auch, du Dödel."). Hagen und Svenja sind sauer, dass Bastian versucht hat, die Zeugung ihres Kindes zu verhindern und Kim ist sauer, dass er damit nicht erfolgreich war. Im Gegensatz zu den bisherigen Staffeln lösen sich die Probleme am Ende der Folge nicht in Luft auf. Anstelle aber konsequent einen roten Faden zu spinnen, setzt die horizontale Erzählweise für mehrere Episoden aus. Bis auf Kim kommen die meisten Hauptcharaktere nur sporadisch in den Folgen 2 bis 9 vor. Die früheren Staffeln haben vom witzigen Schlagabtausch zwischen Bastian und seinem Umfeld gelebt. In der Neuauflage ist das leider Mangelware, da der Comedian die meiste Zeit alleine unterwegs ist oder genervt in seinem Wohnwagen auf dem Media Markt-Parkplatz herumgammelt. Die eigentlichen Kerne der Geschichte, nämlich die Trennung von Anne und der baldige Familienzuwachs, hätten in zwei oder drei Teilen erzählt werden können. So wird die Handlung auf zehn unterschiedlich lange Episoden gestreckt, die mangels Substanz meist nur wie Füllmaterial wirken.
Der Serienmarathon hat Spuren hinterlassen
Foto: Brainpool/Frank Dicks
Das beste Beispiel ist Folge 4 ("Das Lied von Hals und Nase"), in der es 29 Minuten lang um "Game of Thrones" geht - so detailliert, dass die "Pastewka"-Macher mit einer Spoilerwarnung einsteigen ("Schauen Sie diese Folge nur, wenn Sie bereits auf dem neuesten Stand sind oder mit Rittern und Drachen sowieso nichts anfangen können."). Gefühlt ein Drittel der Zeit beobachtet der Zuschauer Bastian dabei, wie er gebannt auf den Fernseher starrt und Unmengen an Fastfood in sich hineinstopft. Jeder Serienfan kennt dieses Szenario, aber es ist unglaublich langweilig, jemand anderem dabei zuzusehen. In einer weiteren Folge schlägt sich der Comedian nach dem Rasieren mit einem unschönen Ausschlag herum. Diese Szenarien würden sich für eine zehnminütige Sketch- oder Webserie eignen. Als halbstündige Episoden bieten sie aber einfach nicht genug Abwechslung und Spannung. Wenn Bastian im Kaufhaus zum fünften Mal für einen Perversen gehalten wird, weil er sich wegen des Ausschlags so unangemessen bewegt oder die x-te "Game of Thrones"-Staffel mit dem gleichen Dialog eingeleitet wird, können einem 30 Minuten schnell wie zwei Stunden vorkommen. Es gibt jedoch auch Ausnahmen. Die erste und letzte Folge sind kurzweilig, was vor allem daran liegt, dass das Ensemble vollständig ist und sich die Handlung nicht ausschließlich auf Bastian konzentriert.
Die offiziellen Hauptdarsteller von "Pastewka"
Foto: Brainpool/Amazon Prime Video
In dieser Staffel ist unverkennbar, dass die Serie ihren Humor und ihren Charme aus dem Zusammenspiel der Hauptcharaktere zieht. Auf sich allein gestellt, wirkt Pastewka sehr einfallslos und langweilig. Er war bislang nie ein richtiger Sympathieträger, da er sich wenig für sein Umfeld interessiert und andere gerne für seinen eigenen Vorteil ausnutzt. In den neuen Folgen wird dieser Aspekt jedoch arg überspannt. Es ist praktisch unmöglich Mitgefühl für seine Situation zu empfinden oder ihn überhaupt irgendwie zu verstehen, weil er nie aus seinen Fehlern lernt. Eine der besten Szenen der Staffel ist Annes Reaktion auf Bastians (vermeintliche) Trennung. Ausnahmsweise kann er sie nicht mit einer lapidaren Entschuldigung besänftigen, sondern wird mit all ihrem Frust der vergangenen Jahre konfrontiert. Als Zuschauer weiß man, dass sie nicht übertreibt, sondern die Wahrheit sagt. Umso nerviger erscheinen die darauffolgenden Episoden, die sich größtenteils auf den Comedian und sein Versinken im Selbstmitleid konzentrieren. Zusätzlich zum Auftakt und Finale gibt es noch zwei weitere Folgen, die sich lohnen. In der einen liefern sich die beiden Pastewka-Brüder ein Minigolf-Spiel auf Leben und Tod, begleitet von den bissigen Kommentaren ihres Vaters und der unfreiwilligen Spielleiterin Kim. In der anderen lässt Bastian mit seiner Agentin Regine die katastrophalen Geschehnisse des Deutschen Filmpreises Revue passieren - inklusive einer extrem witzigen Fotostrecke. Die anderen sechs Episoden können locker übersprungen werden, da sie nicht sonderlich witzig sind und auch keine große Bedeutung für die staffelübergreifende Handlung haben.


