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Donnerstag, 12. Juli 2018

Lauras Top 10 Buchreihen

Bücher begleiten mich schon seit meiner Kindheit und seitdem habe ich nicht nur jede Menge Einzelbände gelesen, sondern auch einige Buchreihen. Daher stelle ich euch in der heutigen "Watch.Read.List." meine zehn Favoriten vor. Es gibt viele Reihen, die ich begonnen habe, aber entweder nach dem ersten Teil abgebrochen, irgendwo mittendrin beendet oder noch nicht komplett gelesen habe. All diese habe ich natürlich nicht mit einbezogen. Es war nicht leicht, die Zehn für mich Besten in eine Rangfolge zu bringen. Oftmals sind es nur Kleinigkeiten, die über einen Platz entschieden haben und ich kann jede der erwähnten Reihen wirklich empfehlen. 
Falls ihr manche der Reihen nicht kennt, klickt einfach auf die Titel, dann gelangt ihr zur Inhaltsbeschreibung. 


10. Der magische Zirkel (Lisa J. Smith) 

Foto: Random House
Diese Geschichte gehört zu einer der ersten, die ich als Teenager gelesen habe und die mir noch sehr prägnant im Gedächtnis geblieben ist. Andere Romane aus dieser Zeit habe ich vollkommen vergessen. Mir hat bei dieser Reihe die Mischung aus ganz normalem Schulalltag und den Erlebnissen des geheimen Zirkels sehr gefallen. Die ganze Stimmung hat etwas Mystisches. Ich mochte diese Reihe auch deutlich lieber als die "Tagebuch eines Vampirs"-Reihe der Autorin. Mittlerweile wurden bzw. werden nachträglich neue Bände  der Hexengeschichte veröffentlicht. Die habe ich nie gelesen, weil die Trilogie, die in den 90ern herausgebracht wurde, für mich sehr gut abgeschlossen ist und auch eigentlich nie weitergeführt werden sollte. Würde ich sie heute noch mal lesen, würde sie mir vielleicht nicht mehr ganz so gut gefallen wie damals, aber als Jugendliche war es für mich eine wirklich tolle, unterhaltsame Reihe.

9. Das Tal (Krystyna Kuhn)

Foto: Arena Verlag
Ich mag die mysteriöse, bedrohliche Stimmung in dieser Reihe unglaublich gerne. Auch die meisten der Hauptcharaktere sind mir sympathisch. Da jeder über die acht Bände mal im Vordergrund steht, hat man wirklich das Gefühl, sie alle gut kennenzulernen. Jeder von ihnen trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das erst im Laufe der Zeit offenbart wird, was auch den Figuren etwas Mysteriöses gibt. Die meist lebensbedrohlichen Situationen, in die die Jugendlichen im Tal geraten, sind immer sehr spannend und mitreißend erzählt. Der Schreibstil ist locker und flüssig, sodass ich sogar an einem Tag gleich zwei Teile hintereinander verschlungen habe, weil ich mich nicht von der Geschichte losreißen konnte. Warum diese Reihe nur auf Platz neun gelandet ist, liegt an dem Finale und der Auflösung, was denn nun das große Geheimnis ist, das das Tal und das College umgibt. Da habe ich definitiv mehr erwartet und war enttäuscht, weil es sehr zusammengewürfelt wirkt und nicht zu einhundert Prozent stimmig und schlüssig erscheint. 

8. Die Erben der Nacht (Ulrike Schweikert)

Foto: Random House
Im Vergleich zu den größtenteils romantischen Vampirgeschichten, wie "Twilight" oder "Tagebuch eines Vampirs", hat die Reihe von Ulrike Schweikert eine ganz andere Stimmung, die mir sehr gut gefällt. Beim Lesen kommt das Gefühl auf, eine Abenteuergeschichte zu erleben. Es macht einfach Spaß, die jungen Vampire auf ihrem Weg zu begleiten. Dadurch, dass jeder der fünf Bände ein Schuljahr repräsentiert und sie immer neue Fähigkeiten erlernen, ist eine deutliche Entwicklung erkennbar und es wird nie langweilig oder eintönig. Ich finde besonders die verschiedenen Settings sehr faszinierend. Mit jedem Band lernt der Leser eine andere Stadt im 19. Jahrhundert kennen, z.B. Rom, Wien oder London. Mir hat es unheimlich gut gefallen, diese Orte in der Vergangenheit zu "besuchen". Ein Highlight sind zudem die "Gastauftritte" berühmter Persönlichkeiten. So begleitet der Leser unter anderem Bram Stoker oder Oscar Wilde. Die Idee, sie Teil dieser fiktiven Geschichte werden zu lassen, finde ich genial. Ebenfalls positiv ist, dass die Reihe nie den roten Faden verliert. Insgesamt gibt es aber Reihen, die mich noch etwas mehr begeistern konnten. 

7. Skulduggery Pleasant (Derek Landy)

Foto: Loewe Verlag
Obwohl es diese diese Reihe, die mittlerweile bereits zehn Teile umfasst, schon relativ lange gibt, habe ich sie erst sehr spät für mich entdeckt. Ich bin aber letztendlich wirklich froh, dass ich sie noch gelesen habe! Die Geschichte ist definitiv etwas Besonderes und sticht aus der großen Masse an Kinder- und Jugendbüchern heraus. Wobei ich finde, dass diese Romane nicht nur für diese Altersgruppe gemacht sind. Ich war schon über 18 Jahre alt, als ich damit begonnen habe und ich liebe den cleveren Humor, die temporeichen Abenteuer, die abgedrehten und zugleich liebenswerten Charaktere sowie die fantasievolle Idee hinter "Skulduggery Pleasant". Der Grund, warum diese Reihe "nur" auf dem siebten Platz ist: Es gibt zwar auch ein paar emotionalere Momente und die Figuren sind mir über die Zeit ans Herz gewachsen, aber im Vergleich zu anderen Reihen hat mich Derek Landys Geschichte nicht ganz so sehr berührt. Trotzdem ist es eine spannende, witzige und unterhaltsame Geschichte, die genau deshalb in meiner "Top 10" nicht fehlen darf.

6. Die Sieben Königreiche (Kristin Cashore)

Foto: Carlsen Verlag
Diese Reihe mag ich vor allem wegen der vielen tollen Charaktere, die man während der Trilogie kennenlernt. In jedem der drei Bände gibt es unterschiedliche Protagonisten und alle von ihnen sind sehr liebenswerte und vielschichtige Persönlichkeiten. Nach Beenden des ersten Teils war ich skeptisch, ob die Figuren der kommenden Bände mit denen aus "Die Beschenkte" mithalten können. Doch letztendlich haben sie mir ebenso gut gefallen. Alle von ihnen sind wirklich sympathisch und haben einen Wiedererkennungswert. Darüber hinaus liebe ich die geheimnisvolle, komplexe Welt, die Cashore erschaffen hat. Erst nachdem man alle drei Teile gelesen hat, wird wirklich deutlich, wie gut und sorgfältig die Königreiche und ihre historische Geschichte entwickelt wurden. Diese Trilogie ist nicht weiter oben in der Liste, weil die jeweiligen Handlungen zwar schon spannend sind, aber mich teilweise nicht zu einhundert Prozent begeistern konnten. Manche Stellen sind einfach etwas zu lang gezogen. 