FKK-Camping mit Dany Sahne-Pudding 

Bastian zaubert spontan einen Dany Sahne-Nachtisch 
Foto: Screenshot
Stattdessen bieten diese "Füllepisoden" vor allem eins: Massig Platz für Werbung. Es vergeht kaum eine Szene, in der nicht irgendwo ein Markenlogo auftaucht. Ein paar Unternehmen scheinen extrem tief in die Tasche gegriffen zu haben, denn sie werden sogar namentlich genannt. So bekommt Bastian von dm-Mitarbeiterin Hanna Schwan (Pegah Ferydoni) die Empfehlung, Kondome der Eigenmarke zu kaufen. Die seien am besten - das testen die beiden dann auch direkt. Ein Großteil der "Game of Thrones"-Folge spielt auf dem Media Markt-Parkplatz und in dem Elektromarkt selbst - inklusive Servicegespräch über Fernseher. In derselben Episode ordert Bastian DVDs bei Amazon und da das nun sein Haussender ist, wird der ganze Bestellvorgang gezeigt - natürlich mit Betonung, dass die Ware schon bis 9 Uhr per Overnight Express da sein wird. Welche Lieferadresse er für seinen Wohnwagen angegeben hat, bleibt leider im Dunkeln. Auch Lidl, Nivea und Dany Sahne haben Gastauftritte. Das weckt Erinnerungen an die peinliche KFC-Werbung während einer besonders emotionalen Szene in der zweiten "Stranger Things"-Staffel (hier geht es zu unserer Rezension). Bei "Pastewka" geht es immerhin nicht so düster zu, dass die Produktplatzierungen pietätlos sein könnten. Sie stören trotzdem - zumindest die verbalen. Ein paar Logos im Bild sind akzeptabel, aber dass sich die Charaktere teilweise über reale Marken unterhalten und Vorteile aufzählen, lässt "Pastewka" wie eine Dauerwerbesendung wirken. Hier wäre es wirklich angenehmer gewesen, eine Folge weniger herauszubringen und stattdessen auf exzessive Produktplatzierungen zu verzichten.
In der Serie wird nichts zensiert 
Foto: Screenshot (bearbeitet)
Fast genauso prominent wird nackte Haut inszeniert. Zu Sat.1-Zeiten kam die Serie eher züchtig daher. Das hat sich jetzt grundlegend geändert. Bereits in Folge zwei findet sich Bastian unfreiwillig auf einem Nudisten-Campingplatz wieder. Dort trifft er neben allerhand hilfsbereiter Wohnwagenbesitzer auch Annes Ex-Freund Jo (René Steinke, Beck is back!) - alle splitterfasernackt, was die Kamera ausgiebig festhält. Die ersten Szenen, in denen Bastian völlig verstört versucht, niemanden anzustarren, sind noch ganz amüsant. Schnell wird der Witz jedoch langweilig. Die Camper werden sehr eindimensional dargestellt und fast ausschließlich auf ihre Nacktheit reduziert ("Eifelglück! Eifelglück! Jeder zeigt sein bestes Stück!"). Im Laufe der Staffel lassen dann weitere Haupt- und Nebendarsteller die Hüllen fallen - meist zu Bastians Entsetzen. Er selbst findet immer ein Requisit, um nicht vollkommen blank dazustehen. Das ist eher Klamauk als der Humor, mit dem die Serie bekannt geworden ist. Oder um es mit den Worten von Anke Engelke (spielt sich selbst) zu sagen: "Basti! Du hast dich sehr verändert und ich mach das auch nicht mehr mit, dieses ganze Happy-Go-Lucky! Ich mach jetzt Kino, da herrschen andere Regeln."

Fazit

Mit dem Witz, dem Charme und der Kreativität der vorherigen Folgen kann die achte "Pastewka"-Staffel nicht mithalten. Die Serie funktioniert mit Abstand am besten, wenn die Hauptcharaktere aufeinandertreffen und sich gegenseitig anstacheln. In den neuen Episoden ist das leider zu selten der Fall. Meistens liegt der Fokus auf Bastian und seinem aktuellen Problem - um jeweils knapp 30 Minuten zu füllen, ist das zu wenig. Das Resultat sind Folgen, in denen nur kaum etwas passiert und die sich inhaltlich im Kreis drehen. Die Chance, eine horizontale Geschichte zu erzählen, wurde leider kaum genutzt. Stattdessen gibt es immer wieder aufdringliche Produktplatzierungen, Klamauk und nackte Tatsachen. Die erste und letzte Episode sind hier die angenehme Ausnahme - die dazwischen können locker übersprungen werden. Heute hat Amazon die Produktion einer neunten Staffel verkündet - hoffentlich steht dann wieder die gesamte Hauptbesetzung im Fokus.


Habt ihr die achte Staffel von "Pastewka" schon durchgeguckt? Wenn ja: Was hat euch besonders gefallen, was nicht? Teilt eure Meinung gerne mit uns in den Kommentaren!


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Sonntag, 28. Januar 2018

Tatort: Déjà-vu - Rezension

Der Mord zum Sonntag hat Tradition, deshalb sind auch wir mit Rezension und Live-Tweets (@WatchReadTalkdabei.


Am Elbufer wurde die Leiche des neunjährigen Rico Krüger (Joel Simon) gefunden - fast nackt in eine Sporttasche gezwängt. Beim Dresdner Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, Das Leben danach) brechen alte Wunden auf: Im Jahr 2014 war es ihm nicht gelungen, das Verschwinden eines anderen kleinen Jungen aufzuklären. Seinen Frust lässt er an den Kommissarinnen Henni Sieland (Alwara Höfels, Allein gegen die Zeit) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) aus, die verzweifelt nach einer Spur suchen. Schließlich erhalten sie einen Tipp von der Schulbeamtin Jennifer Wolf (Alice Dwyer): Ricos Schwimmtrainer Micha Siebert (Niels Bruno Schmidt) musste seinen Job als Lehrer aufgeben, da er eine Liebesbeziehung mit einem minderjährigen Schüler hatte. Als Stefan (Jörg Malchow), der Stiefvater des toten Jungen, davon erfährt, geht er auf Siebert los. Dabei verletzt er auch die beiden Kommissarinnen. Im Krankenhaus stößt Sieland schließlich auf den entscheidenden Hinweis. Doch sie müssen sich beeilen, denn der Pädophile hat schon sein nächstes Opfer im Visier.

So klasse, dass es fast wehtut!