5. Legend (Marie Lu)

Foto: Loewe Verlag
Diese dystopische Trilogie überzeugt vor allem durch die dreidimensionalen, sympathischen Hauptcharaktere. Außerdem erzählt sie eine aufregende, mitreißende Geschichte über eine Revolution. Was mir dabei besonders gut gefällt: Die Handlungen und Entscheidungen der Figuren sind durchdacht und strategisch. Sie rennen nicht einfach blindlings in Kämpfe, sondern gehen wirklich bedacht und clever vor, was die ganze Geschichte sehr rund und stimmig macht. Positiv ist für mich auch die Beziehung zwischen den Protagonisten. Diese Liebesgeschichte ist eine der wenigen aus Jugendbüchern, die ich absolut gelungen finde. Sie ist bedeutend, ohne sich dabei unangenehm in den Vordergrund zu drängen oder den Fokus von den wirklich wichtigen Problemen zu lenken. Beide Figuren stehen für sich und sind nicht vom anderen abhängig, doch als Team sind sie noch besser. Trotzdem ist nicht alles perfekt, aber es gibt nie unnötiges Drama. Wenn es Streit und Auseinandersetzungen gibt, sind die sehr verständlich und keiner der beiden reagiert über. Allerdings sind da immer noch ein paar Reihen, die mir einen Hauch besser gefallen haben; besonders eine aus dem Dystopie-Genre mag ich noch mehr.

4. Die Jette-Thriller (Monika Feth)

Foto: Random House
Diese Reihe begleitet mich schon sehr lange! Ich habe den ersten Teil damals mit 14 gelesen und seitdem bin ich ein großer Fan dieser Thriller. Ein großer Pluspunkt sind hier die Charaktere, die man während der Zeit kennenlernt. Als Leser sieht man dabei zu, wie sie älter werden (im ersten Teil sind sie gerade mit der Schule fertig) und sich verändern. Außerdem kommen immer neue Figuren hinzu. Sie alle wirken immer sehr greifbar und wie reale Personen. Auch der Kommissar, der ebenfalls Kapitel aus seiner Sicht bekommt, ist eine sehr dreidimensionale Figur, die mit jedem Band interessanter wird. Zudem gefällt mir, dass die Autorin sich in diesen Geschichten auch mit ernsten Themen auseinandersetzt, zum Beispiel psychischen Krankheiten - sowohl bei Tätern als auch bei manchen der Hauptfiguren. Mittlerweile ist es einfach ein sehr vertrautes Gefühl, diese Bücher zu lesen. Das Einzige, was mich ab und zu stört: Auch nach vielen durchlebten (lebens-)gefährlichen Situationen (So viel Unglück wie die Protagonisten muss man erst einmal haben ...), begeben sich die jungen Leute immer wieder aufs Neue in bedrohliche Lagen. Einerseits trägt das natürlich zur Spannung bei, aber manchmal ist es wiklich nervig. Diese Reihe ist außerdem nur auf Platz vier gelandet, weil es zwei der mittlerweile sechs Teile gibt, die ich nicht ganz so überzeugend finde. Der schlechteste ist dabei für mich "Der Bilderwächter", weil er sehr schleppend verläuft und erst spät für Nervenkitzel sorgt.

Es gibt übrigens eine neuere Reihe (bis jetzt sind drei Teile erschienen, der erste Band lautet "Teufelsengel"), die so etwas wie ein Spin-Off ist und die ich auch empfehlen kann.

3. Riley Blackthorne - Die Dämonenfängerin (Jana Oliver)

Foto: S. Fischer Verlag
Riley ist eine meiner liebsten weiblichen Hauptcharaktere überhaupt! Sie muss so viel Schlechtes durchleben und kommt dabei immer wieder an ihre Grenzen, aber kämpft sich trotzdem immer wieder durch. Sie wirkt sehr echt und glaubwürdig. Mir war sie von Anfang an sympathisch und ich bin ihr gerne durch die Geschichte gefolgt. Ich liebe außerdem die Idee der Reihe. Ich bin ein Fan der Serie "Supernatural" und kann mich für alles, was mit Übernatürlichem und Dämonen zu tun hat, begeistern. Besonders der Aspekt, dass die Menschen in der Zukunft von der Existenz der Dämonen wissen und man in die Lehre gehen kann, um sie zu fangen, gefällt mir sehr gut. Der gesamte Aufbau der Geschichte und die Welt wirken sehr strukturiert und schlüssig. Neben Riley gibt es außerdem noch weitere tolle Charaktere, beispielsweise ihr bester Freund, der zur Abwechslung mal nicht heimlich in die Heldin verliebt ist und deren Freundschaft wirklich glaubwürdig dargestellt wird. Daneben gibt es auch noch Beck, der zwar oft das Klischee "Harte Schale, weicher Kern" bedient, aber trotzdem ein sehr liebenswürdiger, tiefgründiger Charakter ist. Obwohl ich Beck sehr gerne mag, war mir das Drama zwischen ihm und Riley manchmal allerdings etwas zu viel und übertrieben. Das ist aber auch der einzige Störfaktor. Ich war wirklich traurig, als ich die Reihe beendet habe. Am liebsten hätte ich noch vier weitere Teile! 

2. Das Verbotene Eden (Thomas Thiemeyer)

Foto: Droemer Knaur Verlag
Diese Trilogie erzählt eine sehr spannende, ergreifende Geschichte. Zuerst einmal finde ich das Zukunftsszenario sehr ausgefallen und interessant. Nicht nur die Idee, dass Männer und Frauen getrennt leben, auch das Setting der stark zerstörten Version der Erde ist wirklich gelungen. Hinzu kommen die tollen Figuren, die ich alle sofort in Herz geschlossen habe. In jedem Band geht es um ein anderes Paar, was die Reihe sehr abwechslungsreich macht. Die Sechs könnten nicht unterschiedlicher sein und haben alle sehr einprägsame Merkmale, die sie auszeichnen. Warum mich diese Reihe aber besonders überzeugt hat: Die Liebesgeschichten nehmen einen großen Teil der Handlung ein, aber sie alle sind so wundervoll und glaubhaft erzählt, dass sie nie überzogen, kitschig oder nervtötend wirken. Während des letzten Teils musste ich mehrere Male fast weinen, weil mich die Geschichte so berührt hat. Es gibt wirklich nichts, was mich gestört hat. Daher ist es wirklich eine rein emotionale Entscheidung, warum dieser Reihe auf dem zweiten Platz gelandet ist, weil es noch eine andere Trilogie gibt, die mich ein kleines bisschen mehr gefangen nehmen konnte.

Ich habe übrigens auch die "Evolution"-Trilogie des Autors gelesen, die es zwar nicht in die Liste geschafft hat, aber trotzdem wirklich gut ist! Meine Rezensionen dazu findet ihr hier. 


1. Die Tribute von Panem (Suzanne Collins)

Foto: Oetinger Verlag
Ich habe den ersten Teil als Hörbuch gehört und die Geschichte hat mich so begeistert und berührt, dass ich sofort wissen musste, wie es weitergeht. Deshalb habe mir dann noch am selben Tag die englischen Ausgaben von Band 2 und 3 bestellt. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich sie beide durchgesuchtet. Die Geschichte hat mich nicht losgelassen und auch hier bin ich sehr emotional mit den Charakteren verbunden gewesen. Während dieser drei Bände habe ich beinahe alles empfunden: Trauer, Wut, Angst, Freude, Anspannung. Es gibt einige Stellen, die mich so aufgewühlt haben, dass ich das Buch kurz zur Seite legen musste und andere, die mich zu Tränen gerührt haben. Suzanne Collins hat eine bedrückend düsterere und überzeugende Zukunftsversion erschaffen, die mich auch noch lange nach Beenden der Trilogie beschäftigt hat - das schaffen nicht viele Bücher! Erst vor Kurzem habe ich die Reihe erneut gelesen und sie konnte mich wieder genauso fesseln - auch deshalb ist sie ganz knapp auf dem ersten Platz gelandet.