Das Bild illustriert den Krimi perfekt
Foto: MDR
Die erste Folge des Dresdner "Tatort"-Teams war von Klamauk geprägt - bis auf die Schlussminuten. In denen fanden die Ermittlerinnen die Leiche ihrer jungen Kollegin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase, Das Leben danach), die brutal zu Tode getreten worden war. Zum Klamauk sind Sieland und Gorniak danach nicht mehr zurückgekehrt - auch wenn "Level X" hart an der Grenze war. Wirklich ernst ging es bei diesem Team aber nie zu. "Déjà-vu" bildet nun die (erste) krasse Ausnahme, denn dieser Fall geht an die Nieren. Dem Zuschauer wird nichts erspart. Darauf stimmt der bislang jüngste "Tatort"-Regisseur Dustin Loose (31) früh ein: Er zeigt ungeschönt die fast nackte Leiche des kleinen Jungen in der Sporttasche - umringt von Mitarbeitern der Spurensicherung, Werkzeug und Steinen. Der ohnehin schon furchtbare Anblick wird verschlimmert, als die Kommissarinnen sich dazu durchringen, den Stiefvater des kleinen Rico an den Tatort zu lassen. Seine verzweifelten Schreie gehen durch Mark und Bein. Die Gaffer hält das nicht ab (Gorniak: "Alle machen Fotos. Widerlich. Wann sind die Leute nur so krank geworden?" Sieland: "Die waren immer schon so. Früher gab es nur keine Smartphones."). Es ist früh offensichtlich, wer der Mörder ist. Das nimmt dem Fall allerdings keinesfalls die Spannung. Parallel zu den Ermittlungen wird gezeigt, wie sich der Pädophile an sein nächstes Opfer, den Zweitklässer Oskar (Finley Berger), heranmacht. Kaum ein Sonntagskrimi war in den letzten Monaten so fesselnd wie dieser. Es tut weh, die harmlosen, spielerischen Szenen zwischen den beiden zu sehen und zu wissen, was der Erwachsene damit bezweckt. Die Frage, ob Sieland und Gorniak Oskar finden, bevor er missbraucht wird, spannt viel intensiver auf die Folter, als es eine Mördersuche je gekonnt hätte. Dieser "Tatort" lebt von seiner Atmosphäre, die obgleich aller Verzweiflung und Anspannung nie in Melodramatik oder Effekthascherei abrutscht. Denn trotz der überbrodelnden Emotionen auf allen Seiten bleibt die Folge sachlich.
Stefan und Sandra trauern um ihren Sohn
Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato
Das liegt vor allem an Alwara Höfels und Karin Hanczewski, die einen kühlen Kopf bewahren - obwohl der Krimi im Hochsommer spielt. Viele ihrer "Tatort"-Kollegen setzten bei ernsten Themen ein betroffenes Gesicht auf und halten das bis zum Abspann. Höfels und Hanczewski zeigen in "Déjà-vu", dass es auch anders geht. Sie lassen die Kommissarinnen angemessen reagieren - sei es mit Wut beim Anblick der Kinderleiche oder mit Hilflosigkeit im Angesicht der trauernden Eltern. Dabei bleiben die beiden dennoch professionell - nur um nach der Arbeit alle aufgestauten Emotionen herauszulassen, doch dazu später mehr. In einer Szene knallt ihr Chef Schnabel einem Journalisten an den Kopf, dass auch Polizisten von einem solch furchtbaren Verbrechen mitgenommen werden. Das ist ein Punkt, der, meiner Meinung nach, in Krimis häufig zu wenig oder falsch thematisiert wird. Entweder mutieren die Ermittler zu seelischen Wracks, die sich saufend und jammernd durch den Fall schleppen oder sie zeigen fast keine Regung. Höfels und Hanczewski finden im Zusammenspiel mit dem Drehbuch (Mark Monheim und Stephan Wagner) einen guten Mittelweg, in dem die Kommissarinnen menschlich und dennoch diszipliniert sind. Jörg Malchow und Franziska Hartmann zeigen als Eltern des Opfers ebenfalls eine sehr gute schauspielerische Leistung. Ihre Verzweiflung und ihr Kummer wirken unglaublich echt und berührend. Am effektvollsten ist die Szene, in der Ricos Stiefvater den Schwimmtrainer seines Sohnes brutal zusammenschlägt und sich nicht durch die beiden Kommissarinnen aufhalten lässt. Malchow geht in dem blanken Hass auf und zeigt eindrücklich, wozu Menschen fähig sein können, wenn man ihnen das Liebste nimmt. Ein großes Lob auch an Kinderdarsteller Finley Berger. Er wirkt als Oskar so unbedarft, bis zu dem Moment, wo er zögert, die Schwelle zur fremden Wohnung zu übertreten. Danach lässt er den Zuschauer durch angespannte Körperhaltung und unsicheren Blick wissen, dass er die Gefahr spürt.