Das waren meine Top 10 Buchreihen. Welche mögt ihr am liebsten? War euer Favorit vielleicht auch in meiner Liste dabei? Schreibt es gerne in die Kommentare


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Donnerstag, 3. Mai 2018

Scythe - Der Zorn der Gerechten (Neal Shusterman) - Rezension

"Scythe - Der Zorn der Gerechten" ist der zweite Band von Neal Shustermans Jugendbuch-Trilogie. Der Roman ist beim Fischer Verlag erschienen und hat 544 Seiten.

Citra hat die Ausbildung zum Scythe abgeschlossen. Während sie noch damit beschäftigt ist, die "beste" Art des Tötens zu finden, gibt es Aufruhr unter den Scythe. Immer mehr von ihnen schließen sich der Neuen Ordnung an und töten ohne Regeln. Rowan, der nicht zum Scythe auserwählt wurde und geflohen ist, macht im Untergrund Jagd auf die Scythe der Neuen Ordnung. Citra gefällt das überhaupt nicht, weil er dadurch selbst zum Mörder wird. Als ein Anschlag auf sie verübt wird, ist Rowan der erste, der verdächtigt wird. Doch Citra ist sich sicher, dass er nichts damit zu tun hat und macht sich mit Scythe Curie auf die Suche nach dem wahren Täter.


Neue Konflikte sorgen für Spannung

Klappt Citras Kampf für Gerechtigkeit?
Foto: S. Fischer Verlag
Der zweite Teil spielt ungefähr ein Jahr nach den Ereignissen des Vorgängerbandes (hier kommt ihr zur Rezension). Die Handlung kommt erst langsam in Fahrt, weil der Leser erst mal erfährt, wie sich das Leben der Charaktere verändert hat. Ich fand es daher etwas schwierig, von Beginn an komplett in die Geschichte zurückzufinden. Ich habe erst vor Kurzem den dritten Teil von Thomas Thiemeyers "Evolution"-Trilogie gelesen. Dort knüpft das Finale direkt an den zweiten Teil an und das hat mir den Einstieg sehr erleichtert. Doch spätestens nach dem ersten Viertel konnte "Der Zorn der Gerechten" packen. Ab da baut sich langsam der Konflikt auf und es wird deutlicher, was den Protagonisten bevorsteht. Durch mehrere Perspektiven und Ereignisstränge bekommt der Leser einen guten Einblick in die Situationen aller Beteiligten. Auch wenn der Beginn etwas schleppend verläuft, verleiht Shusterman der Handlung aber immerhin durch genügend Erklärungen eine sehr gute Struktur. Der rote Faden ist immer vorhanden und es gibt keine Unstimmigkeiten. Das macht die ganze Geschichte rund. Als Leser kann man wirklich in das Geschehen eintauchen, ohne dabei auf unlogische Stellen zu stoßen, die den Lesefluss unterbrechen könnten. Außerdem wurden bereits jetzt Elemente eingeführt, von denen ich glaube, dass sie im Finale noch eine größere Rolle spielen werden. So gibt es eine Figur, die über die meiste Zeit damit beschäftigt ist, nach etwas zu suchen. Dieses "Etwas" wird wohl im dritten Teil noch von Bedeutung sein. Auch dadurch erscheint die gesamte Reihe bis jetzt sehr gut durchdacht und stimmig.
Die Geschichte tritt zudem nicht auf der Stelle, was ein weiterer Pluspunkt ist. Im ersten Band liegt der Fokus auf der Ausbildung zum Scythe. Die Protagonisten müssen sich damit auseinandersetzen, Menschen zu töten. Beide lernen auf unterschiedliche Weisen damit klarzukommen. In diesem Teil stehen andere Aspekte im Mittelpunkt. An das Töten haben sie sich mittlerweile "gewöhnt", daher spielt diese Problematik nur noch hin und wieder eine Rolle. Nun geht es darum, dass das Scythetum sich in einem Wandel befindet, der schon in "Die Hüter des Todes" angedeutet wird. Es haben sich zwei Fronten mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Töten gebildet. Rowan und Citra werden in die Machtkämpfe hineingezogen und vor allem Letztere muss dabei helfen, einen schlimmen Ausgang zu verhindern. Die Geschichte entwickelt sich dadurch weiter und bekommt neue Elemente. Mir gefällt es sehr gut, dass der Autor einen anderen Fokus setzt, dabei aber nicht die Problematiken des Vorgängerbandes komplett ausradiert. Shusterman geht außerdem darauf ein, wie sehr die Ausbildung zum Scythe das Leben der Protagonisten beeinflusst hat ("'Komm uns bald wieder besuchen, Schatz", sagte Citras Mutter. 'Das ist immer noch dein Zuhause.' Aber das war es nicht mehr, und sie wussten es alle."). Obwohl deutlich zu erkennen ist, dass dieser Teil auch dazu dient, das Finale aufzubauen, wirkt er trotzdem nicht wie ein Füllband, der sich nur im Kreis dreht. Die Charaktere müssen sich neuen Herausforderungen stellen. Sowohl die Hauptfiguren als auch die Gegenspieler handeln dabei immer sehr durchdacht und mit Verstand, was die Ereignisse spannend und interessant macht. Gerade zum Ende hin wird es besonders aufregend. Es kommt zu mehreren Wendungen und einem unglaublich gemeinen Cliffhanger, der ungeheuer neugierig auf den nächsten Band macht.

Ein Charakter wird greifbarer, ein anderer bleibt undurchschaubar

Schon im ersten Band mochte ich den Humor unheimlich gerne. Es geht oft um ernste Themen und ständig stirbt jemand, doch es gibt immer wieder Momente, die die düstere Stimmung auflockern. Der Humor ist sehr subtil und wird nie im Übermaß genutzt. Es sind meistens kurze Augenblicke, wie ein Dialog oder ein Kommentar ([Citra, nachdem Scythe Curie jemanden beleidigt hat] "Marie! Ich habe ihm schon den Arm gebrochen, wir müssen ihn nicht auch noch beleidigen." [...] "Er wird meinen Arm in Gips legen." "In was?" "Voodoo!", sagte Marie. "Ein antikes Heilritual. Sie gipsen den Arm ein und lassen ihn monatelang so."). Auch in diesem Band kann der Leser an der ein oder anderen Stelle kurz mal schmunzeln oder auflachen. Vor allem die Szenen von Citra und Scythe Curie haben mir super gefallen. Sie arbeiten toll als Team zusammen und es ist wirklich zu erkennen, wie nahe sie sich stehen. Letztere mochte ich schon im ersten Band gerne, weil sie dort bereits sehr vielschichtig und interessant war, während die Hauptfiguren Rowan und Citra noch etwas blass wirkten. Daher habe ich mich wirklich gefreut, dass der Leser Citra jetzt viel besser kennenlernt. Ihre Persönlichkeit wird toll ausgebaut. Ich finde, es ist wirklich erkennbar, dass sie sich seit den Ereignissen vor einem Jahr verändert hat. Scythe Curie bleibt weiterhin mein Lieblingscharakter und ich finde es toll, dass sie und Citra in diesem Band viel Aufmerksamkeit bekommen. Es ist allerdings immer noch schwierig, einen wirklichen Zugang zu Rowan zu finden. Zwar habe ich den Eindruck, dass er insgesamt weniger oft in diesem Teil vorkommt, doch dann könnten seine Szenen wenigstens eindrücklicher sein. Leider agiert er oft sehr passiv oder verhält sich klischeehaft ("'Wenn du etwas zu sagen hast, sprich.' [...] Doch Rowan nutzte die Gelegenheit lieber, um ihm ins Gesicht zu spucken, was ihm einen brutalen Rückschlag des Mannes einbrachte."). Er gerät in gefährliche Situationen und zeigt überhaupt keinen Willen, sich selbst zu retten. Außerdem bleiben seine Gedanken und Gefühle sehr undurchschaubar. Es ist schwer zu erkennen, was ihn antreibt. Das sorgt auch dafür, dass die Liebesgeschichte zwischen ihm und Citra unstimmig bleibt. Ich fand sie schon im ersten Band unnötig, weil sie nichts zur Geschichte beiträgt. In diesem Band bleibt das leider so. Es wird immer noch nicht klar, was sie am jeweils anderen so gut finden. Zum Glück spielt die Romanze aber so gut wie keine Rolle und stört daher wenigstens nicht.
Es gibt allerdings eine interessante Neuerung: Statt der Tagebucheinträge der Scythe im ersten Teil, tauchen nun zwischen den Kapiteln die "Gedanken" des Thunderhead auf. Der Thunderhead ist eine körperlose künstliche Intelligenz, die alles auf der Erde kontrolliert. Seine Existenz und Aufgaben wurden schon im ersten Band vorgestellt, aber er blieb etwas sehr Vages. Es ist daher sehr spannend, diese kurzen Abschnitte zu lesen, in denen er über die Scythe, die Menschen oder andere Themen "nachdenkt". Denn mit der Zeit und den Vorkommnissen verändert sich auch seine Sichtweise langsam, was interessant ist, weil er eigentlich ein neutrales Oberhaupt zu sein scheint. Doch das, was auf der Erde passiert, hat sogar auf ihn einen Einfluss. Immer wieder blitzt auf, dass er eine eigene Meinung zu haben scheint. Er ist dieses Mal ein wirklicher Bestandteil der Handlung, ohne dass er ein Charakter aus Fleisch und Blut ist oder mit den Figuren agiert. Er zieht quasi aus der Entfernung den ein oder anderen Faden, obwohl es für ihn verboten ist. Das macht ihn zu einer außergewöhnlichen Ergänzung der Geschichte. 