Im Dienst topfit, zu Hause nervlich am Ende

Unbekannte haben Micha Sieberts Auto angezündet
Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato
Ein große Stärke der Folge ist, dass sie die Situation vieler verschiedener Charaktere beleuchtet. So erlebt der Zuschauer nicht nur die Wut der Eltern, sondern auch deren Auswirkungen. Schwimmtrainer Micha Siebert wird wegen eines Zeitungsartikels für Ricos Mörder gehalten. Schon steht er im Zentrum einer Hexenjagd. "Sowas bleibt an einem kleben", sagt er tonlos zu Gorniak, als die ihn davon überzeugen will, dass sich der Mob irgendwann beruhigen wird. Diese verschiedenen Perspektiven zeigen eindrucksvoll, wie viele Leben ein Gewaltverbrechen zerstören kann. Trotzdem kommen einige Charaktere zu kurz. Am deutlichsten ist das bei der Schulbeamtin Jennifer Wolf. Sie und ihre Motivation bleiben sehr blass und holzschnittartig. Besonders ihre Rolle im Fall wäre sehr interessant gewesen, wird aber nur knapp am Ende angesprochen. Kommissariatsleiter Schnabel bleibt ebenfalls farblos. Im Gegensatz zu seinen Kolleginnen ist er im Dienst nicht besonnen und scheint die Fähigkeit, in normaler Zimmerlautstärke zu sprechen, verloren zu haben. In fast jeder seiner Szenen schreit er entweder Journalisten oder seine Mitarbeiter an. Das wird auf die Dauer nervig und unglaubwürdig. In den vorherigen Folgen wurde er als Ermittler etabliert, der trotz antiquierter Meinungen und Streitbarkeit, immer solide Arbeit abliefert. Dazu passt es nicht, dass er eine Kollegin zurechtweist: "Sie bringen nur beschissene Nachrichten!" Es ist dieselbe Frau, von der er an anderer Stelle sagt, die Beamten sollten sich ein Beispiel an ihr nehmen. 
Aaron (l.) und Nick sind von Karin genervt
Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Incoronato
Während Schnabel der Fall schwer zu schaffen macht, verlieren die beiden Kommissarinnen im Privatleben die Nerven. Karin Gorniak hat eine Affäre mit ihrem Nachbarn Nick (Sebastian Zimmler) und glaubt, ihr Sohn Aaron (Alessandro Schuster) wisse nichts davon. Eines Abends sieht sie, wie die beiden knapp bekleidet Videospiele spielen. Außerdem hat Nick Aaron sein altes Smartphone geschenkt. Es ist verständlich, dass sich Karin mit dem Fall Rico im Hinterkopf Gedanken um die Motive ihres Nachbarn macht. Das Streitgespräch zwischen den beiden wirkt sehr überdramatisiert und aus der Luft gegriffen (Gorniak: "Halbnackt mit kleinen Jungs um die Wette zocken - man könnte fast meinen, du hast mehr Interesse an Aaron als an mir." Nick: "Jetzt mach' mal halblang, willst du mich hier zum Päderasten stempeln?" Gorniak: "Ja, dann rede gefälligst mit mir, bevor du vor Aaron auf Sugar Daddy machst!" Nick: "Klar, ich mach' mich an die bedürftige Mutti ran, aber in Wirklichkeit will ich ihren Prinzen knacken. Wie kaputt bist du eigentlich?"). Während Gorniaks Beziehung, von der der Zuschauer sowieso nicht wirklich etwas mitbekommen hat, zu Ende geht, erhält auch Sieland eine Hiobsbotschaft. Sie hat sich zuvor am Tatort übergeben, daher ist es wohl für niemanden - außer Henni selbst - überraschend, als der Arzt ihr verkündet, dass sie schwanger ist. In meiner Rezension zum vorherigen Fall "Auge um Auge" habe ich übrigens gemutmaßt, ob der schwer in Sieland verliebte Kriminaltechniker Ingo Mommsen (Leon Ullrich) am Ende aus der "Friendzone" entkommen ist... "Déjà-vu" ist Alwara Höfels vorletzter Fall. Die Kommissarin wird also vermutlich wegen ihrer Schwangerschaft oder der daraus resultierenden Komplikationen aussteigen. Die Dresdner sind das bislang einzige rein weibliche Ermittlerduo in 48 Jahren "Tatort". Dementsprechend ist es schade, dass Sieland wohl einen so klischeehaften Ausstieg bekommt - immerhin ist Gorniak alleinerziehende Mutter und Kommissarin. 


Fazit

"Déjà-vu" ist der bislang beste Dresdner "Tatort" und schon jetzt eins der ganz großen Highlights der 2017/2018-Saison. Der Fall ist spannend und berührend, was vor allem an den verschiedenen Perspektiven liegt. Der Zuschauer erfährt durch sie einiges über den Täter, sein Umfeld, die trauernden Familien und die Gefahr, die von falschen Anschuldigungen ausgeht. So wirkt die Thematik lebendiger, echter und kommt ohne künstliche Dramatik aus. Die Darsteller sind ebenfalls sehr gut, auch wenn einige Charaktere ein wenig blass und eindimensional bleiben. Dasselbe gilt für die persönlichen Konflikte der Ermittlerinnen, die zu gewollt zum Thema passen. Glücklicherweise sind das die einzigen Szenen, in denen der Fall in die Theatralik abrutscht. Ansonsten ist er trotz der hohen emotionalen Spannung angenehm schlicht und ein Krimi, der sowohl traditionellen als auch experimentierfreudigen Zuschauern gefallen wird.


Der "Tatort" in der nächsten Woche kommt aus Dortmund. Die Kommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Nora Dalay (Aylin Tezel) ermitteln zum ersten Mal nur zu dritt. In einem Gefängnis müssen sie aufklären, wer einen Häftling mit Tollwut infiziert hat. Dabei treffen sie auch auf ihren alten Widersacher Markus Graf (Florian Bartholomäi), der vermutlich Fabers Frau und Tochter auf dem Gewissen hat.

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