Fazit

"Scythe - Der Zorn der Gerechten" ist ein gelungener zweiter Band von Neal Shustermans Jugendbuch-Trilogie. Er erzählt die Geschichte gut durchdacht weiter und führt neue Konflikte und Elemente ein, ohne dabei die alten zu vergessen. Die Geschichte bereitet das Finale vor, wird aber nicht zu einem Füllband. Positiv ist ebenfalls, dass einige Charaktere deutlich vielschichtiger werden. Leider bleiben andere immer noch etwas zu blass, um alle ihre Handlungen wirklich nachvollziehen zu können. Das Ende hat eine sehr gemeine Wendung, die sehr neugierig auf den letzten Teil macht.


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Donnerstag, 23. November 2017

Mirror Mirror (Cara Delevingne) - Rezension

Dieses Jahr habe ich mir auf der Frankfurter Buchmesse (hier geht es zu meinem Event-Post) den Roman "Mirror Mirror" von Supermodel Cara Delevingne gekauft. Er ist im Oktober 2017 erschienen und ehrlich gesagt, war ich vor allem neugierig, wie sie die Geschichte erzählt. Denn Prominente schreiben ja häufig Ratgeber und ihre eigenen Biographien, aber eher selten Belletristik. Cara hat den Roman allerdings nicht alleine verfasst, sondern in Zusammenarbeit mit Autorin Rowan Coleman. In der deutschen Version ist er im Fischer Verlag erschienen und 364 Seiten lang.

Red, Naomi, Rose und Leo sind alle auf ihre Art und Weise verloren. Red hat einen Vater, der immer bei seiner Affäre ist und eine Mutter, die ihren Kummer im Alkohol ertränkt. Naomi läuft gerne von zu Hause weg und schwimmt gegen den Strom. Rose ist der Star der Schule, der von allen angehimmelt wird, ohne wirklich jemandem zu vertrauen und Leo wird von seinem kriminellen Bruder immer wieder auf die schiefe Bahn gebracht. Wegen eines Schulprojekts gründen die vier widerwillig eine Band, die sie "Mirror Mirror" nennen. Doch sie spielen richtig gut, werden schnell bekannt und zu besten Freunden. Alles ändert sich, als Naomi eines Tages verschwindet. Im Gegensatz zur Polizei glauben Red, Rose und Leo nicht, dass ihre Bandkollegin wieder von zu Hause abgehauen ist und suchen selbst nach ihr. Als sie viele Wochen später schwer verletzt in einem Kanal gefunden wird, beginnt die Freundschaft der anderen drei zu bröckeln.

Sehr viel Wahrheit in einem Buch

Das Cover ist echt cool!
Foto: Fischer Verlag
Die Geschichte von "Mirror Mirror" ist nicht außergewöhnlich kreativ. Eine Gruppe Außenseiter, die einander Kraft geben und gemeinsam sogar richtig cool und angesagt werden, gibt es gefühlt in jedem zweiten Jugendbuch. Im Disney Channel-Film "Lemonade Mouth" hat eine solche Clique sogar schon einmal eine Band gegründet, die dann plötzlich berühmt wurde. Die Grundhandlung hat mich also nicht wirklich vom Hocker gerissen, allerdings besteht dieser Roman aus so viel mehr! Es lohnt sich alleine schon, das Vorwort von Cara Delevingne zu lesen, da es einen guten Einblick in die Gefühle gibt, die in das Buch geflossen sind und aus welcher Motivation heraus es geschrieben wurde ("Vor allem möchte ich meinen Lesern sagen, dass es okay ist, wenn ihr noch nicht wisst, wer ihr seid."). Genau diese Stimmung hebt "Mirror Mirror" von ähnlichen Geschichten ab. Es gibt keine übernatürlichen Phänomene und keine wundersamen Verwandlungen vom Loser zum Helden. Der Großteil der Handlung ist beängstigend realistisch. Jeder der Charaktere hat eigene Probleme, die er bewältigen muss und für die seine Freunde, die sich in anderen Situationen befinden, einfach kein Verständnis haben. Zu Beginn des Buches wird der Zusammenhalt der vier Protagonisten noch sehr oberflächlich dargestellt ("Vor der Band war jeder auf seine eigene Weise verloren und dann hat es irgendwie bei uns klick gemacht. Und zusammen sind wir stark und cool und krass und einfach der Hammer."), doch im Laufe der Handlung wird klar, wie schnell so ein scheinbar perfektes Glück auch wieder zerbrechen kann. Generell werden alle Probleme authentisch dargestellt und nicht, wie es so häufig vorkommt, durch ein paar nette Worte und ganz fest daran glauben, schnell gelöst. Das Buch endet zwar mit einem glücklichen Moment der Protagonisten, es wird aber nicht mehr thematisiert, ob sie ihre Situationen in den Griff bekommen haben. Ein Happy End à la "Alles war gut" fehlt also.
Supermodel Cara Delevingne mit ihrem Buch
Foto: Dave Benett
Doch das brauchen die Charaktere auch nicht. Sie haben sich damit arrangiert, dass das Leben nicht perfekt ist und sie sich in einem ständigen Kampf mit sich selbst und ihrer Umwelt befinden. Interessant ist hierbei vor allem, dass der Leser nur eine Gedankenwelt kennt, nämlich die von Ich-Erzähler Red. Es ist dementsprechend schwer, nachzuvollziehen, was in den Köpfen der anderen Figuren vorgeht, da man immer nur so viel weiß wie Red. Die zentralen Charaktere sind die vier Bandmitglieder, ihre Familien, ihr Lehrer Mr. Smith und ein paar weitere Schulkameraden. Mir hat es wirklich gut gefallen, dass ich praktisch in Reds Kopf steckte, da ich mich ein bisschen wie ein Teil der Geschichte gefühlt habe. Anstelle Einblicke in die Gedankenwelten der anderen Charaktere zu haben, lernt man sie, wie im echten Leben auch, durch ihre Taten und ihre Worte kennen und muss sie daran definieren. Zwar erfährt der Leser so nur wenig über die einzelnen Personen, das trägt jedoch dazu bei, dass sich die Geschichte real anfühlt. Ich mochte zum Beispiel kaum eine der Figuren, die meisten waren mir sogar unsympathisch - besonders Rose und ihre affektierte Art ("Ich pflege zwar mein Armes-reiches-Mädchen-Image, aber wir wissen beide, dass mein Leben sehr bequem ist.") Obwohl Red in sie verliebt ist, hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass mir der Roman eine bestimmte Meinung aufzwingen wollte, wie ich es leider in letzter Zeit bei vielen Büchern hatte (beispielsweise bei "Krähenmutter" von Catherine Shepherd). Ich habe "Mirror Mirror" trotz der unsympathischen Charaktere gerne gelesen, weil es leicht ist, sich mit ihrer Denkweise zu identifizieren. Cara Delevingne und Rowan Coleman schaffen es sehr gut, die Leere und Verlorenheit in Worte zu fassen, die man - vor allem als Teenager - empfindet, wenn man hilflos ist und nicht weiter weiß.

"Das echte Ich, ohne Filter."

Ein flapsiger Chatverlauf im Buch
Foto: Katrin Mertens
Nicht nur durch die Problemen und Einsamkeit werden sehr realistisch dargestellt. Am authentischsten ist der Schreibstil. Das Buch liest sich, als sei es ein sehr ausführliches Gedächtnisprotokoll von Red. Im Gegensatz zu fast allen Jugendmedien hat hier tatsächlich ein junger Autor für junge Leser geschrieben. Auch Übersetzerin Anita Nirschl verzichtet auf "Jugendsprache", die entgegen des Glaubens der Generation 35+, definitiv nicht in den heranwachsenden Generationen etabliert ist. Stattdessen klingt "Mirror Mirror" wie eine große Unterhaltung ("Und ich dann so, ähm, nö. Und ungefähr alle drei Tage oder so bietet sie mir an, sie schwarz zu färben, aber wieder sage ich nein, ich bin ein Rotschopf, okay, kommt damit klar.") Schachtelsätze, Umgangssprache sowie "und" am Satzanfang, findet man normalerweise eher selten in Romanen - auch Schimpfwörter, exzessive Wortwiederholungen und ähnliches nicht. Hier ging es den Autorinnen offenkundig nicht darum, "schön" zu schreiben, sondern eine gewisse Mentalität einzufangen und das ist ihnen, meiner Meinung nach, gelungen. Allerdings ist es so nicht immer ganz einfach, einem Dialog zwischen mehreren Charakteren zu folgen, weil teilweise erst am Ende langer Wortbeiträge steht, wer gesprochen hat. Einige Seiten enthalten zudem Liedtexte der Band, Chatverläufe oder Instagram-Posts. Diese Illustrationen wären nicht unbedingt nötig gewesen, da sie die Geschichte nicht voranbringen, aber sie verdeutlichen die wichtige Rolle von sozialen Medien im Leben der Teenager. Auch im Text spiegelt sich das aktive Online-Leben wider ("1385 Follower auf Twitter und ich habe einen blauen Haken beantragt, ich will unbedingt einen blauen Haken. Ein blauer Haken bedeutet, wir sind echt.")  - genauso sowie der damit verbundene Drang nach Aufmerksamkeit und Idealismus ("Denn ich mag mein Ich in dieser Welt, das Ich, das man in den sozialen Medien sieht. Dieses Ich ist perfekt."). 
Ob jemand die Texte vertont hat?
Foto: Katrin Mertens
Perfekt war für mich der unglaublich clevere Twist gegen Ende des Romans. Eigentlich ist es keine richtige Wendung. Dem Leser wird, wie oben bereits geschildert, nicht wirklich vorgegeben, was er denken soll. Allerdings haben Delevingne und Coleman meine Gedanken - und vermutlich die eines Großteils der Leser - in eine bestimmte Richtung gelenkt. Irgendwann stellt sich heraus, dass es der falsche Weg war. Das wirklich Coole daran ist, dass sie nicht gelogen oder getrickst haben, um mich so denken zu lassen. Ich bin nicht einmal auf die Idee gekommen, dass es überhaupt eine andere Möglichkeit gegeben hätte. Mir ist erst nach dem Twist bewusst geworden, wie gradlinig und "in der Box" ich unbewusst geurteilt habe. Aus diesem Grund war diese Wendung einfach genial. Auch weil sie die Handlung in keiner Weise beeinflusst und doch so wichtig ist. Lediglich die Tatsache, dass die neue Erkenntnis danach auf fast jeder Seite erwähnt und sehr platt getreten wird, hat mich gestört. Das Ende des Romans hat mich auch enttäuscht. Ich habe sehr früh geahnt, was Naomi geschehen ist und wer dafür verantwortlich ist. Damit habe ich letztendlich Recht behalten. Eigentlich kam dafür nur eine einzige Person infrage und zu keiner Zeit konnte mir das Buch glaubhaft einen anderen Verdächtigen schmackhaft machen. In Hinsicht von Spannung und "Mitrate-Potential" haben die Autorinnen also definitiv noch Nachholbedarf! Überhaupt passt die Krimi-ähnliche Handlung nur bedingt zum Rest der Geschichte. Naomi und ihre Verletzungen wandern immer weiter in den Hintergrund, bis sie auf den letzten Seiten plötzlich wieder relevant werden. Die Auflösung wirkt dann gehetzt und nicht wirklich nachvollziehbar, da viele Fragen offen bleiben. Die Probleme der Charaktere alleine bieten schon viel Stoff, daher wäre es denkbar gewesen, die Kriminalhandlung ganz wegzulassen, denn so wurde ihr das Buch leider nicht gerecht.

Fazit

"Mirror Mirror" ist einer der wenigen guten Romane, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Cara Delevingne und Rowan Coleman haben eine interessante Geschichte geschaffen, die ganz ohne übernatürliche Phänomene und strahlende Helden auskommt. Ich-Erzähler, Gegenwartsform und Umgangssprache tragen dazu bei, dass sich die Handlung sehr authentisch anfühlt, als würde der Leser die Charaktere belauschen. Mit Red gibt es einen Protagonisten, dessen Gedanken aufschlussreich sind und dennoch viel Raum zur Interpretation lassen. Dadurch hat "Mirror Mirror" einen der cleversten Twists, die ich seit Langem in einem Buch gelesen habe. Besonders, da sich durch die Offenbarung nichts an der Handlung geändert hat, ich aber trotzdem noch einmal alles Gelesene überdacht habe. Lediglich der Kernpunkt der Geschichte, Naomis Verschwinden, ist unrund, da sich zu wenig darauf konzentriert wird. Obwohl die Auflösung praktisch zu Beginn schon feststeht, da es keine wirklichen Alternativen gibt, ist das Finale letztendlich unlogisch und überhastet. Der Schwerpunkt des Romans ist somit eigentlich eher der Selbstfindungsprozess der Protagonisten und der wird richtig super dargestellt!


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Dienstag, 7. November 2017

Scythe - Die Hüter des Todes (Neal Shusterman) - Rezension

"Scythe – Die Hüter des Todes" ist der Auftakt von Neal Shustermans neuester Trilogie. Das Buch ist im September im Fischer Verlag erschienen und umfasst 528 Seiten. 

Citra und Rowan leben in einer perfekten Welt: Es gibt keinen Hunger, keine Kriege, keine Krisen und vor allem keinen Tod. Die Menschen leben ewig, können sich sogar verjüngen lassen. Sollten sie sterben, werden sie mithilfe fortschrittlichster Technologie in "Revival Zentren" zurückgeholt. Doch die Population muss trotzdem in einem gewissen Rahmen gehalten werden, um eine Überbevölkerung zu verhindern. Dafür sind die Scythe zuständig, die als offizielle Hüter des Todes entscheiden, wer lebt und wer stirbt. Citra und Rowan werden unfreiwillig für die Lehre auserwählt und müssen sich nun der Frage stellen, ob sie Menschen töten können. Zu Beginn schweißt sie ihr gemeinsames Schicksal noch zusammen, doch schon bald stehen die beiden Lehrlinge auf unterschiedlichen Seiten. Denn Rowan findet Gefallen an den dunklen Scythe, die die Regeln des Scythetums nur bedingt befolgen.

Mich hat das Buch sofort angesprochen, als ich gelesen habe, worum es geht. Die Idee hörte sich auf Anhieb interessant an. Da es besonders im Bereich der Jugendbücher oft Geschichten gibt, die ähnliche Einfälle haben, war ich unheimlich gespannt, ob sich dieser Roman von der Masse anheben kann. Er kann, zumindest teilweise. 

Auch in einer perfekten Welt existiert der Tod

Ein ziemlich eindrucksvolles Cover
Foto: S. Fischer Verlag
Tatsächlich konnte mich die Grundidee, die sich im Klappentext schon so vielversprechend angehört hat, auch beim Lesen wirklich begeistern. Die Themen Tod und (Un-)Sterblichkeit werden hierbei nämlich interessant und ausführlich behandelt. Der Leser wird dazu gebracht, sich über diese Thematiken selbst Gedanken zu machen. Vor allem die Denkanstöße zu der Diskussion, ob Unsterblichkeit tatsächlich so erstrebenswert ist, fand ich besonders spannend. Denn in "Scythe" wird auch gezeigt, dass es Menschen gibt, die quasi "aufgehört" haben zu leben, denn wofür lebt man, wenn man ohnehin unsterblich ist? Wo ist der Anreiz? Gerade aus diesem Grund ist Shustermans Roman tiefgründiger als manch anderes Jugendbuch, das ich gelesen habe. Insgesamt erschafft der Autor mit dieser Geschichte ein ansprechendes Gedankenspiel, das gut auf die Frage eingeht, was passiert, wenn der Mensch das Altern und den Tod überwunden hat. So durchdachte, wie die Geschichte an diesen Stellen ist, so flach bleibt sie leider hinsichtlich der räumlichen Welt. Die Gesellschaft und wie sie funktioniert, konnte ich mir recht gut vorstellen, da es an vielen Stellen veranschaulicht wird. Es ist eine Utopie, so viel ist schnell klar. Auch das System der Scythe hat der Autor bildhaft und einprägsam vorgestellt. Es ist beispielsweise ziemlich politisch und die Todeshüter kommen regelmäßig zusammen, um über wichtiges und weniger wichtiges zu diskutieren (Ein Beispiel für Anträge, die besprochen werden: "Etwa ob man einen Scythe-Ring an der linken oder rechten Hand tragen oder ob es erlaubt sein sollte, Reklame für kommerzielle Produkte wie Joggingschuhe oder Frühstücksflocken zu machen.") Dieser Aspekt hat mir gut gefallen, da das Scythentum dadurch auch glaubwürdiger erscheint. Dennoch ist die Welt selbst für mich insgesamt einfach zu blass geblieben, weil es wenige Beschreibungen der Umgebung gibt. Auch die Erklärung, wie diese neue tolle Welt entstanden ist und wie der Übergang von der alten zu dieser abgelaufen ist, bleibt eher im Dunkeln. Das ist schade, da mich dieser Punkt wirklich interessiert hat. 
Das Buch nimmt sich insgesamt viel Zeit, um in Fahrt zu kommen. Gerade deshalb fällt die blasse Welt noch mehr auf, weil das langsame Tempo sich eigentlich perfekt anbietet, um diese als Ganzes einzuführen. Dafür lernt der Leser in dieser Zeit vor allem die Charaktere und Konflikte gut kennen, was mir wiederum sehr positiv aufgefallen ist. Der Autor gibt den Figuren eine glaubwürdige Zeitspanne, um sich zu entwickeln. So dauert das Training der Lehrlinge mehrere Monate und der Leser kann ihren Weg gut verfolgen. Daher ist ihre Entwicklung nachvollziehbar und erscheint glaubwürdiger als in anderen Geschichten, bei denen die Charaktere sich so schnell Fähigkeiten antrainieren, dass es unrealistisch wirkt. Auf der anderen Seite passiert dadurch aber lange Zeit nur wenig wirklich Aufregendes. Mich persönlich hat das nicht gestört, da ich mich über den Fokus auf die Entwicklung der Figuren und den Aufbau des Konflikts gefreut habe. Das ist eine gute Basis, auf der die zwei Folgebände aufbauen können. Zum Ende hin wird es dann auch noch recht spannend und es gibt zwei kleinere Wendungen, die mich überraschen konnten. Besonders den Schluss dieses ersten Teils mochte ich. Einerseits ist er abgeschlossen und hat zudem einen vielversprechenden Ausgang, der sehr spannend weitergehen könnte. 

So nah und doch so fern

Für ein Jugendbuch hat "Scythe" angenehm wenig Klischees und alle, die es gab, wurden nicht überstrapaziert. So gibt es beispielsweise den Klassiker, dass die Protagonisten sich zu Beginn nicht ausstehen können, dann aber doch Gefühle füreinander entwickeln. Doch der Fokus lag vielmehr auf der Entwicklung der Figuren als darauf, was mich persönlich gefreut hat. Dennoch hatte ich gerade im Hinblick auf die Charaktere und die Liebesgeschichte das Problem, dass die Figuren relativ undurchsichtig bleiben. Citra und Rowan bekommen, wie oben bereits erwähnt, zwar recht viel Zeit und der Leser sieht, wie sie sich im Laufe des Romans verändern und an ihren Aufgaben wachsen, aber irgendwie fehlte ihnen dennoch das gewisse Etwas, das sie für mich richtig interessant gemacht hätte. Selbst in emotional belastenden Momenten fühlte sich vor allem Rowan irgendwie zu "weit weg" an. Ich hatte oftmals das Gefühl, die beiden nur von außen zu beobachten, ohne zu wissen, was in ihrem Inneren vorgeht. Daher konnte ich mich insgesamt einfach nicht gut genug in sie hineinversetzen, um mit ihnen richtig mitzufühlen. Anders als bei "Caraval" (hier kommt ihr zu meiner Rezension) haben mich die Protagonisten allerdings nicht pausenlos genervt, sie waren an sich ganz angenehm. Es gab kaum Momente, in denen die Zwei typische Jugendbuchklischees verkörpert haben und das hat mich positiv überrascht. Die Liebesgeschichte zwischen ihnen war definitiv nicht zu aufdringlich. Ich glaube, das Problem lag sogar eher darin, dass sie zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich konnte überhaupt nicht nachvollziehen, was Citra und Rowan so toll am jeweils anderen finden, abgesehen davon, dass sie das gleiche Schicksal teilen. Über einen großen Zeitraum des Romans leben die Hauptfiguren auch getrennt voneinander. Besonders Citra bekommt Zweifel, was Rowan betrifft. Am Ende sind diese Zweifel aber kaum noch relevant, was für mich ebenfalls etwas plötzlich kam und unglaubwürdig wirkte. Insgesamt gibt die Lovestory der Handlung sowie den Figuren kaum etwas Bedeutendes und ohne sie hätte nichts gefehlt. Das spricht meiner Meinung nach nicht für sie.
Die zwei jugendlichen Scythe-Anwärter bleiben in diesem ersten Band noch etwas undurchsichtig, dafür gibt es andere Charaktere, die durch ihre gut ausgearbeiteten Eigenschaften die Geschichte spannender machen, vor allem Scythe Curie. Sie geht ihrer Aufgabe schon sehr lange und ist eine der ersten Scythe. Von ihr gibt es regelmäßig Tagebucheinträge, die ihre Persönlichkeit gut offenlegen. Darüber hinaus erscheint sie aber auch im restlichen Buch vielschichtiger als die Protagonisten. Ein weiterer interessanter Charakter ist der Antagonist, der ebenfalls ein Scythe ist: Er ist von seinen Taten nicht nur voll und ganz überzeugt, sondern glaubt zudem, dass er das Richtige tut und ein Visionär unter den Scythe ist. Außerdem ist er wirklich böse, kann sich aber gut verstellen. Er hat viele Bewunderer und wird sogar von vielen Menschen geliebt. Auch von ihm erfährt der Leser einiges durch Tagebucheinträge, die seine überhebliche Einstellung noch verdeutlichen ("[...] wie können die Scythe der alten Garde es wagen, mein Verhalten bestimmen zu wollen? Sollen sie sich alle miteinander selbst nachlesen [...]"). Somit wird auch er dem Leser näher gebracht als die Protagonisten. Trotz allem habe ich nach Beenden des Romans das Gefühl, dass Citra und Rowan noch Potenzial haben, um zu spannenden Charakteren zu werden, weshalb ich Band zwei definitiv eine Chance geben werde. Mich hat der Schluss sehr neugierig darauf gemacht, wie die Geschichte von ihnen weitergehen wird.


Fazit

"Scythe – Die Hüter des Todes" hat eine wirklich interessante Grundidee, die mich vor allem durch die tiefgründige Auseinandersetzung mit der Thematik Leben und Tod überzeugen konnte. Leider fehlt es dem Buch an einer soliden Ausarbeitung der Welt, die insgesamt etwas blass bleibt. Positiv ist hingegen, dass die Handlung nicht überstürzt erzählt wird, sondern sowohl die Charakterentwicklung als auch der Konflikt genug Zeit bekommen, um gut nachvollziehbar zu sein. Die Geschichte sticht insgesamt aus der Masse an Jugendbüchern heraus, nicht nur durch die Tiefgründigkeit, sondern auch durch angenehm wenig Klischees. Die Protagonisten konnten mich leider nicht komplett mitreißen, weshalb ich hoffe, dass sie im Folgeband mehr von ihren Persönlichkeiten zeigen können.


Unsere Rezension zum zweiten Teil findet ihr hier.

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Donnerstag, 15. Juni 2017

Die Überfahrt (Mats Strandberg) - Rezension

"Die Überfahrt" ist ein Thriller des schwedischen Autors Mats Strandberg und wurde im Jahr 2015 veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe erschien 2017 im Fischer Verlag und hat insgesamt 503 Seiten.

Die "Baltic Charisma" ist eine Fähre, die seit vielen Jahren täglich zwischen Schweden und Finnland verkehrt. Die Passagiere machen die eintägige "Kreuzfahrt" vor allem aus drei Gründen: Party, Sex und Alkohol. Die "Charisma" ist zu einem Partyschiff verkommen, das mit günstigen alkoholischen Getränken, Pubs, Tanzflächen und einer Karaokebar lockt ("Selbst diejenigen, die euphorisch grölen und johlen, jagen ihr Angst ein. Sie hat den Eindruck, als könnte die Stimmung jeden Moment umschlagen."). 
Die Handlung begleitet immer wieder unterschiedliche Charaktere. Die Zentralen sind, jedenfalls laut Klappentext, Dan Applegren, ein ehemaliger Schlagerstar, der nun das Karaoke moderiert und sich seinen Abstieg mit Drogen und Groupies zu erleichtern versucht. Außerdem Partygirl Madde, die alleinstehende Marianne und Calle, der früher an Bord gearbeitet hat und hier nun seinem Freund einen Heiratsantrag machen möchte. Die letzte Hauptperson ist der 12-jährige Albin, der unter den Spannungen in seiner Adoptivfamilie leidet. Sie alle haben nichts gemeinsam und verbringen ihre Zeit auf der "Charisma" völlig unterschiedlich. Doch ihre Wege kreuzen sich, als in der Nacht eine Katastrophe über das Schiff hereinbricht und die Passagiere ums Überleben kämpfen müssen.


Verschiedene Perspektiven 

Das "Grauen" sind nicht die Felsen
Foto: Fischer Verlag
Was an Strandbergs Schreibstil bereits auf den ersten Seiten auffällt, ist die Zeitform. "Die Überfahrt" ist nämlich, ungewöhnlich für einen Roman, in der Gegenwartsform anstelle des Präteritums geschrieben. Am Anfang ist das ungewohnt, nach ein paar Dutzend Seiten fällt es jedoch kaum noch auf. Ansonsten ist der Stil eher unauffällig. Man stolpert nicht über die Worte, sie sind jedoch auch nicht besonders fesselnd. Die Geschichte wird zwar ausschließlich in der dritten Person erzählt, aber jeweils aus der Perspektive einer anderen Figur. Die Kapitel sind dementsprechend kurz und starten mit der Angabe, um wessen Sicht es sich handelt. Durch die ständigen Wechsel, soll die Handlung dynamisch bleiben, sie bremst sich jedoch eher selbst aus. 
Die Charaktere begegnen sich immer wieder und beschreiben einander. Leider hat Strandberg hier kaum innovative Ideen. Dieselbe Person wird von unterschiedlichen Protagonisten immer gleich beschrieben. So spricht jeder über Albin als "etwa 12-jähriger, asiatisch aussehender Junge" und über seine Cousine Lo als "hübsches, blondes Mädchen, das vermutlich ein paar Jahre älter ist als er oder durch Make-up einfach älter wirkt". Es mag realistisch sein, dass die meisten Menschen andere auf solche Äußerlichkeiten reduzieren, jedoch ist es ermüdend, dieselben Beobachtungen immer wieder zu lesen, teilweise sogar in fast identischem Wortlaut. Vor allem da es unglaubwürdig erscheint, dass die Charaktere, die sich in Alter und Lebensgeschichte drastisch unterscheiden, alle dieselben Attribute beschreiben. Ein 12-jähriger Schüler sieht die Welt anders als eine Rentnerin oder ein vergrämter Schlagerstar am Ende seiner Karriere. Von den Wiederholungen abgesehen, sind die Perspektivwechsel eine nette Idee. Denn so lernt man die Akteure von verschiedenen Seiten kennen. Ein etwas plumpes, aber eindrückliches Beispiel ist Madde. Aus ihrer Sicht wird geschildert, wie sie sich für die Party in Schale wirft, schminkt und vor dem Spiegel kokettiert. Sie ist zufrieden mit ihrem Äußeren und findet sich sexy. Andere Personen beschreiben, dass sie sehr dick ist und ein unvorteilhaftes Kleid trägt, das kaum ihren Hintern bedeckt. Während man durch diese Sichtwechsel viel über die Protagonisten erfährt und an vielen kleinen Geschichten teilnimmt, gibt es auch eine Sicht, die "Baltic Charisma" heißt und keiner bestimmten Person zugeordnet ist. Hier werden zum Teil generelle Geschehnisse thematisiert, aber auch auf Charaktere eingegangen. Die werden allerdings sehr komisch umschrieben zum Beispiel "der Mann namens..." oder "die Person, über die zeitgleich im Restaurant gesprochen wird". Diese Kapitel wirken sehr künstlich und man gerät an den Stellen leicht aus dem Lesefluss, da sie einfach nicht in die Geschichte passen wollen. Sie dienen lediglich dazu auf das "Grauen" einzugehen, bevor die Akteure es bemerken und selbst beschreiben können.

Die Figuren an sich sind überraschend abwechslungsreich. Man lernt viele unterschiedliche Personen kennen, die auch immer wieder auftauchen. Jeder hat eine eigenständige Persönlichkeit und unterscheidet sich durch seine Lebensgeschichte von den anderen. Leider vertut Strandberg die Chance, sie auch anhand der Sprache und des Ausdrucks zu differenzieren. Wie bereits eingangs geschildert, ähneln sich die Beobachtungen und Gedanken der Figuren teilweise so deutlich, dass man sie in einigen Szenen unbemerkt gegeneinander austauschen könnte. Das ist schade, da sie so einen Teil ihrer Individualität einbüßen und ihre Gedanken nicht immer zu ihrem Alter und ihrer Lebensgeschichte passen. Außerdem gibt es letztendlich zu viele Akteure, um allen Tiefe zu verleihen und ihre Geschichten würdig zu Ende zu erzählen. Hier wäre es übersichtlicher gewesen, sich ausschließlich auf eine Handvoll Protagonisten zu konzentrieren und sich dafür intensiver mit ihnen zu beschäftigen. Man lernt die Personen hauptsächlich über ihre Probleme und Party-Angewohnheiten kennen, das macht sie nicht sympathisch genug, um mit ihnen zu leiden, als sich das "Grauen" nähert. Lediglich um Pia, die Securityfrau, habe ich mir Sorgen gemacht, da sie offen herzlich und kompetent ist.

Das grauenhafte "Grauen"

Eine Karte des Schiffs findet sich im Einband
Foto: Katrin Mertens
Ich bin ein großer Fan der isländischen Autorin Yrsa Sigurðardóttir. In ihrem Krimi "Todeschiff" (2012) geht es um ein ähnliches Szenario: Eine Jacht treibt führerlos in den Hafen von Reykjavík. Die vier Passagiere und drei Besatzungsmitglieder sind verschwunden. Ein Teil der Handlung spielt in der Gegenwart, im anderen wird in Rückblicken das Schicksal der sieben Menschen geschildert. Das Buch hat mich beim Lesen gefesselt und bis zur letzten Seite begeistert. Der Plot von "Die Überfahrt" klingt ähnlich, das war einer der Hauptgründe, weshalb ich den Roman gekauft habe. Leider hat er mich bitter enttäuscht. Der Beginn, als die Charaktere am Hafenterminal vorgestellt werden, ist durchaus interessant und macht Lust auf die kommenden Kapitel. Doch nachdem das Schiff abgelegt hat, dreht sich die Handlung erst einmal lange um das Schiff und die Reisenden. Wie bereits angedeutet, ähneln sich die Schilderungen der einzelnen Personen sehr. Die Mitarbeiter berichten darüber, wie anstrengend es ist, jeden Tag mit über 1.000 besoffenen Passagieren auf engstem Raum eingepfercht zu sein. Die Hauptpersonen stürzen sich währenddessen ins Getümmel. Viele Kapitel lang geht es um Karaoke, Buffets mit All-you-can-drink-Alkohol, vollgekotzte Teppiche und belanglose Flirtereien, das, wofür die meisten Passagiere gekommen sind und was der Großteil der Mitarbeiter verabscheut (Filip, Barkeeper: "Für ihn ist die Fähre sein Leben, seine Bleibe. Der einzige Ort, an dem er sich wirklich zu Hause fühlt."). 
Man erfährt jedoch überraschend früh, worum es sich bei dem "Grauen" handelt. Es wird zwar bis kurz vor Ende nicht beim Namen genannt, man weiß aber was es ist. Das war die größte Enttäuschung. In Sigurðardóttirs "Todesschiff" wurde ein gut durchdachter Kriminalfall in die Geschichte integriert, dabei waren auf dem Schiff nur sieben Personen. Bei über 1.000 Passagieren auf der "Baltic Charisma" hätte man allerhand spannende Wendungen erwarten können. Doch die gibt es nicht. Früh weiß man, was die Menschen an Bord bedroht und es ist so hanebüchen, einfallslos und an den Haaren herbeigezogen, dass ich ernsthaft in Erwägung gezogen habe, das Buch an der Stelle zu beenden. Dieser Rezension zuliebe habe ich es zu Ende gelesen und leider wird es nach der Vorstellung des "Grauens" nicht besser. Irgendwann verstehen die Menschen, dass an Bord etwas Schlimmes geschieht und es bricht Panik aus. Wie in vielen Katastrophenfilmen und -büchern, schlagen sich die Hauptpersonen in kleinen, zufällig zusammengewürfelten Grüppchen durch und kämpfen ums Überleben. Einzig innovativ war an dieser Stelle, dass sich einer der Protagonisten auf die Seite des Bösen schlägt und von dort an gegen die restlichen Menschen an Bord arbeitet ("Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Zum ersten Mal wird ihm das in vollem Umfang bewusst. Es ist ein Gefühl, als würde er mit dem Auto in Aquaplaning oder mit dem Flugzeug in starke Turbulenzen geraten.").

Auch das Ende enttäuscht. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine dramatische oder spannende Geschichte auf dem Wasser spielt und niemand nass wird, ist sehr gering. Es ist daher kein großer Spoiler zu sagen, dass das Schiff zum Schluss sinkt. Einige Szenen, die dabei beschrieben werden (Die "Baltic Charisma" geht in Schieflage - dabei fallen Menschen von Bord ins Wasser und unter Deck "drehen" sich die Räume.), haben sofort Bilder aus dem Blockbuster "Titanic" in meinem Kopf hervorgerufen. Auch die Tatsache, dass sich die Menschen in den Rettungsbooten nicht um die Ertrinkenden kümmern, aus Angst, zu sinken, erinnert stark an den Oscar-prämierten Film. Der Roman thematisiert ihn sogar selber (Albin: "I'm the king of the world!" (...) Lo: "Du weißt, dass die Titanic gesunken ist, oder? Ich will nicht unbedingt gerade hier oben [auf der Aussichtsplattform des Schiffs] daran erinnert werden.")
Die letzte Szene erinnert gleich an fast alle Katastrophenfilme und -bücher: Die Überlebenden wiegen sich in Sicherheit, doch eine kleine Beobachtung, die die meisten Charaktere nicht einmal registrieren, lässt die Vermutung zu, dass die Gefahr nicht gebannt ist.

Fazit

Wer sich immer schon gefragt hat, was dabei herauskommt, wenn man die Fernsehserie "iZombie" (Nein, das ist kein Spoiler!), das Videospiel "Last of Us" und "Titanic" mischt, wird bei "Die Überfahrt" voll auf seine Kosten kommen. Denn der Roman enthält zentrale Aspekte dieser Geschichten, zum Beispiel die Bootsparty aus der ersten Folge von iZombie, auf der Feierwütige von einer blutrünstigen Katastrophe heimgesucht werden. Oder dass Menschen durch eine "Ansteckung" selbst zur Gefahr werden, wie bei "Last of Us". Ansonsten zieht sich die Handlung und die Aufklärung, worum es sich beim "Grauen" handelt, ist enttäuschend. Die Gefahr hat nur eine vage, hanebüchene Hintergrundgeschichte und ist relativ oberflächlich. Sie enthält auch zu wenig "Horror", um den Leser so sehr zu fesseln, dass er das Licht nachts lieber anlässt. Die Charaktere sind ebenfalls sehr einseitig, da es zu viele Personen gibt und man daher nicht genug Zeit hat, sie kennen zu lernen. Man leidet nicht mit ihnen mit, hat keine Angst um sie, trotz des "Grauens", das sie heimsucht. Die Perspektivwechsel in den Kapiteln sind jedoch ein nettes Stilmittel, das gut zum Szenario passt.


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